Geschrieben von: Utta Hoffmann
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Phase III: Abschied/Abnabelung
Konzept für den Abschied
Nach diesem gemeinsamen Jahr wollte ich dem Abschiednehmen genügend Zeit einräumen. Eine kleine gemeinsame Ausstellung als Abschiedsritual schien mir aus verschiedenen Gründen adäquat. Dafür konnten wir auch thematisch erstmal im Vertrauten, nämlich den Maskenbildern, bleiben. Der Maskenzyklus hatte bereits das "Sich-zeigen" im Schutz der Maske aufgegriffen und sollte nun um eine Dimension erweitert werden, nämlich um ein "Sich-der-Welt-draußen-zeigen"*. Auch in einer Ausstellung verbinden Bilder das eigene Innere mit dem fremden Außen.
Im Schutz der Maskehinaus in die Welt
Das Eigene, Selbstgemachte oder Selbstgewordene tritt mit dem Außen der Welt, der Objekte in Kontakt. Die Bilder werden Teil von Welt, sind damit sozusagen Partialobjekte, wodurch auch ein anderer Blick auf sie entsteht. Der Blick auf das Eigene objektiviert sich. In dem gemeinsamen Hinausgehen in die Welt, sozusagen im Schutz der Gruppe und mit dem Schutz der Masken kann i. w. S. eine Art Übergangsraum ** entstehen, und damit die Chance für jede einzelne, die Trennung von der Gruppe, dem Atelierort und mir besser zu bewältigen - so jedenfalls mein Ansinnen.
In unserem Fall sollte die Ausstellung selbst mitsamt den dafür erforderlichen Vorbereitungen zum Abschiedsritual werden. Ich stellte mir vor, mit einer spielerischen Interaktion, nämlich dem Malen einer gemeinsamen Gruppenmaske zu beginnen.
* Symbolisch gesehen handelt es sich ja beim Akt des Bildermalens bereits auch um eine Trennung bzw. Abnabelung. Die Emotionen oder
Affekte werden aus dem Inneren ins Außen, aufs Papier gebracht. Das entspricht einem Geburtsvorgang, denn sind sie erst abgenabelt d.h.
außerhalb von mir, werden sie zum eigenständigen Objekt. In einem weiterführenden Sinne wird diese Trennung intensiviert, wenn mein Bild,
wie das Kind von der Mutter, von mir getrennt wird und als "Hänschenklein in die Welt" hinauswandert.
** Nach Winnicott dienen Übergangsobjekte dem sich erweiternden Trennungsbereich zwischen Mutter und Kind, dem sogenannten
Übergangsraum( = Möglichkeitsraum), der Beruhigung und Versicherung. Übergangsobjekte z.B. in Form von Maskottchen, Kunstobjekten
oder religiösen Ritualen erfüllen somit eine produktive Funktion.
Der Blick der Mutter oder die Kontrolle des Über-Ich
Doch bevor es zur Gruppenübung "Maske" kam, schob sich auf sublim andere Art das Abschieds- und Abnabelungssthema dazwischen. Es ging signifikanterweise um die Mütter. Gleich zu Beginn des Gruppentreffens gab es einen ausufernden, emotionalen Austausch zwischen den Mädchen über Mutterverhalten.
Streit mit der MutterAnlass war ein aktueller Streit zwischen Marlene und ihrer Mutter gewesen, die die Tür von Marlenes Zimmer ausgehängt hatte. Auch Leonie hatte in den vergangenen Wochen wiederholt Konflikte mit ihrer Mutter ausgetragen, was z. T. zu heftigen Sanktionen geführt hatte (Verbot der Malgruppe!).
Nicole schien die empörten Erzählungen der anderen Mädchen durch stillschweigendes Nicken zu bestätigen. Erst später - nach dem Malprozess - konnte sie sich mit ihrer Mutterproblematik in die Gruppe einbringen. Dieses Mutter-Intermezzo führte also dazu, dass ich spontan eine kurze Übung vor die geplante Gruppenmasken-Übung schob.
Mit geschlossenen Augen sollte sich jede die Augen bzw. den Blick ihrer Mutter vergegenwärtigen und spontan aufs Papier bringen. Nicole hatte Probleme mit der Übung; sie wirkte abwehrend in ihrer gackerigen Unkonzentriertheit. Das relativ kleine, schmale Papierstück brachte sie sehr hoch an der Wand an, so dass am Ende die Augen ihrer Mutter unter der blauen Wolke auf sie herabschauten.
