Beitragsseiten
Überlegungen zur SELBSTwerdung
Konsequenzen
Alle Seiten

Überlegungen zur SELBSTwerdung

Allen ausführlichen, differentialdiagnostischen Ansätzen zum Trotz, schälte sich für mich am Ende der ersten Phase für den weiteren kunsttherapeutischen Verlauf etwas sehr Einfaches und Klares heraus: Im Grunde ging es um das "hinreichend gute Selbst" (s. Winnicott), in dem bestenfalls wahre und falsche Selbstanteile integriert und eben nicht abgespalten sind.

Bei beiden, Nicole und Leonie, hatten vermutlich gravierende emotionale Störungen, Trennungen von der Mutter in der frühkindlichen Entwicklung teilweise zu Traumatisierungen geführt und verhindert, dass sich eben dieser integrierende Aufbau der Selbstobjekte vollziehen konnte.
Es ging also erst einmal ganz allgemein darum, bei beiden das ICH bzw. Selbst zu stärken.

Das Selbst während der Adoleszenz

Aber das Selbst ist keine Fertigprodukt, das mit der Kindheit abgeschlossen ist, sondern ein langwieriger Prozess, der gerade in der Adoleszenz durch vielfältige Umbaumaßnahmen gekennzeichnet ist.

" Dieser Übergangszustand (Adoleszenz) verlangt es, so viel Ungewissheit und Konflikthaftigkeit auszuhalten und so viel Lernfähigkeit und Anpassungsvermögen zu erbringen, wie wohl in keinem anderen Stadium der menschlichen Entwicklung. Daher ist diese Lebensphase einerseits ganz besonders für das Auftreten aller möglichen Auffälligkeiten prädestiniert, einschließlich derer, die in die Zuständigkeit der Psychiatrie fallen. Ängste, Zwänge, Essstörungen und Psychosen nehmen hier ihren Ausgang. Die Folgen kindlicher Traumata, wie sie durch Misshandlung, Vernachlässigung und Ausnutzung ausgelöst werden, werden häufig im Jugendlichenalter manifest, ebenso die Folgen unglücklicher physiologischer Ausstattungsmerkmale. Andererseits steht diese Entwicklungsphase des Übergangs wie wohl keine andere unter dem Einfluss vielfältiger Veränderungen, weiterführender Entwicklungen und anderer unvorhergesehener Entfaltungen.!" (Kurt Ludewig s.S 178)

Mit anderen Worten, da gerade in der Phase der Adoleszenz frühkindliche Konflikte, Bindungsstörungen und Traumatisierungen oft in verkleideter Form wieder auftauchen, scheinen die Chancen während dieser Phase erhöht, dass alte Erfahrungen durch neue positiv "kompostiert" werden.

das Selbst

Ich möchte hier noch mal kurz theoretisch auf den Begriff des Selbst bzw. ICH eingehen. Fasst man die letzten Erkenntnisse der Hirnforschung (A. Damasio), der Säuglingsforschung ( Daniel Stern) und moderner Identitätstheorien ( Höfer) zusammen, so modelliert sich heraus, dass der heranwachsende Mensch es mit den folgenden Elementen seiner Psyche zu tun hat:

  • mit dem Körper-Selbst bzw. dem adaptiven Unbewussten Hier wird die früheste Geschichte der Interaktionen zwischen Mutter und Kind gespeichert. Daniel Stern (1985,1992) geht davon aus, dass am Anfang kleinste Interaktionseinheiten, die episodic memories, stehen. Diese winzigen Einheiten werden im emotionalen Erfahrungsgedächtnis zu größeren Einheiten gebündelt, den sogenannten RIGs (representations of interactions generalized) Sie sind unbewusst und vorsprachlich d.h. auf der Körperebene bzw. als Emotion gespeichert. Weil das emotionale Erfahrungsgedächtnis die wichtigsten Erinnerungen mit einer Bewertung - einem sogenannten somatischen Marker - versieht, haben die RIGs später großen Einfluss auf unsere Motivlagen, Beziehungen, Entscheidungen und Handlungsweisen. Neben dem so strukturierten Körperselbst entwickelt sich parallel
  • das ICH od. Bewusstsein, in dem Informationen der Außenwelt verarbeitet und so die bewussten me's erzeugt werden. James (1892) hat sehr früh die Begrifflichkeit von ‚I and me' geprägt, um zwischen dem ICH als erkennendem Subjekt und dem Ich als erkanntem Objekt i. S. eines "I think about me" zu unterscheiden. Durch die Interaktionen mit der Außenwelt entwickelt das ICH Mini-Theorien über sich selbst, eben die me's. Höfer (2000) spricht davon, dass in jeder Situation eine Information von 5 verschiedenen Erfahrungsmodi verarbeitet wird:
  • körperlich, kognitiv, emotional, sozial, produktorientiert Aus dieser Verarbeitung entstehen dann diese kleinen situativ angelegten Gedächtniseinheiten, eben die me's bzw. Selbstrepräsentationen, wie die kognitive Psychologie sie bezeichnet. Andere Forschergruppen sprechen von Teilselbsten, Selbstkonstrukten oder einfach nur Selbsten.
I und me

Das Kind bzw. der Jugendliche macht also z. B. mit anderen Personen jeweils unterschiedliche Erfahrungen. So kann er/sie z.B. für ein und dieselbe Handlung bei der Oma als "Engelchen" und bei den Eltern als "Teufelchen" angesehen werden. Die me's können aus unterschiedlichsten Inhalten bestehen:

  • Erfahrungsbereiche/ Tätigkeiten
    (Ich als Radfahrer/in, Ich als Computerspieler/in)
  • Gruppenzugehörigkeit
    (Ich als ‚Tokyo Hotel'-Fan, ich als Hundeliebhaberin, ich als Single)
  • Soziale Beziehungen
    (Ich als Tochter, ich als Freundin meiner Mutter)
  • Persönliche Attribute
    (Ich, die Romantische, die Gutaussehende, die Übergewichtige)

Zudem werden me's auf der Zeitachse angeordnet, d. h. sie haben einen retrospektiven, aber auch prospektiven Aspekt.

So kann es sein, dass bewusst erworbene me's an bereits vorhandene, unbewusste RIGs ankoppeln oder bewusst vorhandene me's ins Unbewusste verdrängt werden.

Interessant ist, dass bereits C.G. Jungs modulare Konzeption der Psyche* vieles von dem vorwegnimmt, auf dem aktuelle Identitätstheorien aufbauen.
Jung unterteilt das psychische System in die persona und den Schatten. Die persona wird in Auseinandersetzung mit der Umwelt geformt und hat zum Ziel, den Anforderungen des Kontextes, in dem man lebt, zu entsprechen.
Zur persona gehören also die me's, die absichtsvoll in der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Jung siedelt den Beginn der persona in der Adoleszenz an. Wenn Erikson als Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz den Aufbau einer Identität nennt, so entspricht diese der Jungschen Idee vom Aufbau einer persona.

Konsequenzen für den weiteren Verlauf

Wichtig an diesem Modell zur Selbst-Entwicklung scheint mir insbesondere der Aspekt zu sein, dass sich gerade in der Adoleszenz ein Möglichkeitsfeld eröffnet, in dem neue me's erzeugt d.h. neue Selbste "kompostiert" werden, die auch frühe, unbewusste RIGs quasi überschreiben können.

* C.G. Jung hat in seiner analytischen Psychologie die Psyche modular als aus Komplexen bestehend konzipiert.Die Komplexe als Basisbausteine bestehen aus unbewussten, vorbewussten und bewussten Anteilen. Jung sieht die Pole "unbewusst" und "bewusst" nicht als binäre Kategorien, sondern als zwei Endpunkte eines Kontinuums, auf dem sich auch die einzelnen Elemente von Komplexen ansiedeln können.