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Da Nicoles Hände in meinen Augen eine so exponierte Rolle in den bisherigen Bildprozessen spielten, möchte ich an dieser Stelle kurz auf die Bedeutung von Händen eingehen.

Exkurs ‚Hände'

Die Hand ist als Symbol aus vielfältigen kulturellen Kontexten bekannt. Wie schon Höhlenmalereien zeigen, handelt es sich um einen archaischen Drang, die eigene individuelle Präsenz zu visualisieren - etwas, was im Kollektiv - Unbewussten weiter wirkt.

Entwicklungspsychologisch betrachtet, kommt der Hand - nach dem Mund- als Tast-, Greif- und Kontaktorgan wesentliche Bedeutung zu. Mit dem Mund bzw. der Hand wird vom Säugling der erste Kontakt in der Symbiose mit der Mutter hergestellt. Im 1.Lebensjahr, dem primären Zustand entwickelt das Kind sein bindungssuchendes Verhalten. Über die Suche nach Nahrung, verknüpft mit oraler Lust entsteht Kontakt/Nähe - oder aber eben kein Kontakt. D.h. was am Anfang die Mutterbrust, sind später die Dinge der Welt, was anfangs der Mund, sind später die Hände. Mit den Händen wird Welt be-griffen und Kontakt aufgenommen (s. oral - kaptative Phase), indem alle möglichen Dinge in den Mund bzw. in die Hand genommen werden. Es ist eine Weise der Weltaneignung, in der sich gleichermaßen eine Subjekt-Objektdifferenzierung vollzieht. Erikson bringt diese Phase des 1.Lebenjahrs mit dem Motto: "ich bin, was ich bekomme" auf den Punkt.

Inwieweit sich Verbindungen zur oralen Phase bei Nicole herleiten ließen, in dem Sinne, dass sie vielleicht nicht genug guter Kontakt mit der Mutter hatte oder, ob Störungen in dieser Phase der mögliche Schlüssel zum Verständnis ihrer kleinen Diebstähle lag - diese Fragen gärten in mir weiter!


Bildprozess/ Leonie

Leonie beginnt ihre Figur flächig auszumalen, den Kopf gelb, den Oberkörper orange, den Unterkörper rot. Dabei entsteht eine scharfe Mittellinie auf Nabelhöhe, zwischen oberer und unterer Körperhälfte. Als von der oberen orangenen Fläche durch den flüssigen Farbauftrag eine Farbträne in den unteren roten Bereich rollt, versucht Leonie verzweifelt diese Farbträne aufzuhalten, doch es bleibt eine verwischte Tränenspur. Leonie wird wütend, gerät außer sich, findet ihr Bild plötzlich "hässlich" und beginnt mit dem Pinsel auf diese "hässliche" Stelle im Bild einzupeitschen. Ihre Wut steigert sich derart, dass sie die obere orangene Farbe mit beiden Händen nach unten schmiert und dabei, fast als würde sie sich selbst kasteien, skandiert "hässlich, hässlich, hässlich". Sie greift zu schwarzer Farbe und fängt an das Bild damit zu übermalen. Leonie wirkt in ihrem körperlichen Gestus ‚außer sich'. Mir verschlägt es die Sprache angesichts dieser vulkanisch geladenen Energie, die aus Leonie heraus bricht. Bislang war es immer Marlene gewesen, die sehr expressiv ihren jeweiligen Launen in der Gruppe Ausdruck gab. (Sind Susanne und Marlene etwa die beiden schwarzen Flügel? Stütze und dichotome Anteile von Leonie?)

In diesem "heißen" Moment spüre ich den Impuls, Leonie vor irgendetwas bewahren zu müssen. Vielleicht davor, dass sie ihr Bild mit dem Schwarz vollständig zudeckt? Bewahren vor der Zerstörung? Ein mütterlich sorgender Akt? Spontan trete ich hinter sie und halte sie an ihren Schultern. Durch diesen körperlichen Kontakt, diese Berührung, hole ich sie wieder ins Hier und Jetzt zurück. Ich spüre, wie die Spannung langsam aus ihrem Körper weicht und bitte sie leise, zwei oder drei Schritte von ihrem Bild zurückzutreten. Meine Hände liegen noch immer auf ihren Schultern. Wir stehen eine Weile ruhig hintereinander, der Atem wird tiefer. Ihr Bild ist das Gegenüber - die andere Leonie, ihr anderes.

Mir fällt dazu eine Familienaufstellung von mir ein, in der ich anfangs allein stand, unstabil durch eine Konfrontation - bis "meine aufgestellte Mutter" hinter mich gestellt wurde als stabilisierende Verstärkung, ein Gefühl, das ich durch meine eigene Mutter so nie erfahren hatte...

