Geschrieben von: Gerlach Bommersheim
Inzestuöse Schuldgefühle der Eltern übertragen sich auf das Kind in der Form, dass ihm ein Sprachverbot auferlegt wird, das über Jahrzehnte andauert. Bestimmte Worte mit sexuellem Inhalt können von ihr nicht ausgesprochen werden. Das Sprachverbot hatte eine merkwürdige körperliche Dimension. Die Klientin hatte mehrfach geäußert, dass sie nicht kotzen könne. Ich achtete nicht weiter darauf, da mir ein aktueller Anlass fehlte. Eines Tages kriegte sie beim Anblick einer gerade fertig gestellten Zeichnung einen Erstickungsanfall. Ich forderte sie auf, auszukotzen, was immer sie auch herunter würge. Als sie dem Impuls nachgab, also die Richtung der Bewegung umdrehte, fing sie an zu lachen und spürte eine große Erleichterung. Sie strahlte und meinte, sie spüre eine selten erlebte Freude. Es war jahrelang ihre Sorge gewesen, sich nicht richtig freuen zu können. Jetzt hatte eine als "eklig" empfundene Zeichnung als Schrittmacher für einen körperlichen Reflex gedient: sie konnte symbolisch das ihr auf- erlegte Sprachverbot durch-brechen und er-brechen.
Die eingangs von mir erwähnte Transposition einer Spannung von einem Medium ins andere hatte hier wieder eine entlastende, lockernde Wirkung gezeitigt, diesmal in Richtung auf eine, die seelische Konfliktlösung vorbereitende, körperliche Lösung. Das verdrängte Ereignis ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder erinnert worden. Das Ich noch nicht stark genug. Aber mit größerer Gelassenheit kann jetzt auf der sprachlichen Ebene weiter gearbeitet werden. Es kommen jetzt auch öfters Worte aus der Leibsphäre über die Lippen.
Für mich ist es sehr wichtig, meine eigene Angst vor dem physischen Durchbruch anzuschauen und zu lernen, sie anzunehmen. Lehrreich nicht zuletzt im Hinblick auf eine Dogmatik der Methodenreinheit. Sie ist für den Lernenden anfänglich notwendig, um die besonderen Wirkweisen seines Mediums kennenlernen zu können. Diese Methodenreinheit kann aber zum undurchschauten Widerstand werden, vor allem dann, wenn das Medium vom Therapeuten narzisstisch besetzt ist. Ein Maler kann sich so auf sein Medium versteifen, dass er die Schrittmacherfunktion desselben verkennt, auch und gerade in der eigenen Arbeit. Er lebt und verliert sich möglicher-weise im Werk und sein Leben gerät zu einem Flop, was bei vielen ganz Großen passierte, z.B. bei Van Gogh. Der Therapeut tut gut daran, durchlässig zu werden und zu lernen mit dem umzugehen, was ich die "Beziehungsenergie" nenne. (Wie die bekannte Münchener Analytikerin, die im entscheidenden Augenblick das Dogma der Abstinenz sausen ließ und die unansprechbare Patientin anfasste, die sich unter der Decke verkrochen hatte und nur noch ihre Hand heraushängen ließ.)
Mit Abgrenzung meine ich, dass es wichtig ist, sich zu jedem Zeitpunkt darüber im Klaren zu sein, auf welcher Ebene die Arbeit stattfindet und welche unbewussten Widerstände, die auch solche des Therapeuten sein können, sich einschleichen. Nur zu sprechen, kann ein Widerstand gegen das Ausdrücken von Gefühlen und eine unbewusste Verstärkung des Sprachverbots, ein Abwehrmechanismus der Intellektualisierung sein.
Als Fazit möchte ich bemerken, dass sich bei meiner Arbeit der Eindruck erhärtet hat, dass sich die Kunsttherapie als Bindeglied zwischen den beiden Formen der Arbeit, der sprachlichen und der körperlichen, erwiesen hat. Das Bild drängt zum Wort und die Sprache vermag unverständlichen Strukturen erst den Sinn zu verleihen, wobei bestimmte Gefühle erst durch die Gestaltung zu ihrem Ausdruck finden und Sprachhemmungen unterlaufen werden können. Am anderen Ende des Spektrums kann das Gestalten eine Öffnung zum Körper-Spüren bewirken und ein entspannteres Verhältnis zum Erleben des eigenen und der Nähe des Körpers des anderen anbahnen. Die Abgrenzung ergibt sich immer aus dem persönlichen Stil des Therapeuten.
Im letzten Abschnitt, der über das Verhältnis von Bild zu Wort handelt, möchte ich von der Zeichnung eines Jugendlichen sprechen. Nach einem geleiteten Tagtraum entstand ein Bild, in dem auf der linken Seite etwas steht, dass wie ein Sarg aussieht und zur Stimmung des ganzen Bildes passt. Bei der Besprechung ergab es sich, dass in seiner Familie ein Trauerfall statt gefunden hatte und er sich davon noch sehr stark betroffen fühlte. Tatsächlich hatte er nicht darüber sprechen wollen. Im Bild hatte er einen zur Inneneinrichtung gehörigen Kamin darstellen wollen. Er war ihm zur Sargform geraten. Nicht oft begegnen wir solch anschaulichen Bildern, in denen der Mechanismus der Verschiebung so anschaulich wird. Die nicht gelebte Trauer setzt sich in der Gestaltung derart durch, dass aus dem Kachelofen ein Symbol der Trauer wird, die sich stimmungsmäßig über das ganze Bild legt. Das Ausdrücken von Schmerz und Trauer ist, vor allem bei Männern, noch stärker verpönt als das von Aggressionen. "Die Unfähigkeit zu trauern", wie der berühmte Buchtitel von Alexander Mitscherlich lautet, ist nur die Spitze vom Eisberg einer generellen Unfähigkeit, alle möglichen Gefühle nicht leben zu können. Dies mit dem Ergebnis, dass immer mehr Krankheiten durch unterdrückte Gefühle entstehen. Die Ausdrucks- oder Sprachlosigkeit hat ihr Pendant in der Verdrängung der Gefühle. Aber ganz lassen sie sich nicht verdrängen und dies äußert sich dann in einer kleinen motorischen Störung, in der Unfähigkeit, genau das darzustellen, was das kontrollierende Über-Ich eigentlich wollte: die realistische Abbildung des unverfänglichen Kamins. Bei dem Satz "Rot ist eiskalt" ist die Störung direkt in die semantische Struktur als Verstoß gegen die anerkannte Farbpsychologie gerutscht. Bei der ekligen Zeichnung, die das Kotzgefühl provoziert, ist das starke Gefühl, das sich unbewusst auf die Mutter bezieht, verschoben und tritt als Ekel gegen das eigene Produkt auf. Die Verschiebungen, Verdrängungen und Projektionen, die von der Psychopathologie als "abnorme Erlebnisform" diagnostiziert werden, haben eines gemeinsam: sie drängen zum sprachlichen Ausdruck. Und die Sprache ist das einzige, das man nicht gut mit sich alleine machen kann, es bedarf des Austauschs, der Kommunikation. Ein Bild male ich zunächst für mich selbst, hingegen ist das Selbstgespräch schon eher anrüchig. Mit der Kommunikation der Rede, mit dem Diskurs setzt ein wesentliches Moment der Heilung, das Mit-teilen ein.