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Rot ist eiskalt
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Rot ist eiskalt

(Dieses Referat wurde im November 1986 anlässlich der Tagung "Kunst und Gesundheit" in Bad Münstereifel gehalten. Es wurde 1997 neu überarbeitet. Es veranschaulicht die Technik einer analytisch orientierten Deutung. Diese kann nie losgelöst vom biographischen Zusammenhang gegeben werden und bedingt deshalb die Zusammenarbeit mit dem Analysanden. Aus dem gleichen Grund sind isolierte Diagnosen, bzw. Tests abzulehnen. Unabhängig davon sind auch alle Symbole das, was vom Begriff des Symbols her (=zusammenballen) gemeint ist, mehrdeutig. Das gilt auch für die Farbsymbolik.)

Einige von Ihnen kennen vielleicht den Kalauer: ein westlicher Journalist fragt Ghandi: "Mr. Ghandi, was halten Sie von westlicher Kultur?", darauf Ghandi: "Es wäre eine gute Idee!"

Wir sind als Kunsttherapeuten in der glücklichen Lage, Pionierarbeit bei der Hilfe an der Verwirklichung dieser guten Idee leisten zu können, nämlich die Kunst ein Stück weit ihrer turbokapitalistischen Vermarktung zu entreißen und sie zusammen mit neueren pädagogischen und therapeutischen Impulsen zu einem zugleich verschütteten, nämlich im Grunde klassischen Begriff zurückzuführen, der dem neuen, erweiterten Kunstbegriff nicht widerspricht, sondern in ihm aufgehoben ist. Es ist die Wiederholung einer Tradition, die nicht im Widerspruch zu Ansätzen moderner Tradition, wie den Naturwissenschaften zu stehen braucht, wenn wir diese ihrem Wesen entsprechend korrekt differenzieren. Angesprochen wird dieses Verhältnis in einer Bemerkung von Heisenberg (Carl F. v. Weizsächer in "Über Heisenberg, Heidegger und Hölderlin"): "Es gibt Dinge, über die man sich einigen kann und die Dinge, die uns etwas bedeuten. Von den Dingen, über die man sich einigen kann, handelt die Wissenschaft; die Dinge, die etwas bedeuten, spricht die Kunst aus." Dieser Dualismus ermöglichte es ihm, sein Misstrauen gegen Ideologien und Dogmatik auszusprechen. Er habe von jeher in zwei getrennten geistigen Welten gelebt, in der Wissenschaft und in der Kunst. Es war ihm aber unentbehrlich, in beiden Welten zu leben.

Ein Aspekt dieser Differenzierung der beiden geistigen Welten beinhaltet für mich als Künstler, dass ein bestimmtes Selbstverständnis von: Wissenschaft Übereinkunft im Sinne von Eindeutigkeit anstrebt, während Kunst, und das verbindet sie mit der Psychoanalyse, sich mit der Mehrdeutigkeit im Spiel der Bildelemente und der Symbole beschäftigt. Der Unterschied besteht in der Ausschließlichkeit der einen und der Einschließlichkeit der anderen Haltung.

Ich bin mit dieser Frage nach der Bedeutung und der Deutung täglich konfrontiert, denn der Schüler will von mir wissen, wie ich sein Bild sehe. Er erwartet, dadurch aus seiner Einsamkeit herausgeholt zu werden, indem seiner Phantasiearbeit die des Therapeuten hinzugefügt wird, so dass es zu einer erweiterten Subjektivität kommt. Dies macht den Therapeuten zu seinem Hilfs-Ich und stützt und stärkt ihn auf dem Weg zum bewussteren Umgang mit unannehmbaren Seiten seiner Person.

Mir ist bei der Wahl des Titels zu meinem Referat eine bezeichnende Fehlleistung unterlaufen. "Rot ist eiskalt" gehört natürlich in Anführungsstrichen, damit es als Aussage eines Neurotikers gekennzeichnet ist. Da ich generell mit Krankheitsbegriffen und diagnostischen Etiketten auf dem Kriegsfuß stehe, habe ich dies unwillkürlich unterlassen. Die mir als Therapeuten zustehende "Restneurose" exkulpiert mich von der Fehlleistung. Andererseits führt die Fehlleistung mitten hinein in das Fachgebiet. In der Arbeit mit Übertragung und Widerstand ist die Gegenübertragung mitgedacht, d. h. ich muss mir Rechenschaft ablegen über meine Gefühle gegenüber dem Klienten. Als Kunsttherapeut auf doppelte Weise, wobei das zweite Gefühl das beinhaltet, was durch das Bild erzeugt wird. Denn bevor überhaupt eine Reflexion in Gang kommt, habe ich bereits reagiert und bewertet.

Ein schwieriger Farbklang, ein gehemmter Duktus und die Einseitigkeit einer Formgebung, aber auch eine muskuläre Verspannung im Gesicht, kann für mich ein Zeichen sein und ich bin dankbar, dass mir die Intuition dabei weiterhilft. Sie ist übrigens, was das "Lesen", bzw. Schauen der Bilder betrifft, nicht ohne eine intensivierte künstlerische Selbsterfahrung zu haben. Die Frage nach dem Nutzen einer solchen Sonderkompetenz, die intuitive Arbeit mit Bildern, ist konstitutiv für den Sinn von Kunsttherapie als eigener Disziplin überhaupt. Ich werde an anderem Ort darauf zurückkommen, ebenfalls auf die Frage des Unterschiedes zwischen künstlerisch und therapeutisch orientierten Kunsttherapeuten.