Du glaubst zu schieben, doch du wirst geschoben Mephisto/Goethe ‚Faust'

Goethes Mephisto

Danach

Es gab während des hier beschriebenen Projekts einen Zeitpunkt, da wünschte ich dieses komplexe, experimentelle Gruppenprojekt einzutauschen gegen einen kleinen übersichtlichen therapeutischen Fall, mit einer standardisierten zweipoligen Therapeuten-Klienten-Beziehung.
Doch jetzt danach, bin ich dem Projektgeschehen und der Gruppe sehr dankbar, denn eines kann ich mit Gewissheit sagen: sie haben entscheidend zu meiner Selbstwerdung als Kunsttherapeutin beigetragen.
Ob ich hingegen etwas bei den Mädchen bewirkt habe, darüber kann ich nichts sagen. Ich erinnere noch gut den Anfang; ließ ich mich doch in der ersten Phase von dem trügerischen Selbstbild leiten, ich als Kunsttherapeutin könne etwas bewirken; ich sei es, die effektiv und zielgerichtet etwas bestimmen könne, die potente Mittel und Wege in der Hand hätte, um kausal Heilungen zu bewirken.
Doch zusehends wurde dieses narzisstische Selbstbild demontiert. Es änderte sich; zwar nur langsam tastend und immer begleitet von der Angst im Ungefähren, Unsicheren stecken zu bleiben, immer Rückfällen ausgesetzt - doch es änderte sich. (2. Phase). Durch die Komplexität im Gruppenprozess erlebte ich hautnah, was es heißt als Therapeutin keineswegs einseitig den Prozess kontrollieren zu können, sondern immer beides zu sein, beobachtendes und selbst mitspielendes Elementarteilchen.
Und ich "meine therapeutischen Pirouetten ohne Sicherheitsnetz ausübe, und dass alles, was ich tue, ebenso hilfreich wie schädlich oder überflüssig sein kann." (K. Ludewig s. 227).

Damit habe ich das Therapeutendilemma erfahren, nämlich wissen zu sollen und wollen, ohne wissen zu können. Mir scheint jedenfalls, dass man als TherapeutIn ständig in diesem Paradox unterwegs ist: Handle wirksam, ohne je im Voraus zu wissen, wie und ohne zu wissen, was dein Handeln auslösen wird!

Vielleicht hängt mit diesem schwer aushaltbaren Paradox im therapeutischen Prozess die Gefahr zusammen, allzu schnell Sinn und Deutung festzuschreiben, weil man sich Sicherheiten auf unsicheren, glitschigem Terrain verschaffen will. Bion beschreibt dies schnelle Deuten, dieses "Vorwegwissen als Abwehr des Therapeuten gegen das Erleben des Neuen".

Dieser Verführung nach sicherer Erkenntnis bin auch ich immer wieder erlegen; folgt man ihr, ist es der Rausschmiß aus dem Paradies!

Aber wenn man das menschliche Leben als einen Komplex dynamischer Prozesse betrachtet, dann kommt es in der Tat nur auf das Neue an, was permanent entsteht, aber nur mit einer offenen Wahrnehmung gesehen werden kann.

Und noch kleine Botschaft aus der Welt des Hefezopfs:

Der Projektteig ist aufgegangen und hat mir gezeigt, dass kunsttherapeutisches Arbeiten weitaus mehr umfasst als nur mit und innerhalb der Bilder zu arbeiten - das liegt in der Natur des gemalten Bildes. Ein gemaltes Bild oder hergestelltes Objekt ist immer beides, Produkt und Prozeß, und damit dynamisch verwoben mit der äußeren und inneren Erlebnissituation des Malenden oder Machenden.
Und in diesem komplex vernetzten Erlebnisraum bewege ich mich als Kunsttherapeutin mit meinen Klienten.
Das einzige Vehikel, was in dieser Komplexität eine Chance hat, ist eine spürende, schwingende, fast meditative Aufmerksamkeit für das Ganze - ebenso wie für die Details und Ränder z.B. wie schneidet sie das Marzipanbrot oder wie bewegt sie den Arm beim Malen oder wie knetet er den Ton ... und letztlich allem, was passiert, genug Zeitraum zu geben.

Es ist eben so "einfach" wie beim Hefeteig!