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Mamaundichundwelt, Phase I: "Optimierungsfalle"
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Jetzt entdeckt sie einen Fischschwanz und einen Kopf und verbindet beides zu einer Meerjungfrau. Sie beginnt ihr Bild neben das von Susanne aufzuhängen. Eigentlich wollte sie der Meerjungfrau goldene Haare malen, "solche langen, schönen, blonden Haare wie meine Mutter" . Doch es kommt nicht dazu. Nachdem sie die Haare mit einem goldenen Stift konturiert hat, wirkt sie unschlüssig und unzufrieden. Es scheint, als stehe sie unter Druck, auch weil die anderen beiden, Leonie und Susanne, schon weit fortgeschritten sind mit ihrem Bild.

Ausweichbewegung!?

Nicole geht auf Toilette - und bleibt so lange fort, dass ich beginne mir Sorgen zu machen und ihr nachgehe. (Die Toilette befindet sich auf dem Hof!). Von der Toilette zurück, entscheidet sie sich um und schwärzt die Haare ihrer Meerjungfrau. Immer wieder wandert ihr Blick zu der langhaarig, blonden Susanne und deren Bild, das links von ihr hängt. Sie benutzt Susannes Farben: Grün und Rot, und zwar aus Susannes Farbtöpfen. Susanne scheint sich nicht an diesem übergriffigen Verhalten Nicoles zu stören - sie arbeitet hoch konzentriert an ihrem Bild weiter. Nicole ist sichtlich fasziniert von Susanne.

Assoziationen zu Nicole

Kontakt durch Imitation

Wiederholt fällt auf, dass es Nicole schwer fällt, bei sich zu bleiben. Ihre Aufmerksamkeit ist oft bei den anderen. In ihrem Bildverhalten zeigt sich dies in ihrem starken Drang, sich der anderen angleichen (s. Susanne) zu wollen, sie zu imitieren. War es anfangs noch Lotta (s. 2-Minuten-Bilder, Baumbild) und beim gemeinsamen Gruppenbild Marlene, ist es jetzt Susanne. Als wolle sie sich über diese Gesten der Imitation annähern und Kontakt suchen. In der Nachahmung könnte sich auch ein Neidfaktor verbergen, nämlich etwas von dem haben zu wollen, was die andere hat! Vielleicht ein Hinweis auf einen Mangel eigener Ich-Grenze bzw. Ich-Stabilität.

Bildprozess/Leonie

Leonie hat sehr schnell eine Schnecke in dem Liniengewirr entdeckt.

Aufgrund der vorgegebenen Linien konnte Leonie die einzelnen Flächen gut voneinander abgrenzen. In diesem Bild hat sie sich wieder für den von ihr favorisierten Komplementärkontrast ‚Rot-Grün' entschieden, der schon bei der vorherigen Übung eine Rolle spielte. Schwarz wird zum rahmenden Hintergrund für die Schneckenfigur. Allerdings drohte Leonie im Malprozess die Grenzen zu überschreiten und erzählte, dass sie das bei sich schon kennt: Immer, wenn sie mit etwas gut anfängt, "dann wird es immer blöder", und sie weiß dann nicht mehr, wann und wo sie aufhören soll. (Vielleicht kann sie das gute Gefühl nicht (aus)-halten?) Dass sie dieses Bild nicht "übermalte", sondern nur mit Schwarz die "blöden" Felder, die sich zu vermischen drohten, rettend übermalte. schützte und stützte ihre ‚hauslose' Schnecke. Leonie war sehr stolz auf ihr gelungenes Bild. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie für das Bild bewundernde Anerkennung aus der Gruppe bekam.

