Geschrieben von: Utta Hoffmann
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Phase II : "Containermama"
Wende zur Hinwendung - Das Mutter-Milieu
Natürlich war ich in etlichen Situationen der ersten Phase für die Mädchen auch zu einem neuen Objekt geworden, in denen es vor mütterlichen bzw. väterlichen Übertragungen nur so wimmelte. Es hatten sich Beziehungsfasern zwischen mir und den Mädchen durch verschiedene Situationen hergestellt, die einem Nährlösungsmilieu für neue Selbste glichen.
Umwelt - MutterObjekt - Mutter
Winnicott (1963) hebt diesen Aspekt besonders hervor.Er war überzeugt, dass ein bestimmtes Milieu in der therapeutischen Beziehung die "Techniken der frühen und frühesten Bemutterung" reproduziere. Dazu unterschied er später den Aspekt der Umwelt - Mutter und den Aspekt der Objekt-Mutter. Die Umwelt-Mutter stellt den zunächst primären Aspekt dar und bezieht sich auf die Fähigkeit der Mutter, verfügbar und da zu sein, sowie ausreichend einfühlsam auf die Bedürfnisse des Kindes eingestellt zu sein und antworten zu können.
Diese Beziehung ist eine grundsätzliche mütterliche Matrix, die, solange sie intakt ist, kaum registriert wird. Es ist wie mit Sauerstoff, den wir nicht bewusst wahrnehmen, solange er vorhanden ist.Für die therapeutische Situation ist der Aspekt der "Umwelt - Mutter" ganz bedeutsam: der/die TherapeutIn wird durch empathische Verfügbarkeit zur Umwelt und vermittelt dem Patienten dadurch basische Hintergrundsicherheit. Nur dadurch kann sich der Patient allmählich öffnen und sich auf neue und bisher unbewusste Bereiche in ihm selbst einlassen.
Es handelt sich um die zentrale Holding - und Containing - Funktion des Therapeuten, die mir am Herzen lag, und der ich im weiteren Verlauf des Gruppenprozesses nachspüren wollte. Ich, verknüpft mit dem Ort, dem verlässlichen Zeitrahmen, der Gruppe und dem kreativem Handeln/Malen - alles zusammen war ein komplexes Gewebe, das für Nicole und Leonie zur Umwelt-Mutter werden konnte.
Ich musste also nur loslassen und meine Aufmerksamkeit auf das richten, was von den Mädchen mitgebracht wurde und was "jetzt" im
Gebärmutterraum, dem Atelier, passierte.
Zu Beginn des Projekts war es mir nicht ausreichend genug erschienen, einfach nur da zu sein. Ich hatte mich gemüßigt gefühlt,
zu machen, zu agieren, zu konzipieren, zu kontrollieren.
In der zweiten Phase änderte sich - neben meiner inneren Haltung - auch noch einiges anderes, so z. B. dehnten sich thematische
Bildprozesse über mehrere Gruppenmale aus und vor dem Hintergrund meiner Containing - Haltung gab es keine Apriori-Trennung mehr
zwischen Randereignissen und Bildgeschehen.
Ich möchte diesen Umstand in die beschreibende Darstellung der zweiten Phase einfließen lassen, die dadurch mancherorts vielleicht
flüssiger und vermischter erscheint.
Retrospektiv gesehen konnte ich vier Bögen in dem weiteren Gruppenprozess entdecken:
- Öffnungen im Container - das Draußen kommt rein!
- Zwischen ROT und ROSA - Beziehung zu einem neuen Gefühl
- Zeige deine Maske - sie zeigt dich!
- Abschied/Abnabelung
Öffnungen im Container - das Draußen kommt rein!
Wir begannen vor Weihnachten mit einer Übung, die sich über zwei Gruppentreffen erstreckte. Sie arbeitet auf zwei verschiedenen Ebenen, zum einen stark regredierend (Farbauftrag) und zum anderen fordert sie durch das Wirken der Phantasie die ICH - Funktion heraus.
Übung: "Ich entdecke etwas von mir...."
anwesend: Leonie, Nicole, Marlene und Susanne
Die Übung besteht aus zwei Schritten:
- Jede wählt sich zwei Farben, die auf einer eigenen Glasplatte mit Walze, Pinsel oder anderem Werkzeug aufgetragen werden. Anschließend wird die Glasplatte mit einem Papierbogen bedeckt, der ausgestrichen und abgezogen wird. Es handelt sich um das sehr primitive Abdruckverfahren der Decalcomanie -Technik.
- Nach dem Trocknungsprozess wird aus den abstrakten, zufälligen Farbkombinationen das herausgearbeitet, "was einem darin begegnet": Das eigene Bild/eine Figur/ein Objekt o. ä. Letzteres kann mit Tusche oder Jaxon - Kreiden geschehen.
Bildprozess
Der erste Schritt gestaltete sich sehr wild, schmierig und lustvoll. Juchzen, wenn die Farbe obszön aus der Farbflasche herausquoll und auf die
Glasplatte platschte.
Staunen über die entstandenen Farbmischungen oder auch darüber, sich wie der Farbauftrag durch unterschiedlichste Werkzeuge
veränderte. Alles, was in greifbarer Nähe war, wurde ausprobiert - von der Zahnbürste, Keksförmchen, Walze und Schwämme bis hin zu Fingernägeln.
Meine Rolle während des Bildprozesses war stark dienend:
Ich besorgte, was gebraucht wurde, half, wenn etwas schief zu gehen drohte etc.
Die Gruppe agierte ziemlich eigenständig, unterstützte sich, reagierte positiv und in Gegenseitigkeit auf die schnell entstandenen Produkte.
Der Atelierraum wurde zusehends eingenommen von den vielfältigen Farbabzügen, die alle zum Trocknen ausgelegt und aufgehängt werden mussten.
Diese Belagerung schien wie eine weitere Zeichensetzung dafür, dass sie sich unbewusst den Raum angeeignet.
Eine neue, alte Situation für Leonie
Der Bruder bricht ein-ein altes Muster reinszeniert sich
Inmitten dieser sprudelnden und intensiven Aktivität stand plötzlich Leonies Bruder im Raum - unangemeldet und für alle
eine spürbare Irritation. Er hatte seinen Hausschlüssel vergessen und schien irritiert darüber, seine Schwester in dieser
lebendigen Atmosphäre vorzufinden. Leonie war ihr Stolz anzumerken und sie verhielt sich wie eine Gastgeberin zu Hause.
