Geschrieben von: Utta Hoffmann
2. Gruppenbild: ‚Spiegelmandala' - 26.09.05
Anwesend: Leonie und Susanne, etwas später Marlene
Nicole, eine Stunde verspätet
Leonie und Susanne kommen freudig erregt im Atelier an,
besonders Leonie.
Sie hält mir eine Grundrissskizze unter die Nase und erzählt,
dass sie jetzt ihr eigenes Zimmer bekommt.
Während wir noch auf Marlene und Nicole warten, richten
Leonie und Susanne auf dem Papier das Zimmer ein.
Leonie erklärt mir sehr genau, wo sie was hinstellen möchte.
Ihr ‚neues' Zimmer ist das Wohnzimmer bzw. die familiäre Abstellkammer.
Übung
Als Hauptübung vor den Herbstferien hatte ich noch ein Gruppenbild vorgesehen, in dem die Gruppe sich noch einmal aufeinander beziehen sollte, um die zwei Ferienwochen zu überbrücken.
Jede sollte versuchen - spielerisch interaktiv - auf ihr Gegenüber zu achten, das Gemalte der anderen aufgreifen oder als weiterführende Inspiration für das Eigene sehen oder je nach Stimmung anders darauf reagieren - sei es durch Nachahmung, Kontrapunkt oder Negierung.
Angestrebte Erfahrung
Die Übung sensibilisiert die Wahrnehmung für den Anderen. Wie ein Austausch im Sinne eines Gruppenbildgesprächs zu zweit, allerdings mit dem Unterschied, dass jede von ihrer sicheren Malposition Zeichen ‚senden' bzw.‚empfangen' kann.
Bildprozess
Wir beziehen den Tisch mit Papier.
Leonie lehnt sich spontan mit ausgestreckten Armen über die mit Papier bezogene Tischplatte, Susanne und Marlene ebenso.
Durch diese spontane Gestik, kommt mir die Idee, das Mandala wie eine Art Fortsetzung des ersten Gruppenbilds zu malen.
Jede sitzt an einer Tischseite, Hände und Arme werden umrandet.
Leonie und Susanne sitzen sich gegenüber und beziehen sich aufeinander. Der Platz gegenüber von Marlene ist noch immer frei,
weil Nicole noch nicht da ist.
Leonie beginnt mit der rechten orangenen Sonne und lässt aus ihren Armen und Händen Bäume wachsen - sie wirkt sehr gemittet,
greift klar und selbstbewußt zu den Farben, hoch konzentriert und - sie nimmt viel Raum ein, auf dem Papier.
Marlene dagegen, ist heute fahrig und lustlos und versucht während des Malens verbal ständig Kontakt zu Leonie herzustellen,
was misslingt. Offenbar ist die Verbindung zwischen Leonie und Susanne heute zu innig und dadurch abgeschottet.
Doch Marlene versucht immer wieder zu Leonie eine Brücke zu bauen, erfindet sehr phantasievoll eine Übernachtungsverabredung mit
ihr. Sie hätte für Leonie schon die Luftmatratze aufgebaut, und ob Leonie denn ihre Mutter informiert habe...?
Leonie ist irritiert. Letzten Endes stellt sich heraus, dass Marlene alles erfunden hat.
Eine eifersüchtige Inszenierung, um die Traurigkeit über das Ausgeschlossensein zu befrieden.
Der Versuch an Leonie anzudocken, spiegelt sich auch im Bild wieder, denn Marlene greift die Metamorphose Hand/Arm - Baum von Leonie auf.
Als Nicole nach einer Stunde Verspätung zur Gruppe kommt, flüstert sie mir als erstes leise zu, dass ihr zwei Backenzähne gezogen
wurden und sie fünf Kilo abgenommen habe. Ein Geheimnis, was nach Bestätigung verlangt!
Sie setzt sich zu den anderen an den Tisch und beginnt eine kleine Palme zu malen.
Doch - wie schon so oft - hat sie nicht richtig zugehört und ich erkläre ihr die Übung noch mal.
