Geschrieben von: Utta Hoffmann
| Beitragsseiten |
|---|
| Phase II : "Containermama" |
| Assoziationen zu Nicole |
| Trennungssituation der Eltern |
| ROTbild |
| Zeige deine Maske |
| ...zeige deine Maske |
| Fazit zur Phase II |
| Alle Seiten |
Vielleicht gab es hier einen Zusammenhang zur aktuellen Trennungssituation der Eltern zu Hause. Im Gegensatz zur der sehr chaotischen "Hausfassade" auf ihrem Geburtstagsbild, wirkte die Fläche sehr viel mehr strukturierter und klarer. Doch, dass Nicole die Sonne so mittig ins Bild über alle Schichten gesetzt hatte, schien mir noch wesentlicher zu sein. Bei der Sonne bzw. dem Kreis mit Strahlen handelt es sich um eine symbolische Urform, die, wie auch andere Urformen (Kreis, Spirale etc.), aus frühen ICH-Entwicklungsphasen stammen.
Wenn Kleinkinder beginnen ihre Umwelt zu entdecken z. B. in den Trennungs - und Wiederannäherungsphasen von der Mutter
s.M. Mahler), sind in den Kinderzeichnungen oft diese Sonnensymbole zu finden.
Der Kreis mit Strichen gleicht einem Tastkörper, der seine Fühler nach außen streckt.
Vielleicht hat sich hier im Bild Nicoles frühkindliche Erfahrung regressiv reinszeniert, evoziert durch die aktuelle Trennungssituation ihrer Eltern.
Seit der Trennung ihrer Eltern war zu beobachten, dass Nicole sich von der Gruppe absonderte, andererseits aber umso mehr meine Nähe vor bzw.
nach der Gruppe suchte.
Als alle bereits gegangen waren, erzählte sie, dass sie zu Weihnachten von ihrer Mutter ein Häschenpaar geschenkt bekommen hätte. Freude darüber war ihr nicht unbedingt anzumerken. Entsprach dieses Geschenk der Mutter etwa einem Abwehrmechanismus, mit dem die Mutter Verlassenheitsgefühle ihrer eigenen Trennung auf Nicole verschob? Die Häschen und deren beginnender Sexualverkehr wurden während der nächsten Male immer wieder von Nicole thematisiert. Es schien als würde sich in ihnen für Nicole noch einmal die Beziehung ihrer Eltern vor der Trennung spiegeln.
Der interpsychische Raum hatte sich durch die äußeren Ereignisse und die dadurch ausgelösten Emotionen von Leonie und Nicole erweitert, denn sie waren auf sehr unterschiedliche Weise in die Gruppe hineingetragen und von dem Gruppen - WIR emotional "gehalten" worden. Dieses Containing ermöglichte einen Weg zur Regression d.h. ein Zulassen von Gefühlen wie Angst und Traurigkeit, die aus früheren Phasen zu stammen scheinen. Inwieweit diese Regression im Dienste des Ichs, jener viel beschworenen therapeutischen Wandlung, stand, vermochte ich zu jenem Zeitpunkt nicht abzuschätzen.
Zwischen ROT und ROSA - Beziehung zu einem neuen Gefühl
Zu Beginn des nächsten Gruppentreffens hatte mir Leonie gut gelaunt eine winzig kleine Schelle in Form eines Autos geschenkt, die sie auf der Strasse gefunden hat. Mich rührte diese Geste, nahm ich sie doch als Ausdruck von Dankbarkeit wahr. Aber auch ich selbst empfand Dankbarkeit gegenüber Leonie, angesichts ihrer neuen emotionalen Offenheit.
Ich möchte im Folgenden auf einige Übungen eingehen, die m. E. noch tiefer in die Regression führten.
Übung "magichmagichnicht"
anwesend: Marlene, 20 Min. zu früh; Susanne, Leonie und
Nicole, 20 Min. zu spät
Für die Übung sollte sich jede zwei Dinge aus einem Fundus von Alltagssachen aussuchen, die ich auf den Tisch geschüttet hatte. Sie sollten einen Gegenstand wählen, den sie schön fanden und einen anderen, den sie ablehnten. Anschließend sollten sich beide Gegenstände auf einem Blatt Papier treffen bzw. malerisch in Beziehung gesetzt werden. Die Wahl der Farben - ob flüssig oder fest - war offen.
