Kunstseminare

Die Kunstseminare der APAKT sind mit der Stundenzahl von 120 Stunden als begleitetes Selbststudium konzipiert. Sie finden an Wochenenden statt und sind auch – ausbildungsunabhängig – für Interessierte offen.

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“KunsT-affäre”ein kunstpädagogisches Projekt

Das künstlerische Selbststudium wird ergänzt durch ein selbstbestimmtes kunstpädagogisches Projekt, welches die Ausbildung über die ganze Zeit begleitet. Der Studierende setzt sich mit einem von ihm ausgesuchten Künstler, mit dem er sich identifiziert. Die “seelische Verwandtschaft” mit der gewählten Kunstlerin oder dem gewählten Künstler können wir in Analogie zur “Übertragungsliebe” der Psychoanalyse sehen. Das Element des Fremden ist das, woran wir Prinzipien der Form erkennen können, während das Bekannte uns die eigene Subjektivität spiegelt.

Der Prozess und die dabei entstehenden Arbeiten werden von Kunstdozenten in einem Zeitraum von 2 – 4 Jahren begleitet.

Wandlung der Sehweise

Um zu verdeutlichen, was Kunstpädagogik im Zeitalter der Postmoderne und mit der Zielgruppe von auszubildenden Kunsttherapeuten zu leisten hat, soll zunächst ein Nicht-Kunstpädagogen zu Wort kommen. Moshe Feldenkrais, ein großer Lerntheoretiker und -praktiker des 20. Jahrhunderts schreibt in seinem Buch “Die Entdeckung des Selbstverständlichen”:

“Ich habe lange Jahre nicht gezeichnet; denn in jener guten alten Zeit gab es in den Schulen keinen Zeichenunterricht. Vielmehr hatte man sich dort auf ein tätiges und der Gesellschaft nutzbringendes Leben vorzubereiten. Als nun nach dem Zweiten Weltkrieg mein Buch “Body and Mature Behaviour” erschien, ahnte ich gar nicht, daß ich damit meiner Zukunft eine neue Richtung gegeben hatte. Eines Morgens rief mich ein Londoner Arzt an, sagte mir, er habe das Buch gelesen und würde gerne wissen, ob ich bei Heinrich Jacoby studiert hätte; er habe in dem Buch einiges wiedergefunden, das er von diesem großen Lehrer gelernt hatte. Er konnte kaum glauben, daß ich Jacobys Namen zum ersten Male hörte, und erbot sich daraufhin, mich mit Jacoby zusammenzubringen. Heinrich Jacoby lebte damals in Zürich und war viel älter als ich, nicht nur an Jahren. Ich empfand das deutlich, als ich erfuhr, daß er das, was ich für meine eigene Entdeckung hielt, auf seine Weise schon seit vielen Jahren in Gruppen lehrte; er hatte hervorragende Schüler, darunter auch Wissenschaftler, Ärzte und Künstler.

Wenige Monate nach diesem Anruf benützte ich meinen jährlichen Urlaub von dem physikalischen Forschungslabor, in dem ich damals arbeitete, um Jacoby aufzusuchen. Gern würde ich Ihnen erzählen, was alles in den drei Wochen, die ich mit ihm verbrachte, geschah; all die Gespräche und wechselseitigen Unterrichtsstunden, die uns oft die Zeit so sehr vergessen ließen, daß wir die Sonne aufgehen sahen, bevor wir schlafen gingen. Es würde mehr als einen dicken Band füllen, wenn ich alles aufzeichnen wollte, was ich von ihm gelernt habe, und obendrein noch das, wovon er sagte, er habe es von mir gelernt. Meine erste Erfahrung im Zeichnen aber möchte ich Ihnen doch erzählen. Sie betrifft jene Art des Lernens, mit der wir es hier zu tun haben.

Ich war ein Athlet von einigem Ruf und kräftig gebaut. Jacoby war ein kleiner, beinahe schmächtiger Mann, der, wie er mir erzählte, erst im Alter von sieben Jahren gehen gelernt hatte. Er war bucklig, bewegte sich aber mit großer Anmut. Dennoch war mein erster Eindruck, daß er mir nicht gewachsen sei. Ich empfand das irgendwo im Hintergrund meines Bewußtseins, obwohl ich nach wie vor überzeugt war, daß es richtig gewesen war, ihn aufzusuchen. Eines Tages gab er mir ein Blatt Zeichenpapier, Holzkohle, ein Stück weiches Brot zum Radieren und forderte mich auf, die Lampe zu zeichnen, die auf dem Klavier vor mir stand. Ich sagte, daß ich, außer den Zeichnungen für mein Ingenieur-Diplom, noch nie gezeichnet hätte; das seien technische Zeichnungen gewesen, und es sei schon lange her. Er sagte, daß er das wisse, daß ich es aber trotzdem versuchen möge, er wolle mich nicht einfach zeichnen sehen, sondern habe anderes im Sinn. Ich zeichnete also einen senkrechten Zylinder mit einem abgeschnittenen Kegel am oberen und einer Art Ellipse als Fuß oder Ständer am unteren Ende. Mir kam das wie eine Stehlampe vor, so gut wie eine von mir gezeichnete Stehlampe eben sein konnte. Jacoby sah sich die Zeichnung an und sagte dann, daß dies der Gedanke “Lampe” sei, nicht aber diese Lampe. Nun merkte ich, daß ich vom Wort verleitet, den abstrakten Begriff “Lampe” gezeichnet hatte. Ich sagte ihm, das, was er von mir erwartete, könne nur ein Maler machen und ich, wie ich ihm vorweg gesagt hatte, sei kein Maler.

