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Mamaundichundwelt, Fazit zur Phase I "Optimierungsfalle"
Nicoles Mutter
Übertragungsdynamik
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Nicoles Mutter

Bei der Feedback-Besprechung mit ihrer Betzu dem neuen Stiefvater in einer Entwicklungsphase statt, in der nach Mahler Individualität konsolidiert wird und sich emotionale Objektkonstanz bildet.reuerin vom Rauhen Haus e.V. erfahre ich, dass Nicoles Mutter 18 Jahre alt war, als sie Nicole bekommen hat. Mit 14 Jahren zog sie von zu Hause aus zu ihrer Oma, weil ihr Vater sie stark misshandelte.
Nach dem Tod der Oma, weigern sich die Eltern sie wieder aufzunehmen. Sie wird in einer christlichen Pflegefamilie auf dem Land untergebracht. Bei ihrem ersten Disco-Besuch wird sie schwanger.
Das christliche Umfeld macht eine Abtreibung unmöglich. Durch das Kind kann sie ihre berufliche Ausbildung nicht fortsetzen - eine "double bind" - Situation.

Ambivalenz durch
die Mutter

In dieser Situation ist das Kind Nicole ihre einzige emotionale Bindung (Symbiose) und gleichzeitig Zerstörung ihrer perspektivischen Lebenswünsche oder doch zumindest eine Behinderung. Dieser Zwiespalt könnte zu einer inneren Ablehnung des Kindes geführt haben bei gleichzeitig stark wirksamen Schuld - und Schamgefühlen. ( s. auch christlicher Hintergrund in der Pflegefamilie). Diese Ambivalenz scheint sich transgenerational auf Nicole übertragen zu haben und weiter zu wirken.

  Mutter-Kind-Symbiose

Zu der Mutter-Kind-Symbiose, die auch als Ausgangsproblem für Adoleszenzkonflikte gesehen werden kann, schreibt Helmut Fend (2005):

" Heute ist nicht mehr die große Distanz zwischen Eltern und Kindern das Problem, sondern eher die zu große Nähe im Sinne einer Symbiose zwischen Mutter und Kind. Es erlebt andere Personen nicht primär von der eigenen getrennt, sondern verschmolzen. Das Kind wird zum zentralen Lebensmittelpunkt der Mutter, ja, es ist die wichtigste Quelle ihrer Bedürfnisbefriedigung. Gleichzeitig erwartet die Mutter aber sehr viel vom Kind.... es muss gleichzeitig Ausweis sein, dass sich die großen Investitionen ( Arbeit, Entbehrungen etc.), die man in das "Lebensprojekt Kind" getätigt hat, auch gelohnt haben, dass also das Kind ein "Erfolg" wird. Das Kind wird so Teil der narzisstischen Bedürfnisse...insbesondere der Mütter...... es erlebt sich in einer überhöht-idealisierten Wertigkeit, die es möglicherweise internalisiert." Mag sein, dass Nicole diese überhöht - idealisierte Wertigkeit ihrer Mutter internalisiert hat und diese in ihren Bildern zum Blondschema gerinnt.

Anale Phase -
keine Objektkonstanz

Als die Mutter ihren Stiefvater Ali heiratet, ist Nicole 2 bzw. 3 Jahre (anale und ödipale Phase) alt.Für Nicole findet diese neue, sehr abhängige Beziehung ihrer Mutter zu dem neuen Stiefvater in einer Entwicklungsphase statt, in der nach Mahler Individualität konsolidiert wird und sich emotionale Objektkonstanz bildet. Es handelt sich um "eine außerordentlich wichtige intrapsychische Entwicklungsphase, in deren Verlauf ein stabiles Gefühl der Einheitlichkeit (Selbstgrenzen) erworben wird. Auch die Objektkonstanz beinhaltet mehr als die Bewahrung der Repräsentanz des abwesenden Liebesobjekts Mutter; sie beinhaltet zugleich die Vereinigung von " gutem" und "bösen" Objekt zu einer Gesamtrepräsentanz." ( M. Mahler S. S. 142/143.)