Assoziationen zu Leonie

Mit dem Bild ihrer Schnecke ohne Haus zeigte Leonie auch ihren eigenen Weichanteil. Die Schnecke ist ein sehr empfindliches Weichtierwesen, das in ihrem Schneckenhaus einen sicheren Rückzugsort vor äußeren Gefahren hat. Mit den lang gestreckten kontrollierenden Augenfühlern stets auf der Hut vor äußeren Gefahren.
Für ihre Schnecke wählte Leonie wieder ihren Komplementärkontrast Rot- Grün. Sie bettet das energetisch, dynamische Orangerot ihrer Schnecke in ruhig erholsames Grün. Die Schnecke ähnelt auch einem Schmetterling, vielleicht handelt es sich um zarte innere Weichteile von Leonie, die keinen eigenen sicheren Schutz ( s. fehlendes Schneckenhaus) oder das Gegenteil keinen Ausdruck finden können. Grün umgibt das innere, gefühlige Schneckenorgan von Leonie wie einen Schutzwall und wird nochmals stabilisiert oder eingeschlossen (?) durch den massiven Schwarzrahmen.

Exkurs ‚Sicherer Ort':

Hinsichtlich des ‚sicheren Orts' erinnere ich eine andere, nachfolgende Übung, bei der wir mit Ton arbeiteten. Die Aufgabe war, sich selbst einen Ort zu bauen, eine Hütte, Baumhaus zum Wohlfühlen. Leonie begann hauchdünne Stäbe zu rollen, die sie zu einem Rohrsessel flechten wollte, doch die Stäbe brachen. Dann versuchte sie winzig kleine Würfel herzustellen (Steine), mit denen sie ein Haus bauen wollte, doch das Fundament des Hauses, eine dünne Tonplatte, zerbrach ständig. Schließlich baute sie eine kleine Mauer aus den klitzekleinen Steinen. Aus dem restlichen Ton formt sie eine dicke Wurst, die sie darum legt: "meine Alarmanlage!'" Wichtig war ihr erklärtermaßen ein Haus/ein Ort, der sicher ist, d.h. klar abgegrenzt vom Draußen und in dem kein Einbruch möglich ist. Parallel zum Arbeiten entspann sich in der Gruppe ein Gespräch über Glück und Liebe, was Leonie mit einem trotzigen Ausdruck der Unzufriedenheit abwehrte, in dem sie ihre ganze Tonarbeit wieder zerstörte und lautstark erklärte, für sie sei nicht die wichtigste Frage, was einen glücklich mache, sondern woher wir kämen?! Eine Frage, die natürlich auch wieder nach dem Herkunftsort schielt, in dem man geschützt wachsen und sein Selbst entwickeln kann. Es ist die Identitätsfrage, die sich Leonie stellte.

Die 6 Spontanen - 25.05.08

Anwesend: Leonie, Marlene und Susanne

Übung

Es werden fünf Bilder à 15 Minuten gemalt, zu denen es jeweils eine Handlungsanweisung gibt:

  1. linkshändig malen
  2. mit irgendeinem (nur einem!) möglichst fremdartigen Werkzeug
  3. ein hässliches Bild
  4. zu einem Musikstück
  5. malen, wie man sich gerade jetzt fühlt!

Angestrebte Erfahrung

Durch den Wechsel von thematischen Bezügen, Materialien und dem Einsatz verschiedener Sinne soll sich das Spektrum der Selbsterfahrung im Umgang mit fremden Material (Objekten) erweitern.

Zwischenakt

Die Schnecke im Wohnzimmer

Bevor wir anfingen zu malen, hatte Leonie sehr aufgeregt und freudig überschwänglich erzählt, dass sie ihrer Mutter das Schneckenbild geschenkt hätte, die es sofort im Wohnzimmer über der Couch aufhängte. Endlich wisse die Mutter, so Leonie, in welcher Farbe sie das Wohnzimmer streichen wolle: dem Orangerot der Schnecke. Mich freuten die emotionalen Reaktionen von Leonie, denn offenbar hatte die Mutter sie mit dieser ‚guten' Geste des Bildaufhängens gesehen. Und doch unterschwellig keimte in mir Skepsis. Es fühlte sich alles zu wunschgemäß, zu perfekt an. Ich fragte nach.

