Geschrieben von: Utta Hoffmann
Phase I: "Optimierungsfalle"
Erster Eindruck: Nicole
Das erste Mal erscheinen nur Nicole und Lotta zur Gruppe, begleitet von ihren jeweiligen Betreuerinnen. Leonie fehlt. Nicole wirkt anfangs sehr brav und zurückhaltend und ist auffällig schick und tadellos gekleidet. Ich bemerke, wie sie in Windeseile den Raum und die Küchennische nach für sie interessanten (oder bedrohlichen?) Dingen wie z.B. Essbares/Bekanntes "abscannt". In mir entsteht ein leicht unangenehmer Widerstand, der sich aus dem ambivalenten Auftreten Nicoles speist: dieses dicke, artig überangepasste Mädchen mit ihrer nagelneuen trendy - Kleidung strahlt etwas Übergriffig-Distanzloses aus.
Zur Einstimmung beginne ich mit einer Übung aus jeweils vier 2-Minuten-Bildern. Die Farbe wird mit großen Pinseln bzw. Schwämmen auf Zeitungsdoppelseiten aufgetragen, die an der Wand befestigt sind. Diese Übung dient dazu, mögliche Angstblockaden vor einer weissen Fläche aufzulösen. Das bereits bedruckte Zeitungspapier schmälert den Erwartungsdruck, den weißes Papier ausstrahlen kann. Darüber hinaus kommt es der Lust entgegen, eigene Markierungen zu setzen. Die Zeitung vermittelt etwas von erwachsenen, vielleicht verbotenen Terrain, auf dem jetzt lustvoll geschmiert und übermalt werden darf, ganz im Sinne einer Umkehrung des Moralsatzes: "Kinderhände beschmieren Tisch und Wände"
Die beiden Mädchen stehen nebeneinander vor der Wand, und während Nicole zögerlich abwartet und arg abgelenkt mit ihrer Aufmerksamkeit im Raum hin und her springt, schwingt Lotta den Pinsel fast peitschenmäßig auf das Papier. Sie scheint sich körperlich regelrecht auf dem Bild auszutoben. Nicole ist irritiert. Sie wirkt unsicher angesichts dieses Verhaltens, schielt aber fasziniert wiederholt zu der kleineren Lotta neben sich. Dann beginnt sie mit breitem Pinsel ordentlich nebeneinander liegende gelbe Vertikalflächen zu malen, die sie anschließend mit Rot, dann mit Blau übermalt. Alles vermischt sich zu Braun. Beim nächsten 2-Minuten-Bild beginnt sie eine Tabelle aus der Schule (E Z H - Einer, Zehner, Hunderter) mit dem Finger in die feuchte braune Farbe zu zeichnen:
Als Lotta in ihr Bild ihren eigenen Namen schreibt, ahmt Nicole dies nach und steigert es noch, indem sie auch ihre Adresse mit betont wilder Gestik hinzufügt.
Es ist unschwer zu übersehen, dass diese Übung ein starkes Regressionspotential freisetzt und Gelüste der analen Phase weckt.
BaumbildBeim zweiten Mal malte jede ihren persönlichen Baum. Es handelt sich um eine bekannte kunsttherapeutische Übung, in der die Baumsymbolik Aufschluss über die Befindlichkeit des Ichs gibt. Die Wurzeln zeigen die Verwurzelung des Ichs im kollektiven bzw. familiären Grund an, der Stamm rekurriert auf die Belastungsfähigkeit, während die Krone die Entfaltung der Persönlichkeit anzeigt.
Das Herz des Baums, jene Stelle, wo der Stamm in die Krone übergeht und die Äste entspringen, symbolisiert die Organisationsfähigkeit des ICHs (nach G. Schmeer). Da die ICH - Entwicklung jedoch gerade bei Jugendlichen starken physischen und psychosozialen Veränderungen und Einflüssen ausgesetzt ist, verweist die Baumsymbolik in diesem Alter vermutlich lediglich auf tendenzielle Strömungen von ICH - Anteilen.
Was das Bild andeutet
Wie schon bei der ersten Übung fiel mir auch hier auf, dass Nicole große Schwierigkeiten hatte, bei sich und ihrem Bild zu bleiben. Ihr Blick wanderte stets nach rechts zu Lotta und deren Bild. Sie begann Lottas Baumform nachzuahmen, in dem sie sich auch ihrer Farben bediente: Grün und Braun.
Auffällig ist, dass der Baum in Nicoles Bild zwar sehr massiv und stabil, gleichzeitig aber relativ unlebendig und schematisch wirkt. Stamm und Baumkrone sind braun, wohingegen die daran hängenden Früchte unreif grün sind. Auch wirken sie schematisch verteilt.
Insgesamt wirkt der Baum wie das plakative Stereotyp eines Baums. Bei der Farbwahl fällt besonders die Dominanz der Farbe Braun auf.
Der Regenbogen teilt das Bild in zwei Hälften. Er übernimmt die Funktion eines Schutzschirms für den Baum, schützt vor den positiven und negativen (Wetter-)Einflüssen von außen, Sonne und Regen.
In ganz anderer Malweise, nämlich sehr zart und fein, und gar nicht schematisch, ist links neben dem Baumstamm eine hellgrüne rundliche Form mit winzigen roten Pünktchen zu erkennen. Rechts neben dem Stamm eine ähnliche amorphe hellgrüne Form : "abgefallene Blätter"
( Zit. Nicole)
Auf meine Frage, ob sie denn der Baum sei, verneint Nicole und verweist auf eben jene kleine hellgrüne, rot gepunktete Rundform links neben dem Baumstamm.
Das sei ein kleiner Brombeerbusch. Sie mag Brombeeren und erzählt, dass es in der Nähe ihrer Wohnung zwei wilde davon gebe, von denen sie sich immer die Beeren stibitzt, aber auch ihre Mutter. Es scheint ihr "diebische" orale Lust zu bereiten an den "verbotenen" Beeren zu naschen, denn in ihrem Blick flackert etwas ganz Lebendiges auf. Über den Baum im Bild will sie nicht sprechen, stattdessen drängt sie auf die Pause. Ein wenig habe ich den Eindruck, als hätte sie mit dem Bild jetzt ihre Pflichtaufgabe erledigt und würde ihre ‚rechtmäßige' Belohnung einfordern.
Diese beiden hellgrünen amorphen Formen, links und rechts vom Baumstamm, scheinen viel mit Nicoles emotionalem Seelengewebe zu tun zu haben. Nach G. Schmeer macht sich im Bild oft ein Dominoeffekt dergestalt bemerkbar, dass tiefsitzende Bilddetails (s. Brombeerbusch und abgefallene Blätter) während der behutsamen Bearbeitung in bewußtere Zonen aufsteigen. Um diesen Vorgang zu verdeutlichen, entwickelte sie folgendes Schema der ‚therapeutischen Komplex-Bearbeitung' im Bild:
Schema des Dominoeffekts nach G.Schmeer
Demnach würde ‚D' in Nicoles Bild für den kleinen Brombeerbusch linksseitig und die abgefallenen Blätter rechtsseitig vom Stamm stehen.
Beide sind dem unbewussten Bereich zugeordnet, wohingegen Sonne und Regenwolke in der eher bewussten oberen Bildhälfte für ‚A' steht.
Der kleine Brombeerbusch wird sich tatsächlich in den nächsten Monaten in Nicoles Bildräumen ausbreiten und aufsteigen - insbesondere die roten Beeren!
Es war mir wichtig diese erste Begegnung mit Nicole kurz zu skizzieren, weil in ihr schon wesentliche Züge angelegt sind, die sich später im Gruppenprozess weiter ausstülpen werden.
Erster Eindruck: Leonie
Leonie tauchte das erste Mal zur Gruppe gar nicht auf, beim zweiten Mal nicht mit Betreuerin, sondern mit ihrer Freundin Marlene. Leonie wirkt auf mich feingliedrig und introvertiert. Gleichzeitig haftet ihr etwas Sprödes, fast burschikos Abwehrendes an.
Sie trägt eine dickglasige Brille, die ein stark schielendes Auge korrigiert. Brille und Haarsträhnen scheinen ein Schutz vor dem direkten Blick zu sein, denn Leonie vermied es, mich anzusehen und war auffällig eng auf ihre Freundin Marlene bezogen, mit der sie in eloquentem Redekontakt stand.
(Erst viel später sollte sich herausstellen, dass Leonie anfangs offenbar große Widerstände gegen die Malgruppe hatte, was sicherlich auch mit dem Umstand zusammen hing, dass ich darum gebeten hatte, dass Leonie ohne ihren jüngeren Bruder erscheint. Es war also Leonies Freundin Marlene gewesen, die sie als neugierige Zugkraft mit in die Gruppe gebracht hatte.
Leider gibt es keine Abbildungen von Leonies und Marlenes Baumbilder. Sie nahmen sie mit nach Hause. Doch ich erinnere, dass mir bei Leonie die stark akkurate Malweise aufgefallen war, fast so, als würde sie mit dem Pinsel zeichnen. Ganz anders dagegen Marlene, die sehr weit und malerisch mit dem Pinsel ausholte.
1. Gruppenbild: "Hände" - 20.04.05
anwesend: Nicole, Leonie und Marlene
Übung
Jede arbeitet an einer Seite des Tischquadrats. Die eigenen Hände sollten vorher von der anderen konturiert werden (1. Kontakt). Anschließend sollte jede das eigene Händepaar und den umgebenden Raum bemalen und sich langsam zu den Seiten, zur Nachbarin und zur Mitte bewegen. Die Tischplatte symbolisierte damit ein überschaubares Gemeinschaftsfeld, das von jeder "mit beackert" wird.
Angestrebte Erfahrung
ist es, sich über ‚eigenes Handeln' (die beiden Hände als vorgegebene Form) einen Bereich auf der Papierfläche anzueignen, diesen zu bespielen bzw. damit etwas von sich zu erzählen und über die Mitte und zu den Flanken eventuell ersten Kontakt zur Anderen aufzunehmen.
Bildprozess
Ich hatte mich spontan dazu entschlossen, an diesem Gruppenbild mit teilzunehmen (die therapeutische Abstinenzregel missachtend), weil ich die Lücke an Nicoles Seite füllen und einen Ausgleich zu dem Duo Marlene-Leonie herstellen wollte.
Die Tischsituation beschwor geradezu die Assoziation einer klassisch familiären Tisch-Mahlzeit herauf, in der alle Familienmitglieder um einen Tisch versammelt sind.
Nicole beginnt mit einer großen phallisch rosafarbenen Form, die zwischen ihren Händen gen Mitte "aufsteigt". Ihre Hände malt sie in Signalorange aus, konturiert sie mit Schwarz und versieht sie mit schwarzen Schweißbändern. Inspiriert von Marlene, die ihr gegenüber sitzt und lustvoll mit dem Finger und dem Pinselende malt, legt auch Nicole den Pinsel zur Seite und malt eine zweite aufsteigende Spiralform mit den Fingern. Sie bezeichnet diese Form als "Tornado".
Ganz offensichtlich genießt sie es mit der Farbe zu matschen, setzt überall heftig emotional ihre Handabdrücke drauf und scheint für Momente den Raum um sich herum vergessen zu haben.
Anschließend löscht sie mit dickem Pinsel die Handabdrücke wieder aus und auch der "Tornado" wird mit dunkelblaugrauer Farbe zugedeckt.
Auf meine Frage, warum sie denn alles übermalt habe, schweigt sie. Für eine Schattensekunde wischt ihr etwas Trauriges übers Gesicht, was sie aber abrupt unterbricht. Sie klinkt sich aus dem Malprozess aus und flieht förmlich vom Tisch und beginnt ihre Hände noch mal auf ihrem eigenen Mal-T-Shirt abzudrücken. Zuletzt schreibt sie noch ihren Namen darunter.
Assoziationen zu Nicole
Die phallische Form, anfangs fleischfarben zwischen ihren Händen aufsteigend, setzte in mir sofort den Gedanken an die geäußerte Vermutung des sexuellen Missbrauchs frei. Wie schnell und in welch kausaler Direktheit diese Vermutung in Verbindung mit einer Bildform zu einer scheinbar eindeutigen Gewissheit gerinnen konnte, irritierte mich. Mir scheint solch eine diagnostische Festschreibung hochgefährlich zu sein, zumal sie die Macht hat, alle Eindrücke und Wahrnehmungen auf ihr Format umzuschreiben. Denn hatte ich ihr anschließendes Übermalen der "phallischen Szene" nicht gleich als einen Akt des Verschwindens, eben einer versteckenden Geste, gedeutet.
Auch Nicoles Bezeichnung, es würde sich um einen "Tornado" handeln, fütterte meine Vorurteilsphantasie eines erregten, ejakulierenden Phallus. Ob Nicole jedoch den mutmaßlichen Missbrauch in dem Malgeschehen auf - und wieder zugedeckt hatte, erscheint mir jetzt eher zweitrangig. Weitaus wichtiger sind mir ihre emotionalen Reaktionen, die auf eine Traumatisierung, welcher Art auch immer, hindeuteten.
Auf den ersten Blick haftet Nicoles signalorangenen Händen etwas Glühendes, Brennendes an, dass in mir die Struwwelpeter-Geschichte "Paulinchen war allein zu Haus..." vergegenwärtigte. Es handelt sich um jenes Mädchen, das von den Eltern zu Hause allein gelassen wird, und genau das tut, was sie ihr verboten war, nämlich mit dem Feuer zu spielen. Das Verbotene, Heimliche drückt sich darin aus, wo Angstlust die Hände führt. Am Ende der Geschichte zerstört eben diese ‚Angstlust am Verbotenen' nicht nur das Mädchen, sondern das ganze Haus. So gesehen, scheinen die orangenen Hände von Nicole selbst zum Signal geworden, die um Hilfe zu ringen, als hätten sie sich an etwas Verbotenem (?) verbrannt, vielleicht etwas Bedrohlichem, einem Konflikt. Jedenfalls scheinen die Hände einer Hilflosigkeit ausgesetzt, in der die Hände nicht selbstständig anpacken, sondern nur passiv beklagen können. Sie könnten demnach ein Warnhinweis sein. Die Passivität wird durch die schwarzen Schweißbänder unterstrichen, die schnell die Assoziation von Handschellen hervorrufen, insofern auch ein gewaltsam An-der-Hand-geführt-Werden i. S. einer Mani-pulation nahe legen.
Die Tatsache, dass Nicole ihre Hände statt des Pinsels benutzte, um lustvoll in der Farbe zu matschen, ist m. E. auch ein Hinweis auf ein regressives Sich - Selbst - Spüren - Wollens. Allerdings konnte Nicole es erst zulassen, nachdem Marlene es ihr vorgemacht hatte. Ebenso lassen sich die Handhabdrücke, die Nicole über sich selbst und ihr Malfeld "stempelte" als ein Versuch lesen, Kontakt /Berührung zu sich und zur Welt herstellen zu wollen. "Hier bin ich gewesen!" oder "Das gehört mir!" - kleine Kinder versuchen sich durch lustvolle Handhabdrücke in Welt einzuschreiben.
Bildprozess/Leonie - das Getrennte und Vermischte
Leonie sitzt mir beim dem Gruppenbildgeschehen gegenüber - sie beginnt sehr sorgfältig mit verschiedenen Farben der Mitte zuzustreben, doch alle Farben mischen sich unversehendes miteinander, so dass sich ihre Handkonturen am Ende gar nicht mehr erkennen lassen. Sie ist sehr unglücklich darüber: "Das ist alles so düste r- mir fehlen die Farben Grün und Rot!" Doch gerade diese Komplementärfarben hatte sie anfänglich benutzt, allerdings vermischten sie sich im Malprozess zu Dunkelgrau. Enttäuscht von sich, will sie den Pinsel ‚werfen' und aufgeben. Ich schlage ihr vor, ihre Hände im Bild mit einer anderen Farbe zu konturieren, um sie wieder "herauszuholen aus dem düsteren Sumpf". Sie versucht es widerwillig und ist am Ende nicht zufriedener und ignoriert ihr Gemaltes.
Assoziationen zu Leonie
Im Bild war Leonie stark darum bemüht, das vor ihr liegende Feld mit roten und grünen Farbtönen zu bemalen. Sowohl zu Marlene (rechtseitig) als auch zu Nicole (linksseitig) grenzte sie sich mit einem dicken roten Farbbalken ab. Leonies Hände wirken wie Pfoten, die versuchen etwas zu erklimmen - einen Berg? Aber sie scheint abzurutschen. Am Auffälligsten jedoch war ihr Bemühen um Farbe, die ihr "aus den Händen" glitt, weil sich die einzelnen Farben ‚wie von selbst' vermischten. Es könnte sein, dass das Sich - Trennen von etwas bzw. eigene Grenzen ziehen, ein Thema von Leonie ist.
Ein Sprechen über das, was sich im Gruppenbild ereignete, war nur bedingt möglich: Nicole hatte sich dem Malprozess entzogen, nachdem sie wesentliche Bereiche ihres Feldes übermalt bzw. wieder hat verschwinden lassen und war in eine Art Stempelfieber verfallen, nämlich der Lust, alles mit ihren Handabdrücken zu markieren.
Leonie konnte nur in einem Satz ihre Unzufriedenheit mit sich zum Ausdruck bringen und wollte möglichst nicht auf ihren "Fehler", der sich ihrer Meinung nach im Bild manifestierte, angesprochen werden.
Vexierbild - 27.04.05
anwesend: Nicole, Leonie und Susanne
Leonie brachte unangekündigt eine neue Freundin mit (Marlene ist nicht da!).
Mir kommt in den Sinn, dass sie möglicherweise Probleme hat, allein an der Gruppe teilzunehmen. Jedenfalls scheint sie freudig erleichtert, als ich zustimme, dass Susanne mit an der Gruppe teilnehmen kann. Nicole wurde von ihrer Betreuerin gebracht und präsentiert stolz einen selbst gemachten Obstsalat für die gemeinsame Pause. (Eine Alternativmaßnahme, die Nicoles Heißhunger auf Süsses umleiten soll.)
Übung
Mit geschlossenen Augen zeichnet jede mit einer dunklen Jaxon-Kreide eine ununterbrochene Linie auf das Papier. Die Vorstellung auf dem Papier Schlittschuh zu laufen hilft. In dem entstandenen Liniengewirr versucht jede ihre Figur oder das Wesen zu finden, "was ihr entgegenblickt" und mit Farben herauszuarbeiten. Die Liniengrenzen sollen dabei möglichst respektiert und nicht überschritten werden.
Angestrebte Erfahrung
Die Übung hat einen abstrakt - unbewussten (1. Teil) und einen Konkret - erkennenden Aspekt (2. Teil). Das Herauslesen von eigenen, inneren Bildfiguren aus dem Liniengewirr wirkt positiv zurückspiegelnd auf die Selbstwahrnehmung (Ich habe etwas gefunden = ich erkenne etwas!). Die vorgegebenen Linien erleichtern aber auch Grenzen einzuhalten und Farben zu trennen (s. Problem der Vermischung bei Leonie) Dadurch, dass die eigenen Figuren auch für die anderen sichtbar gemacht werden (2 .Teil der Aufgabe), wird das eigens gefundene Bild nach außen kommuniziert.
Bildprozess/Nicole
Jede malt anfangs an einer eigenen Wand im Raum. Nach dem 1. Teil der Aufgabe tut sich Nicole schwer "ihre" Figur in bzw. aus ihrem Liniengewirr zu erkennen. Ich helfe ihr. Wir legen das Bild auf den Boden, um es von allen Seiten anzuschauen:
Jetzt entdeckt sie einen Fischschwanz und einen Kopf und verbindet beides zu einer Meerjungfrau. Sie beginnt ihr Bild neben das von Susanne aufzuhängen. Eigentlich wollte sie der Meerjungfrau goldene Haare malen, "solche langen, schönen, blonden Haare wie meine Mutter" . Doch es kommt nicht dazu. Nachdem sie die Haare mit einem goldenen Stift konturiert hat, wirkt sie unschlüssig und unzufrieden. Es scheint, als stehe sie unter Druck, auch weil die anderen beiden, Leonie und Susanne, schon weit fortgeschritten sind mit ihrem Bild.
Ausweichbewegung!?Nicole geht auf Toilette - und bleibt so lange fort, dass ich beginne mir Sorgen zu machen und ihr nachgehe. (Die Toilette befindet sich auf dem Hof!). Von der Toilette zurück, entscheidet sie sich um und schwärzt die Haare ihrer Meerjungfrau. Immer wieder wandert ihr Blick zu der langhaarig, blonden Susanne und deren Bild, das links von ihr hängt. Sie benutzt Susannes Farben: Grün und Rot, und zwar aus Susannes Farbtöpfen. Susanne scheint sich nicht an diesem übergriffigen Verhalten Nicoles zu stören - sie arbeitet hoch konzentriert an ihrem Bild weiter. Nicole ist sichtlich fasziniert von Susanne.
Assoziationen zu Nicole
Kontakt durch ImitationWiederholt fällt auf, dass es Nicole schwer fällt, bei sich zu bleiben. Ihre Aufmerksamkeit ist oft bei den anderen. In ihrem Bildverhalten zeigt sich dies in ihrem starken Drang, sich der anderen angleichen (s. Susanne) zu wollen, sie zu imitieren. War es anfangs noch Lotta (s. 2-Minuten-Bilder, Baumbild) und beim gemeinsamen Gruppenbild Marlene, ist es jetzt Susanne. Als wolle sie sich über diese Gesten der Imitation annähern und Kontakt suchen. In der Nachahmung könnte sich auch ein Neidfaktor verbergen, nämlich etwas von dem haben zu wollen, was die andere hat! Vielleicht ein Hinweis auf einen Mangel eigener Ich-Grenze bzw. Ich-Stabilität.
Bildprozess/Leonie
Leonie hat sehr schnell eine Schnecke in dem Liniengewirr entdeckt.
Aufgrund der vorgegebenen Linien konnte Leonie die einzelnen Flächen gut voneinander abgrenzen. In diesem Bild hat sie sich wieder für den von ihr favorisierten Komplementärkontrast ‚Rot-Grün' entschieden, der schon bei der vorherigen Übung eine Rolle spielte. Schwarz wird zum rahmenden Hintergrund für die Schneckenfigur. Allerdings drohte Leonie im Malprozess die Grenzen zu überschreiten und erzählte, dass sie das bei sich schon kennt: Immer, wenn sie mit etwas gut anfängt, "dann wird es immer blöder", und sie weiß dann nicht mehr, wann und wo sie aufhören soll. (Vielleicht kann sie das gute Gefühl nicht (aus)-halten?) Dass sie dieses Bild nicht "übermalte", sondern nur mit Schwarz die "blöden" Felder, die sich zu vermischen drohten, rettend übermalte. schützte und stützte ihre ‚hauslose' Schnecke. Leonie war sehr stolz auf ihr gelungenes Bild. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie für das Bild bewundernde Anerkennung aus der Gruppe bekam.
Assoziationen zu Leonie
Mit dem Bild ihrer Schnecke ohne Haus zeigte Leonie auch ihren eigenen Weichanteil. Die Schnecke ist ein sehr empfindliches Weichtierwesen, das in ihrem Schneckenhaus einen sicheren Rückzugsort vor äußeren Gefahren hat. Mit den lang gestreckten kontrollierenden Augenfühlern stets auf der Hut vor äußeren Gefahren.
Für ihre Schnecke wählte Leonie wieder ihren Komplementärkontrast Rot- Grün. Sie bettet das energetisch, dynamische Orangerot ihrer Schnecke in ruhig erholsames Grün. Die Schnecke ähnelt auch einem Schmetterling, vielleicht handelt es sich um zarte innere Weichteile von Leonie, die keinen eigenen sicheren Schutz ( s. fehlendes Schneckenhaus) oder das Gegenteil keinen Ausdruck finden können. Grün umgibt das innere, gefühlige Schneckenorgan von Leonie wie einen Schutzwall und wird nochmals stabilisiert oder eingeschlossen (?) durch den massiven Schwarzrahmen.
Exkurs ‚Sicherer Ort':
Hinsichtlich des ‚sicheren Orts' erinnere ich eine andere, nachfolgende Übung, bei der wir mit Ton arbeiteten. Die Aufgabe war, sich selbst einen Ort zu bauen, eine Hütte, Baumhaus zum Wohlfühlen. Leonie begann hauchdünne Stäbe zu rollen, die sie zu einem Rohrsessel flechten wollte, doch die Stäbe brachen. Dann versuchte sie winzig kleine Würfel herzustellen (Steine), mit denen sie ein Haus bauen wollte, doch das Fundament des Hauses, eine dünne Tonplatte, zerbrach ständig. Schließlich baute sie eine kleine Mauer aus den klitzekleinen Steinen. Aus dem restlichen Ton formt sie eine dicke Wurst, die sie darum legt: "meine Alarmanlage!'" Wichtig war ihr erklärtermaßen ein Haus/ein Ort, der sicher ist, d.h. klar abgegrenzt vom Draußen und in dem kein Einbruch möglich ist. Parallel zum Arbeiten entspann sich in der Gruppe ein Gespräch über Glück und Liebe, was Leonie mit einem trotzigen Ausdruck der Unzufriedenheit abwehrte, in dem sie ihre ganze Tonarbeit wieder zerstörte und lautstark erklärte, für sie sei nicht die wichtigste Frage, was einen glücklich mache, sondern woher wir kämen?! Eine Frage, die natürlich auch wieder nach dem Herkunftsort schielt, in dem man geschützt wachsen und sein Selbst entwickeln kann. Es ist die Identitätsfrage, die sich Leonie stellte.
Die 6 Spontanen - 25.05.08
Anwesend: Leonie, Marlene und Susanne
Übung
Es werden fünf Bilder à 15 Minuten gemalt, zu denen es jeweils eine Handlungsanweisung gibt:
- linkshändig malen
- mit irgendeinem (nur einem!) möglichst fremdartigen Werkzeug
- ein hässliches Bild
- zu einem Musikstück
- malen, wie man sich gerade jetzt fühlt!
Angestrebte Erfahrung
Durch den Wechsel von thematischen Bezügen, Materialien und dem Einsatz verschiedener Sinne soll sich das Spektrum der Selbsterfahrung im Umgang mit fremden Material (Objekten) erweitern.
Zwischenakt
Die Schnecke im WohnzimmerBevor wir anfingen zu malen, hatte Leonie sehr aufgeregt und freudig überschwänglich erzählt, dass sie ihrer Mutter das Schneckenbild geschenkt hätte, die es sofort im Wohnzimmer über der Couch aufhängte. Endlich wisse die Mutter, so Leonie, in welcher Farbe sie das Wohnzimmer streichen wolle: dem Orangerot der Schnecke. Mich freuten die emotionalen Reaktionen von Leonie, denn offenbar hatte die Mutter sie mit dieser ‚guten' Geste des Bildaufhängens gesehen. Und doch unterschwellig keimte in mir Skepsis. Es fühlte sich alles zu wunschgemäß, zu perfekt an. Ich fragte nach.
Im weiteren Sprechen mit Leonie stellte sich heraus, dass sie sich mit ihrem jüngeren Bruder Max ein Zimmer teile. Sie fände dies wunderbar. Auf die Frage, ob sie nicht mal das Bedürfnis hätte, sich zurückzuziehen oder mit ihrer Freundin allein zu sein, reagierte sie vehement abwehrend und wies das Bedürfnis harsch zurück mit den Worten, dann hätte sie ja schließlich keinen mehr, mit dem sie vorm Einschlafen reden könne. Ja, ihre Mutter, die hätte ein eigenes Zimmer. Und es gäbe dieses weitere Zimmer, das Wohnzimmer, in dem aber keiner sich aufhalte. Eine Art Abstellraum, in dem neben Kartons, Wäscheständer, u. a. auch ein Sofa stehe. Über diesem Sofa im "Wohnzimmer" hatte die Mutter also das Schneckenbild gehängt. Der anfängliche Stolz der Mutter auf das Werk der Tochter war schlagartig ins Gegenteil gekippt - das Bild hing nicht, wie ich anfänglich vermutet hatte, am exponiertesten Ort, dem Sofa der Mutter, sondern war im Gegenteil mit und zu den anderen Dingen abgestellt d.h. in gewisser Weise unsichtbar gemacht worden. Durch diese Nebenbei - Erzählungen verstärkte sich die bereits erahnte symbolische Dimension des Schneckenbildes von Leonie: ihr fehlte scheinbar ein sicherer, geschützter Ort, an dem Gefühlsbewegungen genug Entfaltungsraum hatten
Bildprozess
Wir begannen mit der Übung der ‚6 Spontanen'. Leonie arbeitete an der Wand neben Susanne. Während der ersten beiden Übungen bemerkte ich, dass Leonie immer noch innerlich stark aufgewühlt war - ein kichernder Redeschwall nach dem anderen strömte aus ihr heraus - grenzenlos. Sie wirkte i.G. zu den vorherigen Malen wie verwandelt, emotional vollständig aus sich herausquellend - geradezu außer sich. Da sie trotz mehrmaliger Bitten meinerseits das Reden nicht stoppen konnte und immer wieder durch den Raum hindurch mit Marlene, die am anderen Ende des Raums arbeitete, Kontakt aufnahm, entschied ich mich spontan noch eine andere Übung dazwischen zu setzen: Schweigend sollte ein Redebild gemalt werden, in dem sich alle Gedanken und Wörter, die in den Sinn kommen ins Bild ‚eingeschrieben bzw. eingemalt' werden. Durch diese harte Grenzsetzung hatte ich - zumindest bei Leonie - etwas zerstört, was eine unerwartete Wende einleitete. Entsprachen die ersten drei Bilder von Leonie noch dem sehr expressiv - nonfiguralen Malduktus ihrer Stimmung, begann sich mit dem 3. schweigenden Redebild, sowohl Stimmung als auch Malweise bei ihr radikal zu ändern.

Die Handlungsanweisung für das 4.Bild lautete:
Ein hässliches Bild malen!
Leonie malte ein hexenartiges Profil, das sich in die schwarze Bildfläche reinschiebt. Die Nase ragt nashornartig und scharf wie eine Messerklinge ins Schwarz hinein:
Ab diesem 4. hässlichen Bild findet sie plötzlich auch bei dem 5. Bild die Musik blöd, malt abwehrend lustlos schwarze Zickzacklinien auf zwei weiße Flächen, um im 6. Bild "malen wie man sich gerade fühlt" mit einer knallroten Fläche zu antworten, in die sie ein aggressives Dreieck setzt. Gleichzeitig verkündet sie lautstark, dass sie sich jetzt auf ihre Mathehausaufgaben freue. Sie weigert sich ihr Gefühl zu malen, doch die roten Zickzacklinien sprechen für sich! Ihr Widerstand- das bewusst Vermiedene, nämlich ihr Gefühl zu malen, hat sich als Unbewusstes ins Bild geschlichen. Es gibt wohl kaum eine spannungsvollere Farbe für Gefühlsenergien wie Rot. (Nicht nur laut C.G. Jung ist Rot die Farbe affektiver Libido)

Pause
Beim anschließenden Versuch während der Teepause über die Bilder zu sprechen, erzählt sie knapp, dass sie eine Frau gemalt hätte, die so hochmütig und arrogant sei wie die Frau, die mit ihr im Chor sänge - sie mag diese Frau überhaupt nicht, müsse aber mit dieser Frau immer abends vom Chor zurück nach Hause fahren, weil es abends schon so spät sei.
Ihre Mutter hätte auch in dem Chor gesungen, aber wegen dieser Frau aufgehört und jetzt müsse sie, Leonie, immer allein mit ihr fahren.
Ich frage etwas bohrend weiter, wieso ihre Mutter sie denn zwinge mit einer Frau zu fahren, die sie selbst unsympathisch fände und die der Grund dafür sei, weshalb selbst ihre Mutter nicht mehr zum Chor ginge?
Leonie wird abwehrend und im Laufe des Dialogs immer ungehaltener: "das ist doch egal... und wieso ist das jetzt alles so wichtig?"
Sie hätte ein hässliches Bild gemalt und damit "basta!" Schlagartig beginnt sie sich zu verschließen, verschränkt ihre Arme vor den Bauch. Meine direkten, zweifelnden Fragen haben offenbar etwas in ihr geblockt. Der Dialog zwischen Leonie und mir hat etwas Kämpferisches; die anderen beiden hören schweigend zu!
Leonie geht in den Rückzug und baut eine fühlbare Distanz zu mir, dann auch zu ihren Freundinnen Susanne und Marlene auf.
Der schützende Rückzug setzt sich fort: Sie entzieht sich der gesamten Situation, in dem sie aufräumt und beginnt abzuwaschen: Pinsel, Geschirr etc. Sie verschanzt sich förmlich hinter der Spüle, bemerkt zufällig einen winzigen Farbfleck auf ihrer Hose, an dem sie akribisch, fast zwanghaft, versucht zu reiben, um ihn auszuwaschen.
der FleckDer Fleck scheint für Leonie zu einem kleinen Übertragungsobjekt geworden zu sein, etwas Haftend-Hässliches, eine unbewusste Selbstbeschmutzung; etwas, was sich nicht wegwaschen lässt. Der Kontakt zu Marlene und Susanne ist abgebrochen. Die beiden gehen zusammen - Leonie bleibt allein - mit ihrem Fleck und mir zurück.
Assoziationen zu Leonie
Meine Fragen haben offenkundig etwas berührt, was sie schneckenmäßig zurückziehen ließ. War es die sich selbst nicht gestattete Wut auf die Mutter, die sie jetzt auf mich transponiert? (Plötzlich komme ich mir vor wie die Frau mit der Nashornnase, die ihre Nase in alles hineinsteckt, was sie nichts angeht. Als hätte sie mich mit der hässlichen Frau gemeint - die negativen Anteile - Leonie schützt das gute Bild ihrer Mutter)
Leonies Phantasie vom "Hässlichen" ist in ihrem Bild Gestalt geworden, in jener Frau, von der sie erzählte, hat sich ihr "Hässliches" verkörpert. Dem Kopf - sie spricht von einer Hexe - hat sie allerdings keine Hakennase gemalt, sondern fast umgekehrt, besteht der Kopf formal aus einer enormen Nashornnase, mit dazugehöriger Warze. Diese Nase ist wie ein Angriffsorgan (= Nashorn). Phallische Assoziationen werden wach und Angriffslust paart sich mit Deprimiertheit/Melancholie angesichts des Gesichtsausdrucks dieser Gestalt.
" Man muss aber zuerst die Tendenz des Konkretisierens überwinden, mit anderen Worten, man darf die Phantasien, sobald man an die Frage der Deutung herantritt nicht wörtlich nehmen. Ja, solange wir im Erleben der Phantasie begriffen sind, kann man sie nicht wörtlich genug nehmen, wenn wir sie aber verstehen wollen, dann dürfen wir den Schein, eben das Phantasiebild, nicht für das dahinter liegende Wirkende halten. Der Schein ist nicht die Sache selber, sondern bloß der Ausdruck .... gesetzt für etwas Unbekanntes, aber Wirkliches!" ( C.G. Jung, Beziehungen zwischen Ich und Unbewussten)
Was aber ist das Hässliche, Unbekannte, welches Wirkliche arbeitet hinter dem Schein, zeigt sich als bloßer Ausdruck der Phantasie Leonies?
Setze ich den Focus ‚nur' auf das "hässliche" Bild als Ausdruck ihrer Phantasie und berücksichtige das von Leonie Erzählte dazu, so könnte es sich bei dem Nashornkopf um mögliche "hässliche/böse"
Selbstanteile bzw. introjizierte Objektanteile von Leonie handeln, die sie abwehrt und infolgedessen auf diese Person bzw. das Bild projiziert. Melanie Klein beschreibt diese Dialektik von Introjektion und Projektion von guten und bösen Objekten dergestalt, dass z.B. das phantasierte "böse" Objekt projiziert wird, als ob der Trieb oder Affekt sich notwendigerweise in einem Objekt verkörpern müsste, um ausgeschieden zu werden.
Nun besteht das Bild nicht nur aus dieser nashornigen Kopffigur, sondern auch aus einer schwarzen Fläche, die mehr als die Hälfte des Bildraums einnimmt und in die das Horn hineinstößt.
Was ist diese schwarze Fläche, was verbirgt sich hinter bzw. in ihr? Oder wird etwas mit dem Schwarz geschützt?
In der Un-Farbe Schwarz mischt sich symbolwertig Trauer, Angst, Depression mit dem psychischem Abwehrmechanismus des Verbergens/Versteckens - eine Schutzfunktion.
Schwarze Flächen tauchen bei Leonie auch in späteren Übungen immer wieder auf, um etwas verschwinden zu lassen, aber auch um dadurch Stabilität zu erlangen.
Sie entzieht es dem Blick, deckt Unangenehmes oder Hässliches damit zu und schützt so auch evtl. Unaushaltbares.
Das Unbewusste führt ihre Hand, wenn sie immer wieder erfahren muss, dass sich die Farben wie von selbst ins Dunkle hinein mischen
Mit einem spekulativen ‚Vielleicht' gedeutet, könnte bei Leonie eine frühe schmerzhafte Verletzung vorliegen, in deren Wunde stets herumgebohrt wurde. Ihr Bemühen diesen Schmerz/Trauer zu verbergen und sich immer wieder neu schützen zu müssen, davon erzählt vielleicht ihr Bild.
Eine andere Lesart des Bildes wäre jedoch die Nashornnase als ihren eigenen Anteil anzusehen.
Gerade für den Individuationsprozess, der sich während der Adoleszenz verdichtet, sind die schwarzen Aspekte, also die unbeleuchteten, d.h. verdrängten oder unbekannten Seelenanteile, als wesentlich zu betrachten.
Erweitere ich den Blick von diesem einen " hässlichen" Bild und setze es in den lebendigen Kontext der Gesamtsituation, fällt mir folgendes auf:
Leonies anfänglich redselige, expressive und Kontakt suchende Art drückte sich entsprechend malerisch in ihre ersten drei Bildern aus. Schlagartig änderte es sich, als ich bestimmte, alles Sprechende, alle Wörter schweigend ins Bild zu malen.
Damit hatte ich den Kontakt, den Leonie permanent zu Marlene suchte, abgeschnitten und sie auf sich selbst zurückgeworfen.
Leonie fühlte sich allein gelassen, was sich sofort in einer trotzigen Haltung niederschlug Nach dem 4. "hässlichen" Bild machten wir die Pause, in der sie von der " hässlichen" Frau erzählte. Ab diesem Zeitpunkt begann sich auch ihre Malweise drastisch zu ändern - eine Art Dominoeffekt von Abwehrreaktionen: In den nachfolgenden Bildern werden sie - nach dem figurativen Dreieck des Nashornkopfes - als geometrische abstrakte Formen sichtbar: wütende Zickzacklinien, Spitzen und Dreiecke - interessanterweise auf weißen, rosa und roten Untergründen.
Gleichzeitig verschließt sich Leonie, geht in den Rückzug und beginnt einen kleinen, kaum sichtbaren Farbfleck an ihrer Hose - fast zwanghaft - auszuwaschen.
Die anfänglich positiv-expressive Gefühlswallung schlägt um durch eine Grenzsetzung meinerseits, die Leonie auf sich selbst zurückwirft! Sie fühlt sich bedroht (= Nashornnase) und reagiert mit beleidigtem Rückzug und Wut auf mich? (s. letztes Bild/ rote Fläche!), die als Affekt aufs Bild projiziert wird.
Das Verlassensein - Gefühl, noch verstärkt dadurch, dass die beiden Freundinnen ohne sie gehen, überschwemmt Leonie.
Reflexionen zur Übertragungsdynamik
Schweigen im Redebild Reden im SchweigebildMöglich, dass sich durch diese Übung eine Übertragungsdynamik gestrickt hat, die ich versuche jetzt im Schreiben ein wenig auf zu rebbeln. In der damaligen Situation war ich eher unbewusst Agierende. Vergegenwärtige ich mir noch einmal die Dynamik des Geschehens : Ich setze eine scharfe Grenze (Redeverbot-Schweigebild), die Leonies bemühten Redefluss um Nähe/Verbindung zu Marlene kappt/abschneidet. Ein dramatischer Akt, der an das Zerschneiden einer Nabelschnur erinnert.
Ich fühlte mich ein wenig gewalttätig in diesem strikten Unterbinden und habe dadurch vielleicht bewirkt, dass Lara mit dem 4. Bild der "bösen" Hexe ihre "bösen" Mutteranteile auf mich übertragen konnte.
Mir fallen die wiederholten Trennungen ein, die Leonie und ihr Bruder Max durch die Klinikaufenthalte ihrer Mutter verkraften musste - auf sich allein gestellt - Hänsel und Gretel! Sie werden bei "einer bösen Hexe" untergebracht. Dieses Verlassensein von der Mutter war bedrohlich und hat Angst ausgelöst, die später vielleicht zu einem Angstwutgemisch wurde. Die ohnmächtige Angst, von der Mutter verlassen zu werden und gleichzeitig die Wut auf die Mutter, dass sie dies tut und immer wieder tut. Eine Wut, die nicht zugelassen werden darf. So wird alles dafür getan, dass das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleibt. Die "bösen" Anteile müssen abgespalten und nach außen - auf ein anderes Objekt - projiziert werden, um die starke innere Spannung abzuwehren!
In dieser Beziehungslosigkeit, dem Zustand der Trennung, spürt Leonie den inneren Druck, den Schmerz und richtet ihre Wut erst auf das "hässliche" Bild, dann auf mich (Übertragung!) Als ich danach auch noch die "gute" Mutter in Frage stelle bzw. anzweifele (s. meine bohrenden Fragen), entsteht ein so starker innerer Konflikt, dass Leonie in den regressiven Rückzug flüchtet. Ich hatte durch mein Fragen und Nachhaken den Abwehrschutz des Bildes, in dem Leonie das "Hässliche" gebannt oder wie M. Klein sagt, in dem "das böse Objekt verkörpert" war, angebohrt/bedroht. Nicht gerade ein therapeutisches Verhalten meinerseits und doch klärte es viel.
Die Bindung nicht verlieren, alles dafür tun bis hin zur Verleugnung der eigenen Wut/Aggression gegen die Mutter, die abgespalten werden muss, damit das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleiben kann.
Rückblickend kommt mir meine Deutungsakrobatik wie eine Wahrnehmungswucherung vor, die nach etwas handfestem sucht. Natürlich wurde sie nicht von Leonie bestätigt ( therapeutischer Fauxpas!). Vielleicht war dies aber gerade ein Indiz dafür, dass hier etwas von meinem Verhältnis zu meiner Mutter sich dazwischen geschoben hatte.
Doch zu jenem Zeitpunkt des Gruppengeschehens - in der 1. Phase - konnte ich meine Gegenübertragungsanteile noch nicht wahrnehmen. Trotzdem wird deutlich, dass in diesem eben beschriebenen ("kunsttherapeutischen") Prozess durch die Bildübung zwischen mir und Leonie eine trianguläre Beziehung entstanden war. Diese Präsenz ist von sinnlicher Dauer - sie ist gegenwärtig, visuell und haptisch wahrnehmbar. Nach meinem heutigen Kenntnisstand würde ich das, was im Bild als Konstruktion dieser Konstellation erscheint, eben auch als erzeugte Übertragungen und Gegenübertragungen ansehen. An einem weiteren Beispiel möchte ich das verdeutlichen.
Ganzkörperbild - 25.05.05
Anwesend: Susanne, Marlene, Nicole und Leonie
(Nicole - 15 Minuten verspätet)
Übung
Jede hilft der anderen ihren Körper am Boden auf Packpapier mit Jaxon - Kreiden zu konturieren. Die Körperkontur soll anschließend von jeder, wie ein Gefäß, mit den Gefühlsfarben/Stimmungen, die gerade präsent sind, gefüllt werden.
Angestrebte Erfahrung
Durch den bereits vorgegebenen Rahmen für den eigenen Körper bzw. der Grenze zwischen "innen" und "außen" wird das freie Malen erleichtert. Selbsterfahrung auf der Ebene der Wahrnehmung von eigenen verborgenen Gefühlen/Wünschen. Das Innen und Außen des Bildes kann in Beziehung zur eigenen Person gesetzt werden und sich im Verlauf ändern. Gruppendynamisch stellt sich durch das anfängliche paarweise Zusammenarbeiten eine körperliche Nähe/Berührung her.
Bildprozess
Leonie und Marlene arbeiten zusammen und ich konturiere Susannes Körper. Als Nicole kommt, löst mich Susanne ab. Marlene beginnt sich für das Ausmalen am Boden einzurichten. Leonie hat sich eine eigene Ecke gesucht. Nicole arbeitet wieder rechts neben Susanne an der Wand - wie das letzte Mal.
Während des Malprozesses schielt Nicole immer wieder verstohlen zu Susannes Bild. Wieder benutzt sie Susannes Farben ( Blau, Hellgelb, Rot), wodurch sich Ähnlichkeiten in beiden Bilder überkreuz herstellen:
Hände bei Susanne + Korpus bei Nicole= hellgelb Füße bei Susanne + Hände bei Nicole= schwarz beide Köpfe= zinnoberrot
Den hellgelben Körper bestempelt Nicole ebenfalls in zinnoberrot, nachdem sie es bei Marlene gesehen hat, mit einem kleinen Schwämmchen.
Assoziationen zu Nicole
Wiederholt fällt Nicoles imitatives Malverhalten auf. Als würde sie darüber eine Nähe oder Verbindung zu Susanne bzw. Marlene herstellen, in dem sie deren Farben und Formen benutzt. Möglich ist, dass der Neid bei ihr eine große Rolle spielt. Signifikant spiegelt sich das in der hellgelben* Farbe, die sie für ihren ganzen Körper im Bild benutzt hat. Durch den Kontrast vor dunkelblauen Hintergrund, springt ihr hellgelber Körper noch mehr ins Auge und läßt ihre reale Leibesfülle fast leuchten. Nicole will ganz offensichtlich gesehen werden und bekommt nicht genug. Ihren gelben Körper hat sie auch in diesem Bild "bestempelt", diesmal nicht mit den Händen wie im Gruppenbild, sondern mit einem Schwämmchen und roter Farbe. Diese Spuren auf dem Körper erinnerten mich in ihrem Musterhaften auch an Stigmata, aussätzige Wundmale.
Für ihren Kopf wählte Nicole Zinnoberrot, dieselbe Farbe, die sie schon für ihre Hände im Gruppenbild benutzt hatte. Rot - die Farbe der Gefühlsausbrüche; wenn vor Wut die Röte in den Kopf steigt, man die Kontrolle verliert, "rot sieht" oder gar sich schämt. ‚Zinnober machen' wird umgangssprachlich auch im Sinne von "viel Aufsehen erregen wegen etwas Wertlosem, Unsinnigem" verwendet.
Insgesamt machte Nicole auf mich den Eindruck, als würden sich bei ihr vielfältige Gefühle, von der Wut bis zur Scham, tatsächlich stauen. Sie wirkte auf eine Weise so emotional neutral und unauffällig, als würde sie sich permanent kontrollieren, andererseits brach immer wieder dieses grenzüberschreitende, übergriffige Verhalten bei ihr durch. Sie bediente sich dann aus den Farbtöpfen der anderen, wollte genau das haben, was andere haben, legte dreckige Pinsel und Farbtöpfe auf meinem Arbeitsplatz ab. In ihrem Bild taucht noch ein zweiter roter (Kopf-)Ball im blauen Hintergrund auf, der sich wie ein Satellit zum Kopf verhält. "Das ist eine Sonne !" (Zit. Nicole) - das einzige Statement zu ihrem Bild, zu dem sie mehr nicht sagen will! Die schwarzen Hände wirken wie eine Negation d.h. auch jene Handlung bzw. das, was die Hände tun, wird "trauernd" verdeckt. Insgesamt wirkt die Armhaltung abwehrend und hinter dem rechten Arm versteckt sich der feuerrote Kopf, der vielleicht auch von dem Arm geschützt wird. Die feurig orangene Hitze staut sich im Kopf und das Bild schlägt sofort die Brücke zu zornigen, hochroten Köpfen.
* Gelb ist eine zwiespältige Farbe: Einerseits steht sie für sonnige Lebensfreude und Optimismus, andererseits wird mit ihr Neid, Missgunst, Ärger und Verlogenheit verbunden. Zudem symbolisiert die Farbe kollektiv - unbewußt Geächtete und Ausgegrenzte. Im Mittelalter mussten Prostituierte und Mütter unehelicher Kinder gelbe Markierungen tragen - ähnlich wie Juden durch den gelben Judenstern während des Nationalsozialismus ausgegrenzt wurden.
Da Nicoles Hände in meinen Augen eine so exponierte Rolle in den bisherigen Bildprozessen spielten, möchte ich an dieser Stelle kurz auf die Bedeutung von Händen eingehen.
Exkurs ‚Hände'
Die Hand ist als Symbol aus vielfältigen kulturellen Kontexten bekannt. Wie schon Höhlenmalereien zeigen, handelt es sich um einen archaischen Drang, die eigene individuelle Präsenz zu visualisieren - etwas, was im Kollektiv - Unbewussten weiter wirkt.
Entwicklungspsychologisch betrachtet, kommt der Hand - nach dem Mund- als Tast-, Greif- und Kontaktorgan wesentliche Bedeutung zu. Mit dem Mund bzw. der Hand wird vom Säugling der erste Kontakt in der Symbiose mit der Mutter hergestellt. Im 1.Lebensjahr, dem primären Zustand entwickelt das Kind sein bindungssuchendes Verhalten. Über die Suche nach Nahrung, verknüpft mit oraler Lust entsteht Kontakt/Nähe - oder aber eben kein Kontakt. D.h. was am Anfang die Mutterbrust, sind später die Dinge der Welt, was anfangs der Mund, sind später die Hände. Mit den Händen wird Welt be-griffen und Kontakt aufgenommen (s. oral - kaptative Phase), indem alle möglichen Dinge in den Mund bzw. in die Hand genommen werden. Es ist eine Weise der Weltaneignung, in der sich gleichermaßen eine Subjekt-Objektdifferenzierung vollzieht. Erikson bringt diese Phase des 1.Lebenjahrs mit dem Motto: "ich bin, was ich bekomme" auf den Punkt.
Inwieweit sich Verbindungen zur oralen Phase bei Nicole herleiten ließen, in dem Sinne, dass sie vielleicht nicht genug guter Kontakt mit der Mutter hatte oder, ob Störungen in dieser Phase der mögliche Schlüssel zum Verständnis ihrer kleinen Diebstähle lag - diese Fragen gärten in mir weiter!

Bildprozess/ Leonie
Leonie beginnt ihre Figur flächig auszumalen, den Kopf gelb, den Oberkörper orange, den Unterkörper rot. Dabei entsteht eine scharfe Mittellinie auf Nabelhöhe, zwischen oberer und unterer Körperhälfte. Als von der oberen orangenen Fläche durch den flüssigen Farbauftrag eine Farbträne in den unteren roten Bereich rollt, versucht Leonie verzweifelt diese Farbträne aufzuhalten, doch es bleibt eine verwischte Tränenspur. Leonie wird wütend, gerät außer sich, findet ihr Bild plötzlich "hässlich" und beginnt mit dem Pinsel auf diese "hässliche" Stelle im Bild einzupeitschen. Ihre Wut steigert sich derart, dass sie die obere orangene Farbe mit beiden Händen nach unten schmiert und dabei, fast als würde sie sich selbst kasteien, skandiert "hässlich, hässlich, hässlich". Sie greift zu schwarzer Farbe und fängt an das Bild damit zu übermalen. Leonie wirkt in ihrem körperlichen Gestus ‚außer sich'. Mir verschlägt es die Sprache angesichts dieser vulkanisch geladenen Energie, die aus Leonie heraus bricht. Bislang war es immer Marlene gewesen, die sehr expressiv ihren jeweiligen Launen in der Gruppe Ausdruck gab. (Sind Susanne und Marlene etwa die beiden schwarzen Flügel? Stütze und dichotome Anteile von Leonie?)
In diesem "heißen" Moment spüre ich den Impuls, Leonie vor irgendetwas bewahren zu müssen. Vielleicht davor, dass sie ihr Bild mit dem Schwarz vollständig zudeckt? Bewahren vor der Zerstörung? Ein mütterlich sorgender Akt? Spontan trete ich hinter sie und halte sie an ihren Schultern. Durch diesen körperlichen Kontakt, diese Berührung, hole ich sie wieder ins Hier und Jetzt zurück. Ich spüre, wie die Spannung langsam aus ihrem Körper weicht und bitte sie leise, zwei oder drei Schritte von ihrem Bild zurückzutreten. Meine Hände liegen noch immer auf ihren Schultern. Wir stehen eine Weile ruhig hintereinander, der Atem wird tiefer. Ihr Bild ist das Gegenüber - die andere Leonie, ihr anderes.
Mir fällt dazu eine Familienaufstellung von mir ein, in der ich anfangs allein stand, unstabil durch eine Konfrontation - bis "meine aufgestellte Mutter" hinter mich gestellt wurde als stabilisierende Verstärkung, ein Gefühl, das ich durch meine eigene Mutter so nie erfahren hatte...
Die anderen Mädchen sind dazu gekommen und betrachten auch Leonies Bild. Offensichtlich spüren alle, dass hier etwas für Leonie sehr Wesentliches passiert ist. Die anderen finden, dass die Figur durch das Verwischen des Oranges jetzt viel wilder und lebendiger wirkt. Und was ist mit dem großen linke schwarzen Fleck? Der könnte sich ja auch zu einem Flügel auswachsen; und mit einem zweiten Flügel würde die Figur zu einem Engel werden. Ich erzähle die Geschichte Luzifers, dem Lichtbringer, der später fälschlicherweise durch den biblischen Kontext seinen Namen dem Teufel leihen muss, ein gefallener, verstoßener Engel - Leonie gefällt dies von allen zusammen gesponnene Bild. Sie wirkt jetzt, durch die Anerkennung der anderen, ganz gelöst, fühlt sich gesehen und getragen. Sie kann ihr Bild so stehen lassen wie es ist.
Nur den zweiten schwarzen Flügel möchte sie rechts noch dazu malen - wegen der Balance.
Assoziationen zu Leonie
Als sei die gemalte Figur in Leonies Bild zum Spiegel geworden. Die Farbkomposition spiegelt das ganze, eben Erlebte, noch mal zurück: Die ganze Figur gleicht einer lodernden Flamme. die Hilfe rufend die Arme empor reißt, als würde sie verbrennen. Die von unten aufsteigende rot-orange-gelbe Farbströmung in der Figur zeichnet das feurige Wüten Leonies, ihre vitale Aggressivität aber auch eine warme bis leidenschaftliche Lebendigkeit nach. Das Schwarz als Verdränger und gleichzeitiger Ich-Stabilisator. Das Blau reflektiert das Zurücktreten vom Bild, wo aus einer relativ sicheren Distanz der Blick und die Emotionen geklärt werden konnten.
Fragen, Fragen, Fragen.....
Mich beschäftigt die Frage, was Leonie mit dem "Hässlichen" abwehrt bzw. abspaltet. Das Hässliche entspricht jenen eigenen dunklen Schattenanteilen, die mit tiefer Trauer, Schwäche, Neid (?), aber auch unkontrollierten, schamvollen Emotionsausbrüchen und der Angst in Verbindung stehen. Das Hässliche soll verdeckt werden, obwohl es gesehen werden will.
Durch das Erleben mit und in dem Bild fungierte das Bild als eine Art Katalysator. Hier wurde das "Hässliche"/Negative umgewandelt wie in einem alchimistischen Prozess (C. G. Jung). Die Wut und das Schwarz konnten zugelassen werden. Die anfängliche Zerstörung (=schwarze Übermalung) wurde umgewandelt zu etwas Neuem(= schwarze Flügel), das eher aufbauend und stabilisierend ist.
Die Destruktion ist im Bild nach wie vor sichtbar. In gewissem Sinne hatte das Bild die Wut von Leonie sich "einverleibt" und sie ihr damit abgenommen.
Aber waren diese heiß-kalten Stimmungswechsel bei Leonie eventuell auch auf das Borderline - Milieu ihrer Mutter zurückzuführen, dem sie und ihr Bruder tagtäglich ausgesetzt waren? Oder wurden gar die starken Emotionen zu Hause von der Mutter besetzt, so dass Leonie eher die Rolle der Sorge tragenden, sich kümmernden Mutter übernahm, aus Angst vor einer erneuten Trennung, eines Verlassenwerdens (erneuter Klinikaufenthalt der Mutter)?
Sollte die leidvolle Erfahrung des Verlassenwerdens, des Nichtgesehenwerdens seitens ihrer Mutter, die sie vielleicht abgespaltet hatte, traumatisierende Spuren in ihr hinterlassen haben?
Fragen, Fragen, Fragen und kreisende Spekulationen - in mir sucht es nach dem Dingfesten. Soll das etwa heißen, ich will etwas beweisen? Oder soll etwas wirklich werden, was in meinem Kopf kreist und nach Projektionsflächen im Äußeren sucht?
Vielleicht ist ja alles ganz anders.... Was projiziere ich - was sind meine Anteile an diesem ganzen Geschehen - wie finde ich das heraus?
Es taucht noch etwas anderes auf - was mir auf identifikatorische Weise bei Leonie bekannt vorkommt:
das ‚Nicht-gut-genug-sein' und der daraus resultierende Druck der Perfektion, weil nur dadurch Legitimation vor der Mutter und der Welt zu erlangen ist...
Meine Form - 22.08.05
Anwesend: Leonie, Marlene, Nicole und Susanne
Übung
Jede soll sich eine geometrische Form wählen, mit der sie sich verbunden fühlt: Kreis, Quadrat, Dreieck, Rechteck, Oval.
Bildprozess
Leonie begann das Papierformat mit einem großen aufrechten Dreieck einzuteilen, so dass drei Dreiecke entstehen:
Das mittlere Dreieck malt sie blau aus, auch die anderen beiden. Plötzlich setzt sie Rot in die Mitte des mittleren vormals dunkelblauen Dreiecks - die Farben mischen sich zu Dunkelviolett. In der Mitte bleibt ein undeutliches rotes Dreieck stehen. Sie fängt noch einmal an - auf einem neuen Blatt. Jetzt malt sie die Ränder des Blattes rot, das innere Feld gelb und dunkelblau. Sie malt wütend mit heftiger Gestik und sehr schnell - übermalt dann den roten Rahmen mit Schwarz, weil "das Rot ist hässlich!" "Alles hässliche Rot muss verschwinden!" (Zit. Leonie)
"Rot ist hässlich!"" Wir können aus dem Beispiel ableiten, dass Rot ein starkes Symbol für Gefühle sein kann. Stark in jeder Hinsicht, auch in der Anstrengung, es abzuwehren....wenn es Aufgabe der Psychotherapien ist, an und mit Gefühlen zu arbeiten, dann liegt das Problem auf der Hand: die Erinnerung an das Verdrängte ist nur Teil des Heilungsprozesses...." (Zit. G. Bommersheim)
Leonie ist unzufrieden mit sich und strahlt etwas rigide Unerbittliches aus. Sie kann einfach nicht begreifen, warum sie immer mit hellen leuchtenden Farben anfängt, die dann - wie von selbst - immer dunkler werden. Ich schlage ihr vor, es einfach mal in umgekehrter Reihenfolge zu versuchen. Sie probiert es im dritten Versuch: Nachdem sie die Farben Rot, Blau, Grün gemalt hat, überdeckt sie diese mit Weiß.
Es entstehen pastellene Farbtöne. Bezeichnerderweise wählte sie als ihre Form jetzt den Kreis. Ihre Stimmung ist leichter und flüssiger geworden. Vielleicht durch das Weiß, das die dunklen, kraftvollen Farben abmildert, ihnen die Schärfe und vielleicht sogar das Bedrohliche nimmt.
Vielleicht aber auch, weil während des Malprozesses am Tisch eine entspannt liebevoll witzelnde Atmosphäre zwischen den Mädchen entstanden ist.
Ich erzähle anhand von verschiedenen Beispielen, warum es nichts Hässliches in der Kunst gibt, und so wird schließlich vereinbart, dass das Wort "hässlich" zu behandeln wie manch einen Hund "Bitte draußen bleiben!"
Der Humor schafft bei Leonie eine kleine Distanz, durch die sie über sich und ihr "hässlich" selbst zu lachen beginnt.
Sie ist der rigiden Selbstabwertung offenbar nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert, denn am Ende der Übung, als jede ein Bild auswählen und aufhängen soll, wählt Leonie signifikanterweise mit einem spitzbübischen Lächeln gerade das erste Bild aus: das "hässliche Rot".
Assoziationen zu Leonie
"Hässlich" hat sie in dieser Übung an die Farbe Rot gebunden - zwischendurch betonte sie immer wieder, dass Blau ihre Lieblingsfarbe sei - der distanzierte Gegenpol?
Wovon spricht dieses Rot, was so tief in der Seele der so coolen Leonie sitzt. Mir fiel im Laufe der Zeit immer mehr auf, dass sich Leonie offenbar unbewusst auch in ihrer Freundinnen - Wahl an den Farbtemperamenten Rot und Blau orientiert hatte.
Vielleicht lebte Marlene Leonies ‚Rote Innenseiten' aus, wohingegen Susanne mit ihrem kühl distanzierten Wesen eher Leonies Blaugrünanteile übernahm? In Marlenes Wesen steckte etwas unglaublich Wild-Erotisches. Ihre Art zu malen, aber auch ihr sonstiges Verhalten war sehr direkt emotional und physisch. Manchmal rollte sie plötzlich auf dem Boden durch das Atelier, fast hysterisch schreiend oder lachend, erzählte schwärmerisch von süßen Jungs an der Bushaltestelle und ließ ihren begehrlichen Phantasien ungezügelten Lauf.
Leonie schien fast ein wenig berauscht von Marlenes Gefühlswirbeln, um sie dann gleichermaßen sehr vernünftlerisch erwachsen zu Recht zu weisen. Andererseits verhielt sich Marlene sehr kooperativ und verantwortlich warm den anderen gegenüber.
Susanne hingegen, war sehr distanziert, redete wenig und wirkte ein wenig kühl. Innerhalb der Gruppe schien sie immer ein wenig in ihrem eigenen Kokon zu bleiben, arbeitete meist still und hoch konzentriert und gab sich hinsichtlich Bildentscheidungen sehr selbstsicher und eigen. An der Seite von Leonie schien sie i. G. zur ‚roten' Marlene, den blauen Farbwert zu übernehmen.
Die Ambivalenz, die dem Rot innewohnt, nämlich einerseits eine warme, ganz dicht heranrückende Farbe zu sein, andererseits eine, die sich als ein Gefühltes von Innen nach Außen bewegt und in dieser Dynamik einen Gefühlskokon abwickelt, sei es Aggressions - oder Liebeswallung, führt möglicherweise auf die verdrängte Spur in Leonies Gefühlsbereich.
"Es geht auch darum, das Erinnerte mit dem dazugehörenden Gefühl in Verbindung zu bringen, aufzuladen. Bestimmte Farben und/oder Farbverbindungen können uns auf die Spur des verdrängten Gefühls bringen.... Nach der aktiven Verwendung einer vermiedenen Farbe, kann der Gefühlsbereich, der damit in Zusammenhang steht, erschlossen und aktiviert werden" ( Zit. G.Bommersheim)
Das Rot tauchte immer massiver in ihren Bildern auf, obwohl bzw. gerade, weil es als "hässlich" apostrophiert und weggedrängt werden sollte.
Tastporträt - 24.08.05
Anwesend: Leonie, Nicole und Marlene
Übung
1. Teil : Wahrnehmungsübung
Mit geschlossenen Augen erkunden beide Hände, allerdings nur mit den Fingerspitzen, das eigene Gesicht. Vom Haaransatz über Stirn,
Augenbrauen, Augenhöhlen, Nasenwurzel etc. hin bis zum Halsansatz. Am Ende der Übung ruht der Kopf in der Schale der beiden Hände.
Ich führe und begleite diese Wahrnehmungsübung durch Sprechen.
2. Teil: tastendes Zeichnen
Anschließend wiederholt nur eine Hand die Tastreise durch das Gesicht, während die andere parallel mit Kohle die Berührungslinien
auf dem Papier seismografisch "aufzeichnet"
3.Teil/ Farbakzente setzen mit offenen Augen
Das eigene Bild soll in Ruhe betrachtet werden und
bestimmte Stellen der Zeichnung können mit Farbe betont werden - ohne das Porträt zu übermalen!
Angestrebte Erfahrung
Durch das ‚Sich-selbst-Betasten' entsteht eine gefühlte Beziehung zu sich selbst - jenseits der Augenkontrolle. Das entstehende Selbstbild kann in seiner visuellen Deformation durch die eigene Tasterfahrung besser akzeptiert werden.
Bildprozess/Leonie
Die Mädchen reagierten sehr unterschiedlich auf die Übung:
Leonie, die an diesem Tag sehr offen und weich war, genoss es, sich zu betasten und bei sich zu bleiben.
Ihr Tastporträt erinnerte an einen zarten am Papierrand verwurzelten Gnom.
Nach dem Augen öffnen und Anschauen des Bildes, stellte sich bei Leonie der kurz aufflammende Reflex ein, ihr Gesicht als "hässlich"
zu bezeichnen, doch er wich einer lächelnden Verblüffung als alle anderen ihn als lieben kleinen Gnom aus dem Film "Herr der Ringe" assoziierten.
Während des 3.Teils der Aufgabe bemalte Leonie ihren Gnom fast zärtlich. Sehr vorsichtig und liebevoll legte sie schraffierend
grüne und hellgelbe Flächen in das Tastporträt...
Immer wieder entsponnen sich scherzende Gesprächsfäden, in denen es um die Vorstellung von Gnomen ging, die jede/r in sich trägt, frei
nach dem Motto : Jedem sein Gnom!
Parallel und in der Pause fortgesetzt, erzählte Leonie von sich.
Dass sie jetzt bald ein eigenes Zimmer bekäme..., zwar sei das Zimmer zurzeit noch Abstellraum, aber ihre Bilder würden dort schon hängen...
und sie freue sich darauf.
Assoziationen zu Leonie
Leonies Stimmung erstaunte mich - ich hatte sie nie zuvor so durchlässig, weich und ausgeglichen erlebt.
Möglich, dass es mit der neuen Perspektive eines eigenen Zimmers zusammenhing. Interessanterweise hatte sie
jetzt das Zimmer, was vor Wochen noch das idealisierte Wohnzimmer gewesen war,
als das darstellen können, was es war: als Abstellraum.
Noch ein anderer Aspekt, der durch die Übung zum Vorschein gekommen war, schien mir etwas mit der Wahrnehmung zu tun zu haben.
Ich selbst hatte bislang das Augenhandikap von Leonie verdrängt.
Vielleicht war es ja gerade die Fehlsichtigkeit bzw. das Sehhandikap was sie unter Druck setzte und sie zur Perfektion antrieb.
Insofern hatte die Blindzeichnung auch zu einer Druckentlastung bei ihr geführt: Sie musste nicht mehr perfekt und fehlerfrei arbeiten und ihre Sehschwäche durch einen überkontrollierenden Blick kompensieren, sondern konnte durch die Blindzeichung auch Schattenanteile, eben gnomische, zumindest zulassen, wenn vielleicht auch nicht akzeptieren.
Bildprozess/Nicole
Ganz anders als Leonie reagierte Nicole auf diese Übung.
Sie tat sich schwer beim Betasten ihres Gesichts, schielte zwischen ihren Händen immer wieder zu den anderen rüber.
Ab und zu erinnerte ich sie an die ‚Spielregel' der Aufgabe.
Doch ihr Blick schien sich durch die Finger fast magnetisch zu den anderen hin zu bewegen.
Als sie am Ende ihr getastetes Ergebnis auf dem Papier sah, war sie geschockt, verweigerte jedes Sprechen
darüber und verlangte sehr dringlich nach den dicken Fettstiften, mit denen sie sofort die Zeichnung zu übermalen begann.
Erst nachdem Nicole ihr Blindporträt vollständig übermalt hatte, konnte sie über ihr Bild sprechen. Sie verwies auf die roten Spangen im Haar und die roten Ohrhänger, die ihre Mutter immer trage.
Assoziationen zu Nicole
Der Anblick ihres eigenen aus der Form geratenen Blindporträts war Nicole unerträglich.
Ich konnte ihre Erleichterung spüren, nachdem sie ihre Blindzeichnung sehr entschlossen mit den
Fettstiften übermalt hatte. Sie liebte die Fettstifte und verlangte immer wieder nach ihnen. Sie
symbolisierten ihre Sehnsucht nach ICH - Stabilität.
Durch die Übermalungen wollte sie ihr eigenes Tastporträt aufhübschen, doch tatsächlich war es nicht mehr ihres, sondern eine Mischung aus ihrem oft benutzten Blondschemagesicht, der idealisierten Mutterimago* und ihren eigenen Wutknoten. Die hübschen, roten Haarspangen entpuppten sich demnach als kleine Teufelshörnchen, die roten Ohrhänger erinnerten stark an die Schwimmblasen eines Frosches bzw. Hamsterbacken.
Die übermalenden Verschönerungsmaßnahmen zeigten ihr wütendes Teufelchen umso mehr, je mehr sie es verstecken will. Selbst die kleine rote Tulpe( links) schien eher zu eine spitze Dreizack- Waffe zu sein.
Nicole war es gelungen in der konsequenten Übermalung ihren wütenden Widerstand gegen mich und die Übung zu zeigen.
Sprechen konnte und wollte sie darüber nicht.
Erst als die anderen Mädchen nach den roten Backen fragten, belehrte Nicole sie beleidigt: "Das sind rote Ohrringe!"
Mit der Übermalung hatte sie mir ein methodisches Mittel gezeigt. Übermalung als Widerstandsmittel, um im Widerstand
gegen das andere, Vorgegebene die eigenen Gefühle erst einmal bildnerisch zu erleben, bevor sie wahrgenommen werden können.
*Der ‚Imago'- Begriff stammt von C.G. Jung und beschreibt ein erworbenes imaginäres Schema, das sich in den ersten intersubjektiven, realen und phantasierten Beziehungen im familiären Umfeld gebildet hat. Ein statisches Klischee, nach dem ein Subjekt den anderen erfasst: Mutter-,Vater- und Bruderimago. Die Imago lässt sich ebenso gut durch Gefühle, Verhaltensweisen und Bilder objektivieren. Es handelt sich aber nicht um eine Widerspiegelung des Realen. So kann die Imago einer schrecklichen Mutter sehr wohl mit einer real farblosen Mutter übereinstimmen und umgekehrt.
2. Gruppenbild: ‚Spiegelmandala' - 26.09.05
Anwesend: Leonie und Susanne, etwas später Marlene
Nicole, eine Stunde verspätet
Leonie und Susanne kommen freudig erregt im Atelier an,
besonders Leonie.
Sie hält mir eine Grundrissskizze unter die Nase und erzählt,
dass sie jetzt ihr eigenes Zimmer bekommt.
Während wir noch auf Marlene und Nicole warten, richten
Leonie und Susanne auf dem Papier das Zimmer ein.
Leonie erklärt mir sehr genau, wo sie was hinstellen möchte.
Ihr ‚neues' Zimmer ist das Wohnzimmer bzw. die familiäre Abstellkammer.
Übung
Als Hauptübung vor den Herbstferien hatte ich noch ein Gruppenbild vorgesehen, in dem die Gruppe sich noch einmal aufeinander beziehen sollte, um die zwei Ferienwochen zu überbrücken.
Jede sollte versuchen - spielerisch interaktiv - auf ihr Gegenüber zu achten, das Gemalte der anderen aufgreifen oder als weiterführende Inspiration für das Eigene sehen oder je nach Stimmung anders darauf reagieren - sei es durch Nachahmung, Kontrapunkt oder Negierung.
Angestrebte Erfahrung
Die Übung sensibilisiert die Wahrnehmung für den Anderen. Wie ein Austausch im Sinne eines Gruppenbildgesprächs zu zweit, allerdings mit dem Unterschied, dass jede von ihrer sicheren Malposition Zeichen ‚senden' bzw.‚empfangen' kann.
Bildprozess
Wir beziehen den Tisch mit Papier.
Leonie lehnt sich spontan mit ausgestreckten Armen über die mit Papier bezogene Tischplatte, Susanne und Marlene ebenso.
Durch diese spontane Gestik, kommt mir die Idee, das Mandala wie eine Art Fortsetzung des ersten Gruppenbilds zu malen.
Jede sitzt an einer Tischseite, Hände und Arme werden umrandet.
Leonie und Susanne sitzen sich gegenüber und beziehen sich aufeinander. Der Platz gegenüber von Marlene ist noch immer frei,
weil Nicole noch nicht da ist.
Leonie beginnt mit der rechten orangenen Sonne und lässt aus ihren Armen und Händen Bäume wachsen - sie wirkt sehr gemittet,
greift klar und selbstbewußt zu den Farben, hoch konzentriert und - sie nimmt viel Raum ein, auf dem Papier.
Marlene dagegen, ist heute fahrig und lustlos und versucht während des Malens verbal ständig Kontakt zu Leonie herzustellen,
was misslingt. Offenbar ist die Verbindung zwischen Leonie und Susanne heute zu innig und dadurch abgeschottet.
Doch Marlene versucht immer wieder zu Leonie eine Brücke zu bauen, erfindet sehr phantasievoll eine Übernachtungsverabredung mit
ihr. Sie hätte für Leonie schon die Luftmatratze aufgebaut, und ob Leonie denn ihre Mutter informiert habe...?
Leonie ist irritiert. Letzten Endes stellt sich heraus, dass Marlene alles erfunden hat.
Eine eifersüchtige Inszenierung, um die Traurigkeit über das Ausgeschlossensein zu befrieden.
Der Versuch an Leonie anzudocken, spiegelt sich auch im Bild wieder, denn Marlene greift die Metamorphose Hand/Arm - Baum von Leonie auf.
Als Nicole nach einer Stunde Verspätung zur Gruppe kommt, flüstert sie mir als erstes leise zu, dass ihr zwei Backenzähne gezogen
wurden und sie fünf Kilo abgenommen habe. Ein Geheimnis, was nach Bestätigung verlangt!
Sie setzt sich zu den anderen an den Tisch und beginnt eine kleine Palme zu malen.
Doch - wie schon so oft - hat sie nicht richtig zugehört und ich erkläre ihr die Übung noch mal.
(Erst beim Erklären merke ich wie kompliziert die Aufgabe für Nicole sein muss und frage mich,
warum ich eigentlich nicht einfach ein Gruppenbildgespräch gemacht habe!?).
Sehr lustlos deformierend "übernimmt" sie den Baum von Marlene und die rote amorphe Form mit dem schwarzen
Kern. Anschließend ‚ist sie am Zug'. Sie setzt einen gelben und blauen Strich, den Marlene von ihr aufgreift,
aber an die falsche Stelle setzt, nämlich unter den Baum. Nicole wird darüber ungehalten und ärgerlich.
Sie fühlt sich ‚nicht richtig' gesehen und will jetzt auch nicht mehr auf die anderen achten (Trotz!).
Entsprechend ihres regressiven Gefühls malt sie auf den gelben und blauen waagerechten Strich unter ihre Palme
eine kleine Inselszenerie mit kleinen Figürchen.
Trotz des Rückzugs auf ihre kleine Insel, möchte sie aber Aufmerksamkeit von den anderen und macht verschiedene
Versuche, diese zu erreichen. Als sie z.B. eine Farbflasche braucht, ruft sie mehrmalig laut in die Runde:
"Wer gibt mir mal das Gelb?" Keiner bewegt sich...."Hol dir doch das Gelb!" Nicole muss selbst aktiv werden und
aufstehen. Oder sie kleckst mal wieder auf ihre gute Hose, als würde sie aus dem Fleck und dem daraus resultierenden
Auswaschen die entsprechende Portion Aufmerksamkeit für sich ziehen.
Sie beginnt sich im Gesicht zu bemalen und lacht ein wenig verschämt.
Leonie und Susanne sind im Malprozess sehr stark aufeinander bezogen, arbeiten beide gemeinsam an ihrer Welt (= Erdball). als würden sie auf ihrer grünen Spielwiese damit fangen spielen - die anderen beiden sind außen vor.
Assoziationen zu Leonie und Nicole
Die positive Botschaft von Leonie, ein eigenes Zimmer zu bekommen, beeinflusste intensiv den Mal- und Beziehungsprozess und das Verhalten Leonies. Susanne war ihre Komplizin in diesem neuen eigenen Gefühlsraum. Leonie hatte sich selbstbewußt und raumgreifend gegeben, was sich auch im Gruppenbild niederschlug. Ihre Gestik, mit den ausgestreckten Armen die Papierfläche einzunehmen, hatte mich mit Begeisterung infiziert, so dass ich spontan die Übung im Leonies Sinne erweiterte. Wieso hatte ich mich verführen lassen von Leonies überschwänglicher Stimmung?
Übertragung- die stolze NebenmutterIn gewisser Weise hatte ich die raumgreifende Geste von Leonie i. S. einer Übertragung aufgegriffen. Hinzu kam, dass sich bei mir so etwas wie diffuser Stolz regte, als ich von Leonies eigenem Zimmer hörte. So deutete ich diese positive Veränderung auch als ein allmähliches Wirken unseres Gruppendaseins, an dem auch ich - quasi als stolze Nebenmutter - meinen Anteil hatte.
Dies Übertragungsgefühl setzte sich fort. Meine Aufmerksamkeit war viel stärker auf Leonie gerichtet als auf Nicole oder die anderen. Im Bild selbst zeigte sich m. E. der ICH-Zuwachs bei Leonie dadurch, dass sie aus Händen und Armen Bäume wachsen ließ - wenngleich Zwillingsbäume, die unten und oben verschmolzen und in der Stammmitte gespalten waren. Als hätte Leonie ihre enge Verbindung zu Susanne in den Zwillingsbäumen spiegeln wollen. Die Zwillingsbäume riefen in mir aber auch Leonies oft schwankende Beziehungsbindung zu ihren beiden so unterschiedlichen Freundinnen Marlene und Susanne wach.
Im Zweierspiel hatten Leonie und Susanne die Welt für die Gruppe entworfen und damit die Mitte
(des Bildes) eingenommen - das war unübersehbar. Die beiden beherrschten ganz zentral die "Welt der Gruppe", zu der
Marlene und Nicole eindeutig nicht gehörten.
Marlene war von Anfang an in einer sehr melancholischen Stimmung gewesen, die ich bei ihr so noch nicht erlebt hatte.
So wie sie Leonies Nähe suchte, erinnerte es mich eher an Leonies Verhalten aus früheren Zeiten - als hätte Marlene Leonie
ein Gefühl abgenommen. Leonie hingegen ignorierte sie fast, als sie müsse sie die unverhohlen zur Schau getragene Traurigkeit von Marlene abwehren.
Bei Nicole fiel mir nachträglich auf, dass ich offensichtlich ihren Stolz hinsichtlich ihres Zahn - und Kiloverlustes nicht genug gewürdigt hatte.
Sollte ich sie dadurch, dass ich die stolze Mutter - Übertragung nicht angenommen hatte, in die Regression getrieben haben?
War ich zu stark auf Leonie konzentriert gewesen?
Nicole reagierte jedenfalls mit Taubheit und Regression in das Bild hinein: Unten rechts malte sie ihre eigene kleine Inselwelt-
Palme, Sonne, Fische und einige Wurmfiguren.
Es fällt ins Auge, dass sie ihren linken Arm in demselben Blau malte wie die zentrale Weltkugel von Leonie und Susanne. Der Arm greift nach der Welt, nach draußen, möchte eine berührende Verbindung, wird jedoch ausgebremst von der roten, amorph umrandenden Fläche.
Es wunderte mich, dass der virulente Imitationsdrang Nicoles, der sich in den vergangenen Übungen immer wieder gezeigt hatte, gerade bei dieser Übung, die ja Nachahmung offen anbot, von Nicole verweigert wurde.
Ich empfand ihr Verhalten in der Deutung als zwiespältig: Suchte sie sich nun einen eigenen Ort, weil sie sich ausgeschlossen fühlte und nicht genug Zuwendung/ Aufmerksamkeit bekam oder war sie in der Gruppe ausgeschlossen und suchte sich deshalb einen Ort außerhalb? ‚Der eigene Ort außerhalb' tauchte auch noch in späteren Übungen bei Nicole auf.
Kritische Anmerkungen zur Übung
Im Nachhinein scheint mir diese Übung zu stark affirmativ gewesen zu sein. Die Aufgabenstellung war zu
zielgerichtet und zu kompliziert in der Ausführung gewesen.
Sie implizierte stets gleichzeitig bei sich bzw. dem anderen zu sein, was eigentlich einer symbiotischen Matrix entspricht.
Ich war der Übertragung von Leonie ohnmächtig ausgeliefert gewesen, was mich entsprechend an der Empathie für Nicole gehindert hatte.
Zwar war das Bild ästhetisch gelungen, setzte allerdings keine Ressourcen frei hinsichtlich der Beziehungsaufnahme in der Gruppe,
sondern bildete nur 1:1 die bereits vorhandene gespaltene Gruppensituation ab, die auch bereits vor dem Malprozess bestand.
Susanne und Leonie als Paar, sowie Marlene und Nicole als einzelne Abdrifter.
Durch Aufgabenstellung und Sitzordnung - je zwei gegenüber- am Tisch, wurde die Situation der klar definierten Zweiheit in
der Gruppe nochmals potenziert und verstärkte auf der anderen Seite auch das Ausgeschlossensein der anderen ( Nicole und Marlene)
Zumindest beim Gruppenbild - vor den Ferien - wäre ein erneuter Versuch, mit den Mädchen ins Sprechen zu kommen, vielleicht fruchtbar gewesen.
Doch ich hatte den starken Widerständen seitens der Mädchen nachgegeben, ohne den Widerstand selbst noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt zu
thematisieren.
Die Tatsache, dass ich auf meinem Konzept beharrt hatte, noch vor den Ferien ein Gruppenbild zu malen, anstatt ganz grundsätzlich auf die von
Leonie und Susanne "mitgebrachte Situation des eigenen Zimmers" bzw. den Zahn -und Kiloverlust von Nicole mit einer vollständig anderen Übung
einzugehen, zeigt wie blind man auch bei selbst angeleiteten Wahrnehmungsübungen sein kann.
Geburtstagswunschbild für Nicole - 2.11.05
Da Nicole in den Ferien Geburtstag hatte, hatten wir verabredet, dass ihr Geburtstag in der Gruppe nachgefeiert wird.
Nicole war dies ganz wichtig gewesen. Sie hatte mit ihrer Betreuerin Apfelkuchen gebacken.
Ich schenkte ihr eine Kleinigkeit und schlug vor, ein gemeinsames Wunschbild für Nicole zu malen. Ich beteiligte mich an dem Bild.
Leonie und Marlene bauten Schichttorten für Nicole. Susanne und ich malten duftige Blumen und Schmetterlinge.
Die Massivität der Torten schien Nicole arg zu irritieren,
denn sie schaute immer wieder ungläubig zu Leonie rüber. In ihrem Blick war etwas Ängstliches unterwegs, auch schien
sie der Ehrlichkeit der Torte nicht zu trauen: Was war das für ein Wunsch von Leonie für Nicole? War es die große nährende
Mutterbrust oder eine Rakete mit Zündschur? Die Aggressivität der roten Kerze war kaum zu übersehen.
Nicole selbst malte sich ein Haus. Viele sich kreuzende Feuerleitertreppen verbanden ein Fenster mit dem anderen.
Trotzdem haftete dem Haus etwas Auswegloses an - es war kein sicherer Ort.
Ich fragte sie, ob dieses Haus ihr Wunsch-Ort wäre. Sie verneinte - sie wüsste auch nicht, wie dieses Durcheinander zustande
gekommen sei. Nein, sie würde sich darin nicht wohl fühlen.
Ich schlug ihr vor, für sich selbst noch einen eigenen, schönen Ort zu malen. Sie malte ihn als Außenstelle, aus dem Fundament des
Hauses, wuchs ihr Ort wie ein schräges Schild heraus.
Ganz ähnlich wie zuvor im zweiten Gruppenbild tauchte auch hier eine ideale Phantasie auf: Ein grüner Garten mit einem Baum und kleinem Teich.
Nachdem sie ihren kleinen grünen Ort gemalt hatte, fühlte sie sich besser und begann das Haus vollständig mit dunkelblau über zu lasieren. Ihr
fehlte ein sicherer geborgener Ort. - das Haus mit chaotisch verbundenen Feuerleitertreppen zeigte einerseits ihren Beziehungswunsch, andererseits schienen die Treppen im Bild das Haus geradezu durchzustreichen. ‚Das Haus, von dem man sich Geborgenheit wünscht, schmeißt einen raus.' Dieser prosaische Gedanke blieb bei mir hängen.
Hinter den Bildern - eine Episode vom Rand
Ich möchte an dieser Stelle ein Ereignis darstellen, das wesentlich in den Gruppenprozess eingriff und ein neues Schlaglicht auf meine Beziehung zu Nicole warf.
Wir hatten eine Bildübung angefangen, die Materialkosten verursachte und an der ich die Mädchen bat, sich zu beteiligen.
Jede war einverstanden dafür einen kleinen Geldbetrag mitzubringen. Nicole und Marlene wollten eine Notiz für ihre Mutter
"Meine Mutter glaubt mir sonst nicht"(Zit. Nicole).
Leonie hatte zufällig schon Geld dabei und gab es mir.
Ich deponierte das Geld auf meinen Arbeitstisch, der erklärten Tabuzone.
Nach dem organisatorischen Procedere begannen wir mit der Übung. Nicole war sehr schweigsam. Erst später fiel mir auf, dass ich wieder einmal stark auf Leonie konzentriert gewesen war.
Kleiner Diebstahlam Rand
Gegen Ende der Gruppe, während die anderen noch aufräumten, hatte Nicole schon ihre Jacke angezogen und war bereit zum Gehen, obwohl sie ihren Arbeitsplatz noch nicht aufgeräumt hatte. Das Geld war vom meinem Arbeitstisch verschwunden. Keine hatte es genommen. Daraufhin begann ein emsiges Suchen, an dem sich alle - ausser Nicole - beteiligten.
Ich spürte ihren Drang wegzugehen, aber die Ansprache der anderen, mitzusuchen und auch meine restriktive Ansage, dass jetzt keine den Raum verlasse bis das Geld wieder auftaucht, schien sie zu lähmen. Sie stand auffällig-passiv im Raum, als hätte sie mit all den Suchenden nichts zu tun, wodurch sie geradezu den Verdacht von allen auf sich zog. (= absolute negative Aufmerksamkeit!) Mehrmals gefragt, stritt sie immer wieder ab, das Geld genommen zu haben. Vor zwei Wochen hatte es im Rauhen Haus e.V. ebenfalls einen Diebstahl gegeben. Nicole hatte dort Geld aus der Kasse entwendet.
Als die anderen gegangen waren, sprach ich sie noch mal an. Ihr ganzer Körper glich einer uneinnehmbaren Festung. Voller Abwehr. Mir fiel wieder ihr erstes Baumbild mit diesem massiven unbeweglichen Stamm. Nicole wirkte stur, gefühllos und in sich eingeschlossen. Sie wehrte alles ab, was im Zusammenhang mit dem Diebstahl etc. stand. Als ich andeutete, dass sie ja oft allein sei, rollte Traurigkeit aus ihr heraus. Sie weinte, erzählte von ihrer Mutter, von der sie arg beschimpft und geschlagen werde. Sie dürfe aber nicht sagen, warum. Die Mutter hätte es ihr verboten. Und der Vater (= Stiefvater), der würde gar nichts mit ihr machen....
Empathie -was ist richtig?
Zum ersten Mal nehme ich ein Gefühl von Nicole wahr und empfinde so etwas wie Empathie ihr gegenüber. Gerade deshalb beschäftigt mich die ganze Woche die Frage, wie ich die Situation in der Gruppe das nächste Mal lösen soll, ohne Nicole zu kompromittieren. Ich entscheide mich für eine kleine Inszenierung, die Nicole schützen soll. Das nächste Mal hat sich Nicole Verstärkung mitgebracht, nämlich ihre drei Jahre jüngere Freundin Sammy, die sie schon häufiger mal erwähnt hat. Sammy ist ein sehr schweigsames Mädchen. Sie wird von Nicole wie Luft behandelt.
Auch die Art, wie Nicole selbst malt gleicht eher einem einzigen Abwertungsvorgang. Am Schluss der Sitzung thematisiere ich nochmals das verschwundene Geld vom letzten Mal. Jede soll die Chance bekommen, anonym das Geld wieder zurück zu legen. Eine nach der anderen geht ins Atelier. Als Nicole dran ist und die anderen draußen warten, ist ein kurzer Aufschrei von Nicole zu hören.Sie kommt mit knallrotem, ungläubigem Gesicht raus und kann "es" nicht fassen.
Projektion oderVerschiebung?
(Ich hatte für sie das Geld zurückgelegt, um ihr das Gefühl zu geben, sie zu schützen) Durch diesen inszenierten Akt war eine geheime Verbindung zwischen Nicole und mir entstanden. Die ganze Gruppensituation, aber auch die Beziehung zwischen Nicole und mir wurde in doppelter Weise unbewusst von Nicoles Problematik beherrscht.
Für Nicole hatte sich hier eine altbekannte Musterkonstellation in der Gruppe reinszeniert, und das sie bereits aus der Schule kannte. Sie war ja schon dort durch Diebstähle an Mitschülern auffällig geworden. Dort wie hier hatte sie eine Außenseiterposition, war nicht vollständig integriert, weil sie keine Freundin hatte wie z.B. Leonie, die gleich mit zweien aufwarten konnte. Dadurch hatte sich ein Ungleichgewicht in dem Gruppengefüge hergestellt.
Mir war die Verlagerung meiner Aufmerksamkeit während des halben Jahres von Nicole zu Leonie entgangen. Nicole hatte sich also durch den Akt des (Geld-)Wegnehmens etwas genommen, was sie brauchte: sie hatte sich ins Zentrum der Gruppe "gespielt". Dadurch war ihr Aufmerksamkeit, wenngleich negative (!) sicher.
Durch diesen Diebstahlakt war ihr unbewusst noch etwas anderes gelungen:
Nämlich eine Übertragungsverbindung zu mir herzustellen.
Ich hatte mich durch meinen inszenierten heimlichen Akt (= Geld für sie hinlegen) spiegelbildlich mit ihrer Heimlichkeit (des Diebstahls) verbunden und
damit ihre unbewusste Strategie übernommen. Die anderen waren ausgeschlossen.
Eigentlich hätte ich offen und bewusst das Thema in der Gruppe besprechen oder eine Bildübung dazu machen müssen, aber ich hatte mich verführen lassen,
zu einer Geheimnisträgerin zu werden.
Insofern hatte mein heimlich inszenierter Akt, der sie wieder in die Gruppe integrieren sollte, das genaue Gegenteil bewirkt. Andererseits verwies der Diebstahl selbst symbolisch und ganz konkret auf Nicoles Mangel und ihre Beziehungsbedürftigkeit. Die Diebstahl-Episode und meine unklare Beziehung zu Nicole beschäftigten mich. Warum hatte ich dies zwiespältige Gefühl: Ich konnte sie in ihrer Realität nicht spüren, bekam keinen Kontakt zu ihr und war ihr doch ganz vertraut?
Da diese Fragen intellektuell nicht zu klären waren, entschied ich mich, selbst ein Bild zu malen, um heraus zu bekommen welcher Art meine Beziehung zu Nicole war.
Dabei ist ein Bild entstanden, das ich als Übertragungsbild bezeichnen möchte. Während ich das Bild ‚Nicole' malte, klärten sich einige Ambivalenzen.
Übertragungsbild ‚Nicole'
Die auffälligsten Momente im Bild waren für mich damals die blonde Maske, die einen Bezug zu dem idealisierten mütterlichen
Gesichtsstereotyp herstellte, der bei Nicole sowohl in der Rede von ihrer Mutter als auch in ihren Bildern immer wieder aufgetaucht
war. Das dahinter verborgene, dunkelviolette Gesicht verband sich für mich mit Nicoles Heimlichkeit und Wut, ebenso das militärisch
grünbraune Camouflagemuster.
Die geschlossene Faust, in der das Geklaute versteckt wurde und die gleichzeitig zum Schlag ansetzen könnte. Und dann das Rosa, was sich
unersättlich ins Bild geschrieben hatte. Der kindliche Narzissmus war darin gespeichert. Und die Brüste-Landschaft aus karierten Bettbezügen,
die für mich etwas zu tun hatte mit ihrer ungestillten Gier.
Besonders die Brüste-Landschaft rief assoziativ meine eigene Mutter-Beziehung hervor, in der die stillende Brust gefehlt hatte. Dieser Mangel,
nie eine gut genährte emotionale Beziehung zur Mutter gehabt zu haben, hatte für den emotionalen Kontakt in späteren Beziehungen weit reichende
Auswirkungen. Gab es hier eine Spiegelähnlichkeit zu der Beziehung von Nicole und ihrer Mutter? Kannte sie den Mangel eines ‚Nicht-genug-Bekommens',
der sich zum essentiellen Selbstwertmangel eines ‚Nicht-genug-Seins' auswachsen kann?
War es dies, was ich als Ähnlichkeit, als etwas Vertrautes zu Nicole gespürt hatte?
Das Bild sollte mich den ganzen Gruppenprozess hindurch begleiten und legte immer wieder neue Übertragungsaspekte in der Beziehung zwischen Nicole und mir frei.