(Erst beim Erklären merke ich wie kompliziert die Aufgabe für Nicole sein muss und frage mich,
warum ich eigentlich nicht einfach ein Gruppenbildgespräch gemacht habe!?).
Sehr lustlos deformierend "übernimmt" sie den Baum von Marlene und die rote amorphe Form mit dem schwarzen
Kern. Anschließend ‚ist sie am Zug'. Sie setzt einen gelben und blauen Strich, den Marlene von ihr aufgreift,
aber an die falsche Stelle setzt, nämlich unter den Baum. Nicole wird darüber ungehalten und ärgerlich.
Sie fühlt sich ‚nicht richtig' gesehen und will jetzt auch nicht mehr auf die anderen achten (Trotz!).
Entsprechend ihres regressiven Gefühls malt sie auf den gelben und blauen waagerechten Strich unter ihre Palme
eine kleine Inselszenerie mit kleinen Figürchen.
Trotz des Rückzugs auf ihre kleine Insel, möchte sie aber Aufmerksamkeit von den anderen und macht verschiedene
Versuche, diese zu erreichen. Als sie z.B. eine Farbflasche braucht, ruft sie mehrmalig laut in die Runde:
"Wer gibt mir mal das Gelb?" Keiner bewegt sich...."Hol dir doch das Gelb!" Nicole muss selbst aktiv werden und
aufstehen. Oder sie kleckst mal wieder auf ihre gute Hose, als würde sie aus dem Fleck und dem daraus resultierenden
Auswaschen die entsprechende Portion Aufmerksamkeit für sich ziehen.
Sie beginnt sich im Gesicht zu bemalen und lacht ein wenig verschämt.
Leonie und Susanne sind im Malprozess sehr stark aufeinander bezogen, arbeiten beide gemeinsam an ihrer Welt (= Erdball). als würden sie auf ihrer grünen Spielwiese damit fangen spielen - die anderen beiden sind außen vor.
Assoziationen zu Leonie und Nicole
Die positive Botschaft von Leonie, ein eigenes Zimmer zu bekommen, beeinflusste intensiv den Mal- und Beziehungsprozess und das Verhalten Leonies. Susanne war ihre Komplizin in diesem neuen eigenen Gefühlsraum. Leonie hatte sich selbstbewußt und raumgreifend gegeben, was sich auch im Gruppenbild niederschlug. Ihre Gestik, mit den ausgestreckten Armen die Papierfläche einzunehmen, hatte mich mit Begeisterung infiziert, so dass ich spontan die Übung im Leonies Sinne erweiterte. Wieso hatte ich mich verführen lassen von Leonies überschwänglicher Stimmung?
Übertragung- die stolze NebenmutterIn gewisser Weise hatte ich die raumgreifende Geste von Leonie i. S. einer Übertragung aufgegriffen. Hinzu kam, dass sich bei mir so etwas wie diffuser Stolz regte, als ich von Leonies eigenem Zimmer hörte. So deutete ich diese positive Veränderung auch als ein allmähliches Wirken unseres Gruppendaseins, an dem auch ich - quasi als stolze Nebenmutter - meinen Anteil hatte.
Dies Übertragungsgefühl setzte sich fort. Meine Aufmerksamkeit war viel stärker auf Leonie gerichtet als auf Nicole oder die anderen. Im Bild selbst zeigte sich m. E. der ICH-Zuwachs bei Leonie dadurch, dass sie aus Händen und Armen Bäume wachsen ließ - wenngleich Zwillingsbäume, die unten und oben verschmolzen und in der Stammmitte gespalten waren. Als hätte Leonie ihre enge Verbindung zu Susanne in den Zwillingsbäumen spiegeln wollen. Die Zwillingsbäume riefen in mir aber auch Leonies oft schwankende Beziehungsbindung zu ihren beiden so unterschiedlichen Freundinnen Marlene und Susanne wach.
Im Zweierspiel hatten Leonie und Susanne die Welt für die Gruppe entworfen und damit die Mitte
(des Bildes) eingenommen - das war unübersehbar. Die beiden beherrschten ganz zentral die "Welt der Gruppe", zu der
Marlene und Nicole eindeutig nicht gehörten.