Die Irritation hatte auch mich erfasst. Ich bemerkte bei mir Sorge, dass durch die Präsenz des Bruders Leonie eventuell wieder in
dem alten symbiotischen Muster verschwinden würde. Dass seine Anwesenheit ihr den gerade eroberten eigenen Raum nahm.
Andererseits spürte ich, dass sie ihn gerne dabei gehabt hätte, um ihm stolz ihre neue Welt zu zeigen, oder waren es doch nur ihre
alten symbiotischen Sehnsüchte, die sich da regten?
Aus irgendeinem Grund, den ich nicht hätte nennen können, erschien es mir wichtig, dass Leonie ihre Beziehung zu ihrem Bruder in
diesem Containerraum erfahren sollte. Das Atelier war auch zu ihrem Raum geworden, hier war ihre Gruppe und sie fühlte sich hier
sicher und vertraut.
Ich machte ihm das Angebot ein paar Schnupper-Decalcomanien mitzumachen. Leonie erklärte ihm alles, und ich beobachtete, wie sie allmählich durch das Kümmern nur noch mit ihm und seinen Problemen beschäftigt war und keine Zeit mehr für ihre eigenen Farbabdrucke fand.
Sie hatte ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen verloren, konnte sich nicht abgrenzen. Zudem war zu beobachten, dass je lebendiger und ausgelassener der Bruder agierte, desto emotionsloser und zurückgezogener wurde Leonie - so wie ich sie anfangs wahrgenommen hatte. Als hätte sie alle Emotionen an ihren Bruder abgegeben bzw. auf ihn projiziert. Durch den Bruder, der mir wie eine prothetische Verlängerung der Mutter erschien, hatte sich hier tatsächlich jenes alte symbiotische Muster reinszeniert. Ein Muster, was immer wieder verhindert hatte, dass Leonie sich gut und angstlos trennen konnte, um eigene ICH-Stärke aufzubauen.
Übertragung-Containing
Als der Bruder sie fragte, ob er das nächste Mal auch dabei sein könne, verwies sie ihn an mich. Ich verneinte. Den Verweis an mich empfand ich als hilflose Geste von Leonies inneren Konflikt, einerseits ihren Bruder in der Nähe zu wissen und andererseits sich von ihm trennen zu wollen, um das Eigene zu schützen. Sie übertrug es mir. Ich hatte damit bewusst den Gegenpart zur realen Mutter eingenommen, die von Leonie erwartet, dass sie sich mütterlich um ihren Bruder kümmert. In meinem NEIN lag also zweierlei: die scharfe Trennung von dem Bruder - und der Mutter - und damit gleichzeitig ein JA für Leonie. Obwohl es nicht nötig gewesen wäre, verließ der Bruder nach meinem NEIN sofort das Atelier.
Assoziationen zu Leonie
Die Tür zum eigenenRaum
Leonie hatte bezeichnenderweise aus ihrer Bilderflut von Decalcomanien eines ausgewählt, in dem sich die vorangegangene Situation zu spiegeln schien und geradezu in dem Symbol der Tür gerann. Ein zweiflügeliges Tor bzw. Tür mit rotem Rahmen und rotem Knauf hatte sie aus den Farbmixturen für sich ‚herausgesehen'. Mir fiel die Ähnlichkeit ihrer Tür zur Ateliereingangstür auf. Sie verband sich assoziativ gerade mit der vorangegangenen Szene ihres Bruders; war er doch durch diese Tür hereingekommen und fort gegangen. Die Tür war eine Trenn-Verbindung. Auch das eigene Zimmer/der eigene Raum in der familiären Wohnung war nach wie vor ein virulentes Thema für Leonie. Denn ein eigenes Zimmer für Leonie bedeutete auch das gemeinsame Zimmer mit dem Bruder verlassen - die Tür zumachen können ist immer auch eine Trennung/ Abgrenzung. Der Atelierraum war so gesehen eine Art Trainingsfeld für Leonies eigenes zukünftiges Zimmer.
Rechts am Bildrand befindet sich eine dunkelblaue Schattenfigur, die mit der Tür durch den hauchigen, orangenen Lichtschein verbunden ist, wenngleich sie draußen vor der Tür bleibt. Leonie war über sich selbst erstaunt, dass sie diese Tür in ihrer Decalcomanie gefunden hatte. Beim gemeinsamen Betrachten des Bildes sprachen wir andeutungsweise über das Gefühl, die Tür hinter sich zumachen zu können bzw. über die Erwartungen und Phantasien, die sich angesichts einer geschlossenen Tür in einem abspielen. Als ich nachfragte, wie es denn um ihr eigenes Zimmer stehe, wehrte sie ab und wollte nichts davon hören. Möglicherweise war durch die Situation mit ihrem Bruder und der Tür im Bild bereits zuviel in ihr angerührt worden.
Assoziationen zu Nicole
Es war auffällig, dass Nicole dieses Mal ausgesprochen still und konzentriert für sich arbeitete. Sie wirkte traurig und wie in abwesender Trance. Was sie aus ihrer Decalcomanie herausholte bzw. sehr entschieden hinzufügte, rührte mich stark an, denn da gab es kein Versteckspiel mehr. Sie hatte eine Figur aus ihrer Farbmixtur ans Licht befördert, die sie mit einem fast körpergroßen Riesenherz versehen hatte.
Assoziationen zu Nicole
Ein Herz am Spieß, zerrissen in zwei Richtungen. Ein kleiner Rest aus einem alten visuellen Muster wurde sichtbar: dies lächelnde Schemagesicht, was auf die Gefügigkeit und Angepasstheit Nicoles rekurrierte. Die Figur glich einem auf dem Rücken liegenden Käfer - bewegungslos bzw. ohnmächtig der Herz-Situation ausgeliefert. Unter der linken Fußsohle ein schwarzes, auf dem Kopf stehendes Herz.
Erst eine Woche später erfuhr ich von Nicoles Betreuerin, dass sich Nicoles Eltern getrennt hatten und der Stiefvater ausgezogen sei.
Nicole werde von der Mutter in der letzten Zeit vermehrt geschlagen, weshalb eine Familientherapie für die beiden anstünde, so die Betreuerin.
(An dieser Familientherapie nahmen beide allerdings nur zweimal teil.)
