Geschrieben von: Utta Hoffmann
| Beitragsseiten |
|---|
| Mamaundichundwelt, Fazit zur Phase I "Optimierungsfalle" |
| Nicoles Mutter |
| Übertragungsdynamik |
| Alle Seiten |
Fazit zur Phase I "Optimierungsfalle"
Nachdem die Gruppe bereits über ein halbes Jahr bestand, hatten sich für mich ansatzweise einige Erkenntnisse zum allgemeinen Prozess, meiner
Rolle darin und der Psychodynamik herauskristallisiert.
Während des halben Jahrs hatte sich eine relativ stabile Kleingruppe in vertrauensvoller Atmosphäre gebildet.
Die Mädchen kamen regelmäßig und ausgesprochen pünktlich.
Für mich waren die Gefühlsäußerungen und Gesten, die Interaktionen der Mädchen wie in einem lebendigen Bildtableau in einer Art Zeichensprache
anschaulich geworden und hatten etliche diagnostische Spuren hinterlassen.
Wie in einem Gesamtkunstwerk schien jedes Detail des psychodynamischen Prozesses wichtig zu sein, weil es sich mit anderen verknüpfte und Ahnungen
über Störfelder, Problemknoten und Traumatisches aus dem biografischen Kontext von Nicole und Leonie vorantrieb..
Aus dem gefühltem Erleben, einzelnen Beobachtungen des Gesamtkontextes und den Bildarbeiten erwuchs bei mir allmählich auch ein diagnostisches Erkennen für die spezifische Problematik der beiden Mädchen, Nicole und Leonie.
Allgemeines zum Projektverlauf
Widerstand der Sprache
Mein Versuch, das in meiner Ausbildung erlernte kunsttherapeutische Procedere (Aufgabe, Realisierung, Bildbesprechung) möglichst
adäquat anzuwenden, war durch einen spezifischen Widerstand der Gruppe gescheitert.
In der Literatur zur kunsttherapeutischen Psychotherapie wird immer wieder der Stellenwert der Sprache beschworen:
"der Klient berichtet auf eine ihm eigene Weise, wie er angefangen hat zu malen, was ihn dabei bewegte, woran er sich erinnert und welche
Gefühle aufgetaucht sind.....die Art und Weise, wie ein Patient über sich selbst, den Malprozess und sein Bild berichtet, gibt bereits wichtige
Hinweise auf die neurotische Struktur seiner Persönlichkeit...[...]....da also die Sprache selten abgelöst von einem Bild oder Bildern praktiziert
wird, kommt es im Idealfall zu einem permanenten Oszillieren zwischen Bild und Sprache, wobei sich wie von selbst die Informationen des Bildes
erhellen, was wiederum eine Auswirkung auf die Sprache hat. (G. Schmeer)
Doch genau der von mir angestrebte Idealfall assoziierender, zuweilen reflektierender Sprechbewegungen war mit den adoleszenten Mädchen nicht möglich gewesen. Sie weigerten sich beharrlich meinen archäologischen Suchbewegungen in ihren Bildern zu folgen, genossen andererseits aber sichtlich das intensive Ausagieren im Bild selbst.
Ich hatte die adoleszente Entwicklungssituation der Mädchen vielleicht nicht genügend berücksichtigt und war dem pädagogischen Format zu stark verhaftet gewesen. Andererseits war mir die Arbeit mit pubertierenden Jugendlichen vertraut und ich konnte auf Erfahrungen mit meiner eigenen gleichaltrigen Tochter zurückgreifen. Es gab noch etwas anderes in der Sprechverweigerung, die eine produktive Eigenbewegung der Mädchen ahnen ließ.
Sprache des Widerstands
Möglich, dass die angestrebte Verbalisierung in ihnen zu stark schulische, insbesondere das kunstpädagogische Umfeld wachrief, mit dem sich immer auch ein unangenehmer Bewertungsaspekt verbindet. In ihrer "trotzigen" Weigerung steckte auch eine Mutterübertragung, eine adoleszente Abgrenzung der Mutter gegenüber.