Marlene war von Anfang an in einer sehr melancholischen Stimmung gewesen, die ich bei ihr so noch nicht erlebt hatte.
So wie sie Leonies Nähe suchte, erinnerte es mich eher an Leonies Verhalten aus früheren Zeiten - als hätte Marlene Leonie
ein Gefühl abgenommen. Leonie hingegen ignorierte sie fast, als sie müsse sie die unverhohlen zur Schau getragene Traurigkeit von Marlene abwehren.
Bei Nicole fiel mir nachträglich auf, dass ich offensichtlich ihren Stolz hinsichtlich ihres Zahn - und Kiloverlustes nicht genug gewürdigt hatte.
Sollte ich sie dadurch, dass ich die stolze Mutter - Übertragung nicht angenommen hatte, in die Regression getrieben haben?
War ich zu stark auf Leonie konzentriert gewesen?
Nicole reagierte jedenfalls mit Taubheit und Regression in das Bild hinein: Unten rechts malte sie ihre eigene kleine Inselwelt-
Palme, Sonne, Fische und einige Wurmfiguren.
Es fällt ins Auge, dass sie ihren linken Arm in demselben Blau malte wie die zentrale Weltkugel von Leonie und Susanne. Der Arm greift nach der Welt, nach draußen, möchte eine berührende Verbindung, wird jedoch ausgebremst von der roten, amorph umrandenden Fläche.
Es wunderte mich, dass der virulente Imitationsdrang Nicoles, der sich in den vergangenen Übungen immer wieder gezeigt hatte, gerade bei dieser Übung, die ja Nachahmung offen anbot, von Nicole verweigert wurde.
Ich empfand ihr Verhalten in der Deutung als zwiespältig: Suchte sie sich nun einen eigenen Ort, weil sie sich ausgeschlossen fühlte und nicht genug Zuwendung/ Aufmerksamkeit bekam oder war sie in der Gruppe ausgeschlossen und suchte sich deshalb einen Ort außerhalb? ‚Der eigene Ort außerhalb' tauchte auch noch in späteren Übungen bei Nicole auf.
Kritische Anmerkungen zur Übung
Im Nachhinein scheint mir diese Übung zu stark affirmativ gewesen zu sein. Die Aufgabenstellung war zu
zielgerichtet und zu kompliziert in der Ausführung gewesen.
Sie implizierte stets gleichzeitig bei sich bzw. dem anderen zu sein, was eigentlich einer symbiotischen Matrix entspricht.
Ich war der Übertragung von Leonie ohnmächtig ausgeliefert gewesen, was mich entsprechend an der Empathie für Nicole gehindert hatte.
Zwar war das Bild ästhetisch gelungen, setzte allerdings keine Ressourcen frei hinsichtlich der Beziehungsaufnahme in der Gruppe,
sondern bildete nur 1:1 die bereits vorhandene gespaltene Gruppensituation ab, die auch bereits vor dem Malprozess bestand.
Susanne und Leonie als Paar, sowie Marlene und Nicole als einzelne Abdrifter.
Durch Aufgabenstellung und Sitzordnung - je zwei gegenüber- am Tisch, wurde die Situation der klar definierten Zweiheit in
der Gruppe nochmals potenziert und verstärkte auf der anderen Seite auch das Ausgeschlossensein der anderen ( Nicole und Marlene)
Zumindest beim Gruppenbild - vor den Ferien - wäre ein erneuter Versuch, mit den Mädchen ins Sprechen zu kommen, vielleicht fruchtbar gewesen.
Doch ich hatte den starken Widerständen seitens der Mädchen nachgegeben, ohne den Widerstand selbst noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt zu
thematisieren.
Die Tatsache, dass ich auf meinem Konzept beharrt hatte, noch vor den Ferien ein Gruppenbild zu malen, anstatt ganz grundsätzlich auf die von
Leonie und Susanne "mitgebrachte Situation des eigenen Zimmers" bzw. den Zahn -und Kiloverlust von Nicole mit einer vollständig anderen Übung
einzugehen, zeigt wie blind man auch bei selbst angeleiteten Wahrnehmungsübungen sein kann.