Vermutlich war es die Trennung ihrer Eltern und deren Folgen, die Nicole innerlich zerrissen. Durch die Trennung war sie den Affekten ihrer
Mutter in doppelter Weise schutzlos ausgeliefert.
In ihrem Stiefvater hatte sie einen zwiespältigen Verbündeten verloren, der sie gelegentlich vor der schlagenden Wut der Mutter in Schutz
genommen hatte. Jetzt, da er gänzlich verschwunden war, gab es für Nicole gar keinen Schutz mehr vor den Gewaltausbrüchen der Mutter.
Ihr Bild brachte diese Situation unmissverständlich zum Ausdruck.
Es war das erste Mal, dass Nicole so viel Innerei von sich in einem Bild gezeigt hatte - diesmal hatte es kein Nachahmungsbedürfnis von ihrer Seite aus gegeben.
Sie war mutterseelenallein. Es berührte mich tief, sie so aufgeweicht zu sehen. Mir kam diese tiefsitzende, ausweglose Traurigkeit, dieses Alleinsein aus meiner eigenen Kindheit/Jugend bekannt vor.
Nicht nur das ‚Von-der-Mutter-verlassen-worden- sein', sondern auch das Empfinden von Schuld über die eigene Existenz.
Ich versuchte das tiefe Gefühl, das sie von sich auf das Bild "geworfen" hatte, für sie noch einmal in Worte zu fassen:
Das Männchen mit dem großen Herzen müsse ja durch den Pfeil große Schmerzen haben und es sei erstaunlich, dass es dabei
immer noch lächeln könne oder müsste - denn, das würde doch eigentlich noch mehr weh tun.
...am ICH
Nicole sah mich ungläubig, traurig an und nickte stumm.
Sie hatte etwas gesehen, wollte aber nicht darüber reden. Aber es schien ihr sehr wichtig, dass es von mir und auch den anderen gesehen wurde,
denn sie hängte ihr Bild zu den anderen an die Wand. Bereits das gemeinsame Anschauen und die handelnde Wertschätzung durch das Aufhängen ließ zwischen mir und Nicole jenes Bündnis entstehen, von dem G. Schmeer spricht: " ...es scheint eine unmittelbare Beziehung zu bestehen zwischen dem Unbewussten des Therapeuten und dem Unbewussten des Patienten, sodass das reine Bemerken, die Aufmerksamkeit, die der Therapeut dem ICH im Bild zollt z.B. in dem er zuhört (bzw. anschaut und wahrnimmt. Anmerk .d. Verf.) zu einem unbewussten Bündnis wird."
(G. Schmeer s. S. 59)
Der Akt des Aufhängens im Raum ist immer auch eine Wertschätzung - ein Sehen und Gesehenwerden durch das Bild. Ein unbesprochenes Bild für alle sichtbar aufzuhängen, schafft eine eigene Realität und zählt m. E. auch zur therapeutischen Haltung des Containens. Durch diese bewusste Präsenz des Bildes im Raum konnte sich Nicole schnittchenweise jene Selbstanteile aus dem Bild nehmen, die sie verkraftete.
An dieser Gesamtsituation wurde mir klar, wie wichtig der Umgang mit unbesprochenen Bildern ist. Natürlich arbeiten auch unbesprochene Bilder, denn das Unbewusste beginnt auf jeden Fall mit dem Integrationsprozess - "es arbeitet" weiter und liefert dem ICH - Bewusstsein neues Bildmaterial (G. Schmeer).
Neu anfangen mit Altem - alter Geburtstag im neuen Jahr
Das erste Gruppentreffen im neuen Jahr stand im Zeichen des Neuanfangs. Das neue Jahr und Leonies Geburtstag sollten entsprechend gewürdigt werden, auch thematisch mit einer Übung.
Leonie hatte am Ende des alten Jahres Geburtstag gehabt, den sie aber aufgrund eines Sportunfalls nicht hatte feiern können.
Zweimal war sie nicht zur Gruppe erschienen, obwohl verabredet war, dass wir ihren Geburtstag nachfeiern wollten.
Leonie hätte ihren Geburtstag noch nie richtig gefeiert, so Marlene.
Meist sei sie krank gewesen. Außerdem hätte sie dieses Mal wohl auch noch andere Probleme zu Hause mit der Mutter gehabt.
Umso dringlicher erschien es mir, in der Gruppe eine kleine Nachfeier für Leonies Geburtstag zu initiieren, um diesen gravierenden Mangel zu kompensieren.
War dieser Unfall oder gar das Krankwerden zum Geburtstag eine autoaggressive Abwehrhaltung von Leonie gewesen ?
Oder verschaffte sie sich unbewusst negative Aufmerksamkeit an ihren Geburtstagen, weil sie die positive nicht kannte oder nicht aushalten konnte?
Es war, als würde sie sich fast selbst ignorieren bzw. hätte die Ignoranz/ Verleugnung des Vaters ihr gegenüber introjiziert.
Während der kleinen Nachfeier nämlich hatte sie mehrmals betont, dass ihr Vater sich in den letzten Jahren nie zu ihrem Geburtstag
gemeldet hätte - kein Anruf, keine Postkarte, kein Geschenk!
Mit dieser Selbstverleugnung, konnte sie möglicherweise auch die tief sitzende Trauer darüber verleugnen, dass sie nicht mehr für ihn existierte?
Die anderen beiden - Nicole war noch nicht da- ließen die Wut auf den Vater Leonies zwischen Tee und Kuchen los, was Leonie spürbar entlastete und
letztlich auch einem Akt des "Containens" seitens der Gruppe gleichkam.
Mit der kleinen Nachfeier war Leonie in den Mittelpunkt gerückt.
Minimale mütterliche Gesten von mir - das kleine Geschenk, der Kuchen und die 13 Teelichter, die sie anzünden sollte, hatten sie tief bewegt. Sie
fühlte sich wohl, gesehen und angenommen.