Im weiteren Sprechen mit Leonie stellte sich heraus, dass sie sich mit ihrem jüngeren Bruder Max ein Zimmer teile. Sie fände dies wunderbar. Auf die Frage, ob sie nicht mal das Bedürfnis hätte, sich zurückzuziehen oder mit ihrer Freundin allein zu sein, reagierte sie vehement abwehrend und wies das Bedürfnis harsch zurück mit den Worten, dann hätte sie ja schließlich keinen mehr, mit dem sie vorm Einschlafen reden könne. Ja, ihre Mutter, die hätte ein eigenes Zimmer. Und es gäbe dieses weitere Zimmer, das Wohnzimmer, in dem aber keiner sich aufhalte. Eine Art Abstellraum, in dem neben Kartons, Wäscheständer, u. a. auch ein Sofa stehe. Über diesem Sofa im "Wohnzimmer" hatte die Mutter also das Schneckenbild gehängt. Der anfängliche Stolz der Mutter auf das Werk der Tochter war schlagartig ins Gegenteil gekippt - das Bild hing nicht, wie ich anfänglich vermutet hatte, am exponiertesten Ort, dem Sofa der Mutter, sondern war im Gegenteil mit und zu den anderen Dingen abgestellt d.h. in gewisser Weise unsichtbar gemacht worden. Durch diese Nebenbei - Erzählungen verstärkte sich die bereits erahnte symbolische Dimension des Schneckenbildes von Leonie: ihr fehlte scheinbar ein sicherer, geschützter Ort, an dem Gefühlsbewegungen genug Entfaltungsraum hatten

Bildprozess

Wir begannen mit der Übung der ‚6 Spontanen'. Leonie arbeitete an der Wand neben Susanne. Während der ersten beiden Übungen bemerkte ich, dass Leonie immer noch innerlich stark aufgewühlt war - ein kichernder Redeschwall nach dem anderen strömte aus ihr heraus - grenzenlos. Sie wirkte i.G. zu den vorherigen Malen wie verwandelt, emotional vollständig aus sich herausquellend - geradezu außer sich. Da sie trotz mehrmaliger Bitten meinerseits das Reden nicht stoppen konnte und immer wieder durch den Raum hindurch mit Marlene, die am anderen Ende des Raums arbeitete, Kontakt aufnahm, entschied ich mich spontan noch eine andere Übung dazwischen zu setzen: Schweigend sollte ein Redebild gemalt werden, in dem sich alle Gedanken und Wörter, die in den Sinn kommen ins Bild ‚eingeschrieben bzw. eingemalt' werden. Durch diese harte Grenzsetzung hatte ich - zumindest bei Leonie - etwas zerstört, was eine unerwartete Wende einleitete. Entsprachen die ersten drei Bilder von Leonie noch dem sehr expressiv - nonfiguralen Malduktus ihrer Stimmung, begann sich mit dem 3. schweigenden Redebild, sowohl Stimmung als auch Malweise bei ihr radikal zu ändern.

Die Handlungsanweisung für das 4.Bild lautete:
Ein hässliches Bild malen!

Leonie malte ein hexenartiges Profil, das sich in die schwarze Bildfläche reinschiebt. Die Nase ragt nashornartig und scharf wie eine Messerklinge ins Schwarz hinein:

Ab diesem 4. hässlichen Bild findet sie plötzlich auch bei dem 5. Bild die Musik blöd, malt abwehrend lustlos schwarze Zickzacklinien auf zwei weiße Flächen, um im 6. Bild "malen wie man sich gerade fühlt" mit einer knallroten Fläche zu antworten, in die sie ein aggressives Dreieck setzt. Gleichzeitig verkündet sie lautstark, dass sie sich jetzt auf ihre Mathehausaufgaben freue. Sie weigert sich ihr Gefühl zu malen, doch die roten Zickzacklinien sprechen für sich! Ihr Widerstand- das bewusst Vermiedene, nämlich ihr Gefühl zu malen, hat sich als Unbewusstes ins Bild geschlichen. Es gibt wohl kaum eine spannungsvollere Farbe für Gefühlsenergien wie Rot. (Nicht nur laut C.G. Jung ist Rot die Farbe affektiver Libido)