Etwas gefällt ihr nicht an den Augen. Sie überkritzelt diesen Blick mit braunem Stift, versucht ihn zum Verschwinden zu bringen. Doch noch immer macht sie etwas am Bild unzufrieden, nervös und unruhig. Der Blick scheint etwas bei ihr heraufzubeschwören, dem sie wieder mal vollständig hilflos ausgeliefert ist. Die Augen ihrer Mutter schauen kontrollierend streng auf sie herab.
Immer wieder versucht sie sich von dem Bild wegzubewegen, als wolle sie sich von dem Gefühl trennen, das die gemalten Mutter -augen in ihr erzeugen. Wie ein Tier im Käfig wirkt sie. Gleichzeitig bin auch ich hin-und hergerissen. Soll ich ihr einen Ausweg anbieten, der nicht zur Ausweichbewegung wird ?
ÜbertragungIn mir windet es sich ähnlich, wie sie sich vor dem Augen-Bild ihrer Mutter windet.
Schließlich schlage ich ihr - wie so oft schon die zweite Chance vor, einen neuen Bildversuch zu wagen. Allerdings frage ich mich später, ob dieser Vorschlag nicht eher das Produkt meiner Gegenübertragung war, nämlich meine Angstabwehr angesichts der hochkommenden Angstgefühle von Nicole.
Wir klappen den ersten "Augenblick der Mutter" weg und hängen das Papierblatt jetzt auf Nicoles Augenhöhe. Sie wird ruhiger.Die konzentrierte Stimmung der anderen springt auf sie über. Im zweiten Bild schaut ein groß aufgerissenes Augenpaar - fast erschrocken,
angstvoll - zurück! Darunter mit einer klaren roten Linie stark abgegrenzt und wie zur Versicherung, dass es sich auch tatsächlich um die Augen der Mutter handelt, schreibt sie in Rot den Satz: ‚Das sind die Augen von meiner Mutter!' Der Satz steht zwischen flüchtig hingeworfenen, mit rot bekritzelten Herzen und ihr Malduktus erzählt wie schon zuvor etwas von der deformierten, libidinösen Bindung zu ihrer Mutter, aber auch von dem Widerständigen in Nicole ihrer Mutter gegenüber. Beide Augenpaare assoziieren sowohl die böse blickende Mutter als auch die angstvoll, bedrohte Tochter in einer Interaktion.
Die Gruppe stabilisiert Nicole
In der anschließenden Pause lassen wir die Mutteraugen noch an der Wand hängen. Nicole beginnt sich zu öffnen, indem sie zögerlich
und leise erzählt, dass sie heute in der Englischarbeit eine ‚6'geschrieben hat.
Ob ihre Mutter sie ausschimpfen würde?' fragen die Mädchen. "Nein", antwortet Nicole, "aber sie guckt dann so böse!" und zeigt auf ihr erstes Augenbild.
Die Gruppe spricht über Angsthaben, Strafen und schlechte Arbeiten - ein Austausch, der Nicole das Gefühl gibt, nicht allein mit ihren ängstlichen Gefühlen zu sein und sie stützt. Nach der Pause wirkt sie stabiler.
Allerdings unterläuft mir dann ein alter Fehler. Ich wollte bei diesem Gruppentreffen das Abschiedsthema einbringen und mit der Gruppenmaske anfangen und hatte nicht bemerkt, dass der jetzige Zeitpunkt ungünstig war.
Denn gerade dieses Mal waren die Mädchen stark mit den inneren Ablösekonflikten ihrer Mütter beschäftigt, insbesondere Nicole. Dass ich gerade an diesem Mal den Abschied erwähnte, riss ihnen den sicheren Boden unter den Füssen weg. Denn Abschied bedeutete Trennung von diesem geschützten Raum und
mein Fehlervon mir.Nicole musste diese Botschaft doppelt tief treffen. Hatte sie doch eben gerade (s.o.) noch solidarischen Halt und Schutz durch mich und die
Gruppe gegenüber ihrer Mutter erfahren, bahnte sich jetzt schon wieder eine drohende Trennung an. Wieder eine Reinszenierung der Trennungen, die sie alltäglich mit ihrer Mutter erlebte und die verhinderten, dass sie die nötigen eigenen guten Selbstobjekte aufbauen konnte.
Anders schien es sich für Leonie darzustellen, die inzwischen ihr eigenes Zimmer hatte und auf einige bestätigende Erfolge im Hinblick auf ihre Mutter zurückblicken konnte. Dennoch war sie die einzige, die spontan ihre Traurigkeit sprechen kann: "Dann gibt's ja nix mehr, auf dass ich mich freuen kann!"