Je mehr Leonie in der Gruppe den abwesende Vater erwähnte d.h. je präsenter er wurde, desto stärker waren neue Abgrenzungstendenzen ihrer Mutter
gegenüber zu beobachten: Ende des letzten Jahres hatte sie sich stolz mit ihrer neuen Brille
- neuer Blick
präsentiert, die sie gegen den Willen und Geschmack ihrer Mutter durchgesetzt hatte. Die Brille war angesichts der extrem sichtbaren Augenfehlstellung bei Leonie emotional stark besetzt. Einerseits verwies sie auf ihren unübersehbaren Makel, den sie stets zu verstecken suchte, andererseits war die neue Brille durch die eigenständige Wahl zu einem positiven Identitätszeichen geworden, mit der sie sich von der Mutter abgrenzte und ihr Selbstwertgefühl stärkte. Neu war aber vor allem, dass es um Veränderung ging und Leonie sich bislang aus einem erhöhten Schutz- und Sicherheitsbedürfnis heraus gegen Veränderungen gewehrt hatte.
Gegenübertragung am Rande
Neid in der projizierten GegenübertragungAls wir mit Leonies Nachfeier fertig waren und mit der Übung anfangen wollten, kam Nicole. Insgeheim bemerkte ich bei mir eine unterschwellige Erleichterung über ihr zu spät Kommen. Etwas in mir hatte befürchtet, dass sie vielleicht hätte neidisch werden können. Denn, so mein Empfinden, hatte ich mich nicht mehr und intensiver um Leonies als um Nicoles Geburtstagsnachfeier gekümmert? Dass Nicole dies eventuell realisieren könnte, formierte unterschwellige Schuld- und Schamgefühle in mir. Hinzu kam, dass die Beziehung zwischen Leonie - Nicole in mir die gegenseitig Neid besetzte Beziehung zu meiner jüngeren Schwester wachrief. Sie hatte i. G. zu mir alle positive Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Gefühlsmäßig hatte sie immer mehr bekommen als ich, und zwar ohne etwas dafür tun zu müssen. So projizierte ich meinen Neid auf Nicole und identifizierte mich mit Leonie, der ich narzisstische Zufuhr und Nachnährung gewährte.
Übung "Das Anfangsbild"
Auch die Geburtstagsübung stand thematisch im Zeichen des Neuen i. S. eines Anfangs. Leonie hatte als einzige ein naturalistisches Symbol gewählt: ein Küken, noch halb im Ei, in tiefster dunkler Nacht.
Das Küken schaut ziemlich erschrocken in die Welt und wirkt eher, als sei ihm die obere Eihälfte brutal abgezogen worden.
Ungewöhnlich zögerlich hatte Leonie ihrem Küken erst ganz zum Schluss Augenpünktchen und Schnabel gemalt. "Ich hab Angst kaputt zu machen"( Zit. Leonie).
In der Malerei - und davon erzählte ich auch - gibt es immer wieder mythische Geschichten darüber, dass eine gemalte Figur erst durch
die Augen lebendig wird, doch Leonie selbst fand ihr Küken ganz und gar unlebendig und steif, wollte es deshalb sogleich wieder abhängen und vernichten.
Aber die anderen fanden ihr Bild gut, weil es vielfältige Assoziationen in der Gruppe auslöste. Geburt wurde u. a. auch deswegen zum Thema, weil Marlene von ihrem innigen Berufswunsch "Hebamme" erzählte.
Über die hilflose Verletzlichkeit kleiner Säuglinge spannte sich ein Bogen zu Leonies Bild und der Angst des kleinen Kükens, mutterseelenallein, ohne schützende Eihülle, der dunklen Nacht ausgesetzt zu sein.
Leonies kleine Neuanfänge, sei es das eigene Zimmer oder ihre neue Brille waren verbunden mit Abgrenzungen von der Mutter/Trennung vom Bruder und einer darin hockenden, ganz frühen Angst - das zeigte sich in dem Kükenbild. Das neue Gefühl hatte sich hier mit dem ganz alten Gefühl vermischt, nämlich der tief sitzenden, unerträglichen Angst Leonies allein bzw. verlassen zu sein.
Durch das flanierende Sprechen und die Raumpräsenz des Mutterseelenallein-Küken, konnte sich Leonie allmählich mit dem Bild anfreunden d. h. auch ihre Angst etwas anschauen und zulassen. Die Gruppensituation hatte sie mit ihrer Angst "contained".
Nicole war durch ihr zu spät Kommen ein wenig außerhalb der Gruppe. Sie arbeitete im Raum an der Solo-Wand, wohingegen Leonie, Susanne und Marlene alle in der anderen Ecke des Raums malten.
Mit einer großen und kleinen Walze hatte sie eine orange-gelbe Fläche hergestellt, die mich an die Hausfassade ihres eigenen Geburtstagsbilds erinnerte.
In der Ausführung selbst lag bereits etwas im wahrsten Sinne des Wortes "aggressiv Niederwalzendes".
Zum Schluss hatte sie die "Fassade" mit fünf schwarzen Querstrichen geradezu durchgestrichen. Zuletzt, fast wie eine Versiegelung setzte sie eine Sonne
oben drauf - diesmal ohne Schemagesicht. Die gelb-orangenen Farben riefen mir wieder die Struwwelpeter-Geschichte "Paulinchen war allein zu Haus" ins Gedächtnis.
Vielleicht gab es hier einen Zusammenhang zur aktuellen Trennungssituation der Eltern zu Hause. Im Gegensatz zur der sehr chaotischen "Hausfassade" auf ihrem Geburtstagsbild, wirkte die Fläche sehr viel mehr strukturierter und klarer. Doch, dass Nicole die Sonne so mittig ins Bild über alle Schichten gesetzt hatte, schien mir noch wesentlicher zu sein. Bei der Sonne bzw. dem Kreis mit Strahlen handelt es sich um eine symbolische Urform, die, wie auch andere Urformen (Kreis, Spirale etc.), aus frühen ICH-Entwicklungsphasen stammen.
Wenn Kleinkinder beginnen ihre Umwelt zu entdecken z. B. in den Trennungs - und Wiederannäherungsphasen von der Mutter
s.M. Mahler), sind in den Kinderzeichnungen oft diese Sonnensymbole zu finden.
Der Kreis mit Strichen gleicht einem Tastkörper, der seine Fühler nach außen streckt.
Vielleicht hat sich hier im Bild Nicoles frühkindliche Erfahrung regressiv reinszeniert, evoziert durch die aktuelle Trennungssituation ihrer Eltern.
Seit der Trennung ihrer Eltern war zu beobachten, dass Nicole sich von der Gruppe absonderte, andererseits aber umso mehr meine Nähe vor bzw.
nach der Gruppe suchte.