MutterübertragungMetaphorisch gesprochen, kam es mir manchmal vor, als hielten sie die Tür zu ihrem eigenen Zimmer, zu ihrem Geheimnis, vor der Mutter bzw. mir als dem anderen Mutterobjekt, bis auf einen Spalt verschlossen. Sie hatten gespürt, wie viel sie von sich mit ihren Bildern freilegten, wie viel Einblick sie in ihr Innerstes gewährten. Einerseits sehnten sie sich danach, auch darin gesehen zu werden - die anderen und ich sollten als Zuschauer daran teilnehmen, gleichzeitig merkten sie aber auch, dass das Bild sie schützen konnte. Gerade durch das Unausgesprochene.Sie konnten, wie in einem Code, in und durch die Bilder sprechen.Darüber hinaus meinte ich in ihrer Sprechverweigerung auch eine verschlungene Gegenübertragungsdynamik zu sehen.Denn genau genommen hatte ich sie für mein Projekt benutzt. Zwar meinte ich anfangs unmissverständlich die Bedingungen dieses
Aneignungmeines Orts
Gruppenprojekts transparent gemacht zu haben, doch durch ihre Weigerung hatten sie sich mein Projekt angeeignet. Sie hatten den Montagstermin zu ihrem Termin, mein Atelier zu ihrem Ort gemacht, an dem lustvolle Malreisen und wohliges Zusammensein, fast wie in einem Jugendclub, im Vordergrund standen.
So war gerade jene wohlige Ausdrucksmalgruppe entstanden, die ich um jeden Preis hatte vermeiden wollen. Andererseits hatten sie gerade dadurch meinen eigenen, inneren Wunsch realisiert, nämlich ein paar Stunden "einfach so sein" in meinem Atelier statt unentwegt in bestimmten Konzepten zu funktionieren. Hier war ich offensichtlich in die Gegenübertragung hineingerutscht.
Erst nach der Erfahrung des halben Jahres konnte ich den Widerstand auch als Zeichensprache lesen, mit der die
Gruppe ihr ureigenes Bedürfnis nach Sicherheit zum Ausdruck brachte. Sie wollten und brauchten einen sicheren
Entfaltungsort. Sie wollten und brauchten mich als schwingende, wohlwollende, fragende und grenzsetzende
Präsenz - die andere Mutter. Sie wollten sprechen und sprachen auch, aber nicht so, wie es theoretisch dem kunsttherapeutischen Paradigma entsprach.
Ihr Sprechen ereignete sich unentwegt als ein mäanderndes Sprechen.
Es schlängelte sich bezeichnenderweise geradewegs über jene Wege, gegen die ich Widerstand aufgebaut hatte:
Das Sprechen hatte sich in die Pause (Wohlfühlen/ Relaxen!)
hineinverlagert, in der es sich rasend ausdehnte und wie selbstverständlich waren auch die Ränder des
Malgeschehens davon miterfasst worden. (z.B. erzählte Leonie während ihres Tastporträts das erste Mal von ihrem neuen Zimmer)
Als hätten sich unbemerkt Hyperlinks im dreidimensionalen Raum gebildet, über die emotionale Botschaften in den Zwischenräumen keimten.
z.B. die Pause:
Die Pause, ursprünglich als entspannende Leerstelle von mir gedacht, verwandelte sich zu einem unerwartet zentralen Kommunikationspool, in dem die Mädchen viel von sich, ihrer familiären Situation, der Schule, ihren Sehnsüchten, Wünschen Popstars, Musik etc. en passant austauschten und preisgaben. Doch mir war nicht bewusst gewesen, wie ich selbst die Pause verführerisch als Lockmittel eingesetzt hatte.
Die abwesenden MütterEigentlich sollte sie als kleine Distanzweiche nach dem Malakt dienen. Ich hatte Tee, Knabbereien, manchmal Süßkram und Obst besorgt - also durch und durch mütterlich - sorgende Gesten, durch die sich eine familiäre Tischsituation herstellte.Im Grunde kompensierte diese Pausen-Situation einen fundamental emotionalen Mangel, der bei allen vier Mädchen vorkam.Sie lebten zwar alle in getrennten Familien mit ihren Müttern zusammen, doch meist waren diese Mütter durch Berufstätigkeit (bei Nicole, Susanne, Marlene) oder Krankheit abwesend (s. Borderline-Schübe bei Leonies Mutter).
‚Die Pause und ich' verkörperten demzufolge fütternde Präsenz, eine Art "Stillzeit", in der sich mütterliche Übertragungsdynamik abspielte, die, unterschiedlich aspektiert, sowohl Nicole als auch Leonie betraf.
Zur Bildarbeit
Die Entscheidungen für die jeweiligen Bildübungen habe ich zumeist situationsbezogen intuitiv getroffen.
Im Nachhinein lassen sich die so geschehenen Bildübungen geduldig sinnvoll hin und her deuten, wie ich es
ja auch versucht habe, doch letztlich verhält sich jede Bildübung wie eine neue Nervenzelle: sie bewegt sich
einfach los - erst blind, nicht wissend wohin, und im Moment des Andockens an eine andere stellt sich heraus,
dass der Weg vielleicht sinnvoll oder bedeutsam war. Zielgerichtet ist er jedoch nicht, obwohl ich gerade dies angestrebt hatte.