TrauerabwehrEs folgte ein allgemein betretenes Schweigen, das ich versuchte wegzuagieren, indem ich beschwörend von der kleinen Ausstellung, dem Maskenzyklus etc. erzählte. Kein Raum für die Trauer! Inmitten meines aktiven Konzepts für Abschied, hatte ich selbst die Trauer vergessen bzw. selbst abgewehrt!
3. Gruppenbild : " Unsere Maske..."
Nach der Pause wurden die ‚Mutterblick' - Zeichnungen in gegenseitigem Einverständnis abgehängt. Leonie kommentierte das Vorgehen mit dem Satz "Weg damit- sie sollen hier nicht zugucken!", aus dem ganz direkt der Wunsch nach Eigenem und Geheimnis sprach. Eine große Papierbahn wurde an der Wand befestigt. Der Malprozess der gemeinsamen Maske sollte spielerisch reihum "zelebriert" werden, indem jede etwas dazu malt oder wegnimmt, je nach Lust und Laune. Das Malen sollte im selbstbestimmten Wechsel stattfinden.
Bildprozess
Nicole beginnt. Sie malt ganz oben auf das Papierformat einen roten lächelnden Mund, fast so als solle es sich wieder um eine Ganzkörperfigur handeln, ähnlich ihrem eigenen ersten Maskenbild. Seit ich vom Abschied gesprochen habe, wirkt sie wieder abwesend. Leonie und Marlene verwandeln roten Mund von Nicole abwechselnd in zwei Augen. Nicole malt sehr lustlos ihre stereotype Hakennase in die Mitte der Maske, klinkt sich daraufhin aus und geht auf Toilette, wo sie sehr lange verweilt.
Es folgt eine längere Phase, in der sich Leonie und Susanne abwechseln und Marlene gelangweilt murrt, weil sie nicht drankommt.
Aufgrund dessen initiiert sie noch eine zweite Gruppenmaske an einer anderen Wand und beginnt zu malen.
Als Nicole von der Toilette wiederkommt, sieht sie, dass ihre Hakennase übermalt ist. Alle ihre Malzeichen sind verschwunden,
sprich übermalt worden, was sie als eine Negation ihrerselbst empfunden haben muß.
In der folge weist ihr Malduktus wieder jene Lustlosigkeit bzw. unterschwellige Aggression auf wie schon bei der Vorübung "
Augen meiner Mutter" zu beobachten war.
Plötzlich haben sich die anderen von der 1. Gruppenmaske zurückgezogen und malen zusammen mit Marlene an der 2.Gruppenmaske.
Nicole steht allein von der 1. Gruppenmaske.
Ihre Wut entlädt sich zuerst auf dem Bild, später ganz real.
Sie beginnt in aggressivem Gestus ihre stereotypen ‚roten Backen' zu schmieren, auf die sie mit blauer Farbe Platschtupfer setzt.
Dann entlädt sich ihre unterdrückte Wut real. Sie jagt
mit blau klecksendem Pinsel hinter Marlene her.
Marlene lacht anfangs noch. Die Jagd hat etwas Hysterisches.
Doch als klar wird, dass diese Jagd eine massive blaue Tropfspur im Atelier und draußen vor der Ateliertür großflächige Farbpfützen
hinterlassen hat, kippt die Situation.
Marlene ist sauer und ermahnt Nicole die Farbe aufzuwischen.
Nicole weigert sich. Marlene wird initiativ, holt Wasser, Eimer, Lappen und beide beginnen zu putzen - auch Leonie hilft.
Sie reinigen mit viel Gelächter die Fläche vor der Tür.
ein zweites Mal
Nicole ist wieder integriert. Ich hatte das ganze Geschehen nur aufmerksam beobachtet und der integrativen Kraft der Gruppe vertraut, die sich schon das erste Mal positiv auf Nicole ausgewirkt hatte.
Assoziationen zur Gruppenmaske
Meiner Beobachtung zufolge, hatte die bildnerische Interaktion der Mädchen bei der Herstellung der 1. Gruppenmaske etwas vom Spinnen eines wechselseitigen, dynamischen Übertragungsnetzes. Vielfältige Gefühlsanteile tauschten sich hier aus. So hatte Marlene z. B. die stereotype blonde Haarsträhne von Nicole übernommen und ins Bild gesetzt. Leonie und Susanne hatten, indem sie beide Augen malten, das Thema der Vorübung "Augen der Mutter" noch einmal aufgegriffen. Nach dem realen, ‚blauen' Zwischenfall mit Nicole, bepunkteten alle gemeinsam das Maskengesicht und verbanden anschließend die Punkte.
