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Susanne hingegen, war sehr distanziert, redete wenig und wirkte ein wenig kühl. Innerhalb der Gruppe schien sie immer ein wenig in ihrem eigenen Kokon zu bleiben, arbeitete meist still und hoch konzentriert und gab sich hinsichtlich Bildentscheidungen sehr selbstsicher und eigen. An der Seite von Leonie schien sie i. G. zur ‚roten' Marlene, den blauen Farbwert zu übernehmen.

Die Ambivalenz, die dem Rot innewohnt, nämlich einerseits eine warme, ganz dicht heranrückende Farbe zu sein, andererseits eine, die sich als ein Gefühltes von Innen nach Außen bewegt und in dieser Dynamik einen Gefühlskokon abwickelt, sei es Aggressions - oder Liebeswallung, führt möglicherweise auf die verdrängte Spur in Leonies Gefühlsbereich.

"Es geht auch darum, das Erinnerte mit dem dazugehörenden Gefühl in Verbindung zu bringen, aufzuladen. Bestimmte Farben und/oder Farbverbindungen können uns auf die Spur des verdrängten Gefühls bringen.... Nach der aktiven Verwendung einer vermiedenen Farbe, kann der Gefühlsbereich, der damit in Zusammenhang steht, erschlossen und aktiviert werden" ( Zit. G.Bommersheim)

Das Rot tauchte immer massiver in ihren Bildern auf, obwohl bzw. gerade, weil es als "hässlich" apostrophiert und weggedrängt werden sollte.

Tastporträt - 24.08.05

Anwesend: Leonie, Nicole und Marlene

Übung

1. Teil : Wahrnehmungsübung
Mit geschlossenen Augen erkunden beide Hände, allerdings nur mit den Fingerspitzen, das eigene Gesicht. Vom Haaransatz über Stirn, Augenbrauen, Augenhöhlen, Nasenwurzel etc. hin bis zum Halsansatz. Am Ende der Übung ruht der Kopf in der Schale der beiden Hände.
Ich führe und begleite diese Wahrnehmungsübung durch Sprechen.

2. Teil: tastendes Zeichnen
Anschließend wiederholt nur eine Hand die Tastreise durch das Gesicht, während die andere parallel mit Kohle die Berührungslinien auf dem Papier seismografisch "aufzeichnet"

3.Teil/ Farbakzente setzen mit offenen Augen
Das eigene Bild soll in Ruhe betrachtet werden und
bestimmte Stellen der Zeichnung können mit Farbe betont werden - ohne das Porträt zu übermalen!

Angestrebte Erfahrung

Durch das ‚Sich-selbst-Betasten' entsteht eine gefühlte Beziehung zu sich selbst - jenseits der Augenkontrolle. Das entstehende Selbstbild kann in seiner visuellen Deformation durch die eigene Tasterfahrung besser akzeptiert werden.

Bildprozess/Leonie

Die Mädchen reagierten sehr unterschiedlich auf die Übung:
Leonie, die an diesem Tag sehr offen und weich war, genoss es, sich zu betasten und bei sich zu bleiben.
Ihr Tastporträt erinnerte an einen zarten am Papierrand verwurzelten Gnom.
Nach dem Augen öffnen und Anschauen des Bildes, stellte sich bei Leonie der kurz aufflammende Reflex ein, ihr Gesicht als "hässlich" zu bezeichnen, doch er wich einer lächelnden Verblüffung als alle anderen ihn als lieben kleinen Gnom aus dem Film "Herr der Ringe" assoziierten.

Während des 3.Teils der Aufgabe bemalte Leonie ihren Gnom fast zärtlich. Sehr vorsichtig und liebevoll legte sie schraffierend grüne und hellgelbe Flächen in das Tastporträt...
Immer wieder entsponnen sich scherzende Gesprächsfäden, in denen es um die Vorstellung von Gnomen ging, die jede/r in sich trägt, frei nach dem Motto : Jedem sein Gnom!
Parallel und in der Pause fortgesetzt, erzählte Leonie von sich. Dass sie jetzt bald ein eigenes Zimmer bekäme..., zwar sei das Zimmer zurzeit noch Abstellraum, aber ihre Bilder würden dort schon hängen... und sie freue sich darauf.

Assoziationen zu Leonie

Leonies Stimmung erstaunte mich - ich hatte sie nie zuvor so durchlässig, weich und ausgeglichen erlebt.
Möglich, dass es mit der neuen Perspektive eines eigenen Zimmers zusammenhing. Interessanterweise hatte sie jetzt das Zimmer, was vor Wochen noch das idealisierte Wohnzimmer gewesen war, als das darstellen können, was es war: als Abstellraum.

