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1. Gruppenbild: "Hände" - 20.04.05

anwesend: Nicole, Leonie und Marlene

Übung

Jede arbeitet an einer Seite des Tischquadrats. Die eigenen Hände sollten vorher von der anderen konturiert werden (1. Kontakt). Anschließend sollte jede das eigene Händepaar und den umgebenden Raum bemalen und sich langsam zu den Seiten, zur Nachbarin und zur Mitte bewegen. Die Tischplatte symbolisierte damit ein überschaubares Gemeinschaftsfeld, das von jeder "mit beackert" wird.

Angestrebte Erfahrung

ist es, sich über ‚eigenes Handeln' (die beiden Hände als vorgegebene Form) einen Bereich auf der Papierfläche anzueignen, diesen zu bespielen bzw. damit etwas von sich zu erzählen und über die Mitte und zu den Flanken eventuell ersten Kontakt zur Anderen aufzunehmen.

Bildprozess

Ich hatte mich spontan dazu entschlossen, an diesem Gruppenbild mit teilzunehmen (die therapeutische Abstinenzregel missachtend), weil ich die Lücke an Nicoles Seite füllen und einen Ausgleich zu dem Duo Marlene-Leonie herstellen wollte.

Die Tischsituation beschwor geradezu die Assoziation einer klassisch familiären Tisch-Mahlzeit herauf, in der alle Familienmitglieder um einen Tisch versammelt sind.

Nicole beginnt mit einer großen phallisch rosafarbenen Form, die zwischen ihren Händen gen Mitte "aufsteigt". Ihre Hände malt sie in Signalorange aus, konturiert sie mit Schwarz und versieht sie mit schwarzen Schweißbändern. Inspiriert von Marlene, die ihr gegenüber sitzt und lustvoll mit dem Finger und dem Pinselende malt, legt auch Nicole den Pinsel zur Seite und malt eine zweite aufsteigende Spiralform mit den Fingern. Sie bezeichnet diese Form als "Tornado".

Ganz offensichtlich genießt sie es mit der Farbe zu matschen, setzt überall heftig emotional ihre Handabdrücke drauf und scheint für Momente den Raum um sich herum vergessen zu haben.
Anschließend löscht sie mit dickem Pinsel die Handabdrücke wieder aus und auch der "Tornado" wird mit dunkelblaugrauer Farbe zugedeckt.
Auf meine Frage, warum sie denn alles übermalt habe, schweigt sie. Für eine Schattensekunde wischt ihr etwas Trauriges übers Gesicht, was sie aber abrupt unterbricht. Sie klinkt sich aus dem Malprozess aus und flieht förmlich vom Tisch und beginnt ihre Hände noch mal auf ihrem eigenen Mal-T-Shirt abzudrücken. Zuletzt schreibt sie noch ihren Namen darunter.

Assoziationen zu Nicole

Die phallische Form, anfangs fleischfarben zwischen ihren Händen aufsteigend, setzte in mir sofort den Gedanken an die geäußerte Vermutung des sexuellen Missbrauchs frei. Wie schnell und in welch kausaler Direktheit diese Vermutung in Verbindung mit einer Bildform zu einer scheinbar eindeutigen Gewissheit gerinnen konnte, irritierte mich. Mir scheint solch eine diagnostische Festschreibung hochgefährlich zu sein, zumal sie die Macht hat, alle Eindrücke und Wahrnehmungen auf ihr Format umzuschreiben. Denn hatte ich ihr anschließendes Übermalen der "phallischen Szene" nicht gleich als einen Akt des Verschwindens, eben einer versteckenden Geste, gedeutet.

Auch Nicoles Bezeichnung, es würde sich um einen "Tornado" handeln, fütterte meine Vorurteilsphantasie eines erregten, ejakulierenden Phallus. Ob Nicole jedoch den mutmaßlichen Missbrauch in dem Malgeschehen auf - und wieder zugedeckt hatte, erscheint mir jetzt eher zweitrangig. Weitaus wichtiger sind mir ihre emotionalen Reaktionen, die auf eine Traumatisierung, welcher Art auch immer, hindeuteten.
Auf den ersten Blick haftet Nicoles signalorangenen Händen etwas Glühendes, Brennendes an, dass in mir die Struwwelpeter-Geschichte "Paulinchen war allein zu Haus..." vergegenwärtigte. Es handelt sich um jenes Mädchen, das von den Eltern zu Hause allein gelassen wird, und genau das tut, was sie ihr verboten war, nämlich mit dem Feuer zu spielen. Das Verbotene, Heimliche drückt sich darin aus, wo Angstlust die Hände führt. Am Ende der Geschichte zerstört eben diese ‚Angstlust am Verbotenen' nicht nur das Mädchen, sondern das ganze Haus. So gesehen, scheinen die orangenen Hände von Nicole selbst zum Signal geworden, die um Hilfe zu ringen, als hätten sie sich an etwas Verbotenem (?) verbrannt, vielleicht etwas Bedrohlichem, einem Konflikt. Jedenfalls scheinen die Hände einer Hilflosigkeit ausgesetzt, in der die Hände nicht selbstständig anpacken, sondern nur passiv beklagen können. Sie könnten demnach ein Warnhinweis sein. Die Passivität wird durch die schwarzen Schweißbänder unterstrichen, die schnell die Assoziation von Handschellen hervorrufen, insofern auch ein gewaltsam An-der-Hand-geführt-Werden i. S. einer Mani-pulation nahe legen.
Die Tatsache, dass Nicole ihre Hände statt des Pinsels benutzte, um lustvoll in der Farbe zu matschen, ist m. E. auch ein Hinweis auf ein regressives Sich - Selbst - Spüren - Wollens. Allerdings konnte Nicole es erst zulassen, nachdem Marlene es ihr vorgemacht hatte. Ebenso lassen sich die Handhabdrücke, die Nicole über sich selbst und ihr Malfeld "stempelte" als ein Versuch lesen, Kontakt /Berührung zu sich und zur Welt herstellen zu wollen. "Hier bin ich gewesen!" oder "Das gehört mir!" - kleine Kinder versuchen sich durch lustvolle Handhabdrücke in Welt einzuschreiben.