Gerade in dieser Phase, in der sich eigentlich das Kind langsam von der ‚sicher präsenten' Mutter trennt, passiert das genaue Gegenteil: Die Mutter trennt sich aus der Symbiose-Beziehung mit der Tochter zugunsten des Mannes. Das Kind Nicole muss sich von Mutter verlassen fühlen.
Eine Situation, die sich seit dieser frühen Phase immer mehr manifestiert hat.

Nicole ist der Bedürfnislage ihrer Mutter vollständig angepasst. Taucht der Stiefvater mal in der Wohnung auf, muss sie auf die Strasse. Ist er weg, muss sie für ihre Mutter da sein. Fährt die Mutter mit einer Freundin weg, muss sie zur Oma. Es gibt viele Aktivitäten, aber wenig emotionale Mutterpräsenz.

Auf meine Frage, ob sie das denn nicht traurig mache, dass ihre Mutter so selten da sei, antwortet Nicole "Sie braucht das ja auch mal!". Sie echot die Worte der Mutter. Handelt es sich bei Nicoles Mutter-Idealisierung um eine Folge dieser symbiotischen Verschlingung?

Verschiedene Symptome und ihre Deutung

Schmier - und
Schmutzlust

Eine anderes durchaus ambivalentes Phänomen bei Nicole, was ebenfalls stark an die anale Phase erinnert, zeigt sich in ihrer Schmier - und Schmutzlust bzw. ihrem Umgang mit Kleidung. Bezeichnenderweise ist es die Kleidung, in der die Mutter für Nicole an - und abwesend zugleich ist.

Einerseits präsentiert sie sich sehr stolz in der neuen Kleidung, ein Geschenk ihrer Mutter oder der Freundin ihrer Mutter, andererseits beschmutzt sie sich lustvoll zerstörerisch, wohlwissend, dass die Mutter das Verhalten sanktionieren wird. Ein heimliches Ausagieren von Trotz/ Wut gegen die Mutter, in der die Kleider für Nicole fast zu Übertragungsobjekten werden?

Toilettengänge

Auch eine andere Randauffälligkeit fügt sich m. E. ebenfalls symptomatisch in diese Phase. Nicole suchte oft während einer Gruppensitzung die Toilette auf. Ich hatte beobachtet, dass ihrem Toilettengang häufig eine kleine konflikthafte Irritation mit mir oder einem anderen Mädchen voraus ging oder das Ende der Gruppensitzung stand bevor und sie mit beim Aufräumen helfen sollte. Allen Situationen war gemeinsam, dass sie auf der emotionalen Ebene etwas mit Trennung, Getrennt werden zu tun hatten.

Durch die Feedbackbesprechung mit Nicoles Betreuerin wurden die Toilettengänge jedoch in einen eindeutig organischen Kausalkontext gestellt. Nicole leidet signifkanterweise seit ihrem 2./3. Lebensjahr (anale /ödipale Phase!) unter einem Inkontinenz - Problem. Nach fachärztlicher Meinung verursacht durch ein Hormondefizit, das seit Jahren medikamentös behandelt wird. Aufgrund dieses Symptoms wurde auch auf den vermuteten sexuellen Missbrauch geschlossen.

Nach meiner 1/2 jährigen Erfahrung mit Nicole und den bereits dargestellten Gesamtkontext, würde ich allerdings nicht ausschließen, dass diese körperliche Dysfunktion bei Nicole eher auf einen ursprünglich traumatischen Konflikt in der Beziehung mit der Mutter hinweist, der - umgekehrte Kausalität - möglicherweise das Hormondefizit ausgelöst hat.

Schon während der Bildübungen war ihre starke Tendenz zur Nachahmung aufgefallen, die sich gelegentlich zu Neid formierte. Auf der farbsymbolischen Bildebene zeigte sich dies in ihrem häufigen Gebrauch der Farbe "Gelb". Auf der gruppenpsychologischen Ebene, dadurch dass ihre Aufmerksamkeit stets bei den anderen (s. Susanne und Marlene) weilte.