Angestrebte Erfahrung
Die gewählten Objekte symbolisieren die positiven und negativen Anteile des Selbst. Bereits in dem kreativen Akt beide in einem Bildraum Gestalt werden zu lassen und sie dort in Beziehung zu setzen, findet primäre Integrationsarbeit statt.
Übertragungsfehler
Interessant war für mich im Nachhinein, dass ich weder die Objektwahl, noch das daraus entstandene Bild von Nicole dokumentiert habe. Damit war ich in unbewusste Strudel eigener Gegenübertragungen geraten. Bis heute habe ich keine Erinnerung daran, wie das Bild von Nicole ausgesehen hat. Ich hatte Leonie bei diesem Gruppentreffen so viel Zeitraum zugestanden, dass ich Nicole vollständig ausgeblendet hatte. Damit hatte ich sie also ähnlich "verlassen", wie sie dies von ihrer Mutter kannte, wenn ein Mann oder eine andere "bessere" Person auftauchte. Auch ich hatte einer anderen Person, nämlich Leonie, den Vorzug gegeben und ihr meine ganze Aufmerksamkeit gewidmet.
Und nicht nur das - sie durfte an meinem persönlichen Arbeitstisch arbeiten, weil der Gruppentisch zu klein war. Damit hatte ich eine Grenze überschritten, die ich bislang z.B. gegenüber den anderen der Gruppe und besonders Nicole gegenüber immer wieder eingefordert habe. Wodurch war das passiert?
Es war Leonies kleines Geschenk an mich gewesen, durch das ich in eine Gegenübertragung gerutscht war, die auf bereits oben skizzierter projektiver Identifizierung basierte.
Mit kleinen Geschenken hatte ich selbst als Kind ebenfalls versucht die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu bekommen, war jedoch meistens damit gescheitert. Jetzt hatte Leonie mich mit ihrem kleinen Geschenk gesehen und ich hatte ihr - in der Mutterübertragung - meinen Arbeitstisch "geschenkt", eine wiedergutmachende Geste an mein inneres Kind, die gleichermaßen emotionale Nähe für Leonie bedeutete.
Aber durch diese Nähe-Verbindung zu mir, hatte ich sie von der Gruppe getrennt.
Zur Objektwahl von Nicole und Leonie
Die Wahl der Dinge fiel bei beiden folgendermaßen aus:
Leonie Bernstein (+) und rosa Wasserpistole (-)
Nicole eine kleine Elfe (+) und Feuerzeug (-)
Bei Nicoles ‚Elfe und Feuerzeug' tauchte, wie schon das letzte Mal - spontan die Struwwelpetergeschichte "Paulinchen war allein zu Haus" auf. Das Spiel mit dem Feuer enthielt etwas von der Angstlust, die sich in der Geschichte (auto-) aggressiv bzw. wütend symbolhaft widerspiegelte. Ich ahnte, dass es etwas mit Nicoles innersten Gefühlen zu tun haben musste, andererseits kamen mir Zweifel, ob diese penetrant wiederkehrende Assoziation wirklich noch etwas mit Nicole zu tun hatte oder sie vielleicht nicht doch eher eine gute Portion Gegenübertragungspatina enthielt. Vielleicht war ich aber auch schlicht in die Falle des festschreibenden Vorwegwissens geraten? Es war nicht einfach, diese nicht wissende Unsicherheit auszuhalten.
Leonie hatte den ockerfarbenen Bernstein als positives Objekt gewählt, in dem Lebendiges, wie kleine Insekten,
über sehr lange Zeiträume eingeschlossen ist. Dass Bernstein so uralt und gar nicht kalt sei, das gefalle ihr.
Die Wasserpistole hingegen verabscheute sie, besonders wegen der grässlichen Rosa-Farbe. Sie empfand beides als
aggressiv: Objekt und Farbe.