Bildprozess/Leonie - das Getrennte und Vermischte

Leonie sitzt mir beim dem Gruppenbildgeschehen gegenüber - sie beginnt sehr sorgfältig mit verschiedenen Farben der Mitte zuzustreben, doch alle Farben mischen sich unversehendes miteinander, so dass sich ihre Handkonturen am Ende gar nicht mehr erkennen lassen. Sie ist sehr unglücklich darüber: "Das ist alles so düste r- mir fehlen die Farben Grün und Rot!" Doch gerade diese Komplementärfarben hatte sie anfänglich benutzt, allerdings vermischten sie sich im Malprozess zu Dunkelgrau. Enttäuscht von sich, will sie den Pinsel ‚werfen' und aufgeben. Ich schlage ihr vor, ihre Hände im Bild mit einer anderen Farbe zu konturieren, um sie wieder "herauszuholen aus dem düsteren Sumpf". Sie versucht es widerwillig und ist am Ende nicht zufriedener und ignoriert ihr Gemaltes.

Assoziationen zu Leonie

Im Bild war Leonie stark darum bemüht, das vor ihr liegende Feld mit roten und grünen Farbtönen zu bemalen. Sowohl zu Marlene (rechtseitig) als auch zu Nicole (linksseitig) grenzte sie sich mit einem dicken roten Farbbalken ab. Leonies Hände wirken wie Pfoten, die versuchen etwas zu erklimmen - einen Berg? Aber sie scheint abzurutschen. Am Auffälligsten jedoch war ihr Bemühen um Farbe, die ihr "aus den Händen" glitt, weil sich die einzelnen Farben ‚wie von selbst' vermischten. Es könnte sein, dass das Sich - Trennen von etwas bzw. eigene Grenzen ziehen, ein Thema von Leonie ist.

Ein Sprechen über das, was sich im Gruppenbild ereignete, war nur bedingt möglich: Nicole hatte sich dem Malprozess entzogen, nachdem sie wesentliche Bereiche ihres Feldes übermalt bzw. wieder hat verschwinden lassen und war in eine Art Stempelfieber verfallen, nämlich der Lust, alles mit ihren Handabdrücken zu markieren.

Leonie konnte nur in einem Satz ihre Unzufriedenheit mit sich zum Ausdruck bringen und wollte möglichst nicht auf ihren "Fehler", der sich ihrer Meinung nach im Bild manifestierte, angesprochen werden.

Vexierbild - 27.04.05

anwesend: Nicole, Leonie und Susanne

Leonie brachte unangekündigt eine neue Freundin mit (Marlene ist nicht da!).
Mir kommt in den Sinn, dass sie möglicherweise Probleme hat, allein an der Gruppe teilzunehmen. Jedenfalls scheint sie freudig erleichtert, als ich zustimme, dass Susanne mit an der Gruppe teilnehmen kann. Nicole wurde von ihrer Betreuerin gebracht und präsentiert stolz einen selbst gemachten Obstsalat für die gemeinsame Pause. (Eine Alternativmaßnahme, die Nicoles Heißhunger auf Süsses umleiten soll.)

Übung

Mit geschlossenen Augen zeichnet jede mit einer dunklen Jaxon-Kreide eine ununterbrochene Linie auf das Papier. Die Vorstellung auf dem Papier Schlittschuh zu laufen hilft. In dem entstandenen Liniengewirr versucht jede ihre Figur oder das Wesen zu finden, "was ihr entgegenblickt" und mit Farben herauszuarbeiten. Die Liniengrenzen sollen dabei möglichst respektiert und nicht überschritten werden.

Angestrebte Erfahrung

Die Übung hat einen abstrakt - unbewussten (1. Teil) und einen Konkret - erkennenden Aspekt (2. Teil). Das Herauslesen von eigenen, inneren Bildfiguren aus dem Liniengewirr wirkt positiv zurückspiegelnd auf die Selbstwahrnehmung (Ich habe etwas gefunden = ich erkenne etwas!). Die vorgegebenen Linien erleichtern aber auch Grenzen einzuhalten und Farben zu trennen (s. Problem der Vermischung bei Leonie) Dadurch, dass die eigenen Figuren auch für die anderen sichtbar gemacht werden (2 .Teil der Aufgabe), wird das eigens gefundene Bild nach außen kommuniziert.

Bildprozess/Nicole

Jede malt anfangs an einer eigenen Wand im Raum. Nach dem 1. Teil der Aufgabe tut sich Nicole schwer "ihre" Figur in bzw. aus ihrem Liniengewirr zu erkennen. Ich helfe ihr. Wir legen das Bild auf den Boden, um es von allen Seiten anzuschauen: