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Mona Lisa
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Schauen wir uns die Mona Lisa an, dann enthüllt sich das Geheimnis des Lächelns erst beim Mitschauen des Hintergrundes, dieser unwirtlich kalten Alpenlandschaft, und einige mögen daraus die proble-matische Mutterbeziehung Lionardos ableiten. Sowohl Freud, als auch Erich Neumann haben sich an diesem "Fall" versucht und eine ganze Reihe anderer (Leuner z.B.)

Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an die sehr verbreitete Fotografie aus dem Vietnamkrieg, auf der ein Erschossener in dem Augenblick festgehalten wird, als die Kugel auftraf. Dieses seltene Bild mit außerordentlicher Signalwirkung ist exemplarisch für die Überflutung unserer Bildwelt mit der zu erwartenden Wirkung von Abstumpfung. Der zunehmenden Bilderinflation entspricht ein wachsendes Sprach- und Denkverbot allen Impulsen gegenüber, die Einhalt gebieten möchten. Der letzte Bereich, in dem noch persönliche Betroffenheit und Bewusstwerdung erhalten bleibt, ist der intime einer Psychotherapie, in der es ums Erinnern des Eigenen geht. Erst aus diesem schmerzvollen Prozess kann brennpunktartig die Nachreifung entstehen, die auch über die fragwürdige Innerlichkeit der Ein-Personen-Psychologie hinausgeht. Die Unwirtlichkeit, die Lionardos Mutterbeziehung kennzeichnet, ist vorwegnehmendes Stigma der modernen Gesellschaft und zur unbewussten Selbstverständlichkeit geworden. In ihrem äußeren Reichtum vermag sie keine Antwort mehr zu geben auf das Graffiti der Münchener Jugendlichen, die den Satz "Wo sollen wir hausen in Neuhausen?" auf eine Mauer gesprüht haben. Die Ästhetik der Punks produziert hellsichtig und einfach jene unsublimierten schroffen und stereotypen Ecken und Kanten, die da Vinci in die Klippen seiner Hintergrundlandschaft integriert hat: der Mangel tritt in den Vordergrund. Im Mittelpunkt wird er unübersehbar. Was bei Mona Lisa bedrohlich knurrt, bricht heute unüberhörbar in unsublimiertem Gebell aus, das sich in Erstarrung und Ritual gleich wieder zurücknimmt: übrig bleibt das Delikt, die Sachbeschädigung. Das ist der Rest, der in den Medien vermittelt wird.

Wenn wir in der "Tiefenperson" bei Lionardos Mona Lisa -etwa in der eher unbewussten Relation zwischen "unwirtlicher Alpenlandschaft" und dem Lächeln der Figur - also zwischen spürbarem Ausdruck des Hintergrundes und dem körpersprachlichen Signal "Lächeln", das widersprüchlich erlebt wird, die Spannung erkennen können, so gibt es in der Kunsttherapie Analogien und Methoden, um dieser "Tiefenperson" unserer Klienten zum Auftauchen zu verhelfen.

Beim blinden Zeichnen wird die visuelle Kontrolle des Zeichners ausgeschaltet. D.h. jeder, sich in der hilflosen Identifikation mit normierten Zeichenkodes manifestierende Widerstand wird durch dieses einfache Mittel umgangen und wir erhalten immer, wenn nicht gemogelt wird, echte Zeichnungen der Tiefenperson, die aus diesem Grund auch immer hochästhetisch wirken. In ihnen kommen Wahrheit und Schönheit vorübergehend zur Deckung. Natürlich erhalten wir in der Regel keinen Hintergrund, der wie im Vexierbild durch Umkippen plötzlich eine neue Bedeutung enthüllt. Dieser Grenzfall tritt nicht ein. Aber es entstehen Verhältnisse von Figur/Grund die in ihrer Wortlosigkeit wirken. Die Figur, das Gemeinte zeigt die inneren Spannungen, die als subjektives Körpergefühl den Unterschied zwischen linker und rechter, oberer und unterer Körperhälfte und den ihnen zugeordneten Lebensbereichen ausmachen. Der Platz, den die Figur einnimmt, sagt alles aus, über die Art, sich Raum zu nehmen und irgendwo, wo die Enden der Umrisslinie nicht zusammenfinden, kündet der Bruch in der Tiefenperson sich an, wird der Zusammenhang von Figur/Grund durch die Öffnung, die auch einen Mangel darstellt, sichtbar. Für den ästhetischen Laien ist es schwerer verständlich, dass und wie der Ausdruck der Flächenverhältnisse von Bild/Grund etwas über einen inneren rhythmischen Rapport aussagen kann. Er ist ähnlich zu lesen wie späte Figurationen von Henri Matisse, als dieser begann, jahrzehntelange Kontrolle loszulassen und neue Räume künstlerischer Freiheit zu erschließen.

