Geschrieben von: Utta Hoffmann
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Der andere Abschied - plötzlich und unerwartet
In frühkindlichen Zeichnungen symbolisiert ein konzentrischer Kreis oft eine erste Abgrenzung. Er hat ein Innen und Außen. Das Kind unterscheidet das Ich- vom Nicht-Ich. Das Selbst entwickelt sich mit dieser Grenze, die das eigene vom anderen trennt.
Im Kreis ist nur die Häschenmutter Mimi zu sehen mit ihren sechs Babys in einem noch kleineren Kreis (Dyade zwischen Tochter und Mutter).
Der Kreis trennt die Kreuze in weibliche und männliche zu gleichen Teilen. Nicole besteht darauf, dass "von den sechs Babys drei Mimi und
drei Paul gehören". Vielleicht ein Hinweis auf ihre väterlichen Objektanteile!
Während die anderen beiden (Susanne und Nicole) bereits malen, sitzt Leonie noch eine Weile bewegungslos in ihrem Widerstand da. Vermutlich handelt es sich um einen Schutz bzw. die Angst ihr eigenes kindliches Abschiedstrauma erneut zu erleben, bedingt durch die mehrmaligen Trennungen von der Mutter. (Retraumatisierung) Der Zugang zu der tief sitzenden Traurigkeit ist blockiert. Eine notwendige Schutzmassnahme für sie.
Doch plötzlich ist es, als würde sie erwachen. Wut ist ihr anzumerken, und sie beginnt sofort und sehr schnell zu malen. Als müsste das Schreckliche erst einmal nur mit den Jaxon-Kreiden aufs Papier gebannt werden, bevor sie es aussprechen kann...
Als wir uns anschließend die Bilder anschauen, drängt es Leonie etwas zu ihrem Bild zu erzählen. Ihr wäre doch noch eine Geschichte eingefallen, die ihrer Mutter passiert sei, als sie genauso alt wie Leonie war ( projektive Identifizierung!?).
Der Vater ihrer Mutter hätte vom Angeln einen lebendigen Fisch
Geschichte vom toten, bunten Fischmitgebracht, der in die Badewanne gelegt wurde. Immer, wenn Leonies Mutter von der Schule nach Hause kam, sprach sie mit dem Fisch und erzählte ihm alle wichtigen Sachen.
Aber eines Tages kam sie aus der Schule und es roch ganz eklig in der Wohnung. Der Vater hatte ihren Fisch gebraten! Der lebendige Fisch (Beziehung zum Selbstobjekt?) wird vom Vater getötet.
Identifizierungs-objekteBeim Vater ihrer Mutter scheint es sich um ihren eigenen Vater zu handeln, auf den Leonie ihre Verletzung als Wut abgespalten projiziert hat. Bei Nicole sind es die Häschenbabys, bei Leonie ist es der Fisch, die zu Identifizierungsobjekten geworden sind. Sie stehen für eine lebendige, emotionale Verbindung zu sich selbst.
Den Geschichten haftete etwas von der dichten Symbolkraft von Märchen bzw. Träumen an. Was echt und falsch, was real und phantasiert ist, ließ
sich nicht unterscheiden und war in diesem Fall, so schien mir, auch nicht entscheidend.
Wichtig war, dass beide mittels ihrer Abschiedsgeschichten und Bilder eigene zutiefst verletzende Trennungserfahrungen quasi ‚offen verpackt',
mit in die Gruppe gebracht haben. Das war ein großer Schritt.
Ich hatte den Kampf in Leonie gespürt, wie sie sich durch ihren Widerstand hindurch, durch das Bild und ihre Geschichte ihrem Gefühl öffnen konnte.
Vermutlich ausgelöst durch den bevorstehenden Abschied von der Gruppe, wurden frühe Traumatisierungen von Trennung/ Abschied von beiden reinszeniert.
Leonie war von der Trennung ihrer Eltern traumatisiert und den sich ständig wiederholenden Trennungen von der Mutter(=kumulative Traumatisierung)
bis hin zu der existentiellen Bedrohung, die Mutter( = Tod) ganz und für immer zu verlieren.(s. o. Erzählung)
Bei Nicole war ebenfalls der willkürliche Akt der Trennung seitens der Mutter, wenn diese sich auf eine andere Person bezog ( Stiefvater, Freundin etc.) schmerzvoll. Mit dem Auftritt der dritten Person, wurde Nicole jedes Mal von ihrer Mutter abgeschnitten, getrennt.
Ich möchte an dieser Stelle nicht auf eine detaillierte Bilddeutung eingehen, sondern im Rahmen einer erweiterten Psychodynamik darstellen wie durch die kaleidoskopische Abschiedsthematik bestimmte Symptome wieder aufflammten.
Bezeichnenderweise wurden bei Nicole, ausgelöst durch die Abschiedsthematik, offensichtlich so unerträglich widerstrebende Gefühle freigesetzt, dass ihre bereits bekannten Symptome
Nicoles Symptome brechen durch( Essstörung/ Diebstähle) bei diesem Gruppentreffen massiv durchbrachen. In der Pause verschlang sie, fast allein und auffällig gierig zwei, Tafeln Schokolade, die sie eigentlich für alle mitgebracht hatte.