Nachahmung - Neid

Oft versuchte sie - meist nach den Toilettengängen - Aufmerksamkeit für sich durch kleine Versteckspiele und sadistische Racheakte herzustellen z.B. indem sie anderen den Stuhl wegzog, ein Bein stellte oder sonst etwas wegnahm. Von den anderen "nahm" oder "klaute" sie sich z.B. die Farbe, den Pinsel oder den Malkittel.
Auch die kleinen Diebstähle an MitschülerInnen lassen sich als kleine sadistische Racheakte lesen, in denen der Wunsch nach Dazugehören wollen steckt.
Diese stark imitierende Focussierung auf das andere Objekt betraf in ihren Bildern immer wieder ihre Mutter, die als starkes blond-und-blauäugiges stereotypisches Schema auftauchte. Diverse Randbemerkungen von Nicole wie z. B."ich habe die Haare meiner Mutter - nur ihre sind noch viel schöne, blonder und länger..." verweisen auf eine starke Idealisierung des Mutterobjekts.
So schien Nicole in ihren Bildern ähnlich wie in ihren Kleidern quasi projektiv eine Objektanwesenheit ihrer Mutter herzustellen, die real für sie eher abwesend und unerreichbar war.

Versteck dich-
entdeck mich!

Das Gefühl des Neids bzw. der Nachahmung also, das zu haben bzw. zu tun, was andere haben bzw. tun, verbindet sich mit einem anderen Verhalten Nicoles, das ebenfalls aus der frühkindlichen analen Phase stammt: Sie versteckte sich manchmal hinter der Eingangstür, um von den anderen Mädchen oder mir entdeckt zu werden. Bei diesen Versteckspielen, aber auch Nicoles Imitationsdrang scheint es sich um einen frühen Ausdruck von sozialer Interaktion zu handeln.Entwicklungspsychologisch findet diese zumeist wie gesagt in der analen Phase statt.

"Versteckspiele und Nachahmungsspiele wurden nun zum bevorzugten Zeitvertreib. Die Wahrnehmung der Mutter als einer getrennten Person in der weiten Welt ging mit dem Gewahrwerden der getrennten Existenz anderer Kinder einher, die dem eigenen Selbst ähnlich und dennoch verschieden davon waren. Dies wurde anhand der Tatsache deutlich, dass die Kinder nun stärker den Wunsch hatten, zu haben oder zu tun, was ein anderes Kind hatte oder tat, d.h. bis zu einem gewissen Grade das andere Kind widerzuspiegeln, zu imitieren, sich mit ihm zu identifizieren.....Im Zusammenhang mit dieser wichtigen Entwicklung trat nun spezifischer, zweckbestimmter Ärger bzw. Aggression in Erscheinung, wenn das begehrte Ziel definitiv unerreichbar blieb. Natürlich verlieren wir nicht die Tatsache aus den Augen, dass diese Entwicklungen mitten in der analen Phase mit ihren charakteristischen Merkmalen der analen Habsucht, der Eifersucht und des Neides stattfinden." (s. S. 119 M. Mahler)

Die Entstehung des Neids hingegen siedelt Melanie Klein noch früher an, nämlich in den frühesten Partialobjektbeziehungen des Kindes zur mütterlichen Brust an.
Hier kommt es zu einem Wechsel von befriedigenden und versagenden Erlebnissen. Wenn dem Kind die Befriedigung durch ein gelingendes Stillen vorenthalten wird, entwickelt es die Phantasie, die mütterliche Brust enthalte alles, was es begehrt und halte dieses alles für die eigene Befriedigung zurück.
Die Brust wird so zum ersten beneideten Objekt. Kann das triebhafte Begehren nicht befriedigt werden, kommt es zu einer ernsthaften Störung der Beziehung zur Mutter, sie bzw. ihre Brust wird als quälend und enttäuschend erlebt. Sie wird zum Objekt von Hassgefühlen, die sie zerstören wollen. ( Melanie Klein 1957)

Aus meinem Übertragungsbild ‚Nicole' taucht wieder die rosafarbene Brüste-Landschaft als begehrtes Objekt auf und verbindet sich mit der frühen ambivalenten Beziehung der Mutter zu Nicole (s. oben/Ablehnung Symbiose)

Die Mutter, die sich nicht gut genug an die Bedürfnisse des Säuglings anpassen d.h. sie befriedigen kann und sich mit ihm nicht identifiziert, wird den Säugling zum Sich-Fügen verführen. (Rührt daher die Angepasstheit von Nicole?)