Die anderen Mädchen sind dazu gekommen und betrachten auch Leonies Bild. Offensichtlich spüren alle, dass hier etwas für Leonie sehr Wesentliches passiert ist. Die anderen finden, dass die Figur durch das Verwischen des Oranges jetzt viel wilder und lebendiger wirkt. Und was ist mit dem großen linke schwarzen Fleck? Der könnte sich ja auch zu einem Flügel auswachsen; und mit einem zweiten Flügel würde die Figur zu einem Engel werden. Ich erzähle die Geschichte Luzifers, dem Lichtbringer, der später fälschlicherweise durch den biblischen Kontext seinen Namen dem Teufel leihen muss, ein gefallener, verstoßener Engel - Leonie gefällt dies von allen zusammen gesponnene Bild. Sie wirkt jetzt, durch die Anerkennung der anderen, ganz gelöst, fühlt sich gesehen und getragen. Sie kann ihr Bild so stehen lassen wie es ist.
Nur den zweiten schwarzen Flügel möchte sie rechts noch dazu malen - wegen der Balance.

Assoziationen zu Leonie

Als sei die gemalte Figur in Leonies Bild zum Spiegel geworden. Die Farbkomposition spiegelt das ganze, eben Erlebte, noch mal zurück: Die ganze Figur gleicht einer lodernden Flamme. die Hilfe rufend die Arme empor reißt, als würde sie verbrennen. Die von unten aufsteigende rot-orange-gelbe Farbströmung in der Figur zeichnet das feurige Wüten Leonies, ihre vitale Aggressivität aber auch eine warme bis leidenschaftliche Lebendigkeit nach. Das Schwarz als Verdränger und gleichzeitiger Ich-Stabilisator. Das Blau reflektiert das Zurücktreten vom Bild, wo aus einer relativ sicheren Distanz der Blick und die Emotionen geklärt werden konnten.

Fragen, Fragen, Fragen.....

Mich beschäftigt die Frage, was Leonie mit dem "Hässlichen" abwehrt bzw. abspaltet. Das Hässliche entspricht jenen eigenen dunklen Schattenanteilen, die mit tiefer Trauer, Schwäche, Neid (?), aber auch unkontrollierten, schamvollen Emotionsausbrüchen und der Angst in Verbindung stehen. Das Hässliche soll verdeckt werden, obwohl es gesehen werden will.

Durch das Erleben mit und in dem Bild fungierte das Bild als eine Art Katalysator. Hier wurde das "Hässliche"/Negative umgewandelt wie in einem alchimistischen Prozess (C. G. Jung). Die Wut und das Schwarz konnten zugelassen werden. Die anfängliche Zerstörung (=schwarze Übermalung) wurde umgewandelt zu etwas Neuem(= schwarze Flügel), das eher aufbauend und stabilisierend ist.
Die Destruktion ist im Bild nach wie vor sichtbar. In gewissem Sinne hatte das Bild die Wut von Leonie sich "einverleibt" und sie ihr damit abgenommen.

Aber waren diese heiß-kalten Stimmungswechsel bei Leonie eventuell auch auf das Borderline - Milieu ihrer Mutter zurückzuführen, dem sie und ihr Bruder tagtäglich ausgesetzt waren? Oder wurden gar die starken Emotionen zu Hause von der Mutter besetzt, so dass Leonie eher die Rolle der Sorge tragenden, sich kümmernden Mutter übernahm, aus Angst vor einer erneuten Trennung, eines Verlassenwerdens (erneuter Klinikaufenthalt der Mutter)?
Sollte die leidvolle Erfahrung des Verlassenwerdens, des Nichtgesehenwerdens seitens ihrer Mutter, die sie vielleicht abgespaltet hatte, traumatisierende Spuren in ihr hinterlassen haben?
Fragen, Fragen, Fragen und kreisende Spekulationen - in mir sucht es nach dem Dingfesten. Soll das etwa heißen, ich will etwas beweisen? Oder soll etwas wirklich werden, was in meinem Kopf kreist und nach Projektionsflächen im Äußeren sucht?
Vielleicht ist ja alles ganz anders.... Was projiziere ich - was sind meine Anteile an diesem ganzen Geschehen - wie finde ich das heraus?

Gegenübertragung

Es taucht noch etwas anderes auf - was mir auf identifikatorische Weise bei Leonie bekannt vorkommt:
das ‚Nicht-gut-genug-sein' und der daraus resultierende Druck der Perfektion, weil nur dadurch Legitimation vor der Mutter und der Welt zu erlangen ist...

