Geschrieben von: Gerlach Bommersheim
Welche Rolle spielt nun das Bild bei diesem Mit-teilen, teilen oder, im Englischen, beim "sharing"? Das Bild ist ja Mitteilung und Produkt in einem. Der Therapeut ist immer zuerst an den Mitteilungen interessiert, an den quasi-sprachlichen Inhalten und an dem non-verbalen Prozess, an dem teilzuhaben ihm einiges über die Klienten vermittelt, das sonst schwer, wenn überhaupt zu haben ist. Es ist ein "feeling": indem das Auge die bildnerischen Spuren abtastet, überträgt sich der Spannungszustand vom einen auf den anderen in einer spezifischen, schwer in Worten zu beschreibenden Weise. Die Kompetenz des Kunsttherapeuten besteht darin, wie ein Künstler oder Kunstkenner zwischen Stereotyp und echtem Ausdruck, zwischen Kitsch und Kunst unterscheiden zu können. In der Therapie kristallisiert sich der echte Ausdruck als Produkt, ohne jedoch bereits einen Kunstanspruch zu haben. Eine Teilnehmerin äußerte neulich, das Bild interessiere sie nicht, sie könne nichts. damit anfangen. Sie interessiere nur das Machen, das Herstellen. Andere wiederum sind sehr am Produkt interessiert, nehmen die Arbeiten mit und hängen sie zu Hause auf, wie andere das nur mit den Arbeiten von Kindern tun. Die ästhetische Qualität von Bildern, so sie überhaupt auftritt, wird häufig gar nicht erkannt. Die Arbeit des Kunsttherapeuten liegt dann darin, sich mit dem verborgenen Künstler zu verbinden, ihn freizusetzen, um über den Umweg der künstlerischen Identifikation eine Lockerung der Ich-Grenzen zu erreichen. Das heißt in anderen Worten "künstlerisch" = gesund. (Ich verweise hier auf den Text von Siegfried Neumann in Heft 11 von "Kunst & Therapie" "Ist in der komplexen Gesellschaft der Neuzeit Gesundheit möglich?") Denn üblicherweise heißt es, dass sich der Therapeut mit den gesunden Anteilen des Patienten verbündet. Von der Anti-Ästhetik her bietet die moderne Kunst wohl eine einzigartige Möglichkeit, über-ich-haften Normen im Gestaltungsprozess zu relativieren. Der seit dem Tachismus gewohnte und gelockerte Umgang mit Flecken und mit Flüssigem, hat eine logische Entsprechung in der regressiven Arbeit mit Fingerfarben und Ton. Die Reaktualisierung der analen Phase und ihrer Erlebnisweisen setzt beim Therapeuten ein eigenes Wissen und die erfolgreiche Bearbeitung an deren Themen voraus. Dann erst kann er angstfrei und einfühlsam auf die Gestaltungen eingehen, die beim Klienten zunächst die alten, verinnerlichten Pfui- Verbote wachruft. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Psychoanalyse es fertig gebracht hat, diese Phase und deren Körperschema, das Scheißen, mit den höchsten Produkten unserer Kultur in einen Zusammenhang zu bringen, dann kann ermessen werden, über welch breites Assoziationsspektrum der analytische Kunsttherapeut verfügen können muss. Denn meistens drängen sich die Zusammenhänge nicht so plakativ auf, wie im Kamin-Sarg- Beispiel.