Als alle bereits gegangen waren, erzählte sie, dass sie zu Weihnachten von ihrer Mutter ein Häschenpaar geschenkt bekommen hätte. Freude darüber war ihr nicht unbedingt anzumerken. Entsprach dieses Geschenk der Mutter etwa einem Abwehrmechanismus, mit dem die Mutter Verlassenheitsgefühle ihrer eigenen Trennung auf Nicole verschob? Die Häschen und deren beginnender Sexualverkehr wurden während der nächsten Male immer wieder von Nicole thematisiert. Es schien als würde sich in ihnen für Nicole noch einmal die Beziehung ihrer Eltern vor der Trennung spiegeln.
Der interpsychische Raum hatte sich durch die äußeren Ereignisse und die dadurch ausgelösten Emotionen von Leonie und Nicole erweitert, denn sie waren auf sehr unterschiedliche Weise in die Gruppe hineingetragen und von dem Gruppen - WIR emotional "gehalten" worden. Dieses Containing ermöglichte einen Weg zur Regression d.h. ein Zulassen von Gefühlen wie Angst und Traurigkeit, die aus früheren Phasen zu stammen scheinen. Inwieweit diese Regression im Dienste des Ichs, jener viel beschworenen therapeutischen Wandlung, stand, vermochte ich zu jenem Zeitpunkt nicht abzuschätzen.
Zwischen ROT und ROSA - Beziehung zu einem neuen Gefühl
Zu Beginn des nächsten Gruppentreffens hatte mir Leonie gut gelaunt eine winzig kleine Schelle in Form eines Autos geschenkt, die sie auf der Strasse gefunden hat. Mich rührte diese Geste, nahm ich sie doch als Ausdruck von Dankbarkeit wahr. Aber auch ich selbst empfand Dankbarkeit gegenüber Leonie, angesichts ihrer neuen emotionalen Offenheit.
Ich möchte im Folgenden auf einige Übungen eingehen, die m. E. noch tiefer in die Regression führten.
Übung "magichmagichnicht"
anwesend: Marlene, 20 Min. zu früh; Susanne, Leonie und
Nicole, 20 Min. zu spät
Für die Übung sollte sich jede zwei Dinge aus einem Fundus von Alltagssachen aussuchen, die ich auf den Tisch geschüttet hatte. Sie sollten einen Gegenstand wählen, den sie schön fanden und einen anderen, den sie ablehnten. Anschließend sollten sich beide Gegenstände auf einem Blatt Papier treffen bzw. malerisch in Beziehung gesetzt werden. Die Wahl der Farben - ob flüssig oder fest - war offen.
Angestrebte Erfahrung
Die gewählten Objekte symbolisieren die positiven und negativen Anteile des Selbst. Bereits in dem kreativen Akt beide in einem Bildraum Gestalt werden zu lassen und sie dort in Beziehung zu setzen, findet primäre Integrationsarbeit statt.
Übertragungsfehler
Interessant war für mich im Nachhinein, dass ich weder die Objektwahl, noch das daraus entstandene Bild von Nicole dokumentiert habe. Damit war ich in unbewusste Strudel eigener Gegenübertragungen geraten. Bis heute habe ich keine Erinnerung daran, wie das Bild von Nicole ausgesehen hat. Ich hatte Leonie bei diesem Gruppentreffen so viel Zeitraum zugestanden, dass ich Nicole vollständig ausgeblendet hatte. Damit hatte ich sie also ähnlich "verlassen", wie sie dies von ihrer Mutter kannte, wenn ein Mann oder eine andere "bessere" Person auftauchte. Auch ich hatte einer anderen Person, nämlich Leonie, den Vorzug gegeben und ihr meine ganze Aufmerksamkeit gewidmet.
Und nicht nur das - sie durfte an meinem persönlichen Arbeitstisch arbeiten, weil der Gruppentisch zu klein war. Damit hatte ich eine Grenze überschritten, die ich bislang z.B. gegenüber den anderen der Gruppe und besonders Nicole gegenüber immer wieder eingefordert habe. Wodurch war das passiert?
Es war Leonies kleines Geschenk an mich gewesen, durch das ich in eine Gegenübertragung gerutscht war, die auf bereits oben skizzierter projektiver Identifizierung basierte.
Mit kleinen Geschenken hatte ich selbst als Kind ebenfalls versucht die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu bekommen, war jedoch meistens damit gescheitert. Jetzt hatte Leonie mich mit ihrem kleinen Geschenk gesehen und ich hatte ihr - in der Mutterübertragung - meinen Arbeitstisch "geschenkt", eine wiedergutmachende Geste an mein inneres Kind, die gleichermaßen emotionale Nähe für Leonie bedeutete.
Aber durch diese Nähe-Verbindung zu mir, hatte ich sie von der Gruppe getrennt.
Zur Objektwahl von Nicole und Leonie
Die Wahl der Dinge fiel bei beiden folgendermaßen aus:
Leonie Bernstein (+) und rosa Wasserpistole (-)
Nicole eine kleine Elfe (+) und Feuerzeug (-)
Bei Nicoles ‚Elfe und Feuerzeug' tauchte, wie schon das letzte Mal - spontan die Struwwelpetergeschichte "Paulinchen war allein zu Haus" auf. Das Spiel mit dem Feuer enthielt etwas von der Angstlust, die sich in der Geschichte (auto-) aggressiv bzw. wütend symbolhaft widerspiegelte. Ich ahnte, dass es etwas mit Nicoles innersten Gefühlen zu tun haben musste, andererseits kamen mir Zweifel, ob diese penetrant wiederkehrende Assoziation wirklich noch etwas mit Nicole zu tun hatte oder sie vielleicht nicht doch eher eine gute Portion Gegenübertragungspatina enthielt. Vielleicht war ich aber auch schlicht in die Falle des festschreibenden Vorwegwissens geraten? Es war nicht einfach, diese nicht wissende Unsicherheit auszuhalten.
Leonie hatte den ockerfarbenen Bernstein als positives Objekt gewählt, in dem Lebendiges, wie kleine Insekten,
über sehr lange Zeiträume eingeschlossen ist. Dass Bernstein so uralt und gar nicht kalt sei, das gefalle ihr.
Die Wasserpistole hingegen verabscheute sie, besonders wegen der grässlichen Rosa-Farbe. Sie empfand beides als
aggressiv: Objekt und Farbe.
