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Mamaundichundwelt, Phase I: "Optimierungsfalle"
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Auch die Art, wie Nicole selbst malt gleicht eher einem einzigen Abwertungsvorgang. Am Schluss der Sitzung thematisiere ich nochmals das verschwundene Geld vom letzten Mal. Jede soll die Chance bekommen, anonym das Geld wieder zurück zu legen. Eine nach der anderen geht ins Atelier. Als Nicole dran ist und die anderen draußen warten, ist ein kurzer Aufschrei von Nicole zu hören.Sie kommt mit knallrotem, ungläubigem Gesicht raus und kann "es" nicht fassen.

Projektion oder
Verschiebung?

(Ich hatte für sie das Geld zurückgelegt, um ihr das Gefühl zu geben, sie zu schützen) Durch diesen inszenierten Akt war eine geheime Verbindung zwischen Nicole und mir entstanden. Die ganze Gruppensituation, aber auch die Beziehung zwischen Nicole und mir wurde in doppelter Weise unbewusst von Nicoles Problematik beherrscht.

Für Nicole hatte sich hier eine altbekannte Musterkonstellation in der Gruppe reinszeniert, und das sie bereits aus der Schule kannte. Sie war ja schon dort durch Diebstähle an Mitschülern auffällig geworden. Dort wie hier hatte sie eine Außenseiterposition, war nicht vollständig integriert, weil sie keine Freundin hatte wie z.B. Leonie, die gleich mit zweien aufwarten konnte. Dadurch hatte sich ein Ungleichgewicht in dem Gruppengefüge hergestellt.

Mir war die Verlagerung meiner Aufmerksamkeit während des halben Jahres von Nicole zu Leonie entgangen. Nicole hatte sich also durch den Akt des (Geld-)Wegnehmens etwas genommen, was sie brauchte: sie hatte sich ins Zentrum der Gruppe "gespielt". Dadurch war ihr Aufmerksamkeit, wenngleich negative (!) sicher.

Durch diesen Diebstahlakt war ihr unbewusst noch etwas anderes gelungen:
Nämlich eine Übertragungsverbindung zu mir herzustellen. Ich hatte mich durch meinen inszenierten heimlichen Akt (= Geld für sie hinlegen) spiegelbildlich mit ihrer Heimlichkeit (des Diebstahls) verbunden und damit ihre unbewusste Strategie übernommen. Die anderen waren ausgeschlossen. Eigentlich hätte ich offen und bewusst das Thema in der Gruppe besprechen oder eine Bildübung dazu machen müssen, aber ich hatte mich verführen lassen, zu einer Geheimnisträgerin zu werden.

Insofern hatte mein heimlich inszenierter Akt, der sie wieder in die Gruppe integrieren sollte, das genaue Gegenteil bewirkt. Andererseits verwies der Diebstahl selbst symbolisch und ganz konkret auf Nicoles Mangel und ihre Beziehungsbedürftigkeit. Die Diebstahl-Episode und meine unklare Beziehung zu Nicole beschäftigten mich. Warum hatte ich dies zwiespältige Gefühl: Ich konnte sie in ihrer Realität nicht spüren, bekam keinen Kontakt zu ihr und war ihr doch ganz vertraut?

Da diese Fragen intellektuell nicht zu klären waren, entschied ich mich, selbst ein Bild zu malen, um heraus zu bekommen welcher Art meine Beziehung zu Nicole war.

Dabei ist ein Bild entstanden, das ich als Übertragungsbild bezeichnen möchte. Während ich das Bild ‚Nicole' malte, klärten sich einige Ambivalenzen.

Übertragungsbild ‚Nicole'

Die auffälligsten Momente im Bild waren für mich damals die blonde Maske, die einen Bezug zu dem idealisierten mütterlichen Gesichtsstereotyp herstellte, der bei Nicole sowohl in der Rede von ihrer Mutter als auch in ihren Bildern immer wieder aufgetaucht war. Das dahinter verborgene, dunkelviolette Gesicht verband sich für mich mit Nicoles Heimlichkeit und Wut, ebenso das militärisch grünbraune Camouflagemuster.
Die geschlossene Faust, in der das Geklaute versteckt wurde und die gleichzeitig zum Schlag ansetzen könnte. Und dann das Rosa, was sich unersättlich ins Bild geschrieben hatte. Der kindliche Narzissmus war darin gespeichert. Und die Brüste-Landschaft aus karierten Bettbezügen, die für mich etwas zu tun hatte mit ihrer ungestillten Gier.
Besonders die Brüste-Landschaft rief assoziativ meine eigene Mutter-Beziehung hervor, in der die stillende Brust gefehlt hatte. Dieser Mangel, nie eine gut genährte emotionale Beziehung zur Mutter gehabt zu haben, hatte für den emotionalen Kontakt in späteren Beziehungen weit reichende Auswirkungen. Gab es hier eine Spiegelähnlichkeit zu der Beziehung von Nicole und ihrer Mutter? Kannte sie den Mangel eines ‚Nicht-genug-Bekommens', der sich zum essentiellen Selbstwertmangel eines ‚Nicht-genug-Seins' auswachsen kann?
War es dies, was ich als Ähnlichkeit, als etwas Vertrautes zu Nicole gespürt hatte?

Das Bild sollte mich den ganzen Gruppenprozess hindurch begleiten und legte immer wieder neue Übertragungsaspekte in der Beziehung zwischen Nicole und mir frei.