Pause

Beim anschließenden Versuch während der Teepause über die Bilder zu sprechen, erzählt sie knapp, dass sie eine Frau gemalt hätte, die so hochmütig und arrogant sei wie die Frau, die mit ihr im Chor sänge - sie mag diese Frau überhaupt nicht, müsse aber mit dieser Frau immer abends vom Chor zurück nach Hause fahren, weil es abends schon so spät sei.
Ihre Mutter hätte auch in dem Chor gesungen, aber wegen dieser Frau aufgehört und jetzt müsse sie, Leonie, immer allein mit ihr fahren.
Ich frage etwas bohrend weiter, wieso ihre Mutter sie denn zwinge mit einer Frau zu fahren, die sie selbst unsympathisch fände und die der Grund dafür sei, weshalb selbst ihre Mutter nicht mehr zum Chor ginge?
Leonie wird abwehrend und im Laufe des Dialogs immer ungehaltener: "das ist doch egal... und wieso ist das jetzt alles so wichtig?"
Sie hätte ein hässliches Bild gemalt und damit "basta!" Schlagartig beginnt sie sich zu verschließen, verschränkt ihre Arme vor den Bauch. Meine direkten, zweifelnden Fragen haben offenbar etwas in ihr geblockt. Der Dialog zwischen Leonie und mir hat etwas Kämpferisches; die anderen beiden hören schweigend zu!

Leonie geht in den Rückzug und baut eine fühlbare Distanz zu mir, dann auch zu ihren Freundinnen Susanne und Marlene auf.

Der schützende Rückzug setzt sich fort: Sie entzieht sich der gesamten Situation, in dem sie aufräumt und beginnt abzuwaschen: Pinsel, Geschirr etc. Sie verschanzt sich förmlich hinter der Spüle, bemerkt zufällig einen winzigen Farbfleck auf ihrer Hose, an dem sie akribisch, fast zwanghaft, versucht zu reiben, um ihn auszuwaschen.

der Fleck

Der Fleck scheint für Leonie zu einem kleinen Übertragungsobjekt geworden zu sein, etwas Haftend-Hässliches, eine unbewusste Selbstbeschmutzung; etwas, was sich nicht wegwaschen lässt. Der Kontakt zu Marlene und Susanne ist abgebrochen. Die beiden gehen zusammen - Leonie bleibt allein - mit ihrem Fleck und mir zurück.

Assoziationen zu Leonie

Meine Fragen haben offenkundig etwas berührt, was sie schneckenmäßig zurückziehen ließ. War es die sich selbst nicht gestattete Wut auf die Mutter, die sie jetzt auf mich transponiert? (Plötzlich komme ich mir vor wie die Frau mit der Nashornnase, die ihre Nase in alles hineinsteckt, was sie nichts angeht. Als hätte sie mich mit der hässlichen Frau gemeint - die negativen Anteile - Leonie schützt das gute Bild ihrer Mutter)

Leonies Phantasie vom "Hässlichen" ist in ihrem Bild Gestalt geworden, in jener Frau, von der sie erzählte, hat sich ihr "Hässliches" verkörpert. Dem Kopf - sie spricht von einer Hexe - hat sie allerdings keine Hakennase gemalt, sondern fast umgekehrt, besteht der Kopf formal aus einer enormen Nashornnase, mit dazugehöriger Warze. Diese Nase ist wie ein Angriffsorgan (= Nashorn). Phallische Assoziationen werden wach und Angriffslust paart sich mit Deprimiertheit/Melancholie angesichts des Gesichtsausdrucks dieser Gestalt.

" Man muss aber zuerst die Tendenz des Konkretisierens überwinden, mit anderen Worten, man darf die Phantasien, sobald man an die Frage der Deutung herantritt nicht wörtlich nehmen. Ja, solange wir im Erleben der Phantasie begriffen sind, kann man sie nicht wörtlich genug nehmen, wenn wir sie aber verstehen wollen, dann dürfen wir den Schein, eben das Phantasiebild, nicht für das dahinter liegende Wirkende halten. Der Schein ist nicht die Sache selber, sondern bloß der Ausdruck .... gesetzt für etwas Unbekanntes, aber Wirkliches!" ( C.G. Jung, Beziehungen zwischen Ich und Unbewussten)

Was aber ist das Hässliche, Unbekannte, welches Wirkliche arbeitet hinter dem Schein, zeigt sich als bloßer Ausdruck der Phantasie Leonies?