Falsches Selbst

Folge ist, dass der Säugling in seiner weiteren Entwicklung ein gefügiges falsches Selbst aufbauen wird, mit dem er auf die Umweltforderungen nur reagiert, statt selbst zu existieren. Das falsche Selbst hat allerdings auch eine positive und sehr wichtige Funktion: Es verbirgt das wahre Selbst, und zwar gerade dadurch, dass es sich den Umweltforderungen fügt.Sich-fügen ist also das Hauptmerkmal, mit der Nachahmung als spezieller Ausprägung. Fehlende Hingabe der Mutter kann also zum Wachstum eines falschen Selbst führen.

Hier streift mich wieder mein erster Eindruck von Nicole, des Angepaßtseins, verbunden mit ihrer übergriffigen Neu-Gier und dabei wirkte sie insgesamt so eigentümlich unlebendig. Und doch gab es einen Moment, in dem Nicole wie zum Leben erwacht schien.
Sie erzählte tief berührt von einem, wie es anfangs schien, lebensbedrohlich wichtigen Erlebnis.
Die Mutter ihrer jüngeren Freundin Sammy hatte sie nur vor hänselnden Kindern auf der Strasse verteidigt und in den Schutz genommen. Mit dieser Haltung gab Sammys Mutter ihr offensichtlich jenen sicheren Schutz, den ihre eigene Mutter vermissen ließ.
Von daher gab es durchaus diesen existentiell lebensbedrohlichen Anteil in Nicole, den ich anfangs in ihrem Erzählduktus nicht deuten konnte.

Alle Puzzleteile zusammengesetzt, ergeben die Annahme, dass es Nicole verwehrt blieb, eine gute, befriedigende und geschützte Beziehung zur Mutter aufzubauen, die es ihr ermöglichte sich selbst gut von ihrer Mutter zu trennen, um eigene ICH bzw. SELBSTgrenzen aufzubauen und damit auch ICH-Stärke.

Die Abtrennung von der Mutter führt zu starken Trennungsreaktionen des Kindes. Z.B. wenn das Kind sich seiner Getrenntheit bewusst wird, dann kommt es zu einem Stimmungsabfall: Traurigkeit! Um diese Gefühle zu bewältigen, braucht es viel ICH-Stärke, die das Kind aber oft noch nicht aufbringen kann.
Um mit der Abwesenheit der Mutter fertig zu werden, entwickeln Kinder nach M. Mahler oft hyperaktives, ruheloses Verhalten als eine frühe Abwehrform.
Ebenso dienen auch erwachsene Ersatzfiguren, symbolische Spiele oder das Erfinden von Spielarten, in denen das Verschwinden und Wiederauftauchen von Dingen für sie begreifbar wird, der Bewältigung!

Wenn es sich vielleicht auch nur um eine Randerscheinung handelt, so tut sich für mich doch ein Zusammenhang zu den frühen Abwehrformen aus. Ich beobachtete, dass Nicole bei Zuständen starker innerer Spannung (zumeist angesichts des Gruppenendes oder eigenen Ausgeschlossenseins) sich "James", unseren Rollclostuhl griff und mit ihm rasend Kreise im Atelier zog. Er war praktisch unser Butler, der alle Farbtuben, Pinsel und Lappen jederzeit bereithielt, um sie mobil an unterschiedliche Orte im Atelier zu fahren.

Leonies Problematik

Nach den Erfahrungen in den Bildprozessen und dem gruppendynamischen Kontext waren für mich bei Leonie besonders ihre starken Polarisierungs- bzw. Spaltungstendenzen in Vordergrund gerückt.Sie schlugen sich in den Begriffspaaren ‚Schön - Hässlich', Richtig - Falsch', Perfekt - Fehlerhaft' nieder. In ihrer Malweise waren diese extremen Unterschiede ebenfalls wahrzunehmen: Mal ergoss sie sich regelrecht in einer abstrakt - expressiven Farbsetzung, während sie ein anderes Mal hoch kontrolliert und akribisch an figural-konkreten Bildelementen arbeitete. Selbst in ihrer Beziehung zu den beiden Freundinnen Marlene und Susanne schien sich diese Polarisierung zu manifestieren. Als würde sie ihre expressive Emotionalität auf Marlene und ihre distanzierte, kontrollierte Art auf Susanne projizieren. Ihr inneres Dilemma bestand aus der Nähe und Distanz. Zwischen beiden schwankte sie stets hin und her, suchte mal die Nähe zur einen, während sie die andere kühl ignorierte und umgekehrt.