Mit dem Sichtbarwerden der "Tiefenperson" in der Blindzeichnung ist ein erster Schritt zur visualisierten Selbsterkenntnis getan. Die Deformation zwingt den Betrachter, den Hintergrund "mitzulesen". Da dieser keine Gegenstände oder Symbole enthält, wirkt er wortlos, ähnlich wie in der Musik durch die Pause. Er ist nicht gestaltlos, da er seinerseits durch die Figur begrenzt ist. Es ist so wie bei der zenbuddhistischen Frage: "Wer bewegt wen? Der Wind die Blätter oder die Blätter den Wind?" Den Hintergrund kann ich nicht mehr deuten oder interpretieren. Es kann nur noch die Frage gestellt werden: "Was macht das mit Dir? Mit mir?" Ich kann mein Gefühl, meine Reaktion anschauen und mit denen der anderen austauschen. Und an irgendeinem Punkt, an dem des künstlerischen Ereignisses, hört dann auch die Psychologie im Sinne einer linear-logischen Vernunft auf. Die Vernunft, die dann in Kraft tritt, ist eine analoge. Sie verwickelt sich nicht in Widersprüche, da der Wider-Spruch vom Sprechen kommt.

"Der Teufel steckt im Detail", man könnte auch sagen, die "Tiefenperson wird erst an der Bruchstelle sichtbar". Das heißt, der Ort, an dem die Abgrenzung nicht aufgeht, wo die sichtbare Linie endet, steht symbolisch für den unbewussten Konflikt. Diese Tiefenperson, identisch vielleicht mit den Zügen des "Selbst", ist so sachlich wie das Wörtchen "Selbst". Dieses Neutrum, die dritte Person, zeigt sich als ebenso ungeschlechtliche Zeichnung, bei der nur noch die freudianische Gesinnung den Urheber abmahnt, das Geschlecht in einem Kringel anzudeuten. Meist unterbleibt es. Das Unbewusste hält sich für ebenso ungeschlechtlich wie unsterblich. Ein Verweis auf die transpersonale Psychologie.

Methodisch zu diskutieren wäre, inwieweit es sich bei der Blindzeichnung um eine Regression im herkömmlichen Sinne handelt. Ich versehe dies mit einem Fragezeichen. Interessant ist, dass die Lockerung, die wir anstreben, hier durch ein direktives Verfahren erleichtert wird. Das Mitfließen mit der Energie des Klienten bringt nicht automatisch unbewusstes Material hervor. Normalerweise verkommen die Gestaltungen von Neurotikern im Schrott visualisierten Widerstands. So wie der small talk die Herrschaft unbewusster kollektiver Widerstände auf der Sprachebene stabilisiert, so sichert der Kitsch der durchs Auge kontrollierten Abbildung die Herrschaft des Über-Ichs auf der Bildebene.

Cézanne hat als erster den Hintergrund auf die Höhe der bewussten Wahrnehmung gehoben, indem er ihn auf die gleiche Weise malt wie die Figur. Die stoffliche Entsprechung von Glas und Leintuch ist die gleiche. Da die Gegenstände im Malmaterial entstofflicht und allgemein geworden sind, muss der Bruch im Bild auf eine andere Ebene verschoben werden. Dies geschieht in der Darstellung des Raums. Es war unter anderem die Voraussetzung für den Kubismus. Der Künstler exerziert vor, was auf analytischer Ebene angestrebt wird. Die Verdrängung von was auch immer entspricht dem Bruch im Kunstwerk. Bei Lionardo ist dies abgespalten worden in die Dualität von Figur/Grund, unsichtbar geworden: klassische Verdrängung. Bei Cézanne, zu Beginn der Moderne, erscheint der für den Traum typische Bruch symbolisiert durch den Bruch in der Bildebene; die Tischkante ist bei einem Stillleben links und rechts nicht mehr in der gleichen Höhe. In der Analyse steht der Bruch am Punkt der Verdrängung. Bevor sich die Neurose auflösen kann, muss das Verdrängte durch sinnfälliges Erinnern bewusstseinsfähig, erinnert und mit den dazu passenden Gefühlen verbunden worden sein. In der Unvollständigkeit der blinden elbstsilhouette kann jeder unmittelbar den Bruch der eigenen Figur ablesen. Beim einen ist es am Schädel, beim anderen zwischen den Beinen.

Ich berichte von zwei blinden Körperbildern, die bei den Betroffenen starke Reaktionen auslösten. Eine sehr zwanghafte Künstlerin war völlig perplex über die Ausdrucksstärke ihrer Zeichnung. Sie hatte eine solche Zeichnung noch nie gefertigt. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, um ihr den Sinn dieser Übung zu erklären. Das Ergebnis hatte weit über ihre Erwartungen hinaus eine Perspektive für ihre künftige Arbeit erschlossen. Eine andere Teilnehmerin erhielt die Diagnose eines Brustkrebses zwei Monate nachdem sie in einem blinden Körperbild eine für sie damals unverständliche Verknotung gezeichnet hatte.

Ergänzung:
Die "Gestalt" der Mona Lisa ist in der Tat recht schwer zu verstehen. Sie ist im Sinne einer gefühlsmäßigen Relation von Figur/Grund nicht evident. Die Leute, die vorgeben, die Mona Lisa zu verstehen, reagieren nur im Vorfeld zwischen abbildendem Vorurteil und Reaktion auf den Grund. Möglicherweise ist das ganze Missverständnis der abendländischen Kunst von Renaissance bis Klassizismus auf eine derartige einseitige Sehgewohnheit zurückzuführen. Das Bild vom "blinden Seher" (auch ein Schamane), ist ein Gleichnis, das den Gegenpol dieser visuellen Blindheit kontrollierenden Sehens zeigt.

In diesem Sinne müsste der gute Kunsttherapeut auf doppelte Weise "blind" sein: einmal gegenüber ästhetischen Normen und blind gegenüber Abbildern.