Noch ein anderer Aspekt, der durch die Übung zum Vorschein gekommen war, schien mir etwas mit der Wahrnehmung zu tun zu haben. Ich selbst hatte bislang das Augenhandikap von Leonie verdrängt.
Vielleicht war es ja gerade die Fehlsichtigkeit bzw. das Sehhandikap was sie unter Druck setzte und sie zur Perfektion antrieb.

Insofern hatte die Blindzeichnung auch zu einer Druckentlastung bei ihr geführt: Sie musste nicht mehr perfekt und fehlerfrei arbeiten und ihre Sehschwäche durch einen überkontrollierenden Blick kompensieren, sondern konnte durch die Blindzeichung auch Schattenanteile, eben gnomische, zumindest zulassen, wenn vielleicht auch nicht akzeptieren.

Bildprozess/Nicole

Ganz anders als Leonie reagierte Nicole auf diese Übung. Sie tat sich schwer beim Betasten ihres Gesichts, schielte zwischen ihren Händen immer wieder zu den anderen rüber. Ab und zu erinnerte ich sie an die ‚Spielregel' der Aufgabe.
Doch ihr Blick schien sich durch die Finger fast magnetisch zu den anderen hin zu bewegen.
Als sie am Ende ihr getastetes Ergebnis auf dem Papier sah, war sie geschockt, verweigerte jedes Sprechen darüber und verlangte sehr dringlich nach den dicken Fettstiften, mit denen sie sofort die Zeichnung zu übermalen begann.

Erst nachdem Nicole ihr Blindporträt vollständig übermalt hatte, konnte sie über ihr Bild sprechen. Sie verwies auf die roten Spangen im Haar und die roten Ohrhänger, die ihre Mutter immer trage.

Assoziationen zu Nicole

Der Anblick ihres eigenen aus der Form geratenen Blindporträts war Nicole unerträglich.
Ich konnte ihre Erleichterung spüren, nachdem sie ihre Blindzeichnung sehr entschlossen mit den Fettstiften übermalt hatte. Sie liebte die Fettstifte und verlangte immer wieder nach ihnen. Sie symbolisierten ihre Sehnsucht nach ICH - Stabilität.

Blondschemagesicht und dicke rote Beeren

Durch die Übermalungen wollte sie ihr eigenes Tastporträt aufhübschen, doch tatsächlich war es nicht mehr ihres, sondern eine Mischung aus ihrem oft benutzten Blondschemagesicht, der idealisierten Mutterimago* und ihren eigenen Wutknoten. Die hübschen, roten Haarspangen entpuppten sich demnach als kleine Teufelshörnchen, die roten Ohrhänger erinnerten stark an die Schwimmblasen eines Frosches bzw. Hamsterbacken.

Die übermalenden Verschönerungsmaßnahmen zeigten ihr wütendes Teufelchen umso mehr, je mehr sie es verstecken will. Selbst die kleine rote Tulpe( links) schien eher zu eine spitze Dreizack- Waffe zu sein.

Nicole war es gelungen in der konsequenten Übermalung ihren wütenden Widerstand gegen mich und die Übung zu zeigen. Sprechen konnte und wollte sie darüber nicht.
Erst als die anderen Mädchen nach den roten Backen fragten, belehrte Nicole sie beleidigt: "Das sind rote Ohrringe!"
Mit der Übermalung hatte sie mir ein methodisches Mittel gezeigt. Übermalung als Widerstandsmittel, um im Widerstand gegen das andere, Vorgegebene die eigenen Gefühle erst einmal bildnerisch zu erleben, bevor sie wahrgenommen werden können.

*Der ‚Imago'- Begriff stammt von C.G. Jung und beschreibt ein erworbenes imaginäres Schema, das sich in den ersten intersubjektiven, realen und phantasierten Beziehungen im familiären Umfeld gebildet hat. Ein statisches Klischee, nach dem ein Subjekt den anderen erfasst: Mutter-,Vater- und Bruderimago. Die Imago lässt sich ebenso gut durch Gefühle, Verhaltensweisen und Bilder objektivieren. Es handelt sich aber nicht um eine Widerspiegelung des Realen. So kann die Imago einer schrecklichen Mutter sehr wohl mit einer real farblosen Mutter übereinstimmen und umgekehrt.