Polarisierung

Unüberseh- und unüberhörbar war ihr starker Widerstand gegen die Farbe ROT (= hässlich), die sich als unbewusst drängender Anteil in ihren Bildern immer wieder listig eingeschlichen hatte.
Es fühlte sich für mich an, als müsse sie durch den Widerstand den Kontakt zur eigenen Gefühlswelt abtrennen, abwerten bzw. zerstören. Wenn sich etwas Unkontrolliertes im Bildraum ereignete (s. 33/Fehlerträne im Ganzkörperbild) reagierte sie oft zornig mit

Kontrolle versus
Emotion

schwarzen Übermalungen oder unbewusst mit sich vermischenden Farbgebungen, die ja in ihren Bildern wiederholt "einfach so passieren". (Zit. Leonie) Die Kontrollbestrebungen von Leonie hatten vielleicht auch etwas mit ihren Augen zu tun. Ihre Augen - der schiefe Blick - waren ein sichtbares Handikap, das sie möglicherweise durch ein Mehr an Kontrolle und Perfektion auszugleichen suchte. Es war ein Mangel, der sie stigmatisierte, der sie beschämte und den sie nicht annehmen konnte.

Suche nach Sicherheit

Vermutlich glich die Kontrolle auch eine innere Unsicherheit und emotionale Labilität aus (s. S. 19 ff./fehlendes Schneckenhaus im Vexierbild/Übung in Ton) Im Hinblick auf den Sicherheitsaspekt war mir noch ein anderes Detail aufgefallen. Bei Leonie war nicht die alterstypische, narzisstische Verkleidungslust zu beobachten.
Leonie erschien unauffällig, meist in derselben Jeans, einem ununterscheidbaren T-Shirt. Ihrem ganzen körperlichen Habitus haftete etwas Unerotisches, Neutrales an.
Wenn es ums Umziehen ging, legte sie großen Wert auf ihren Malkittel und ihre eigene Malerjeans.
Als sie einmal später zur Gruppe kam, hatte sich Nicole bereits ihren Malerkittel gegriffen und für einen Bruchteil von Sekunden huschte ein Schatten aus Trauer und Wut über ihr Gesicht.

Doch Leonie sagte nichts. Mir kam es vor, als nehme sie sich und ihre Bedürfnis zurück. Diese kleinen Randbeobachtungen führten zu dem Eindruck, dass es einzig dieselbe, vertraute Kleidung war, die Leonie ‚heimatliche' Sicherheit bot, denn über ein eigenes Zimmer verfügte sie ja nicht.

Leonies biografischer Hintergrund

In den Bildprozessen wirken natürlich all die Symptome, die aus dem biografischen, sprich familiären Milieu hervorgehen. Bei Leonie spielten im Wesentlichen zwei Komponenten die Hauptrolle: - die an Borderline erkrankte Mutter - die langwährende Scheidung der Eltern Kinder, die in einem Borderline-Milieu aufwachsen, so wie Leonie, zeitigen oft in der Folge selbst bestimmte Borderline-Symptome wie Objektbeziehungsspaltung, Spaltung in Gut-Böse, zerstörerische Tendenzen, Angst vor Veränderungen, Trennungs-und Verlustängste.

Borderline - Symptome

Durch diverse stationäre Behandlungsaufenthalte der Mutter wurde Leonie und ihr Bruder früh in verschiedenen Pflegefamilien, bei einer Tante und ihrem Vater untergebracht, was einerseits die enge symbiotische Beziehung zu ihrem Bruder erklärt, andererseits die absolut instabile Beziehung zu ihrer Mutter. Durch den langen Trennungs-/Scheidungsprozess der Eltern verschärfte sich die Situation der Kinder in doppelter Weise, zumal beide nach Angaben der Betreuerin darin stark involviert wurden. Insgesamt müssen die Umstände sich kumulativ traumatisierend auf Leonie und ihren Bruder ausgewirkt haben. Solche traumatischen Umstände wie Trennung, Scheidung der Eltern und emotionale Vernachlässigung in einer frühkindlichen Phase u. a. werden von der psychologischen Fachliteratur u. a. als Verursacher für Borderline-Störungen angesehen. Für Leonie hat sich daraus eine doppelt traumatische Dispositon ergeben - einmal die alltägliche Interaktion mit ihrer an Borderline