Das Spielerisch-Narzisstische, was der Farbe Rosa anhaftet und der fast jedes Mädchen zwischen drei und fünf Jahren verfällt, wehrte Leonie vehement ab.Natürlich handelt es sich auch um eine Farbe, in der sich erste weibliche Identität mit narzisstischer Aufmerksamkeitssehnsucht paart.
Bildprozess
Widerstände gegenRosa
Leonie arbeitet an meinem Arbeitsplatz. Als einzige will sie mit flüssiger Farbe malen. Alle anderen arbeiten mit Jaxon-Kreiden. Sie beginnt links mit einer großen ockerfarbenen amorphen Fläche (= Bernstein); rechts daneben malt sie ganz konkret eine rosa Wasserpistole, die ein wenig wie ein Flugzeug wirkt. Plötzlich kommt Unlust bei ihr auf; sie schwingt den Pinsel peitschenartig hin und her: "Das ist langweilig!". Dann scheint sie den Pinsel mit verhaltener Aggressivität mehr aufs Blatt zu werfen als zu führen - und plötzlich verweigert sie das Malen ganz und gar "Das ist doof!". Ich setze mich zu ihr, versuche zu ergründen, was sie langweilig findet. Sie findet jetzt alles doof - die ganze Übung und sie findet das Rosa der Pistole "so doof und kitschig wie eine Barbiepuppe". Dann schweigt sie. Ihr rollt eine Träne über die Wange. Ich fühle in der Übertragung ein Gemisch aus Verletztsein, Hilflosigkeit und ein Ausgeliefertsein. Gleichzeitig aber auch das Bedürfnis, sie schnellstens daraus erlösen zu müssen. Eine sich anbahnende Abwehr. Ich versuche, diese Gefühlsstimmung nicht weg zu agieren, sondern bleibe bei ihr sitzen - schweigend und reiche ihr ein Taschentuch.
ÜbertragungsanteileBei dem Versuch, die rosa Pistole mit ins Bild zu integrieren, ist ihre innere Spannung, die schon bei der Auswahl der Objekte aufgetaucht war, als Unlust manifest geworden. Aus Unlust wurde Aggression (peitschender Pinsel) und daraus Traurigkeit. Die innere Spannung löste sich als Träne bzw. Trauer.Die Träne rief mir wieder die Bildsituation aus der ersten Phase (s. S. 33/Ganzkörperbild) ins Gedächtnis, wo es die grenzüberschreitende Farbträne gewesen war, die bei Leonie einen zerstörerischen Wutanfall ausgelöst hatte. Jetzt war es tiefe Traurigkeit.
Aggression und Traurigkeit
Wenn es so etwas gibt wie ein Gruppen - ICH bzw. -WIR, dann schwang dieses Gruppen - ICH empathisch mit der Traurigkeit von Leonie,
besonders Nicole. Denn sie nahm als erste wahr, dass Leonie weinte, obwohl sie weit entfernt saß.
Sie fragte vorsichtig nach dem Warum, machte die anderen am Tisch darauf aufmerksam. Ich ging kurz auf Nicoles Frage ein, in dem ich betonte,
wie wichtig es manchmal sei, Tränen und Traurigkeit fließen lassen zu können.
Leonie sitzt vor ihrem Bild, vornüber gebeugt, still und in sich versunken, ich neben ihr. Die anderen sind weit weg im Raum. Nach diesem kurzen
Moment der inneren Versunkenheit, spüre ich Leonies Scham, gemischt mit Wut über sich selbst. Am liebsten würde sie das Bild jetzt zerknüllen und wegwerfen.
Ich spreche es leise an und schlage ihr vor, zu versuchen, das Bild frei zu verändern. Es klingt ein wenig nach Ermunterung, den Kampf nicht aufzugeben.
Sie nimmt an, malt weiter, arbeitet jetzt mit Rot gegen das Rosa und die noch stark flüssige Farbe im Bild an.
Doch Weiß, Rot und Ocker mischen sich immer wieder zu einem Rosa, wenn auch nicht jenem kreischenden, sondern eher einem ruhigeren Rosa-Orange, das sie so akzeptieren kann.