Nicole griff die Punkte in Grün noch mal im unteren Drittel des Bildes auf und verband diese allein miteinander. Die schwarz-grüne Kralle, die das
Gesicht im zentralen Mittelfeld des Bildes zu bedrohen scheint, ließ Angst bzw. Bedrohung assoziieren, vielleicht aber auch Abwehr derselben
(s. halbseitiger Maskenschutz).
Als letzten Akt setzte Leonie mit ihren feinen rosafarbenen Tränen in den rot-grünen Augen das i-Tüpfelchen. (Trauer)
Im oberen Drittel des Bildes (dem Ideal-Ich/Über-Ich) lugte noch ein kleines weißes, schematisch gemaltes Kindergesicht hervor, eingeklemmt zwischen
einem männlichen (re.) und einem weiblichen (li.) Gesichtsprofil (frühkindliche Triangulierung: das Kindsein zwischen den Eltern bzw. Objektanteilen).
Beide Gruppenmasken waren unter dem Einfluss des bevorstehenden Abschieds von der Gruppe und dem mütterlichen Konfliktpotenzial entstanden. Dadurch wurden sie in gewisser Weise zu einem libidinösen
Gruppenmaske als ContainerContainer, in dem sich der ganze Gefühlsamalgam der adoleszenten Mädchen tummelte: Trauer, Angst, Abwehr, Sehnsucht nach neuen Objektbindungen etc. In der zweiten Gruppenmaske dominierten vor allem sexuelle Symbolelemente (s. phallische Nasenschlange und Vaginalschlund).
Das Drama der Adoleszenz bzw. der adoleszenten Selbstwerdung besteht ja darin, dass die kindliche Psyche strukturell den
qualitativen und quantitativen Triebanstieg nicht mehr bewältigen kann. Der "Tanz" freigewordener libidinöser Impulse (Anna Freud)
braucht eine neue psychische Struktur, um wieder ein Gleichgewicht herstellen zu können.
Der Kampf gegen die infantilen libidinösen Bindungen an die Mutter (s. Trennung/Abschied) ist ein hartes Stück Seelenarbeit und mit
viel unausweichlicher Trauer verbunden. Um mit der Wiederbelebung infantiler Objektbeziehungen als auch den neuen Triebimpulsen fertig zu werden,
werden mannigfaltige Abwehrstrategien entwickelt, die dem Selbstschutz dienen. Anna Freud nennt sie "Waffen der Seele".
Dieser Kampf spiegelte sich in den Gruppenmasken sehr intensiv.
Der andere Abschied - plötzlich und unerwartet
Das übernächste Mal - dazwischen lag ein Feiertag - sollte wieder im Zeichen der Ausstellungsvorbereitungen und der Masken stehen, doch statt des von mir verordneten maskierten Abschieds kam das Abschiedsthema in anderer, unerwarteter Verkleidung
Geschichte vom Tod der Babyhasendurch die Hintertür. Gleich zu Beginn erzählte Nicole sehr aufgeregt vom Babytod ihrer Häschen. Ihr Häschenpärchen hätte sechs Babies bekommen, die jetzt jedoch alle tot seien. Sie hätte mit ihrer Mutter und ihrem
Stiefvater (Beide sind neuerdings wieder zusammen) gemeinsam einen Elbspaziergang gemacht. Dann sei die Mutter allein
nach Hause gefahren und hätte angerufen, dass die sechs Babys tot seien.
Auf meine Frage, woran sie denn gestorben wären?, antwortete Nicole, ihre Mutter hätte gesagt, Mimi, das Häschen-Weibchen, hätte nicht genug Milch gehabt.
Ich bekam eine Gänsehaut. Ob sie denn die Babys beerdigt hätten?
Sie verneinte:" Meine Mutter hat sie in einer Plastiktüte in den Mülleimer geworfen!". Etwas blockierte in mir
angesichts dieses abwertenden, missachtenden mütterlichen Akt. Nicole erzählte kalt und emotionslos.
Schon während der Erzählung von Nicole, hatte ich aufsteigende Wut in mir gespürt. Ich äußerte sie, worauf mich Nicole fassungslos anschaute - ihr Gefühlspanzer bekam einen Riss. Sie hatte mir ihre nicht auslebbare Wut übertragen und schien es dankbar anzunehmen, dass die von mir geäußerte Wut sich gegen ihre Mutter richtete.
Doch unter dieser Wut loderte in mir noch eine andere - meine eigene - die sich in dieser Konstellation spiegelte. Es war die Ignoranz meiner eigenen Mutter mir gegenüber, die
Gegenübertragung:Wut -Trauer
selbst erfahrene Abwertung, die schließlich zur Selbstabwertung im sisyphusartigen Scheitern
meiner
Liebesbemühungen führte - und die essentielle Trauer darin!
