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Der Blick der Mutter oder die Kontrolle des Über-Ich

Doch bevor es zur Gruppenübung "Maske" kam, schob sich auf sublim andere Art das Abschieds- und Abnabelungssthema dazwischen. Es ging signifikanterweise um die Mütter. Gleich zu Beginn des Gruppentreffens gab es einen ausufernden, emotionalen Austausch zwischen den Mädchen über Mutterverhalten.

Streit mit der Mutter

Anlass war ein aktueller Streit zwischen Marlene und ihrer Mutter gewesen, die die Tür von Marlenes Zimmer ausgehängt hatte. Auch Leonie hatte in den vergangenen Wochen wiederholt Konflikte mit ihrer Mutter ausgetragen, was z. T. zu heftigen Sanktionen geführt hatte (Verbot der Malgruppe!).

Nicole schien die empörten Erzählungen der anderen Mädchen durch stillschweigendes Nicken zu bestätigen. Erst später - nach dem Malprozess - konnte sie sich mit ihrer Mutterproblematik in die Gruppe einbringen. Dieses Mutter-Intermezzo führte also dazu, dass ich spontan eine kurze Übung vor die geplante Gruppenmasken-Übung schob.

Mit geschlossenen Augen sollte sich jede die Augen bzw. den Blick ihrer Mutter vergegenwärtigen und spontan aufs Papier bringen. Nicole hatte Probleme mit der Übung; sie wirkte abwehrend in ihrer gackerigen Unkonzentriertheit. Das relativ kleine, schmale Papierstück brachte sie sehr hoch an der Wand an, so dass am Ende die Augen ihrer Mutter unter der blauen Wolke auf sie herabschauten.

Etwas gefällt ihr nicht an den Augen. Sie überkritzelt diesen Blick mit braunem Stift, versucht ihn zum Verschwinden zu bringen. Doch noch immer macht sie etwas am Bild unzufrieden, nervös und unruhig. Der Blick scheint etwas bei ihr heraufzubeschwören, dem sie wieder mal vollständig hilflos ausgeliefert ist. Die Augen ihrer Mutter schauen kontrollierend streng auf sie herab.

Immer wieder versucht sie sich von dem Bild wegzubewegen, als wolle sie sich von dem Gefühl trennen, das die gemalten Mutter -augen in ihr erzeugen. Wie ein Tier im Käfig wirkt sie. Gleichzeitig bin auch ich hin-und hergerissen. Soll ich ihr einen Ausweg anbieten, der nicht zur Ausweichbewegung wird ?

Übertragung

In mir windet es sich ähnlich, wie sie sich vor dem Augen-Bild ihrer Mutter windet.

Schließlich schlage ich ihr - wie so oft schon die zweite Chance vor, einen neuen Bildversuch zu wagen. Allerdings frage ich mich später, ob dieser Vorschlag nicht eher das Produkt meiner Gegenübertragung war, nämlich meine Angstabwehr angesichts der hochkommenden Angstgefühle von Nicole.

Wir klappen den ersten "Augenblick der Mutter" weg und hängen das Papierblatt jetzt auf Nicoles Augenhöhe. Sie wird ruhiger.Die konzentrierte Stimmung der anderen springt auf sie über. Im zweiten Bild schaut ein groß aufgerissenes Augenpaar - fast erschrocken,
angstvoll - zurück! Darunter mit einer klaren roten Linie stark abgegrenzt und wie zur Versicherung, dass es sich auch tatsächlich um die Augen der Mutter handelt, schreibt sie in Rot den Satz: ‚Das sind die Augen von meiner Mutter!' Der Satz steht zwischen flüchtig hingeworfenen, mit rot bekritzelten Herzen und ihr Malduktus erzählt wie schon zuvor etwas von der deformierten, libidinösen Bindung zu ihrer Mutter, aber auch von dem Widerständigen in Nicole ihrer Mutter gegenüber. Beide Augenpaare assoziieren sowohl die böse blickende Mutter als auch die angstvoll, bedrohte Tochter in einer Interaktion.

Die Gruppe stabilisiert Nicole

In der anschließenden Pause lassen wir die Mutteraugen noch an der Wand hängen. Nicole beginnt sich zu öffnen, indem sie zögerlich und leise erzählt, dass sie heute in der Englischarbeit eine ‚6'geschrieben hat.
Ob ihre Mutter sie ausschimpfen würde?' fragen die Mädchen. "Nein", antwortet Nicole, "aber sie guckt dann so böse!" und zeigt auf ihr erstes Augenbild.

Die Gruppe spricht über Angsthaben, Strafen und schlechte Arbeiten - ein Austausch, der Nicole das Gefühl gibt, nicht allein mit ihren ängstlichen Gefühlen zu sein und sie stützt. Nach der Pause wirkt sie stabiler.

Allerdings unterläuft mir dann ein alter Fehler. Ich wollte bei diesem Gruppentreffen das Abschiedsthema einbringen und mit der Gruppenmaske anfangen und hatte nicht bemerkt, dass der jetzige Zeitpunkt ungünstig war.

Denn gerade dieses Mal waren die Mädchen stark mit den inneren Ablösekonflikten ihrer Mütter beschäftigt, insbesondere Nicole. Dass ich gerade an diesem Mal den Abschied erwähnte, riss ihnen den sicheren Boden unter den Füssen weg. Denn Abschied bedeutete Trennung von diesem geschützten Raum und

mein Fehler

von mir.Nicole musste diese Botschaft doppelt tief treffen. Hatte sie doch eben gerade (s.o.) noch solidarischen Halt und Schutz durch mich und die

Gruppe gegenüber ihrer Mutter erfahren, bahnte sich jetzt schon wieder eine drohende Trennung an. Wieder eine Reinszenierung der Trennungen, die sie alltäglich mit ihrer Mutter erlebte und die verhinderten, dass sie die nötigen eigenen guten Selbstobjekte aufbauen konnte.

Anders schien es sich für Leonie darzustellen, die inzwischen ihr eigenes Zimmer hatte und auf einige bestätigende Erfolge im Hinblick auf ihre Mutter zurückblicken konnte. Dennoch war sie die einzige, die spontan ihre Traurigkeit sprechen kann: "Dann gibt's ja nix mehr, auf dass ich mich freuen kann!"

Trauerabwehr

Es folgte ein allgemein betretenes Schweigen, das ich versuchte wegzuagieren, indem ich beschwörend von der kleinen Ausstellung, dem Maskenzyklus etc. erzählte. Kein Raum für die Trauer! Inmitten meines aktiven Konzepts für Abschied, hatte ich selbst die Trauer vergessen bzw. selbst abgewehrt!