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Phase II : "Containermama"
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Fazit zur Phase II
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Zeige deine Maske - sie zeigt dich!

Es folgte eine Phase, in der die Maske über mehrere Male hinweg zum Thema wurde. Mehrere Aspekte hatten letztlich zu dem Übungskanon ‚körpergroße Maskenbilder' geführt hatten. Äußerer Anlass war die Karnevalszeit. Innere Motivation war das kreativ therapeutische Potential, das die Maske auszeichnet:

  • Unter dem Schutz der Maske lassen sich vielfältige Impulse und Emotionen malerisch erfahren, die sonst eher Angst besetzt sind.
  • Die Maske knüpft an etwas sehr Archaisches in uns an, das im Alltag zugleich Selbstverleugnung und Selbstdarstellung ist.
  • Die Maske rührt an der Verkleidungslust von Jugendlichen - durch Verkleidungen können sie verschiedene Selbstanteile ausprobieren ohne gleich einen ‚Gesichtsverlust' hinnehmen zu müssen.
  • Das spielerische Anderssein durch die Maske konturiert deutlicher, was ICH bin und auch noch bin.
  • Mit der Maske können unbewusste Anteile, auch Schattenseiten dargestellt bzw. gezeigt werden, wodurch eine flache Integration eingeleitet werden kann. = Transformationsaspekt)
Ein-und Ausatmen
im Bildprozeß

Die Übung sollte wieder auf körpergroßen Papierformaten realisiert werden. Jede sollte mehrere Masken nacheinander malen, möglichst zügig. Dabei ging es nicht so sehr um die quantitative Produktion, sondern eher um die Dynamik im Bildprozess selbst. Grosse Bildformate fordern körperlichen Einsatz. Sie setzen den Körper förmlich in Bewegung. Eine Bewegung, die in das Bild hineingeht, aber auch vom Bild Abstand nimmt - fast vergleichbar einem seelischen Ein - und Ausatmen im Bildprozess. Durch diese Pendelbewegung, dem unbewussten Ausagieren und der Distanz oder das distanzierende Korrigieren, wird beides gestärkt: das emotionale Erleben und die ICH-Funktion.

Ersteres beschreibt der Maler Marc Rothko folgendermaßen: "Ich male sehr große Bilder. Es ist mir klar, dass geschichtlich gesehen, das Malen großer Bilder das Malen von etwas Pompösen, Grossen bedeutet. Der Grund, weshalb ich sie male, liegt darin, dass ich sehr vertraut und menschlich sein möchte. Ein kleines Bild zu malen, heißt, sich außerhalb des Erlebnisses zu stellen, auf ein Erlebnis wie durch ein Verkleinerungsglas zu schauen. Malt man aber ein größeres Bild, so ist man drin. Man kann es nicht mehr dirigieren". Doch auch ein Mark Rothko muss vor seinen großen Formaten zurücktreten. Gerade diese Mischung aus distanzierten und reflektierten Involviertsein scheint mir mit eine der wichtigsten Erfahrungen des künstlerischen Arbeitens zu sein. Von daher ist es nicht die Kunst per se, sondern die Erfahrung des künstlerischen bzw. kreativen Prozesses, die dem therapeutischen Verständnis hilft.

Der Maskenzyklus erstreckte sich über fünf Male und ich möchte einige Bilder von Nicole und Leonie herausgreifen, an denen m. E. bestimmte seelische Entwicklungen ablesbar sind.

Maskenbildübungen

Zur 1. Maskenbildübung kam Nicole wieder eine halbe Stunde zu früh. Sie erzählte mir, dass ihre Mutter mit einer Freundin zum Karneval nach Köln gefahren sei, und sie jetzt mit den Häschen bei der Oma wohne.
Auf die Frage, ob es sie nicht traurig mache, dass ihre Mutter sie nicht mitnähme, antwortete sie gänzlich affirmativ "Sie muss ja auch mal ihren Spaß haben! Sie arbeitet ja so viel!" Übernommene Worte der Mutter, symptomatisch für Nicoles introjiziertes Mutterobjekt.
Nicole selbst wirkte auf mich ungewöhnlich zurückgezogen, weich und durchlässig. Sie setzte sich sogleich an den Pausentisch und begann mit Buntstiften zu zeichnen.