So regte sich parallel zur Wut, fast wie aus einer Taubheit heraus kriechend, ein trauriges Mitgefühl bei mir, in dem sich Nicole und
ihre Babyhäschen mit meinen Kindheitsgefühlen regressiv und identifikatorisch vereinigten.
Auch fiel mir wieder der Satz von ihr vom vorletzten Mal zum Abschied ein, dass nämlich das männliche Häschen kastriert werden müsse.
Waren es die camouflierten Kastrationswünsche von Nicole, die sich auf die aktuelle familiäre Dreieckssituation bezogen:
die aktuelle Wiederannäherung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters bedrohten die symbiotische Dyade zwischen Nicole und ihrer Mutter. Die
Mutter hatte sie mal wieder verlassen. -
Die von Nicole mitgebrachte Abschiedsgeschichte brodelte, war voller emotionaler Ingredienzien, verfilzt von verschiedenen Realitäten,
Wünschen und Phantasien.
Sie hatte mit dieser Geschichte etwas von sich mitgebracht - eine Art Gefühlskonserve, ein kreatives Medium, mit dem sie kommunizierte.
Was richtig oder falsch daran war, spielte keine Rolle.
Hier ging es nicht um Deutungen, sondern um Gefühle. Und zwar um die Gefühle, die ich angesichts des Abschieds einfach verdrängt hatte!
Nicoles Geschichte fühlte sich an wie ein Hilferuf nach einem ‚Sesam-öffne-dich'.
Zudem drängte es in mir, eine alternative Gegenerfahrung zu dem negativen mütterlichen Akt zu schaffen, sozusagen eine gute Trennung
bzw. Abschied herbeiführen.
Der Abschied von der Mutter und gleichermaßen der angekündigte Abschied von der Gruppe und mir, die wir ja mütterliche Containing-Funktion übernommen hatten, schoben sich wie in einer Überblendung in der Geschichte vom Häschenbabytod ineinander.
AbschiedsbildLeonie reagierte auf meinen Vorschlag, ein Abschiedsbild zu malen mit massiven Widerstand. Ich erinnerte daran, dass jede ja schon mal etwas verloren hätte oder
von etwas getrennt gewesen wäre, sei es ein geliebtes Tier oder der Abschied von einem lieben Menschen o.ä. Leonie wehrte unwirsch ab. Sie hätte es noch nie erlebt, dass sie etwas
Widerstand bei LeonieLiebes verloren hätte... erzählte dann aber, sehr eruptiv und wild verwickelt, von ihrer Mutter, dass die Ärzte schon so oft erzählt hätten, ihre Mutter müsse sterben, weil sie eine schlimme Krankheit hat. Ihre Mutter hätte ihr und ihrem Bruder für den Fall schon Verhaltensanweisungen gegeben, was sie tun sollen, wenn sie sterben würde....
Leonie erzählte kühl, pragmatisch und völlig emotionslos. Auch sei sie schon in diversen Pflegeheimen und oft bei der Tante gewesen. Schlimm wäre es, zum Vater zu kommen.
Es ist das erste Mal, dass sie so viel aus ihrer Vergangenheit erzählt. Ihren Widerstand zu malen, hält sie jedoch aufrecht. - Wir sitzen am Tisch; jede hat ein Blatt Papier vor sich. Parallel zu Leonies Unmutsäußerungen hat Susanne bereits mit einem Abschiedsbild zu den sechs toten Hasenbabys begonnen. Nicole schaut immer wieder zu ihr rüber und findet das Bild von Susanne gut.
Dann beginnt sie selbst einen Kreis in die Papiermitte zu zeichnen, indessen Mitte sie wiederum einen kleinen Kreis setzt. Minutiös zeichnet sie mit einem harten Bleistift, in den kleinen, schwarzen Ring mit roten Fonds, kaum wahrnehmbar 6 winzige Hasenbabys.
Links und rechts vom runden Häschengehege, in dem nur ein Häschen zu sehen ist, verteilt sie gleichmäßig die von Susanne übernommenen Kreuze:
Jeweils drei schwarze auf die weibliche (Babyhasen von Mimi) und drei braune auf die männliche Seite (Babyhasen von Paul).
Darüber schreibt sie in geschnörkelter Schrift:
Das ist ein Bild von den Babyhasen!
Nicoles Bildzentrum, das runde Gehege, erinnert an eine Brust. In der Brustwarze sind die sechs Babys untergebracht.( Mimi hätte nicht genug Milch, um alle zu ernähren!). Mir kommt mein Übertragungsbild von Nicole - mit der Brustlandschaft- wieder in den Sinn (s. S. 59).
