Geschrieben von: Utta Hoffmann
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Der andere Abschied - plötzlich und unerwartet
Das übernächste Mal - dazwischen lag ein Feiertag - sollte wieder im Zeichen der Ausstellungsvorbereitungen und der Masken stehen, doch statt des von mir verordneten maskierten Abschieds kam das Abschiedsthema in anderer, unerwarteter Verkleidung
Geschichte vom Tod der Babyhasendurch die Hintertür. Gleich zu Beginn erzählte Nicole sehr aufgeregt vom Babytod ihrer Häschen. Ihr Häschenpärchen hätte sechs Babies bekommen, die jetzt jedoch alle tot seien. Sie hätte mit ihrer Mutter und ihrem
Stiefvater (Beide sind neuerdings wieder zusammen) gemeinsam einen Elbspaziergang gemacht. Dann sei die Mutter allein
nach Hause gefahren und hätte angerufen, dass die sechs Babys tot seien.
Auf meine Frage, woran sie denn gestorben wären?, antwortete Nicole, ihre Mutter hätte gesagt, Mimi, das Häschen-Weibchen, hätte nicht genug Milch gehabt.
Ich bekam eine Gänsehaut. Ob sie denn die Babys beerdigt hätten?
Sie verneinte:" Meine Mutter hat sie in einer Plastiktüte in den Mülleimer geworfen!". Etwas blockierte in mir
angesichts dieses abwertenden, missachtenden mütterlichen Akt. Nicole erzählte kalt und emotionslos.
Schon während der Erzählung von Nicole, hatte ich aufsteigende Wut in mir gespürt. Ich äußerte sie, worauf mich Nicole fassungslos anschaute - ihr Gefühlspanzer bekam einen Riss. Sie hatte mir ihre nicht auslebbare Wut übertragen und schien es dankbar anzunehmen, dass die von mir geäußerte Wut sich gegen ihre Mutter richtete.
Doch unter dieser Wut loderte in mir noch eine andere - meine eigene - die sich in dieser Konstellation spiegelte. Es war die Ignoranz meiner eigenen Mutter mir gegenüber, die
Gegenübertragung:Wut -Trauer
selbst erfahrene Abwertung, die schließlich zur Selbstabwertung im sisyphusartigen Scheitern
meiner
Liebesbemühungen führte - und die essentielle Trauer darin!
So regte sich parallel zur Wut, fast wie aus einer Taubheit heraus kriechend, ein trauriges Mitgefühl bei mir, in dem sich Nicole und
ihre Babyhäschen mit meinen Kindheitsgefühlen regressiv und identifikatorisch vereinigten.
Auch fiel mir wieder der Satz von ihr vom vorletzten Mal zum Abschied ein, dass nämlich das männliche Häschen kastriert werden müsse.
Waren es die camouflierten Kastrationswünsche von Nicole, die sich auf die aktuelle familiäre Dreieckssituation bezogen:
die aktuelle Wiederannäherung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters bedrohten die symbiotische Dyade zwischen Nicole und ihrer Mutter. Die
Mutter hatte sie mal wieder verlassen. -
Die von Nicole mitgebrachte Abschiedsgeschichte brodelte, war voller emotionaler Ingredienzien, verfilzt von verschiedenen Realitäten,
Wünschen und Phantasien.
Sie hatte mit dieser Geschichte etwas von sich mitgebracht - eine Art Gefühlskonserve, ein kreatives Medium, mit dem sie kommunizierte.
Was richtig oder falsch daran war, spielte keine Rolle.
Hier ging es nicht um Deutungen, sondern um Gefühle. Und zwar um die Gefühle, die ich angesichts des Abschieds einfach verdrängt hatte!
Nicoles Geschichte fühlte sich an wie ein Hilferuf nach einem ‚Sesam-öffne-dich'.
Zudem drängte es in mir, eine alternative Gegenerfahrung zu dem negativen mütterlichen Akt zu schaffen, sozusagen eine gute Trennung
bzw. Abschied herbeiführen.
Der Abschied von der Mutter und gleichermaßen der angekündigte Abschied von der Gruppe und mir, die wir ja mütterliche Containing-Funktion übernommen hatten, schoben sich wie in einer Überblendung in der Geschichte vom Häschenbabytod ineinander.
AbschiedsbildLeonie reagierte auf meinen Vorschlag, ein Abschiedsbild zu malen mit massiven Widerstand. Ich erinnerte daran, dass jede ja schon mal etwas verloren hätte oder
von etwas getrennt gewesen wäre, sei es ein geliebtes Tier oder der Abschied von einem lieben Menschen o.ä. Leonie wehrte unwirsch ab. Sie hätte es noch nie erlebt, dass sie etwas
Widerstand bei LeonieLiebes verloren hätte... erzählte dann aber, sehr eruptiv und wild verwickelt, von ihrer Mutter, dass die Ärzte schon so oft erzählt hätten, ihre Mutter müsse sterben, weil sie eine schlimme Krankheit hat. Ihre Mutter hätte ihr und ihrem Bruder für den Fall schon Verhaltensanweisungen gegeben, was sie tun sollen, wenn sie sterben würde....
Leonie erzählte kühl, pragmatisch und völlig emotionslos. Auch sei sie schon in diversen Pflegeheimen und oft bei der Tante gewesen. Schlimm wäre es, zum Vater zu kommen.
Es ist das erste Mal, dass sie so viel aus ihrer Vergangenheit erzählt. Ihren Widerstand zu malen, hält sie jedoch aufrecht. - Wir sitzen am Tisch; jede hat ein Blatt Papier vor sich. Parallel zu Leonies Unmutsäußerungen hat Susanne bereits mit einem Abschiedsbild zu den sechs toten Hasenbabys begonnen. Nicole schaut immer wieder zu ihr rüber und findet das Bild von Susanne gut.
Dann beginnt sie selbst einen Kreis in die Papiermitte zu zeichnen, indessen Mitte sie wiederum einen kleinen Kreis setzt. Minutiös zeichnet sie mit einem harten Bleistift, in den kleinen, schwarzen Ring mit roten Fonds, kaum wahrnehmbar 6 winzige Hasenbabys.
Links und rechts vom runden Häschengehege, in dem nur ein Häschen zu sehen ist, verteilt sie gleichmäßig die von Susanne übernommenen Kreuze:
Jeweils drei schwarze auf die weibliche (Babyhasen von Mimi) und drei braune auf die männliche Seite (Babyhasen von Paul).
Darüber schreibt sie in geschnörkelter Schrift:
Das ist ein Bild von den Babyhasen!
Nicoles Bildzentrum, das runde Gehege, erinnert an eine Brust. In der Brustwarze sind die sechs Babys untergebracht.( Mimi hätte nicht genug Milch, um alle zu ernähren!). Mir kommt mein Übertragungsbild von Nicole - mit der Brustlandschaft- wieder in den Sinn (s. S. 59).