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Ganzkörperbild - 25.05.05

Anwesend: Susanne, Marlene, Nicole und Leonie
(Nicole - 15 Minuten verspätet)

Übung

Jede hilft der anderen ihren Körper am Boden auf Packpapier mit Jaxon - Kreiden zu konturieren. Die Körperkontur soll anschließend von jeder, wie ein Gefäß, mit den Gefühlsfarben/Stimmungen, die gerade präsent sind, gefüllt werden.

Angestrebte Erfahrung

Durch den bereits vorgegebenen Rahmen für den eigenen Körper bzw. der Grenze zwischen "innen" und "außen" wird das freie Malen erleichtert. Selbsterfahrung auf der Ebene der Wahrnehmung von eigenen verborgenen Gefühlen/Wünschen. Das Innen und Außen des Bildes kann in Beziehung zur eigenen Person gesetzt werden und sich im Verlauf ändern. Gruppendynamisch stellt sich durch das anfängliche paarweise Zusammenarbeiten eine körperliche Nähe/Berührung her.

Bildprozess

Leonie und Marlene arbeiten zusammen und ich konturiere Susannes Körper. Als Nicole kommt, löst mich Susanne ab. Marlene beginnt sich für das Ausmalen am Boden einzurichten. Leonie hat sich eine eigene Ecke gesucht. Nicole arbeitet wieder rechts neben Susanne an der Wand - wie das letzte Mal.

Während des Malprozesses schielt Nicole immer wieder verstohlen zu Susannes Bild. Wieder benutzt sie Susannes Farben ( Blau, Hellgelb, Rot), wodurch sich Ähnlichkeiten in beiden Bilder überkreuz herstellen:
Hände bei Susanne + Korpus bei Nicole= hellgelb Füße bei Susanne + Hände bei Nicole= schwarz beide Köpfe= zinnoberrot

Den hellgelben Körper bestempelt Nicole ebenfalls in zinnoberrot, nachdem sie es bei Marlene gesehen hat, mit einem kleinen Schwämmchen.

Assoziationen zu Nicole

Wiederholt fällt Nicoles imitatives Malverhalten auf. Als würde sie darüber eine Nähe oder Verbindung zu Susanne bzw. Marlene herstellen, in dem sie deren Farben und Formen benutzt. Möglich ist, dass der Neid bei ihr eine große Rolle spielt. Signifikant spiegelt sich das in der hellgelben* Farbe, die sie für ihren ganzen Körper im Bild benutzt hat. Durch den Kontrast vor dunkelblauen Hintergrund, springt ihr hellgelber Körper noch mehr ins Auge und läßt ihre reale Leibesfülle fast leuchten. Nicole will ganz offensichtlich gesehen werden und bekommt nicht genug. Ihren gelben Körper hat sie auch in diesem Bild "bestempelt", diesmal nicht mit den Händen wie im Gruppenbild, sondern mit einem Schwämmchen und roter Farbe. Diese Spuren auf dem Körper erinnerten mich in ihrem Musterhaften auch an Stigmata, aussätzige Wundmale.

Für ihren Kopf wählte Nicole Zinnoberrot, dieselbe Farbe, die sie schon für ihre Hände im Gruppenbild benutzt hatte. Rot - die Farbe der Gefühlsausbrüche; wenn vor Wut die Röte in den Kopf steigt, man die Kontrolle verliert, "rot sieht" oder gar sich schämt. ‚Zinnober machen' wird umgangssprachlich auch im Sinne von "viel Aufsehen erregen wegen etwas Wertlosem, Unsinnigem" verwendet.

Insgesamt machte Nicole auf mich den Eindruck, als würden sich bei ihr vielfältige Gefühle, von der Wut bis zur Scham, tatsächlich stauen. Sie wirkte auf eine Weise so emotional neutral und unauffällig, als würde sie sich permanent kontrollieren, andererseits brach immer wieder dieses grenzüberschreitende, übergriffige Verhalten bei ihr durch. Sie bediente sich dann aus den Farbtöpfen der anderen, wollte genau das haben, was andere haben, legte dreckige Pinsel und Farbtöpfe auf meinem Arbeitsplatz ab. In ihrem Bild taucht noch ein zweiter roter (Kopf-)Ball im blauen Hintergrund auf, der sich wie ein Satellit zum Kopf verhält. "Das ist eine Sonne !" (Zit. Nicole) - das einzige Statement zu ihrem Bild, zu dem sie mehr nicht sagen will! Die schwarzen Hände wirken wie eine Negation d.h. auch jene Handlung bzw. das, was die Hände tun, wird "trauernd" verdeckt. Insgesamt wirkt die Armhaltung abwehrend und hinter dem rechten Arm versteckt sich der feuerrote Kopf, der vielleicht auch von dem Arm geschützt wird. Die feurig orangene Hitze staut sich im Kopf und das Bild schlägt sofort die Brücke zu zornigen, hochroten Köpfen.

* Gelb ist eine zwiespältige Farbe: Einerseits steht sie für sonnige Lebensfreude und Optimismus, andererseits wird mit ihr Neid, Missgunst, Ärger und Verlogenheit verbunden. Zudem symbolisiert die Farbe kollektiv - unbewußt Geächtete und Ausgegrenzte. Im Mittelalter mussten Prostituierte und Mütter unehelicher Kinder gelbe Markierungen tragen - ähnlich wie Juden durch den gelben Judenstern während des Nationalsozialismus ausgegrenzt wurden.