Meine Form - 22.08.05

Anwesend: Leonie, Marlene, Nicole und Susanne

Übung

Jede soll sich eine geometrische Form wählen, mit der sie sich verbunden fühlt: Kreis, Quadrat, Dreieck, Rechteck, Oval.

Bildprozess

Leonie begann das Papierformat mit einem großen aufrechten Dreieck einzuteilen, so dass drei Dreiecke entstehen:

Das mittlere Dreieck malt sie blau aus, auch die anderen beiden. Plötzlich setzt sie Rot in die Mitte des mittleren vormals dunkelblauen Dreiecks - die Farben mischen sich zu Dunkelviolett. In der Mitte bleibt ein undeutliches rotes Dreieck stehen. Sie fängt noch einmal an - auf einem neuen Blatt. Jetzt malt sie die Ränder des Blattes rot, das innere Feld gelb und dunkelblau. Sie malt wütend mit heftiger Gestik und sehr schnell - übermalt dann den roten Rahmen mit Schwarz, weil "das Rot ist hässlich!" "Alles hässliche Rot muss verschwinden!" (Zit. Leonie)

"Rot ist hässlich!"

" Wir können aus dem Beispiel ableiten, dass Rot ein starkes Symbol für Gefühle sein kann. Stark in jeder Hinsicht, auch in der Anstrengung, es abzuwehren....wenn es Aufgabe der Psychotherapien ist, an und mit Gefühlen zu arbeiten, dann liegt das Problem auf der Hand: die Erinnerung an das Verdrängte ist nur Teil des Heilungsprozesses...." (Zit. G. Bommersheim)

Leonie ist unzufrieden mit sich und strahlt etwas rigide Unerbittliches aus. Sie kann einfach nicht begreifen, warum sie immer mit hellen leuchtenden Farben anfängt, die dann - wie von selbst - immer dunkler werden. Ich schlage ihr vor, es einfach mal in umgekehrter Reihenfolge zu versuchen. Sie probiert es im dritten Versuch: Nachdem sie die Farben Rot, Blau, Grün gemalt hat, überdeckt sie diese mit Weiß.
Es entstehen pastellene Farbtöne. Bezeichnerderweise wählte sie als ihre Form jetzt den Kreis. Ihre Stimmung ist leichter und flüssiger geworden. Vielleicht durch das Weiß, das die dunklen, kraftvollen Farben abmildert, ihnen die Schärfe und vielleicht sogar das Bedrohliche nimmt.
Vielleicht aber auch, weil während des Malprozesses am Tisch eine entspannt liebevoll witzelnde Atmosphäre zwischen den Mädchen entstanden ist.
Ich erzähle anhand von verschiedenen Beispielen, warum es nichts Hässliches in der Kunst gibt, und so wird schließlich vereinbart, dass das Wort "hässlich" zu behandeln wie manch einen Hund "Bitte draußen bleiben!"
Der Humor schafft bei Leonie eine kleine Distanz, durch die sie über sich und ihr "hässlich" selbst zu lachen beginnt.
Sie ist der rigiden Selbstabwertung offenbar nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert, denn am Ende der Übung, als jede ein Bild auswählen und aufhängen soll, wählt Leonie signifikanterweise mit einem spitzbübischen Lächeln gerade das erste Bild aus: das "hässliche Rot".

Assoziationen zu Leonie

"Hässlich" hat sie in dieser Übung an die Farbe Rot gebunden - zwischendurch betonte sie immer wieder, dass Blau ihre Lieblingsfarbe sei - der distanzierte Gegenpol?
Wovon spricht dieses Rot, was so tief in der Seele der so coolen Leonie sitzt. Mir fiel im Laufe der Zeit immer mehr auf, dass sich Leonie offenbar unbewusst auch in ihrer Freundinnen - Wahl an den Farbtemperamenten Rot und Blau orientiert hatte.
Vielleicht lebte Marlene Leonies ‚Rote Innenseiten' aus, wohingegen Susanne mit ihrem kühl distanzierten Wesen eher Leonies Blaugrünanteile übernahm? In Marlenes Wesen steckte etwas unglaublich Wild-Erotisches. Ihre Art zu malen, aber auch ihr sonstiges Verhalten war sehr direkt emotional und physisch. Manchmal rollte sie plötzlich auf dem Boden durch das Atelier, fast hysterisch schreiend oder lachend, erzählte schwärmerisch von süßen Jungs an der Bushaltestelle und ließ ihren begehrlichen Phantasien ungezügelten Lauf.
Leonie schien fast ein wenig berauscht von Marlenes Gefühlswirbeln, um sie dann gleichermaßen sehr vernünftlerisch erwachsen zu Recht zu weisen. Andererseits verhielt sich Marlene sehr kooperativ und verantwortlich warm den anderen gegenüber.