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Rot ist eiskalt
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Wenn ich selbst es zugelassen habe, dass der Untertitel des Referats "Bei- Spiele aus der Arbeit mit Neurotikern" lautet, so habe ich mich einem Konsens unterworfen, dem unbewusst eine Angst vor missbräuchlichen Ausgrenzungsmechanismen vorausgegangen sein mag. Dies nur am Rande, weil es ein Teil des Hintergrundes ist, vor dem wir diskutieren.

Gehe ich von einer Solidarität aus, die sich statt auf Diagnosen auf konkrete Angst bezieht, dann ergibt sich für die Kunsttherapie ein Selbstverständnis, das über den engen Blick auf Minderheiten in der Psychiatrie hinausgeht. Dann gewinnt der Therapiebegriff etwas von seinem ursprünglichen Sinn zurück, der im Griechischen mehr meint, als nur "heilen". Er meint auch (Gott) verehren. Dieser ehrfürchtige Umgang mit der Angst im Menschen beinhaltet, im technischen Terminus der Psychoanalyse, die Arbeit mit Übertragung und Widerstand. "Gott verehren" hieße für den psychoanalytisch Orientierten einen strengen Anspruch auf Wahrhaftigkeit im Sinne dieser Solidarität.

Wenn also bei dem zur Frage stehenden Bild die bekannte Abwehr der Verkehrung ins Gegenteil, wenn Rot als eiskalt bezeichnet wird, so kündet sich eine besondere Angst an und mit ihr der tiefere Sinn dieser Abwehr. Die Angst wird fast sinnlich spürbar und erhält die spezifische Note, die das gemeinsame Betrachten des Bildes vermittelt. Karl, der zu meiner Überraschung diesen Satz aussprach, nahm ihn bei meiner Rückfrage zurück, sagte "nein, das Rot ist schon warm oder sogar heiß". Er passte sich schnell der gängigen Farbpsychologie an. Das erste, spontan geäußerte, eigene Erleben und die poetische Formulierung wurde durchs Allgemeine verdrängt.

Ich verstand diese schnelle Korrektur als Unterwerfung unter eine ästhetische Norm, die unterschwellig durch mein erstauntes Nachfragen verstärkt worden sein mag. Ich achtete nunmehr vermehrt auf diesen Widerstand, um nicht neue Normbildungen zu begünstigen. Bewusstseinsfähig erwies sich ein Zusammenhang in der Beziehung zur Mutter, die Gefühlskälte, die sie ihm gegenüber geäußert hatte und einem roten Kleid, das sie häufiger getragen hatte.

Zusammenfassend zum Problem der Deutung - ich beschränke mich auf die Farbsymbolik - möchte ich hier festhalten, dass es in der kunsttherapeutischen Annahme im Umgang mit Farbpsychologie kein" An-Sich" einer gegebenen Farbbedeutung gibt. Die spezifische Wirkung einer Farbe stellt sich her im Verhältnis zu anderen Farben, was als "Farbklang" bezeichnet wird und ihrem Zusammenhang zum lebensgeschichtlichen und soziokulturellen Hintergrund. Zum Beispiel, dass in Asien Weiß für Trauer steht. Aus diesen verschiedenen Faktoren ergibt sich ein Symbolbildungsprozess dynamischer Art, der sehr schwer in einer linear konstruierten Analyse zergliedert werden kann. Dieser Prozess entfaltet sich in seiner idiografischen Bedeutung als Relation zwischen Farbklang und verschütteter Erinnerung. Der Begriff der idiografischen, also der persönlich, lebensgeschichtlich einmaligen Arbeit stammt von Maslow.

Die verschüttete Erinnerung enthält bei Karl ein Ereignis, über das er nur andeutungsweise sprechen will. Er gerät in ein heftiges Atmen, das dann nachlässt, wenn er sich mit seiner Angst freiwillig konfrontiert. Die zeitliche Reihenfolge war die, dass die Angst zuerst unbewusst ausgedrückt wurde, in der Zeichnung vor allem mit einem exzessiven Gebrauch von Schwarz. Dann kommt das bewusste Anschauen der Angst darstellenden und erzeugenden Symbole, schließlich das der erinnerlichen bedrohlichen Situation in der Vergangenheit. Zuvor war die Rede von Mehrdeutigkeit. Natürlich bedeutet Schwarz sehr viel mehr als nur Angst. Und die jeweiligen Assoziationen, sei es nun Tiefe, Wasser, Kosmos, Gebärmutter und Tod entblößen ihren Sinn erst beim Durcharbeiten. Durch eine Farbe und/oder einen Farbklang (Akkord) vermitteln sich demnach immer mehrere Momente gleichzeitig: unbewusste und bewusste Bedeutungen des Subjekts und intersubjektive, kommunikative Momente, die Bedeutung, die bei der Gruppe in Form eines gemeinsamen Erlebens ankommt und über das ein Konsens hergestellt werden kann. Dem Urheber zunächst nicht bewusst, in der Folge aber als unbewusstes Moment angenommen werden kann, dass also unbewusstes und intersubjektives Moment identisch sein können. (Ich führe diesen Aspekt noch in dem Teil "schwarzer Stein" anschaulich aus). Dieses Annehmen einer Gruppendeutung ist nicht dasselbe wie die Unterwerfung unter einen Gruppenzwang. Die Verweigerung einer Deutung ist genauso möglich und führt in der Regel zu einer fruchtbaren Fortsetzung der Arbeit. Bei der Kunsttherapie liegt der Vorteil darin, dass Verdrängtes und Unannehmbares in der non-verbalen Form leichter ausgedrückt werden kann als in seiner sprachlichen. Analog dem Traum: statt der sexuellen Erregung wird eine Treppe geträumt. In den Bildern geschieht Vergleichbares.

Oben habe ich das Bild einer Wasseroberfläche als Modellvorstellung für ein Feld vorgeschlagen. Wenn wir die Fläche dreidimensional auf die Gesamtheit des Wassers projizieren, so erhalten wir ein Bild von der Tiefe eines Feldes, das ich hier als Bild für die tiefenpsychologische Erfahrung nehmen will. Auf dem Grund ruht der Stein. Es ist der des gesellschaftlichen Anstoßes, den nach wie vor die Sexualität bildet. Er ist auch ein Symbol für die Verhärtungen, die Anpassungsängste erzeugen. Mit diesem Thema, das auch das von Karl war, komme ich zu dem Abschnitt meiner Ausführungen, der von der Körperarbeit handelt.