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Geburtstagswunschbild für Nicole - 2.11.05

Da Nicole in den Ferien Geburtstag hatte, hatten wir verabredet, dass ihr Geburtstag in der Gruppe nachgefeiert wird. Nicole war dies ganz wichtig gewesen. Sie hatte mit ihrer Betreuerin Apfelkuchen gebacken.
Ich schenkte ihr eine Kleinigkeit und schlug vor, ein gemeinsames Wunschbild für Nicole zu malen. Ich beteiligte mich an dem Bild.

Leonie und Marlene bauten Schichttorten für Nicole. Susanne und ich malten duftige Blumen und Schmetterlinge. Die Massivität der Torten schien Nicole arg zu irritieren, denn sie schaute immer wieder ungläubig zu Leonie rüber. In ihrem Blick war etwas Ängstliches unterwegs, auch schien sie der Ehrlichkeit der Torte nicht zu trauen: Was war das für ein Wunsch von Leonie für Nicole? War es die große nährende Mutterbrust oder eine Rakete mit Zündschur? Die Aggressivität der roten Kerze war kaum zu übersehen.
Nicole selbst malte sich ein Haus. Viele sich kreuzende Feuerleitertreppen verbanden ein Fenster mit dem anderen. Trotzdem haftete dem Haus etwas Auswegloses an - es war kein sicherer Ort.

Ich fragte sie, ob dieses Haus ihr Wunsch-Ort wäre. Sie verneinte - sie wüsste auch nicht, wie dieses Durcheinander zustande gekommen sei. Nein, sie würde sich darin nicht wohl fühlen.
Ich schlug ihr vor, für sich selbst noch einen eigenen, schönen Ort zu malen. Sie malte ihn als Außenstelle, aus dem Fundament des Hauses, wuchs ihr Ort wie ein schräges Schild heraus.

Ganz ähnlich wie zuvor im zweiten Gruppenbild tauchte auch hier eine ideale Phantasie auf: Ein grüner Garten mit einem Baum und kleinem Teich.
Nachdem sie ihren kleinen grünen Ort gemalt hatte, fühlte sie sich besser und begann das Haus vollständig mit dunkelblau über zu lasieren. Ihr fehlte ein sicherer geborgener Ort. - das Haus mit chaotisch verbundenen Feuerleitertreppen zeigte einerseits ihren Beziehungswunsch, andererseits schienen die Treppen im Bild das Haus geradezu durchzustreichen. ‚Das Haus, von dem man sich Geborgenheit wünscht, schmeißt einen raus.' Dieser prosaische Gedanke blieb bei mir hängen.

Hinter den Bildern - eine Episode vom Rand

Ich möchte an dieser Stelle ein Ereignis darstellen, das wesentlich in den Gruppenprozess eingriff und ein neues Schlaglicht auf meine Beziehung zu Nicole warf.

Wir hatten eine Bildübung angefangen, die Materialkosten verursachte und an der ich die Mädchen bat, sich zu beteiligen. Jede war einverstanden dafür einen kleinen Geldbetrag mitzubringen. Nicole und Marlene wollten eine Notiz für ihre Mutter "Meine Mutter glaubt mir sonst nicht"(Zit. Nicole).
Leonie hatte zufällig schon Geld dabei und gab es mir. Ich deponierte das Geld auf meinen Arbeitstisch, der erklärten Tabuzone.

Nach dem organisatorischen Procedere begannen wir mit der Übung. Nicole war sehr schweigsam. Erst später fiel mir auf, dass ich wieder einmal stark auf Leonie konzentriert gewesen war.

Kleiner Diebstahl
am Rand

Gegen Ende der Gruppe, während die anderen noch aufräumten, hatte Nicole schon ihre Jacke angezogen und war bereit zum Gehen, obwohl sie ihren Arbeitsplatz noch nicht aufgeräumt hatte. Das Geld war vom meinem Arbeitstisch verschwunden. Keine hatte es genommen. Daraufhin begann ein emsiges Suchen, an dem sich alle - ausser Nicole - beteiligten.

Ich spürte ihren Drang wegzugehen, aber die Ansprache der anderen, mitzusuchen und auch meine restriktive Ansage, dass jetzt keine den Raum verlasse bis das Geld wieder auftaucht, schien sie zu lähmen. Sie stand auffällig-passiv im Raum, als hätte sie mit all den Suchenden nichts zu tun, wodurch sie geradezu den Verdacht von allen auf sich zog. (= absolute negative Aufmerksamkeit!) Mehrmals gefragt, stritt sie immer wieder ab, das Geld genommen zu haben. Vor zwei Wochen hatte es im Rauhen Haus e.V. ebenfalls einen Diebstahl gegeben. Nicole hatte dort Geld aus der Kasse entwendet.

Als die anderen gegangen waren, sprach ich sie noch mal an. Ihr ganzer Körper glich einer uneinnehmbaren Festung. Voller Abwehr. Mir fiel wieder ihr erstes Baumbild mit diesem massiven unbeweglichen Stamm. Nicole wirkte stur, gefühllos und in sich eingeschlossen. Sie wehrte alles ab, was im Zusammenhang mit dem Diebstahl etc. stand. Als ich andeutete, dass sie ja oft allein sei, rollte Traurigkeit aus ihr heraus. Sie weinte, erzählte von ihrer Mutter, von der sie arg beschimpft und geschlagen werde. Sie dürfe aber nicht sagen, warum. Die Mutter hätte es ihr verboten. Und der Vater (= Stiefvater), der würde gar nichts mit ihr machen....

Empathie -
was ist richtig?

Zum ersten Mal nehme ich ein Gefühl von Nicole wahr und empfinde so etwas wie Empathie ihr gegenüber. Gerade deshalb beschäftigt mich die ganze Woche die Frage, wie ich die Situation in der Gruppe das nächste Mal lösen soll, ohne Nicole zu kompromittieren. Ich entscheide mich für eine kleine Inszenierung, die Nicole schützen soll. Das nächste Mal hat sich Nicole Verstärkung mitgebracht, nämlich ihre drei Jahre jüngere Freundin Sammy, die sie schon häufiger mal erwähnt hat. Sammy ist ein sehr schweigsames Mädchen. Sie wird von Nicole wie Luft behandelt.