Deutungsversuch
Leonie konnte ihre beiden "Selbst-Objekte" (Bernstein und Pistole) im Bild offensichtlich nur im Verschwinden bzw. symbiotischen Vermischen ertragen. Das Aussuchen, Ansehen und der erste Malversuch ihrer Objekte hatte zu einem derartig wuchtigen Gefühlskarussell geführt, dass sie die Objekte vorerst wieder verschwinden lassen musste, um die Gefühle ertragen zu können. Möglich, dass es sich hierbei um die viel beschworene Regression im Dienste des ICH handelt, aber ein eindeutiges Wissen darum gibt es nicht. Es schien mir zu diesem Zeitpunkt auch nicht um Weg weisende Deutungen zu gehen, sondern wesentlicher um ein sich Selbst-Spüren in dem Gefühl, das Leonie bislang als so bedrohlich und vernichtend erschienen war, dass sie es nicht hatte zulassen können. Sie hatte Angst vor dem Durchbruch ihrer Gefühle, besonders vor der Traurigkeit.
Revolte der GruppeBeim Aufhängen der Bilder, beginnt Marlene mit mir plötzlich einen rebellischen Disput über die Unsinnigkeit von Aufgabenstellungen. Warum es denn nicht möglich sei, einfach mal frei zu arbeiten. Es war, als würde Marlene in die Übertragung von Leonie hineinschlüpfen und just die Befreiungsgedanken von Leonie äußern. Leonie war schließlich durch die Aufgabenstellung aus der anfänglich guten Stimmung in die Trauer gerutscht. Die anderen der Gruppe scheinen sich mit Marlene zu solidarisieren. In ihrem Schweigen liegt Zustimmung.
Übertragung - Gegenübertragung: Aggression - Trennung
MutterkonfliktIch spüre Aggression in mir aufkommen, fast trotzig erwidere ich der Gruppe, frei malen könnten sie ja auch zu Hause, also ohne mich. Dies hier sei eine besondere Malgruppe. Die Gruppe verbündet sich gegen mich. Die Stimmung ist gespannt. Woher rührt mein aggressiver Trotz gegen die Gruppe? Sicher gibt es einerseits die Übertragung der Gruppe, darin ist ein Stück Abnabelung, Abgrenzung, ein Stück gewachsenes ICH enthalten. Aber darin arbeitet auch meine Gegenübertragung: Ich hatte ihnen ein Geschenk gemacht mit dieser Gruppe, aber anstatt es dankbar anzunehmen, trennt sich die Gruppe von mir und zeigt, dass sie nicht meine Gruppe ist.
Hier formiert sich der Mutterkonflikt in doppelter Weise - ich als Tochter meiner Mutter, aber auch jener mit meiner eigenen gleichaltrigen Tochter.
Gelöst werden kann dieser Konflikt durch eine gute Trennung:
- es wird über das Freimalen abgestimmt d. h. die nächsten zwei
Male wird frei gemalt und - ich bitte sie, ihre Bilder vom letzten Jahr mitzunehmen
Es fühlt sich ein wenig wie eine Übereignung an, als ich ihnen die Mappe mit ihren Werken aushändige, die bei mir fast ein Jahr sicher verwahrt blieb (contained!) und für die sie jetzt selbst Verantwortung übernehmen können.
Gruppen - ICHDas gemeinsame Anschauen ihrer Bilder verbindet die Gruppe noch mal auf einer anderen Ebene. Sie tauschen ihre Bilder gegenseitig als Geschenke aus. Wie eine Reise zurück in eine gemeinsame Vergangenheit an fühlt es sich an: Der ganze Atelierboden ist gepflastert mit ihren Bildern. Was ist meins, was ist deins? wird hin - und hergerufen und darin schwingt noch etwas anderes mit als nur eine sortierende Anweisung. Hier geht es um das ICH und das DU, um eine Abgrenzung trotz aller Gemeinsamkeiten. Ich bin nicht mehr wichtig. Diese Szenerie zu beobachten, wie sie alle - selbstständig - ihre Bilder austauschen und voneinander trennen, ruft in mir kurz Stolz, aber auch Wehmut und Abschied hervor.