Angst vor Alleinsein

erkrankten Mutter, aber auch das eigene frühkindliche Trauma ‚verlassen worden zu sein'. Von daher erklärt sich auch die ungewöhnlich symbiotische Beziehung, die Leonie zu ihrem jüngeren Bruder hat. Sie teilt sich - trotz ihres Alters - mit ihm ein Zimmer und betonte anfangs immer wieder, wie wichtig es für sie sei, mit ihm zusammen bzw. nicht allein zu sein, und dass sie so mit ihm abends noch reden könne. Rückblickend war es also ein mutiger Schritt für Leonie gewesen, dass nur sie ohne ihren Bruder an der Malgruppe teilnahm. Zuhause übernimmt Leonie die Mutterrolle für ihre kranke Mutter und ihren Bruder - sie kauft ein, kocht für den Bruder, geht mit Hund Gassi, denn die Mutter ist nur sporadisch und unberechenbar anwesend ist. Dennoch wird Leonie stark über Ver- und Gebote von der Mutter kontrolliert.

In der Gruppe übernimmt Leonie auch jenen verantwortlichen Part, den sie - laut Marlene - auch zu Hause innehat: In erwachsener Manier rief sie die anderen zur Ordnung und trieb zum Aufräumen an, wusch häufig noch einsam zurückgebliebene Pinsel aus. Andererseits entzieht sie sich diesem co-abhängigen Pflichtfeld, in dem sie wahlweise und sehr oft mehrere Male hintereinander bei ihren Freundinnen übernachtet.

das eigene Zimmer

Zweifelsohne wird durch diese Umstände die Vision eines eigenen Orts/ Zimmers immer häufiger ein Thema in der Gruppe. Hatte Leonie ihr gemeinsames Zimmer mit dem Bruder anfangs noch hartnäckig gegen alle Infragestellungen aus der Gruppe verteidigt ("Oh ,das könnte ich nicht! Wie ziehst du dich denn dann aus?"), entschlüpfte ihr immer häufiger auch ein Genervt - sein über den Bruder. Parallel dazu mehrten sich die Übernachtungen bei ihren Freundinnen. Das Abstellwohnzimmer (s. anfangs als d a s Wohnzimmer von ihr vorgestellt) rückt als mögliches ‚eigenes Zimmer' ins Zentrum ihres Denkens.

der böse Vater

ine langsame Annäherung also, die immer wieder Zeiten aufwies, in denen Leonie alles vollständig rigide ignorierte und - wie in einer zurück schwingenden Bewegung - auch wieder in ihr Polarisierungsmuster fiel. Zu ihrem Vater, ein freischaffender Künstler, hat Leonie gar keinen Kontakt mehr. Sie negierte ihren Vater anfangs vollständig, schien sich zutiefst verletzt und im Stich gelassen von ihrem Vater zu fühlen. (Dass der Vater freischaffender Künstler ist, spielte in der Übertragung eine nicht unwesentliche Rolle, die mir jedoch erst viel später bewusst wurde) Ihr Vater hat kein Interesse an ihnen, den Kindern, sagt Leonie. Infolgedessen hat Leonie ihren Vater auch aus ihrem Leben gestrichen. (Nach Angaben der Betreuerin stellte sich das reale Vater- Verhalten jedoch anders dar. Offenbar hatte er sich stark für das Sorgerecht eingesetzt. Es war die Mutter gewesen, die den Kontakt verhindert hatte)
Leonie scheint die bösen Objektanteile der Mutter auf ihren Vater abgespalten zu haben, worüber sie die Mutter für ihre Trennungen "entschuldet", um sie fortan als gutes Objekt aufrechterhalten und schützen zu können. Mit der Spaltung hat sie sich vermutlich auch vor der existentiellen Verlustangst vor gerettet.