Er aber bestand darauf, daß ich es nochmals versuchte und diesmal nur das zeichnete, was ich sah, und nicht das, was ich, ohne geschaut zu haben, von vornherein zu sehen glaubte; ich aber hatte keine Ahnung, wie man zeichnet, was man sieht. Meiner Meinung nach - die vielleicht auch die Ihre ist - verlangte er von mir, daß ich ein Maler sei, und ich war kein Maler. “Sagen Sie mir, was Sie sehen.” “Eine Lampe”, sagte ich. “Sehen Sie irgendwelche der Umrisse, die Sie gezeichnet haben?” Ich mußte zugeben, daß ich in meiner Zeichnung keine einzige Linie der wirklichen Lampe entdecken konnte. Nur die Proportionen stimmten mit denen der Lampe vor mir mehr oder weniger überein. “Sehen Sie überhaupt Linien?” Wieder mußte ich zugeben, daß keine der Linien meiner Zeichnung bei der wirklichen Lampe vorhanden war. “Wenn Sie keine Linien sehen, was sehen Sie denn? Was pflegen Ihre Augen sonst wahrzunehmen? Sie sehen doch Licht, nicht wahr? Warum zeichnen Sie dann nicht die helleren und dunkleren Flächen, wie Sie sie sehen? Sie haben Holzkohle in der Hand, und wenn Sie davon zuviel aufs Papier tun, können Sie den Überschuss mit dem Brot entfernen und so eine Abstufung in der Tönung der Flächen erreichen, bis diese dem ähnlicher werden, was Sie sehen.”

Ich nahm ein neues Blatt. Diesmal fing ich mit den dunklen Stellen an: dort, wo kein Licht war, trug ich reichlich Holzkohle auf und entdeckte nun bald, daß die hellsten Stellen diejenigen waren, die ich freigelassen hatte. Der Ständer war kein Zylinder, der Lampenschirm kein abgeschnittener Kegel, der Fuß keine Ellipse. Was ich beim Anblick des Blattes empfand, war seltsam genug. Hier hatte ich Flächen mit Holzkohle geschwärzt, dort die Kohle verwischt oder mit dem Brot, das ich mit den Fingern geknetet hatte, wieder entfernt, und was da jetzt vor mir lag, war keine Zeichnung von mir, sondern ein Bild, von dem ich gemeint hätte, es könnte nur von einem Maler sein. So zu denken, hatte ich bisher nicht einmal versucht. Ich hätte es als Betrug empfunden, vorzugeben, daß ich sei, was ich nicht war.

Ich glaube, Sie verstehen die Wandlung, die damals in mir vorgegangen war. Ich bin kein Maler; aber wer ist einer? Wenn ich wie ein Maler handle, so ist das Ergebnis etwas, das nur ein Maler machen kann. Werde ich dadurch verändert? Verliere ich meine Identität? Im Augenblick selbst dachte ich natürlich nicht in diesen Begriffen; aber ich fühlte mich verunsichert durch die Veränderung, die Jacoby durch seine Fragen in mir bewirkt hatte. Er hatte mir nicht gezeigt, wie es zu machen sei. Erinnern Sie sich an den Tänzer und die Frau? Sehen Sie in diesen beiden Beispielen von Lernen, so verschieden sie auch scheinen mögen, etwas Gemeinsames? Ich ja.

Ich verabschiedete mich von Jacoby und kehrte in mein Zimmer zurück. Dort stand auf dem Tisch ein gläserner Krug, zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Er stand da wie eine Herausforderung, und in mir war etwas wie eine Überzeugung, die sich als Drang äußerte, den Krug auf einem Blatt abzubilden. Und etwas kindisch dachte ich auch, ich würde Jacoby zeigen können, daß ich nicht ganz so ungeschickt wäre, wie ich ihm scheinen mußte. Ich zeichnete überhaupt keine Linien, sondern machte da und dort nur Andeutungen, und alles übrige waren helle und dunkle Flecken. Als es fertig war, konnte man den Wasserspiegel sehen, das Spiel des Lichts im Wasser deutlich unterscheiden vom Licht auf dem Glas, obwohl beides durchsichtig war. Ich hatte das Gefühl, ein Meisterwerk geschaffen zu haben und daß ich um mindestens zehn Zentimeter größer geworden wäre.

So kam ich darauf, daß der Qualität des Maler-Seins keine Grenzen gesetzt sind, wie sich das im Malen zeigte. Und ich muß mich zurückhalten, um Ihnen nicht noch zu erzählen, wie ich immer mehr Maler wurde während der wenigen Wochen, da ich mit Jacoby “tanzte”. Er hat mir nie gezeigt, wie man zeichnet oder malt, und er hat mich nie belehrt. Ohne es auch nur zu erwähnen, weckte er in mir die Frage, warum ich beim Zeichnen meiner eigenen Lehre nicht gefolgt war”.

Moshe Feldenkrais, “Die Entdeckung des Selbstverständlichen”, Frankfurt/M. 1985, S. 33 ff

 


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