Zuweilen kam mir die Assoziation, dass es in den Bildern der Mädchen zuging wie in Petrischalen, in denen
besondere Bakterienkulturen angesetzt worden waren, die vor sich hin wimmelten und seltsame Zellteilungen vornahmen.
Irgendwann ließe sich das Zellwachstum beobachten, ohne genau sagen zu können, wann und wodurch dies wohl eingetreten sein mochte.
Z.B. das Bakterium "Rot ist hässlich" bei Leonie wandelte sich durch verschiedene Bilder hindurch, mutierte noch mal
zu "Rosa" und konnte an den jeweiligen Konfrontationen reifen;
oder auch die winzig kleinen roten Pünktchen-Beeren aus der
1. Übung "Baumbild", die sich entsprechend des Schmeerschen Dominoeffekts zu dicken roten Backen und roten Hörnchen ( s. S. 45 Tastporträt)
entwickelt hatten.
Psychodynamik in der Gruppe
Gerade durch die zuletzt beschriebene Diebstahl-Episode (s. S. 55, Hinter den Bildern) kristallisierte sich jene Gruppenstruktur heraus, deren Matrix von Anfang an vorhanden war, die ich jedoch vollständig verdrängt hatte. Gemeint ist Nicoles Stellung innerhalb der Gruppe. Durch die beiden Freundinnen von Leonie war ein Ungleichgewicht in der Gruppe entstanden, was Nicole sofort eine Sonderrolle zuwies:
- sie war jünger als die anderen
- sie ging in eine andere Schule als die drei anderen
- sie kam und ging stets allein
- sie konnte nicht mitreden, wenn die anderen über Schule oder andere Freunde in der Pause redeten....
- sie hatte keine Freundin zu bieten außer Sammy, die sie ja nach der Diebstahl-Episode auch als Verstärkung mitgebracht hatte.
So gesehen war sie von Anfang an in einer, mit Mangel behafteten Außenseiterposition gestartet, ein für sie alt bekanntes Muster aus der Schule.
Ich als Leiterin hatte versucht dies (s. 1. Gruppenbild) auszugleichen, in dem ich den leeren Platz neben Nicole versuchte zu füllen,
hatte mich dadurch jedoch in eine zwiespältige Rolle manövriert. Ich tat so, als würde ich zur Gruppe gehören, hatte Unterschiede verwischt
und mich zu ihresgleichen gemacht, um ihre Position in der Gruppe zu stärken. Höhepunkt dieses Verhaltens war meine heimlich erzeugte
Solidarität mit ihr in der Diebstahlepisode gewesen. Und alles, obwohl ihre fordernde, übergriffige Art in mir inneren Widerstand und
z. T. Ignoranz hervorrief.
Diesen inneren Konflikt hatte ich ganz im Sinne einer Abwehr "gelöst", in dem sich meine Aufmerksamkeit langsam auf Leonie verschoben hatte.
Mein Interesse an Leonie wuchs in dem Maße, wie sie sich emotional öffnete.
Ich werde auf diese Gegenübertragungsdynamik noch an späterer Stelle eingehen.
Leonie hatte sich durch ihre beiden Freundinnen Marlene und Susanne schützenden Rückhalt und größtmögliche Freiheit mitgebracht.
Sie konnte je nach Belieben und innerer Befindlichkeit zwischen zwei emotionalen Mustern wählen:
Marlene, die extrovertierte und Susanne, die Introvertierte.
Die Vermutung liegt nahe, dass diese Beziehung von Leonie zu den beiden, auch von projektiver Identifizierung lebte, sie also
emotionale Anteile, die sie selbst nicht leben konnte auf die eine bzw. andere projizierte.
Nicole hatte ein untrügliches Gespür entwickelt, sich jeweils an die von Leonie ‚übrig gelassene' Freundin - entweder Marlene oder Susanne - anzudocken. Beide, Marlene und Susanne, akzeptierten Nicole grundsätzlich, wenn sie auch in ihrem Sozialverhalten von allen gelegentlich kritisiert wurde. "Wir räumen jetzt alle auf und du gehörst auch dazu!" Trotz der Kritik wurde sie nie ausgeschlossen, sondern die anderen versuchten ihr ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.
Die Tatsache, dass Marlene und Susanne jüngere Schwestern hatten, übertrugen sie auf Nicole, für die diese Art der sorgenden Auseinandersetzung
offensichtlich unbekannt war.