Setze ich den Focus ‚nur' auf das "hässliche" Bild als Ausdruck ihrer Phantasie und berücksichtige das von Leonie Erzählte dazu, so könnte es sich bei dem Nashornkopf um mögliche "hässliche/böse"
Selbstanteile bzw. introjizierte Objektanteile von Leonie handeln, die sie abwehrt und infolgedessen auf diese Person bzw. das Bild projiziert. Melanie Klein beschreibt diese Dialektik von Introjektion und Projektion von guten und bösen Objekten dergestalt, dass z.B. das phantasierte "böse" Objekt projiziert wird, als ob der Trieb oder Affekt sich notwendigerweise in einem Objekt verkörpern müsste, um ausgeschieden zu werden.

Nun besteht das Bild nicht nur aus dieser nashornigen Kopffigur, sondern auch aus einer schwarzen Fläche, die mehr als die Hälfte des Bildraums einnimmt und in die das Horn hineinstößt.
Was ist diese schwarze Fläche, was verbirgt sich hinter bzw. in ihr? Oder wird etwas mit dem Schwarz geschützt?
In der Un-Farbe Schwarz mischt sich symbolwertig Trauer, Angst, Depression mit dem psychischem Abwehrmechanismus des Verbergens/Versteckens - eine Schutzfunktion.

Schwarze Flächen tauchen bei Leonie auch in späteren Übungen immer wieder auf, um etwas verschwinden zu lassen, aber auch um dadurch Stabilität zu erlangen.
Sie entzieht es dem Blick, deckt Unangenehmes oder Hässliches damit zu und schützt so auch evtl. Unaushaltbares.
Das Unbewusste führt ihre Hand, wenn sie immer wieder erfahren muss, dass sich die Farben wie von selbst ins Dunkle hinein mischen

Mit einem spekulativen ‚Vielleicht' gedeutet, könnte bei Leonie eine frühe schmerzhafte Verletzung vorliegen, in deren Wunde stets herumgebohrt wurde. Ihr Bemühen diesen Schmerz/Trauer zu verbergen und sich immer wieder neu schützen zu müssen, davon erzählt vielleicht ihr Bild.
Eine andere Lesart des Bildes wäre jedoch die Nashornnase als ihren eigenen Anteil anzusehen.
Gerade für den Individuationsprozess, der sich während der Adoleszenz verdichtet, sind die schwarzen Aspekte, also die unbeleuchteten, d.h. verdrängten oder unbekannten Seelenanteile, als wesentlich zu betrachten.
Erweitere ich den Blick von diesem einen " hässlichen" Bild und setze es in den lebendigen Kontext der Gesamtsituation, fällt mir folgendes auf:
Leonies anfänglich redselige, expressive und Kontakt suchende Art drückte sich entsprechend malerisch in ihre ersten drei Bildern aus. Schlagartig änderte es sich, als ich bestimmte, alles Sprechende, alle Wörter schweigend ins Bild zu malen.
Damit hatte ich den Kontakt, den Leonie permanent zu Marlene suchte, abgeschnitten und sie auf sich selbst zurückgeworfen.

Leonie fühlte sich allein gelassen, was sich sofort in einer trotzigen Haltung niederschlug Nach dem 4. "hässlichen" Bild machten wir die Pause, in der sie von der " hässlichen" Frau erzählte. Ab diesem Zeitpunkt begann sich auch ihre Malweise drastisch zu ändern - eine Art Dominoeffekt von Abwehrreaktionen: In den nachfolgenden Bildern werden sie - nach dem figurativen Dreieck des Nashornkopfes - als geometrische abstrakte Formen sichtbar: wütende Zickzacklinien, Spitzen und Dreiecke - interessanterweise auf weißen, rosa und roten Untergründen.

Gleichzeitig verschließt sich Leonie, geht in den Rückzug und beginnt einen kleinen, kaum sichtbaren Farbfleck an ihrer Hose - fast zwanghaft - auszuwaschen.

Die anfänglich positiv-expressive Gefühlswallung schlägt um durch eine Grenzsetzung meinerseits, die Leonie auf sich selbst zurückwirft! Sie fühlt sich bedroht (= Nashornnase) und reagiert mit beleidigtem Rückzug und Wut auf mich? (s. letztes Bild/ rote Fläche!), die als Affekt aufs Bild projiziert wird.