Doch reichte dies nicht aus, denn unmittelbar anschließend musste sie noch das Portemonnaie von Susanne klauen, ließ sich dabei jedoch entdecken.
Die Heimlichkeit war verschwunden. Für mich tauchte die Frage auf, ob es sich bei ihrer Essstörung und
Diebstahl als
Kompromissbildung
den Diebstählen um intrapsychische Kompromisse handelte. Mit der oralen Einverleibung der Schokolade schien Nicole einen inneren Spannungszustand/Konflikt, der durch die potenzierten Abschiede/Trennungen initiiert worden war, vorübergehend zu lösen bzw. zu verschieben.
Bei ihr schien sich der Konflikt zwischen den Instanzen abzuspielen : Einerseits der libidinöse Triebwunsch, mehr haben
zu wollen, aus dem Gefühl des Mangels, nicht genug bekommen zu haben; andererseits das starke ÜBER-ICH ("Ich darf nicht"),
was im Akt des Stehlens zu einer kompromissbildenen Handlung wird - mit dem wichtigen Effekt, gerade durch den Kompromiss,
eine Bestrafung i. S. einer Ausgrenzung bewirkt zu haben.
Das ICH bei Nicole schien immer noch nicht stark genug, um einen anderen Kompromiss herbeiführen zu können.
Beim allerletzten Gruppentreffen klaute Nicole noch einmal - diesmal Marlenes Portemonnaie. So war jede in der Gruppe von ihr beklaut worden. Zwar hatte sich am Akt des Stehlens de facto nichts geändert, nichtsdestotrotz wies aber der Prozess des Stehlens selbst minimale, bedeutsame Veränderungen in Nicoles Verhalten auf:
Hatte sie im ersten Fall (s.S. 56) das Stehlen vollständig geleugnet, so gab es im jetzigen zweiten Fall mit Susannes Portemonnaie schweigsames
Eingeständnis.
Im letzten und dritten Fall ließ sie sich auf frischer Tat ertappen und entschuldigte sich - ihre Traurigkeit war spürbar.
So kam das anfangs eher verleugnete, unbewusste Agieren des Stehlens allmählich zum Bewusstsein.
Wesentlich für dieses allmähliche Bewusstwerden war ganz sicher die Tatsache, dass Nicole immer wieder in der Gruppe die Erfahrung gemacht hatte,
dass sie trotz ihres sich selbst ausgrenzenden Verhaltens in dieser Gruppe, gerade von der Gruppe akzeptiert und integriert wurde.
( = Containing der Gruppe)
Andererseits schien sie dies gute Gefühl " integriert-zu-sein" nicht über einen längeren Zeitraum (aus-) halten zu können bzw. nur vorübergehend in der Zweiheit, eben dem bekannten Dyade - Muster Meist attackierte bzw. provozierte oder beklaute sie die andere, wodurch sie Bestrafung erwartete, was Trennung bzw. Ausgrenzung bedeutete!
Gegenübertragung zum "Abschied" - a posteriori erkannt
Ein mir sehr wichtiger Aspekt, der mit meiner Gegenübertragung zum Abschied zu tun hat, war mir in jener Situation damals nicht bewusst.
Er kristallisierte sich erst nach Abschluss des Projekts heraus.
In den so unerwartet aufgetauchten Abschiedsgeschichten in den Bildern der Mädchen, ging es um den Schmerz des Abschieds:
Trauer, Wut und Angst.
Gefühle, die ich in meinem gut formatierten Abschiedskonzept "Maskenausstellung" für die Gruppe und mich vollständig vermieden bzw.
eben geradezu mit dieser Ausstellung maskiert hatte.
Parallel zu dem ganzen Gruppenprojekt hatten sich starke Ablöse- und Abgrenzungstendenzen bei meiner gleichaltrigen Tochter mir gegenüber
entwickelt. Bei mir entfachten sie Trauer, manchmal auch Angst.
Die Mädchengruppe hingegen, hatte mich in meiner mütterlichen Funktion stabilisiert und war sicher auch eine Art sublimer Libidoersatz für
meine sich trennende Tochter gewesen. So hatte der Abschied von der Gruppe - auch in mir - Gefühlsvermeidungsstrategien hervorgerufen.
Um den Schmerz nicht fühlen zu müssen, hatte ich eine stark nach außen gerichtete Aktivität entwickelt, nämlich die Idee einer Ausstellung.
Damit versuchte ich das Gefühl ‚verlassen-worden-und-allein-zu-sein' zu vermeiden.
Damit nicht genug, hatte ich zudem noch parallel zu dieser Gruppe ein neues Projekt begonnen, was sozusagen die Gefühlsvermeidung i.S. einer
Verschiebung optimierte.
Ich war und bin den Mädchen im Nachhinein sehr dankbar dafür, dass sie mir einen Weg geebnet haben, dies zu erkennen und den eigenen Schmerz und die Trauer angesichts von Abschieden zulassen zu können. Für mich war dies eine essentielle Erfahrung, die nicht nur meine kunsttherapeutische Haltung stark beeinflusst hat.