So erfuhr sie Korrekturen ihres Verhaltens, ohne abgelehnt bzw. immer wieder aufs Neue integriert zu werden.
Sie schien sich trotz ihrer Sonderstellung recht wohl in der kleinen Gruppe zu fühlen, was ihre regelmäßige Teilnahme trotz des extrem weiten Weges,
den sie zurücklegen musste, bestätigte.
Das Verhältnis Nicole - Leonie hingegen war stark abgegrenzt voneinander bis ignorant.
Vermutlich hatten sich hier Neid und Eifersüchteleien in die Übertragung eingenistet, ohne dass ich es zu jenem Zeitpunkt realisiert hatte.
Die Gruppendynamik ist therapeutisch gesehen eine Gradwanderung zwischen Risiko und Chance. Dem Risiko, unbemerkt in die Reinszenierung alter
Muster zu fallen, wie bei der Diebstahlsituation geschehen, steht die Chance gegenüber, alte Muster in der Wiederholung zu erkennen und aufzubrechen.
Doch bei einer adoleszenten Gruppe steht nicht die Reflexion im Vordergrund, sondern die emotionale Interaktion und Kommunikation untereinander;
das, was sich an ‚Hier und Jetzt' - Konflikten entzündet, kurz das Sich-selbst-Erleben mit anderen.
Nicoles Problematik
Durch die Bildübungen, aber auch durch bereits erwähnte Randereignisse wurde die Problematik von Nicole immer differenzierter sichtbar. Mein erster Eindruck von Nicole war ambivalent gewesen : ich empfand sie einerseits als distanzlos, übergriffig und andererseits als überangepasst und brav.
AmbivalenzDiese Ambivalenz zeigte sich abgewandelt in verschiedenen Zusammenhängen. Einerseits war sie körperlich unübersehbar, durch ihre Leibesfülle, andererseits hatte sie z.B. in der Pause beim Knabbern eine Strategie der gierigen Unauffälligkeit entwickelt.
Beides drückte sich signifikant in ihrer Körperhaltung aus. Meist saß sie sehr still in der Pausenrunde, ein Arm vorm Bauch verschränkt. Sie tat so, als höre sie den anderen interessiert zu, doch ihr Blick und auch die andere Hand wanderten fast tagediebisch zu den Keksen. In diesem körperlichen Verhalten drückte sich ihr Zwiespalt aus: eine unersättliche Gie, die mit Schuld und Scham besetzt war.
Meinen Beobachtungen zufolge, aber auch, was mein ‚Übertragungsbild von Nicole' thematisierte, war ein unbändiger Trieb bzw. eine tief
sitzende orale Bedürftigkeit bei Nicole, die aus einer sehr frühen Entwicklungsphase zu stammen schien
und sich nur heimlich Befriedigung verschaffen bzw. agieren konnte ( s. heimliche Diebstahl/s. karierte Brüste und Camouflagemuster im Übertragungsbild).
Eine Heimlichkeit, die durch den Klammergriff des Über-Ichs
entstanden war?
In der Übertragung war dieser innere Druck bzw. der Kampf Nicoles für mich stark spürbar gewesen, aber auch die Wut dahinter, die sich nicht
Bahn brechen konnte.( s. a. Übertragungsbild ‚Nicole'/ dunkelviolette Gesicht hinter der Blondmaske)
In der Gegenübertragung bemerkte ich ebenfalls ein Wut- und Ablehnungsgemisch gegenüber Nicole.
Sie verhielt sich nicht entsprechend meiner Vorstellungen, jetzt war ich schon ein Stück auf sie zugekommen, hatte - statt gesundes Obst-,
reichlich Kekse und Schokolade (als Lockmittel ?) ausgelegt, und trotzdem war es noch nicht genug, sie hatte nicht funktioniert, sondern
trotzdem gestohlen, obwohl sie alles bekam.
Ich spürte darin die Wut der realen Mutter Nicoles, die alles dafür tat, damit ihre Tochter funktionieren solle, doch leider
ohne Erfolg (Gute Kleidung, Diätprogramme für die Tochter, Nachhilfe, Ausflüge, Sport, eine ‚richtige' Familie).
Die Tochter mühte sich zwar sisyphusartig ab, der Mutter zu gefallen, doch es war nicht genug. Ihr Hunger nach
narzisstischer Befriedigung konnte nicht gestillt werden.
In mir stieg die Erinnerung an meine Kindheitswut hoch - auf meine Mutter, die mich zwar versorgt hatte, aber emotional
nicht genährt hat. ( Gegenübertragung?)