Die freie rote Zone
Anwesend: Nicole, Marlene und Susanne
Diese folgenden beiden Maltermine waren die mir abgetrotzten, vereinbarten freien Male, in denen es keine Vorgaben meinerseits gab.
Leonie ist abwesendLeonie, die ja Auslöserin für diese "kleine Freiheit" gewesen war, erschien nicht. Laut Marlene hatte Leonies Mutter ihr die Malgruppe verboten. Die Gründe waren unklar. Leonie musste dies hart treffen, denn die Malgruppe war mittlerweile zu ihrem Ort geworden, wo sie sich wohlfühlte. Jeglicher mütterlicher Sorgepflichten für den Bruder entlastet, konnte sie sich vollständig auf sich konzentrieren. Fast schien es, als wolle gerade die Mutter diese Eigenbewegungen ihrer Tochter aus Angst vor Trennung sanktionieren.
Das aufkeimende Selbstbewusstsein Leonies hatte sich in den letzten Monaten immer häufiger in offenen Konflikten mit der Mutter geäußert, denn sowohl die Gruppe als auch der Ort gaben ihr sicheren, emotionalen Rückhalt.
Nicole ist zu frühNicole tauchte dagegen eine halbe Stunde zu früh auf - ein Verhalten, das sie auch die nächsten Male beibehalten sollte. Durch ihr zu früh Kommen realisierte ich Schuldgefühle ihr gegenüber. Immer wieder hatte ich sie in der letzten Zeit vernachlässigt zugunsten Leonie. Andererseits schien sie gut für sich zu sorgen, indem sie mir jetzt einfach Zeit "klaute".
Normalerweise sind klare Zeitgrenzen für den Anfang und Ende einer therapeutischen Sitzung eine essentielle Bedingung, doch hier manifestierte sich eine Mutterübertragung von Nicole auf mich. Durch dies Verhalten holte sie sich bei mir "die gute, schützende Mutter" ab. Nicole wollte mein Dasein - allein ohne Gruppe. Sie genoss es, still vor sich hinzumalen oder sich etwas anzuschauen,
mütterliche Nachnährungmanchmal etwas zu erzählen, während ich die Materialien für die Gruppe vorbereitete. Eine Situation, die an jene frühkindlichen Entwicklungsphasen erinnert, in denen idealerweise das im Spiel versunkene d.h. sich entfernende Kind sich immer wieder der Präsenz der Mutter versichert. Erst durch dieses Dasein der Mutter, was sozusagen zu einem sicheren Ort wird, kann sich Selbstvertrauen beim Kind überhaupt erst aufbauen.
Meine Rolle während dieser beiden Male war absolut zurückhaltend und dienend. Ich reichte das Material an, suchte, was gebraucht wurde, gab Tipps, wenn benötigt.
SelbstversuchSelbsterleben
Selbstbewusstsein
Bei beiden Mädchen gab es das Bedürfnis mit ‚meinen' Farbpigmenten zu arbeiten, die sie schon lange faszinierten, denn das leuchtende Pigmentpuder zog sie magnetisch an, u. a. sicher auch deshalb, weil die Pigmente für sie bislang tabu gewesen waren. Ich erlaubte ihnen mit den Pigmentfarben zu arbeiten und zelebrierte vor ihnen ein bisschen das Anmischen der Pigmente, so dass sofort eine alchimistische Atmosphäre entstand, in der fast andächtig zusammengegossen, gemischt und wieder getrennt wurde. Marlene arbeitete mit Rotpigmenten. Nicole wollte dies auch. "Aber ich will ein ganz anderes Rot als Marlene!" belehrte sie mich, als hätte sie meine Vermutung gespürt, dass es sich vielleicht wieder um eine Nachahmung handeln könnte. Vor meinem Pigmentgläserregal verhielt sie sich wie vor einem Bonbonregal - sie wollte gerne von allen etwas. (die Gier!).