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Die Rückverwandlung des Symptoms in ein Symbol

BEITRAG ZU EINEM DISKURS ÜBER PSYCHOSOMATIK
Dafür besonders gut geeignet: die Farben Rot, Schwarz und Gelb

In der Verhaltenstherapie könnte die Durchführung eines Rituals eine analoge Funktion erfüllen. Wenn Therapeuten aller Richtungen von der Wichtigkeit des "Miteinander-Sprechens" reden, dann ist damit natürlich eine besondere Art des Sprechens gemeint. Ich sage, es ist ein symbolisches oder Symbol bildendes Sprechen. Dazu ist meistens Hilfe nötig. Wenn, wie im Falle von Katharina (Abschnitt "Kunst in der Klinik") die Mutter das Versprechen abnimmt, niemand solle über ihren Krebs sprechen, dann ist das nicht nur ein Sprachverbot, es ist das Verbot, autonom Symbole bilden zu dürfen. Es ist der Entzug der Basis für Reflexion. Dadurch, dass ein Symbol sehr viel bedeuten kann, hat es einen unersetzlichen Wert für den Prozess der Individuation. Es ist Voraussetzung dafür. Es vereint Negativität und Positivität in sich.

Das sechsjährige Mädchen, das den roten Strich als "Drachen" bezeichnet hat, kennt unbewusst die Funktion des Symbols, auch wenn es das äußere Bild des Drachen nicht wiedergeben kann. Es wird so sein, dass der Drachen als ein mythisches Wesen, dem Kind nicht begreiflich ist, aber es wird trotzdem dem Wort "Drachen" eine erhöhte Bedeutung beimessen, indem es ihm die dynamischste Farbe (Rot) zuordnet. Gleichzeitig wird dem Drachen als nicht existentem Tier in einer eher kurzen, wegwerfen- den Bewegung, die am wenigsten bewegte Geste zugeordnet. Im Bild ist von der Form her der Drache wenig existent, wie er es als reales Wesen ist. Seine symbolische Bedeutung ist aber sehr groß, deshalb der starke Gefühlsausdruck durch das Rot?

Das Symbol des Drachen ist ein überaus freies Symbol für seelisches Geschehen. Das spürt das Kind und drückt es auf diese unvorhergesehene, aber letztlich überaus plausible Weise aus. Es ist ein idiografischer Glücks- fall sondergleichen. Es geschieht nicht oft, dass ein Symbol so in einer von durch äußeren Konsens über das Aussehen eines Objektes abweichenden vereinfachten Form dargestellt wird. Die Hilfe ist die des Nicht-Wissens des Kindes. Es ist so ähnlich wie im Marionettentheater von Kleist: das Anfängerbewusstsein spiegelt das gesamte Bewusstsein der Realität, dem man sich erst zum Abschluss aller Reflexion wiederannähert.

Mit der simplen Aussage, dass der Drache ein roter Strich ist, kann niemand etwas anfangen. Hingegen zwingt uns dieses Phänomen, uns mit der Lebensgeschichte dieses noch jungen Menschen zu beschäftigen, welche Ereignisse sich mit dem Symbol Drachen verbinden lassen, welche Ereignisse ein seelisches Symptom verursachen und zur Entlastung das Symbol "Drache" benötigen. Möglicherweise sind die Erlebnisse so ungreifbar, wie das der Drache ist. Trotzdem werden sie so stark erlebt, wie das die Farbe Rot symbolisiert.

Soweit zur Spekulation über das individuelle Erleben. Was gibt es für kollektive Assoziationen zum Drachen? C.G.Jung führt aus:

"Der Drache ist als solcher ein Monstrum, das heißt ein Symbol gemischt aus dem chthonischen Prinzip der Schlange und dem Luftprinzip des Vogels Der Drache ist wohl das älteste figürliche Symbol der Alchemie...Er erscheint als Ouroboros (archaisches Motiv einer sich in den Schwanz beißenden Schlange) im Codex Marcianus, der ins 10./11. Jahrhundert gehört... Die Alchemisten wieder- holen immer wieder, dass das "opus" aus einer Sache hervorgehe und zum Einen wieder zurückführe. Also gewissermaßen ein Kreislauf sei, wie ein Drache, der sich in den Schwanz beißt ..." (C.G.Jung Grundwerk Bd. 6, S. 69 ft)

Die therapeutische Annahme ist die, dass die Rückverwandlung des Symbols in das Symptom eine der Voraussetzungen für Heilung schafft. Im Falle des Drachen schafft es das geheimnisvolle Symbol, dass der reflektierte Therapeut einen Dialog mit dem Kind beginnt. Und, nach vierzig- jährigem Sprachverbot schafft es das Gestalten von Bildsymbolen, dass sich die Zunge in einer Lähmung löst und, nach einer Heilung, Poesie möglich wird (im Bericht Katharinas über sich selbst).