Der andere Abschied - plötzlich und unerwartet
In frühkindlichen Zeichnungen symbolisiert ein konzentrischer Kreis oft eine erste Abgrenzung. Er hat ein Innen und Außen. Das Kind unterscheidet das Ich- vom Nicht-Ich. Das Selbst entwickelt sich mit dieser Grenze, die das eigene vom anderen trennt.
Im Kreis ist nur die Häschenmutter Mimi zu sehen mit ihren sechs Babys in einem noch kleineren Kreis (Dyade zwischen Tochter und Mutter).
Der Kreis trennt die Kreuze in weibliche und männliche zu gleichen Teilen. Nicole besteht darauf, dass "von den sechs Babys drei Mimi und
drei Paul gehören". Vielleicht ein Hinweis auf ihre väterlichen Objektanteile!
Während die anderen beiden (Susanne und Nicole) bereits malen, sitzt Leonie noch eine Weile bewegungslos in ihrem Widerstand da. Vermutlich handelt es sich um einen Schutz bzw. die Angst ihr eigenes kindliches Abschiedstrauma erneut zu erleben, bedingt durch die mehrmaligen Trennungen von der Mutter. (Retraumatisierung) Der Zugang zu der tief sitzenden Traurigkeit ist blockiert. Eine notwendige Schutzmassnahme für sie.
Doch plötzlich ist es, als würde sie erwachen. Wut ist ihr anzumerken, und sie beginnt sofort und sehr schnell zu malen. Als müsste das Schreckliche erst einmal nur mit den Jaxon-Kreiden aufs Papier gebannt werden, bevor sie es aussprechen kann...
Als wir uns anschließend die Bilder anschauen, drängt es Leonie etwas zu ihrem Bild zu erzählen. Ihr wäre doch noch eine Geschichte eingefallen, die ihrer Mutter passiert sei, als sie genauso alt wie Leonie war ( projektive Identifizierung!?).
Der Vater ihrer Mutter hätte vom Angeln einen lebendigen Fisch
Geschichte vom toten, bunten Fischmitgebracht, der in die Badewanne gelegt wurde. Immer, wenn Leonies Mutter von der Schule nach Hause kam, sprach sie mit dem Fisch und erzählte ihm alle wichtigen Sachen.
Aber eines Tages kam sie aus der Schule und es roch ganz eklig in der Wohnung. Der Vater hatte ihren Fisch gebraten! Der lebendige Fisch (Beziehung zum Selbstobjekt?) wird vom Vater getötet.
Identifizierungs-objekteBeim Vater ihrer Mutter scheint es sich um ihren eigenen Vater zu handeln, auf den Leonie ihre Verletzung als Wut abgespalten projiziert hat. Bei Nicole sind es die Häschenbabys, bei Leonie ist es der Fisch, die zu Identifizierungsobjekten geworden sind. Sie stehen für eine lebendige, emotionale Verbindung zu sich selbst.
Den Geschichten haftete etwas von der dichten Symbolkraft von Märchen bzw. Träumen an. Was echt und falsch, was real und phantasiert ist, ließ
sich nicht unterscheiden und war in diesem Fall, so schien mir, auch nicht entscheidend.
Wichtig war, dass beide mittels ihrer Abschiedsgeschichten und Bilder eigene zutiefst verletzende Trennungserfahrungen quasi ‚offen verpackt',
mit in die Gruppe gebracht haben. Das war ein großer Schritt.
Ich hatte den Kampf in Leonie gespürt, wie sie sich durch ihren Widerstand hindurch, durch das Bild und ihre Geschichte ihrem Gefühl öffnen konnte.
Vermutlich ausgelöst durch den bevorstehenden Abschied von der Gruppe, wurden frühe Traumatisierungen von Trennung/ Abschied von beiden reinszeniert.
Leonie war von der Trennung ihrer Eltern traumatisiert und den sich ständig wiederholenden Trennungen von der Mutter(=kumulative Traumatisierung)
bis hin zu der existentiellen Bedrohung, die Mutter( = Tod) ganz und für immer zu verlieren.(s. o. Erzählung)
Bei Nicole war ebenfalls der willkürliche Akt der Trennung seitens der Mutter, wenn diese sich auf eine andere Person bezog ( Stiefvater, Freundin etc.) schmerzvoll. Mit dem Auftritt der dritten Person, wurde Nicole jedes Mal von ihrer Mutter abgeschnitten, getrennt.
Ich möchte an dieser Stelle nicht auf eine detaillierte Bilddeutung eingehen, sondern im Rahmen einer erweiterten Psychodynamik darstellen wie durch die kaleidoskopische Abschiedsthematik bestimmte Symptome wieder aufflammten.
Bezeichnenderweise wurden bei Nicole, ausgelöst durch die Abschiedsthematik, offensichtlich so unerträglich widerstrebende Gefühle freigesetzt, dass ihre bereits bekannten Symptome
Nicoles Symptome brechen durch( Essstörung/ Diebstähle) bei diesem Gruppentreffen massiv durchbrachen. In der Pause verschlang sie, fast allein und auffällig gierig zwei, Tafeln Schokolade, die sie eigentlich für alle mitgebracht hatte.
Doch reichte dies nicht aus, denn unmittelbar anschließend musste sie noch das Portemonnaie von Susanne klauen, ließ sich dabei jedoch entdecken.
Die Heimlichkeit war verschwunden. Für mich tauchte die Frage auf, ob es sich bei ihrer Essstörung und
Diebstahl als
Kompromissbildung
den Diebstählen um intrapsychische Kompromisse handelte. Mit der oralen Einverleibung der Schokolade schien Nicole einen inneren Spannungszustand/Konflikt, der durch die potenzierten Abschiede/Trennungen initiiert worden war, vorübergehend zu lösen bzw. zu verschieben.
Bei ihr schien sich der Konflikt zwischen den Instanzen abzuspielen : Einerseits der libidinöse Triebwunsch, mehr haben
zu wollen, aus dem Gefühl des Mangels, nicht genug bekommen zu haben; andererseits das starke ÜBER-ICH ("Ich darf nicht"),
was im Akt des Stehlens zu einer kompromissbildenen Handlung wird - mit dem wichtigen Effekt, gerade durch den Kompromiss,
eine Bestrafung i. S. einer Ausgrenzung bewirkt zu haben.
Das ICH bei Nicole schien immer noch nicht stark genug, um einen anderen Kompromiss herbeiführen zu können.
Beim allerletzten Gruppentreffen klaute Nicole noch einmal - diesmal Marlenes Portemonnaie. So war jede in der Gruppe von ihr beklaut worden. Zwar hatte sich am Akt des Stehlens de facto nichts geändert, nichtsdestotrotz wies aber der Prozess des Stehlens selbst minimale, bedeutsame Veränderungen in Nicoles Verhalten auf:
Hatte sie im ersten Fall (s.S. 56) das Stehlen vollständig geleugnet, so gab es im jetzigen zweiten Fall mit Susannes Portemonnaie schweigsames
Eingeständnis.
Im letzten und dritten Fall ließ sie sich auf frischer Tat ertappen und entschuldigte sich - ihre Traurigkeit war spürbar.
So kam das anfangs eher verleugnete, unbewusste Agieren des Stehlens allmählich zum Bewusstsein.
Wesentlich für dieses allmähliche Bewusstwerden war ganz sicher die Tatsache, dass Nicole immer wieder in der Gruppe die Erfahrung gemacht hatte,
dass sie trotz ihres sich selbst ausgrenzenden Verhaltens in dieser Gruppe, gerade von der Gruppe akzeptiert und integriert wurde.
( = Containing der Gruppe)
Andererseits schien sie dies gute Gefühl " integriert-zu-sein" nicht über einen längeren Zeitraum (aus-) halten zu können bzw. nur vorübergehend in der Zweiheit, eben dem bekannten Dyade - Muster Meist attackierte bzw. provozierte oder beklaute sie die andere, wodurch sie Bestrafung erwartete, was Trennung bzw. Ausgrenzung bedeutete!
Gegenübertragung zum "Abschied" - a posteriori erkannt
Ein mir sehr wichtiger Aspekt, der mit meiner Gegenübertragung zum Abschied zu tun hat, war mir in jener Situation damals nicht bewusst.
Er kristallisierte sich erst nach Abschluss des Projekts heraus.
In den so unerwartet aufgetauchten Abschiedsgeschichten in den Bildern der Mädchen, ging es um den Schmerz des Abschieds:
Trauer, Wut und Angst.
Gefühle, die ich in meinem gut formatierten Abschiedskonzept "Maskenausstellung" für die Gruppe und mich vollständig vermieden bzw.
eben geradezu mit dieser Ausstellung maskiert hatte.
Parallel zu dem ganzen Gruppenprojekt hatten sich starke Ablöse- und Abgrenzungstendenzen bei meiner gleichaltrigen Tochter mir gegenüber
entwickelt. Bei mir entfachten sie Trauer, manchmal auch Angst.
Die Mädchengruppe hingegen, hatte mich in meiner mütterlichen Funktion stabilisiert und war sicher auch eine Art sublimer Libidoersatz für
meine sich trennende Tochter gewesen. So hatte der Abschied von der Gruppe - auch in mir - Gefühlsvermeidungsstrategien hervorgerufen.
Um den Schmerz nicht fühlen zu müssen, hatte ich eine stark nach außen gerichtete Aktivität entwickelt, nämlich die Idee einer Ausstellung.
Damit versuchte ich das Gefühl ‚verlassen-worden-und-allein-zu-sein' zu vermeiden.
Damit nicht genug, hatte ich zudem noch parallel zu dieser Gruppe ein neues Projekt begonnen, was sozusagen die Gefühlsvermeidung i.S. einer
Verschiebung optimierte.
Ich war und bin den Mädchen im Nachhinein sehr dankbar dafür, dass sie mir einen Weg geebnet haben, dies zu erkennen und den eigenen Schmerz und die Trauer angesichts von Abschieden zulassen zu können. Für mich war dies eine essentielle Erfahrung, die nicht nur meine kunsttherapeutische Haltung stark beeinflusst hat.
In die Welt hinaus
Es wurden noch etliche Maskenbilder für die gemeinsame Ausstellung hergestellt. Fast zwei Wochen lang hingen die Maskenbilder der Mädchen in einem öffentlichen Raum, für alle sichtbar in einem Schaufenster:
Zur Ausstellungseröffnung gab es ein intensives gemeinsames Happening, bei dem die Mädchen mit anderen Passanten zusammen Kartons bemalten.
Auch ihre Mütter hatten die Mädchen eingeladen und, bis auf Leonies Mutter, waren alle gekommen.
Während Nicole ihrer Mutter stolz die Ausstellungsbilder zeigte, spürte ich die zunehmende Enttäuschung von Leonie.
Als alle schon gegangen waren, blieb sie noch bei mir, half bei den letzten Ab - und Aufräumarbeiten.
Zwischen uns war ein stilles Miteinanderschwingen. Ich sprach mit ihr über diese Enttäuschung, und dass sie bestimmt noch Zeit finden
werde, um ihrer Mutter die Bilder zu zeigen.
Dass ihre Mutter - trotz innigen Hoffens - nicht erschienen war, sie also mal wieder nicht gesehen wurde, konnte ich in der
Übertragung spüren und versuchte diese Verletzung mit "mütterlicher Zärtlichkeit"
umzuwandeln, indem ich mit Leonie noch einmal sehr intensiv alle ausgestellten Maskenbilder, besonders ihre eigenen, anschaute.
Danach fuhr ich sie nach Hause. Diese Ausstellung mit dem aktiven Happening war sehr laut gewesen und wurde durch das Finale mit Leonie immer stiller. Erst in dieser Stille und auch durch die abwesende Mutter von Leonie, spürte ich die Traurigkeit und das Bedürfnis, den Mädchen zum Abschied noch eine symbolische Containermama zu schenken - eine kleine geheime Schatzbox, eine Miniatur des Atelierorts sozusagen.
Beim letzten Zusammensein bemalte jede mit wertvollen Tubenfarben als Zeichen der Wertschätzung ihren kleinen Karton.
Im Gegensatz zur lauten Ausstellungseröffnung war das Bemalen der kleinen Schachtel ein stilles meditatives Ritual.
Sie sollte all das aufnehmen und bewahren, wofür die Mädchen sonst keinen sicheren Ort finden: Ängste, Wutanfälle, Geheimnisse etc.
Ich hatte einen kleinen, dickbäuchigen Buddha mitgebracht und erzählte ihnen, dass der Buddha in seinem Bauch alle Sorgen,
Nöte und Probleme bewahre und sie dort in seinem Bauch zu Erkenntnis umwandeln könne.
Monate später nahmen die Mädchen mit mir noch mal Kontakt auf und wollten ein Wiedersehentreffen.
Es fand wieder malend im Atelier statt. Diesmal wurden viele Herzen gemalt!
Dieses Wiedersehen kam mir wie eine Vergewisserung des Orts vor. Leonie hatte sich äußerlich stark verändert: Ihre Kleidung war weiblicher geworden
und ihr Verhalten emotionaler. Sie erzählte begeistert von ihrem Zimmer.
Nicole hatte einen Brief und Bild ihres ‚echten' Vaters mitgebracht und ließ die anderen teilnehmen an diesem allerersten Kontakt zu ihrem Vater.
Sie erzählte aufgeregt von dem ersten Telefonat. Ihre Mutter hatte bislang den Kontakt zum Vater gemieden, hatte aber jetzt, durch Nicoles Drängen,
ihr Verhalten geändert.