Das Spielerisch-Narzisstische, was der Farbe Rosa anhaftet und der fast jedes Mädchen zwischen drei und fünf Jahren verfällt, wehrte Leonie vehement ab.Natürlich handelt es sich auch um eine Farbe, in der sich erste weibliche Identität mit narzisstischer Aufmerksamkeitssehnsucht paart.
Bildprozess
Widerstände gegenRosa
Leonie arbeitet an meinem Arbeitsplatz. Als einzige will sie mit flüssiger Farbe malen. Alle anderen arbeiten mit Jaxon-Kreiden. Sie beginnt links mit einer großen ockerfarbenen amorphen Fläche (= Bernstein); rechts daneben malt sie ganz konkret eine rosa Wasserpistole, die ein wenig wie ein Flugzeug wirkt. Plötzlich kommt Unlust bei ihr auf; sie schwingt den Pinsel peitschenartig hin und her: "Das ist langweilig!". Dann scheint sie den Pinsel mit verhaltener Aggressivität mehr aufs Blatt zu werfen als zu führen - und plötzlich verweigert sie das Malen ganz und gar "Das ist doof!". Ich setze mich zu ihr, versuche zu ergründen, was sie langweilig findet. Sie findet jetzt alles doof - die ganze Übung und sie findet das Rosa der Pistole "so doof und kitschig wie eine Barbiepuppe". Dann schweigt sie. Ihr rollt eine Träne über die Wange. Ich fühle in der Übertragung ein Gemisch aus Verletztsein, Hilflosigkeit und ein Ausgeliefertsein. Gleichzeitig aber auch das Bedürfnis, sie schnellstens daraus erlösen zu müssen. Eine sich anbahnende Abwehr. Ich versuche, diese Gefühlsstimmung nicht weg zu agieren, sondern bleibe bei ihr sitzen - schweigend und reiche ihr ein Taschentuch.
ÜbertragungsanteileBei dem Versuch, die rosa Pistole mit ins Bild zu integrieren, ist ihre innere Spannung, die schon bei der Auswahl der Objekte aufgetaucht war, als Unlust manifest geworden. Aus Unlust wurde Aggression (peitschender Pinsel) und daraus Traurigkeit. Die innere Spannung löste sich als Träne bzw. Trauer.Die Träne rief mir wieder die Bildsituation aus der ersten Phase (s. S. 33/Ganzkörperbild) ins Gedächtnis, wo es die grenzüberschreitende Farbträne gewesen war, die bei Leonie einen zerstörerischen Wutanfall ausgelöst hatte. Jetzt war es tiefe Traurigkeit.
Aggression und Traurigkeit
Wenn es so etwas gibt wie ein Gruppen - ICH bzw. -WIR, dann schwang dieses Gruppen - ICH empathisch mit der Traurigkeit von Leonie,
besonders Nicole. Denn sie nahm als erste wahr, dass Leonie weinte, obwohl sie weit entfernt saß.
Sie fragte vorsichtig nach dem Warum, machte die anderen am Tisch darauf aufmerksam. Ich ging kurz auf Nicoles Frage ein, in dem ich betonte,
wie wichtig es manchmal sei, Tränen und Traurigkeit fließen lassen zu können.
Leonie sitzt vor ihrem Bild, vornüber gebeugt, still und in sich versunken, ich neben ihr. Die anderen sind weit weg im Raum. Nach diesem kurzen
Moment der inneren Versunkenheit, spüre ich Leonies Scham, gemischt mit Wut über sich selbst. Am liebsten würde sie das Bild jetzt zerknüllen und wegwerfen.
Ich spreche es leise an und schlage ihr vor, zu versuchen, das Bild frei zu verändern. Es klingt ein wenig nach Ermunterung, den Kampf nicht aufzugeben.
Sie nimmt an, malt weiter, arbeitet jetzt mit Rot gegen das Rosa und die noch stark flüssige Farbe im Bild an.
Doch Weiß, Rot und Ocker mischen sich immer wieder zu einem Rosa, wenn auch nicht jenem kreischenden, sondern eher einem ruhigeren Rosa-Orange, das sie so akzeptieren kann.
Deutungsversuch
Leonie konnte ihre beiden "Selbst-Objekte" (Bernstein und Pistole) im Bild offensichtlich nur im Verschwinden bzw. symbiotischen Vermischen ertragen. Das Aussuchen, Ansehen und der erste Malversuch ihrer Objekte hatte zu einem derartig wuchtigen Gefühlskarussell geführt, dass sie die Objekte vorerst wieder verschwinden lassen musste, um die Gefühle ertragen zu können. Möglich, dass es sich hierbei um die viel beschworene Regression im Dienste des ICH handelt, aber ein eindeutiges Wissen darum gibt es nicht. Es schien mir zu diesem Zeitpunkt auch nicht um Weg weisende Deutungen zu gehen, sondern wesentlicher um ein sich Selbst-Spüren in dem Gefühl, das Leonie bislang als so bedrohlich und vernichtend erschienen war, dass sie es nicht hatte zulassen können. Sie hatte Angst vor dem Durchbruch ihrer Gefühle, besonders vor der Traurigkeit.
Revolte der GruppeBeim Aufhängen der Bilder, beginnt Marlene mit mir plötzlich einen rebellischen Disput über die Unsinnigkeit von Aufgabenstellungen. Warum es denn nicht möglich sei, einfach mal frei zu arbeiten. Es war, als würde Marlene in die Übertragung von Leonie hineinschlüpfen und just die Befreiungsgedanken von Leonie äußern. Leonie war schließlich durch die Aufgabenstellung aus der anfänglich guten Stimmung in die Trauer gerutscht. Die anderen der Gruppe scheinen sich mit Marlene zu solidarisieren. In ihrem Schweigen liegt Zustimmung.
Übertragung - Gegenübertragung: Aggression - Trennung
MutterkonfliktIch spüre Aggression in mir aufkommen, fast trotzig erwidere ich der Gruppe, frei malen könnten sie ja auch zu Hause, also ohne mich. Dies hier sei eine besondere Malgruppe. Die Gruppe verbündet sich gegen mich. Die Stimmung ist gespannt. Woher rührt mein aggressiver Trotz gegen die Gruppe? Sicher gibt es einerseits die Übertragung der Gruppe, darin ist ein Stück Abnabelung, Abgrenzung, ein Stück gewachsenes ICH enthalten. Aber darin arbeitet auch meine Gegenübertragung: Ich hatte ihnen ein Geschenk gemacht mit dieser Gruppe, aber anstatt es dankbar anzunehmen, trennt sich die Gruppe von mir und zeigt, dass sie nicht meine Gruppe ist.