Als die anderen drei kamen, begannen wir mit der Maskenübung. Vorab erzählte ich von den übergroßen Basler Fastnachtsmasken, die Furcht erregend aussehen, weil sie den bösen Geistern Angst machen sollen.
Leonie und Marlene stürzten sich lustvoll in die Übung, während Susanne und Nicole sehr langsam und verhalten malten.

Nicole wählte wieder die Solo-Wand für das Malen. Sie wirkte abwesend wie in Trance. Minutenlang stand sie einfach im Raum, mit dem Pinsel in der Hand, schaute den anderen zu. Mir kam der Gedanke, die Gruppe könnte ihr zurzeit vielleicht zuviel sein. Die Zweierbeziehung mit Marlene während der ‚freien roten Zone' verlieh ihr mehr vertraute Sicherheit.

Nicoles Maske

Dass Nicole wieder auf das Blondschemamuttergesicht aus den Anfängen zurückgriff, irritierte mich. Damit hätte ich nach der roten Phase nicht gerechnet. Fälschlicherweise war ich davon ausgegangen, dass sie dieses Schema nicht mehr bräuchte. Andererseits schien ihr dieses Schema, hier als Maske "geoutet", eben jene Sicherheit zu geben, die sie angesichts der unsicheren, sich permanent trennenden Mutter brauchte.

Blondschema als Sicherheitscode

Auffällig sind die schwarzen, schräg gestellten Augen mit den weißen Pupillen, die dem Gesicht tatsächlich neben der Hakennase etwas Furchteinflößendes verleihen. Doch beim nächsten Mal beginnt sie ihr plakatives Blondschema zu modifizieren: Das grosse Gesicht malt sie flächig mit dunkelrot aus und setzt dunkle Kringel darauf, die aussätzigen Stigmata ähneln. An dem Kopf hängt ein winziger "Körper", der eher an das Kleid einer Handpuppe erinnert. Eine Handpuppe ohne eigene Hände und Beine, ohnmächtig und bewegungslos, der PuppenspielerIn ausgeliefert. Der Kopfschmuck aus kleinen grünen Zweigen läßt Antennen, Hörner bzw. Abwehrzäunen assoziieren.

Nicole zeigt sich in der Maske - in aller Offenheit. Mir fällt dazu auch ihr Ganzkörperkonturenbild aus der Anfangsphase ein:

Auch hier kocht der Zorn im orangeroten Kopf; auch hier gibt es Wundmale/Stigmata am Körper, die jetzt ins Gesicht hoch gewandert sind. Die Bilder wiederholen jenes Muster, was auf den frühkindlichen Konflikt mit der Mutter basiert: die Mutter, die sich entweder symbiotisch ans Kind klammert oder das Kind verlässt und damit Nicole keine Möglichkeit gibt, sich selbst zu trennen.

So wie sie gefügig auf die Mutter reagiert (s.o.), tauchte parallel in ihrer Bilderwelt das stereotype Blondschema wie eine Art Sicherheitscode auf. Und doch ließ sich in der Entwicklung eine wesentliche Differenz feststellen, die in der aufsteigenden Bewegung des Rots und anderer Formelemente (s. Stigmata) sichtbar wird Als könnte Nicole mit dem massiven Auftauchen der Farbe Rot die eigene unterdrückte Wut ihrer Mutter gegenüber jetzt zulassen, zumindest erst einmal in den Bildern. Und vielleicht spürt sie über das neue Erleben der Farbe Rot auch etwas von der eigenen Kraft, die es ermöglicht sich aus dem gefügigen Abhängigkeitsverhältnis der Mutter zu lösen. Bezeichnenderweise war Nicole in der Folgezeit - im Gegensatz zu den anderen Mädchen - ausschließlich mit diesem einen Maskenbild beschäftigt. Von Mal zu Mal modifizierte sie es durch kleine Eingriffe. Manchmal schien sie wie gelähmt festzustecken und geradezu ohnmächtig vor ihrem Bild zu stehen, um dann wieder quantensprungartig neue Formen ins Bild zu setzen wie z.B. die Zweige am Kopf oder die roten Haarspitzen. Bei der allmählichen Transformation ihres Maskenbildes, vom anfänglichen Blondschema bis zur letztlich veränderten Figuration, war zu beobachten, dass der Bildprozess die inneren Gefühlsbewegungen von Nicole direkt widerspiegelte.

