Geschrieben von: Utta Hoffmann
Phase I: "Optimierungsfalle"
Erster Eindruck: Nicole
Das erste Mal erscheinen nur Nicole und Lotta zur Gruppe, begleitet von ihren jeweiligen Betreuerinnen. Leonie fehlt. Nicole wirkt anfangs sehr brav und zurückhaltend und ist auffällig schick und tadellos gekleidet. Ich bemerke, wie sie in Windeseile den Raum und die Küchennische nach für sie interessanten (oder bedrohlichen?) Dingen wie z.B. Essbares/Bekanntes "abscannt". In mir entsteht ein leicht unangenehmer Widerstand, der sich aus dem ambivalenten Auftreten Nicoles speist: dieses dicke, artig überangepasste Mädchen mit ihrer nagelneuen trendy - Kleidung strahlt etwas Übergriffig-Distanzloses aus.
Zur Einstimmung beginne ich mit einer Übung aus jeweils vier 2-Minuten-Bildern. Die Farbe wird mit großen Pinseln bzw. Schwämmen auf Zeitungsdoppelseiten aufgetragen, die an der Wand befestigt sind. Diese Übung dient dazu, mögliche Angstblockaden vor einer weissen Fläche aufzulösen. Das bereits bedruckte Zeitungspapier schmälert den Erwartungsdruck, den weißes Papier ausstrahlen kann. Darüber hinaus kommt es der Lust entgegen, eigene Markierungen zu setzen. Die Zeitung vermittelt etwas von erwachsenen, vielleicht verbotenen Terrain, auf dem jetzt lustvoll geschmiert und übermalt werden darf, ganz im Sinne einer Umkehrung des Moralsatzes: "Kinderhände beschmieren Tisch und Wände"
Die beiden Mädchen stehen nebeneinander vor der Wand, und während Nicole zögerlich abwartet und arg abgelenkt mit ihrer Aufmerksamkeit im Raum hin und her springt, schwingt Lotta den Pinsel fast peitschenmäßig auf das Papier. Sie scheint sich körperlich regelrecht auf dem Bild auszutoben. Nicole ist irritiert. Sie wirkt unsicher angesichts dieses Verhaltens, schielt aber fasziniert wiederholt zu der kleineren Lotta neben sich. Dann beginnt sie mit breitem Pinsel ordentlich nebeneinander liegende gelbe Vertikalflächen zu malen, die sie anschließend mit Rot, dann mit Blau übermalt. Alles vermischt sich zu Braun. Beim nächsten 2-Minuten-Bild beginnt sie eine Tabelle aus der Schule (E Z H - Einer, Zehner, Hunderter) mit dem Finger in die feuchte braune Farbe zu zeichnen:
Als Lotta in ihr Bild ihren eigenen Namen schreibt, ahmt Nicole dies nach und steigert es noch, indem sie auch ihre Adresse mit betont wilder Gestik hinzufügt.
Es ist unschwer zu übersehen, dass diese Übung ein starkes Regressionspotential freisetzt und Gelüste der analen Phase weckt.
BaumbildBeim zweiten Mal malte jede ihren persönlichen Baum. Es handelt sich um eine bekannte kunsttherapeutische Übung, in der die Baumsymbolik Aufschluss über die Befindlichkeit des Ichs gibt. Die Wurzeln zeigen die Verwurzelung des Ichs im kollektiven bzw. familiären Grund an, der Stamm rekurriert auf die Belastungsfähigkeit, während die Krone die Entfaltung der Persönlichkeit anzeigt.
Das Herz des Baums, jene Stelle, wo der Stamm in die Krone übergeht und die Äste entspringen, symbolisiert die Organisationsfähigkeit des ICHs (nach G. Schmeer). Da die ICH - Entwicklung jedoch gerade bei Jugendlichen starken physischen und psychosozialen Veränderungen und Einflüssen ausgesetzt ist, verweist die Baumsymbolik in diesem Alter vermutlich lediglich auf tendenzielle Strömungen von ICH - Anteilen.
Was das Bild andeutet
Wie schon bei der ersten Übung fiel mir auch hier auf, dass Nicole große Schwierigkeiten hatte, bei sich und ihrem Bild zu bleiben. Ihr Blick wanderte stets nach rechts zu Lotta und deren Bild. Sie begann Lottas Baumform nachzuahmen, in dem sie sich auch ihrer Farben bediente: Grün und Braun.
Auffällig ist, dass der Baum in Nicoles Bild zwar sehr massiv und stabil, gleichzeitig aber relativ unlebendig und schematisch wirkt. Stamm und Baumkrone sind braun, wohingegen die daran hängenden Früchte unreif grün sind. Auch wirken sie schematisch verteilt.
Insgesamt wirkt der Baum wie das plakative Stereotyp eines Baums. Bei der Farbwahl fällt besonders die Dominanz der Farbe Braun auf.
Der Regenbogen teilt das Bild in zwei Hälften. Er übernimmt die Funktion eines Schutzschirms für den Baum, schützt vor den positiven und negativen (Wetter-)Einflüssen von außen, Sonne und Regen.
In ganz anderer Malweise, nämlich sehr zart und fein, und gar nicht schematisch, ist links neben dem Baumstamm eine hellgrüne rundliche Form mit winzigen roten Pünktchen zu erkennen. Rechts neben dem Stamm eine ähnliche amorphe hellgrüne Form : "abgefallene Blätter"
( Zit. Nicole)
Auf meine Frage, ob sie denn der Baum sei, verneint Nicole und verweist auf eben jene kleine hellgrüne, rot gepunktete Rundform links neben dem Baumstamm.
Das sei ein kleiner Brombeerbusch. Sie mag Brombeeren und erzählt, dass es in der Nähe ihrer Wohnung zwei wilde davon gebe, von denen sie sich immer die Beeren stibitzt, aber auch ihre Mutter. Es scheint ihr "diebische" orale Lust zu bereiten an den "verbotenen" Beeren zu naschen, denn in ihrem Blick flackert etwas ganz Lebendiges auf. Über den Baum im Bild will sie nicht sprechen, stattdessen drängt sie auf die Pause. Ein wenig habe ich den Eindruck, als hätte sie mit dem Bild jetzt ihre Pflichtaufgabe erledigt und würde ihre ‚rechtmäßige' Belohnung einfordern.
Diese beiden hellgrünen amorphen Formen, links und rechts vom Baumstamm, scheinen viel mit Nicoles emotionalem Seelengewebe zu tun zu haben. Nach G. Schmeer macht sich im Bild oft ein Dominoeffekt dergestalt bemerkbar, dass tiefsitzende Bilddetails (s. Brombeerbusch und abgefallene Blätter) während der behutsamen Bearbeitung in bewußtere Zonen aufsteigen. Um diesen Vorgang zu verdeutlichen, entwickelte sie folgendes Schema der ‚therapeutischen Komplex-Bearbeitung' im Bild:
Schema des Dominoeffekts nach G.Schmeer
Demnach würde ‚D' in Nicoles Bild für den kleinen Brombeerbusch linksseitig und die abgefallenen Blätter rechtsseitig vom Stamm stehen.
Beide sind dem unbewussten Bereich zugeordnet, wohingegen Sonne und Regenwolke in der eher bewussten oberen Bildhälfte für ‚A' steht.
Der kleine Brombeerbusch wird sich tatsächlich in den nächsten Monaten in Nicoles Bildräumen ausbreiten und aufsteigen - insbesondere die roten Beeren!
Es war mir wichtig diese erste Begegnung mit Nicole kurz zu skizzieren, weil in ihr schon wesentliche Züge angelegt sind, die sich später im Gruppenprozess weiter ausstülpen werden.
Erster Eindruck: Leonie
Leonie tauchte das erste Mal zur Gruppe gar nicht auf, beim zweiten Mal nicht mit Betreuerin, sondern mit ihrer Freundin Marlene. Leonie wirkt auf mich feingliedrig und introvertiert. Gleichzeitig haftet ihr etwas Sprödes, fast burschikos Abwehrendes an.
Sie trägt eine dickglasige Brille, die ein stark schielendes Auge korrigiert. Brille und Haarsträhnen scheinen ein Schutz vor dem direkten Blick zu sein, denn Leonie vermied es, mich anzusehen und war auffällig eng auf ihre Freundin Marlene bezogen, mit der sie in eloquentem Redekontakt stand.
(Erst viel später sollte sich herausstellen, dass Leonie anfangs offenbar große Widerstände gegen die Malgruppe hatte, was sicherlich auch mit dem Umstand zusammen hing, dass ich darum gebeten hatte, dass Leonie ohne ihren jüngeren Bruder erscheint. Es war also Leonies Freundin Marlene gewesen, die sie als neugierige Zugkraft mit in die Gruppe gebracht hatte.
Leider gibt es keine Abbildungen von Leonies und Marlenes Baumbilder. Sie nahmen sie mit nach Hause. Doch ich erinnere, dass mir bei Leonie die stark akkurate Malweise aufgefallen war, fast so, als würde sie mit dem Pinsel zeichnen. Ganz anders dagegen Marlene, die sehr weit und malerisch mit dem Pinsel ausholte.