Hier formiert sich der Mutterkonflikt in doppelter Weise - ich als Tochter meiner Mutter, aber auch jener mit meiner eigenen gleichaltrigen Tochter.
Gelöst werden kann dieser Konflikt durch eine gute Trennung:
- es wird über das Freimalen abgestimmt d. h. die nächsten zwei
Male wird frei gemalt und - ich bitte sie, ihre Bilder vom letzten Jahr mitzunehmen
Es fühlt sich ein wenig wie eine Übereignung an, als ich ihnen die Mappe mit ihren Werken aushändige, die bei mir fast ein Jahr sicher verwahrt blieb (contained!) und für die sie jetzt selbst Verantwortung übernehmen können.
Gruppen - ICHDas gemeinsame Anschauen ihrer Bilder verbindet die Gruppe noch mal auf einer anderen Ebene. Sie tauschen ihre Bilder gegenseitig als Geschenke aus. Wie eine Reise zurück in eine gemeinsame Vergangenheit an fühlt es sich an: Der ganze Atelierboden ist gepflastert mit ihren Bildern. Was ist meins, was ist deins? wird hin - und hergerufen und darin schwingt noch etwas anderes mit als nur eine sortierende Anweisung. Hier geht es um das ICH und das DU, um eine Abgrenzung trotz aller Gemeinsamkeiten. Ich bin nicht mehr wichtig. Diese Szenerie zu beobachten, wie sie alle - selbstständig - ihre Bilder austauschen und voneinander trennen, ruft in mir kurz Stolz, aber auch Wehmut und Abschied hervor.
Die freie rote Zone
Anwesend: Nicole, Marlene und Susanne
Diese folgenden beiden Maltermine waren die mir abgetrotzten, vereinbarten freien Male, in denen es keine Vorgaben meinerseits gab.
Leonie ist abwesendLeonie, die ja Auslöserin für diese "kleine Freiheit" gewesen war, erschien nicht. Laut Marlene hatte Leonies Mutter ihr die Malgruppe verboten. Die Gründe waren unklar. Leonie musste dies hart treffen, denn die Malgruppe war mittlerweile zu ihrem Ort geworden, wo sie sich wohlfühlte. Jeglicher mütterlicher Sorgepflichten für den Bruder entlastet, konnte sie sich vollständig auf sich konzentrieren. Fast schien es, als wolle gerade die Mutter diese Eigenbewegungen ihrer Tochter aus Angst vor Trennung sanktionieren.
Das aufkeimende Selbstbewusstsein Leonies hatte sich in den letzten Monaten immer häufiger in offenen Konflikten mit der Mutter geäußert, denn sowohl die Gruppe als auch der Ort gaben ihr sicheren, emotionalen Rückhalt.
Nicole ist zu frühNicole tauchte dagegen eine halbe Stunde zu früh auf - ein Verhalten, das sie auch die nächsten Male beibehalten sollte. Durch ihr zu früh Kommen realisierte ich Schuldgefühle ihr gegenüber. Immer wieder hatte ich sie in der letzten Zeit vernachlässigt zugunsten Leonie. Andererseits schien sie gut für sich zu sorgen, indem sie mir jetzt einfach Zeit "klaute".
Normalerweise sind klare Zeitgrenzen für den Anfang und Ende einer therapeutischen Sitzung eine essentielle Bedingung, doch hier manifestierte sich eine Mutterübertragung von Nicole auf mich. Durch dies Verhalten holte sie sich bei mir "die gute, schützende Mutter" ab. Nicole wollte mein Dasein - allein ohne Gruppe. Sie genoss es, still vor sich hinzumalen oder sich etwas anzuschauen,
mütterliche Nachnährungmanchmal etwas zu erzählen, während ich die Materialien für die Gruppe vorbereitete. Eine Situation, die an jene frühkindlichen Entwicklungsphasen erinnert, in denen idealerweise das im Spiel versunkene d.h. sich entfernende Kind sich immer wieder der Präsenz der Mutter versichert. Erst durch dieses Dasein der Mutter, was sozusagen zu einem sicheren Ort wird, kann sich Selbstvertrauen beim Kind überhaupt erst aufbauen.
Meine Rolle während dieser beiden Male war absolut zurückhaltend und dienend. Ich reichte das Material an, suchte, was gebraucht wurde, gab Tipps, wenn benötigt.
SelbstversuchSelbsterleben
Selbstbewusstsein
Bei beiden Mädchen gab es das Bedürfnis mit ‚meinen' Farbpigmenten zu arbeiten, die sie schon lange faszinierten, denn das leuchtende Pigmentpuder zog sie magnetisch an, u. a. sicher auch deshalb, weil die Pigmente für sie bislang tabu gewesen waren. Ich erlaubte ihnen mit den Pigmentfarben zu arbeiten und zelebrierte vor ihnen ein bisschen das Anmischen der Pigmente, so dass sofort eine alchimistische Atmosphäre entstand, in der fast andächtig zusammengegossen, gemischt und wieder getrennt wurde. Marlene arbeitete mit Rotpigmenten. Nicole wollte dies auch. "Aber ich will ein ganz anderes Rot als Marlene!" belehrte sie mich, als hätte sie meine Vermutung gespürt, dass es sich vielleicht wieder um eine Nachahmung handeln könnte. Vor meinem Pigmentgläserregal verhielt sie sich wie vor einem Bonbonregal - sie wollte gerne von allen etwas. (die Gier!).
Mein Hinweis, dass ihre Pigmentwahl kein ROT ergeben würde, war überflüssig, denn nur im handelnden Versuch konnte Nicole dies selbst erfahren. Die Enttäuschung, dass die einzelnen leuchtenden Farbpigmente zusammengemischt ein Graubraun ergaben, wurde für sie zu einer farbechten Selbsterfahrung. Sie hatte sich dem Konflikt ausgesetzt, einerseits mit ihrer Gier von allem etwas haben zu wollen, andererseits aber trotzdem ihr eigenes Rot herstellen zu wollen. Der eine Wunsch zerstörte den anderen. Sie musste sich entscheiden, was für sie Verzicht bedeutete.