Blindgesichter als Gruppenbild

Ihr Ringen um eine integrierende Balance von alten und neuen Formen und Farben fand im und am Bild statt. Das zeigte sich auch während einer Gruppenübung, die wir während des Maskenzyklus realisierten. Bei dieser Übung übertrug jede mit geschlossenen Augen ihr Gesicht auf ein an der Wand hängendes Blatt. Dann ging jede zu dem Blatt ihrer Nachbarin und wiederholte blind den Vorgang, so dass am Ende jede auf ihrem Blatt ihre eigene Gesichtszeichnung und die der beiden anderen vorfand. In einem zweiten Schritt galt es die drei Gesichter mit Farbe zu verbinden.

Nach dem ersten Teil der Übung beginnt Nicole ihr Bild mit den drei entstandenen Blindgesichtern plötzlich sehr heftig mit Schwarz zu übermalen.

Als ich sie darauf anspreche, antwortet sie lapidar: "Hab ich wohl falsch verstanden!" Etwas trotzig Widerständisches schwingt mit, sowohl in ihrer heftig agierenden Schwarzmalerei als auch diesem Satz. In der Übertragung spüre ich ihre Hilflosigkeit. Durch ihre impulsive Übermalung ist eine Sackgassensituation entstanden. Nicole hat damit deutlich gemacht hat, dass sie die drei Blindgesichter auf ihrem Blatt vielleicht überfordern bzw. sich weigert diese malerisch zu integrieren. Vielleicht evozieren die drei deformierten Blindgesichter bei ihr auch die triadische Elternsituation. Mit dem Einverständnis der anderen beiden wird die Übung - nur für Nicole - wiederholt! Darin liegt für sie die Chance einer korrigierenden Erfahrung. Offensichtlich braucht sie diese Aufmerksamkeitsmaßnahme, denn sie wirkt gelöster und es ist spürbar, dass sie sich jetzt erst von der Gruppe gesehen fühlt.

An der ‚blinden' Wiederholungszeichnung ist interessant, dass ihre eigene Blindgesichtszeichnung (= himmelblaue Augen und Mund) der ersten fast zum Verwechseln ähnlich sieht.

Blondschema
löst sich auf

Beim 2. Teil der Übung greift Nicole dann wieder auf ihr Blondschema zurück. Dieses Mal mit der Energie eines Übertragungswiderstands*, der in der malerischen Ausführung sichtbar wird: Nicole "patscht" grob schmierig und lustlos mit dem Pinsel ein Gesicht aufs Papier. Die grünen Kreisaugen scheinen die Augen eher abzudecken und sind blind. Die rote Wurmnase und wieder die roten Haarspitzen (Sie hatte ein paar Male davor von den gefärbten Haarspitzen ihrer Mutter erzählt!). Das BlondSchema zeigt sich hier vollständig deformiert bzw. in regrediertem Zustand. Nichts ist mehr von jener ambitionierten Verschönerungsmaßnahme zu sehen, die noch die ähnlich strukturierte Übung "Tastporträt" ausmachte. Fast als würde Nicole im Bild Widerstand gegen ihr eigenes gefügiges, falsches SELBST zeigen, und natürlich auch mir gegenüber als derjenigen, die ja die Aufgabe gestellt hat.

* Der Widerstand umfasst alle unbewussten seelischen Bewegungen, die dem Prozeß des Bewusstwerdens entgegenwirken. Er dient dem Aufrechterhalten des seelischen Gleichgewichts (Homöostase), das z. B. durch neurotische Konfliktverarbeitung und Symptombildung hergestellt worden ist. Er verweist auf das Wirksamwerden von ICH-Funktionen und ist möglicherweise ein positiver Indikator (Ich-Stärke).