Das Verlassensein - Gefühl, noch verstärkt dadurch, dass die beiden Freundinnen ohne sie gehen, überschwemmt Leonie.

Reflexionen zur Übertragungsdynamik

Schweigen im Redebild Reden im Schweigebild

Möglich, dass sich durch diese Übung eine Übertragungsdynamik gestrickt hat, die ich versuche jetzt im Schreiben ein wenig auf zu rebbeln. In der damaligen Situation war ich eher unbewusst Agierende. Vergegenwärtige ich mir noch einmal die Dynamik des Geschehens : Ich setze eine scharfe Grenze (Redeverbot-Schweigebild), die Leonies bemühten Redefluss um Nähe/Verbindung zu Marlene kappt/abschneidet. Ein dramatischer Akt, der an das Zerschneiden einer Nabelschnur erinnert.

Ich fühlte mich ein wenig gewalttätig in diesem strikten Unterbinden und habe dadurch vielleicht bewirkt, dass Lara mit dem 4. Bild der "bösen" Hexe ihre "bösen" Mutteranteile auf mich übertragen konnte.

Mir fallen die wiederholten Trennungen ein, die Leonie und ihr Bruder Max durch die Klinikaufenthalte ihrer Mutter verkraften musste - auf sich allein gestellt - Hänsel und Gretel! Sie werden bei "einer bösen Hexe" untergebracht. Dieses Verlassensein von der Mutter war bedrohlich und hat Angst ausgelöst, die später vielleicht zu einem Angstwutgemisch wurde. Die ohnmächtige Angst, von der Mutter verlassen zu werden und gleichzeitig die Wut auf die Mutter, dass sie dies tut und immer wieder tut. Eine Wut, die nicht zugelassen werden darf. So wird alles dafür getan, dass das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleibt. Die "bösen" Anteile müssen abgespalten und nach außen - auf ein anderes Objekt - projiziert werden, um die starke innere Spannung abzuwehren!

In dieser Beziehungslosigkeit, dem Zustand der Trennung, spürt Leonie den inneren Druck, den Schmerz und richtet ihre Wut erst auf das "hässliche" Bild, dann auf mich (Übertragung!) Als ich danach auch noch die "gute" Mutter in Frage stelle bzw. anzweifele (s. meine bohrenden Fragen), entsteht ein so starker innerer Konflikt, dass Leonie in den regressiven Rückzug flüchtet. Ich hatte durch mein Fragen und Nachhaken den Abwehrschutz des Bildes, in dem Leonie das "Hässliche" gebannt oder wie M. Klein sagt, in dem "das böse Objekt verkörpert" war, angebohrt/bedroht. Nicht gerade ein therapeutisches Verhalten meinerseits und doch klärte es viel.

Die Bindung nicht verlieren, alles dafür tun bis hin zur Verleugnung der eigenen Wut/Aggression gegen die Mutter, die abgespalten werden muss, damit das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleiben kann.

Rückblickend kommt mir meine Deutungsakrobatik wie eine Wahrnehmungswucherung vor, die nach etwas handfestem sucht. Natürlich wurde sie nicht von Leonie bestätigt ( therapeutischer Fauxpas!). Vielleicht war dies aber gerade ein Indiz dafür, dass hier etwas von meinem Verhältnis zu meiner Mutter sich dazwischen geschoben hatte.

Doch zu jenem Zeitpunkt des Gruppengeschehens - in der 1. Phase - konnte ich meine Gegenübertragungsanteile noch nicht wahrnehmen. Trotzdem wird deutlich, dass in diesem eben beschriebenen ("kunsttherapeutischen") Prozess durch die Bildübung zwischen mir und Leonie eine trianguläre Beziehung entstanden war. Diese Präsenz ist von sinnlicher Dauer - sie ist gegenwärtig, visuell und haptisch wahrnehmbar. Nach meinem heutigen Kenntnisstand würde ich das, was im Bild als Konstruktion dieser Konstellation erscheint, eben auch als erzeugte Übertragungen und Gegenübertragungen ansehen. An einem weiteren Beispiel möchte ich das verdeutlichen.