Durch das ROT entstand eine Beziehung zu Marlene, die am Boden mit Rot - Pigmenten und anderen Materialien experimentierte. Andererseits aber auch eine Differenz, denn Nicole wollte bewusst andere Materialien verwenden. Sie verließ das Atelier, um Blätter zu suchen, die sie später auf ihrem Bild arrangierte. Die Mädchen sprachen über ihre Ideen, wie sie das Bild weiter gestalten wollten und welche Musik sie liebten. Beide arbeiteten in einer sehr konzentrierten Atmosphäre. Für Nicole war es das erste Mal, dass sie der Farbe ROT, die in früheren Arbeiten sehr verhalten und nur punktuell aufgetaucht war, soviel Raum auf einem körpergroßen Format gab.
Sie setzte in die rote Grundfläche leuchtend rote Fußspuren - wie von Vögeln.
Anfangs malte sie relativ symmetrisch vier Spurverläufe, ausgehend von roten Ausgangspunkten, die sich in der Bildmitte trafen.
Zum Schluss setzte sie noch eine mittlere dritte zwischen die beiden oberen Spurverläufe.
Alle fünf Spuren ergaben darüber hinaus in der Ansicht eine sehr abstrakte aufrecht stehende Strichmännchen - Figur.
Die orange leuchtenden Spurverläufe in dem ROT riefen Nicoles jüngste Vergangenheit wach:
die Trennung der Eltern, Nicole zwischen den beiden( s. letzte mittlere Spur),dann die daraus folgenden Aggressionsausbrüche der
Mutter, Schuldgefühle bei Nicole, die ihre eigene Autonomiebestrebungen verhinderten. Aber auch die Gruppe, die vier Mädchen und ich, die sich in der "Bildmitte" trafen, schienen sich in den Spurverläufen als eine Art Resonanzzeichen wieder zu finden.
Weitaus tief greifender schien mir jedoch die Tatsache, dass sich Nicole in dieser Art und Weise dem ROT hingegeben hatte und es lustvoll genossen hatte, die Pigmente anzumischen, aus dem Vollem zu schöpfen, mit Marlene verbunden zu sein und viel Bestätigung (von Marlene, mir und ihrer Mutter) für eben dieses rote Bild bekommen zu haben. In dieser ‚freien roten Zone' hatte sich etwas sehr Lebendig-Kraftvolles von ihr gezeigt, was in ihrem bisherigen Verhalten und Bildern eher hinter Schematischem versteckt geblieben war.
Selbsterfahrung andersAuch für mich hatte in dieser ‚freien roten Zone' eine neue Selbsterfahrung stattgefunden, nämlich die Rolle der Anleitenden abzulegen und geschehen zu lassen. Unbewusst hatte sich hier also ein Geschehen selbst organisiert, das vielleicht andeutungsweise am ehesten durch das Malspiel von Arno Stern charakterisiert wird. Er beschreibt den Malort, das malende Spiel und die dienende Rolle des Erwachsenen als jenen Bedingungskanon, in dem Formulation* stattfinden kann. Das, was sich bei Nicole und Marlene ereignete, hatte sich dem Malspiel anverwandelt, nicht zuletzt durch meine eher dienende Rolle während des Geschehens.
Dienen heißt nach Arno Stern, sich in jedem Moment in die Lage derjenigen versetzen, die hier spielen, und dafür zu sorgen, dass sie durch nichts vom Wesentlichen (dem Spiel) abgelenkt werden.
Diese Beziehung, die Stern hier beschreibt, weist eine große Ähnlichkeit zu der zwischen Mutter und Kind auf, wenn es um das Wesen des Containens geht.
*Mit Formulation meint Arno Stern eine Äußerung, die eine natürliche, malende Spur entstehen lässt. Nicht der Inhalt oder die Motivation, die die Äußerung veranlasst hat, ist von Bedeutung, sondern die Art und Weise ihres Geschehens. Die Formulation schöpft aus endlos verborgenen Aufspeicherungen in der organischen Erinnerung und ist deren einziges Ausdrucksmittel. Das Ausüben der Formulation bezeichnet er als Spiel, das weder dem Bereich des künstlerischen Schaffens, noch dem der therapeutischen Handhabung angehört. In diesem Spiel - so Stern - entwickelt sich ein Bewusstsein ungeahnter Fähigkeiten, fernab von beigebrachten Vorbildern bzw. Stereotypen.
Zeige deine Maske - sie zeigt dich!
Es folgte eine Phase, in der die Maske über mehrere Male hinweg zum Thema wurde. Mehrere Aspekte hatten letztlich zu dem Übungskanon ‚körpergroße Maskenbilder' geführt hatten. Äußerer Anlass war die Karnevalszeit. Innere Motivation war das kreativ therapeutische Potential, das die Maske auszeichnet:
- Unter dem Schutz der Maske lassen sich vielfältige Impulse und Emotionen malerisch erfahren, die sonst eher Angst besetzt sind.
- Die Maske knüpft an etwas sehr Archaisches in uns an, das im Alltag zugleich Selbstverleugnung und Selbstdarstellung ist.
- Die Maske rührt an der Verkleidungslust von Jugendlichen - durch Verkleidungen können sie verschiedene Selbstanteile ausprobieren ohne gleich einen ‚Gesichtsverlust' hinnehmen zu müssen.
- Das spielerische Anderssein durch die Maske konturiert deutlicher, was ICH bin und auch noch bin.
- Mit der Maske können unbewusste Anteile, auch Schattenseiten dargestellt bzw. gezeigt werden, wodurch eine flache Integration eingeleitet werden kann. = Transformationsaspekt)
im Bildprozeß
Die Übung sollte wieder auf körpergroßen Papierformaten realisiert werden. Jede sollte mehrere Masken nacheinander malen, möglichst zügig. Dabei ging es nicht so sehr um die quantitative Produktion, sondern eher um die Dynamik im Bildprozess selbst. Grosse Bildformate fordern körperlichen Einsatz. Sie setzen den Körper förmlich in Bewegung. Eine Bewegung, die in das Bild hineingeht, aber auch vom Bild Abstand nimmt - fast vergleichbar einem seelischen Ein - und Ausatmen im Bildprozess. Durch diese Pendelbewegung, dem unbewussten Ausagieren und der Distanz oder das distanzierende Korrigieren, wird beides gestärkt: das emotionale Erleben und die ICH-Funktion.
Ersteres beschreibt der Maler Marc Rothko folgendermaßen: "Ich male sehr große Bilder. Es ist mir klar, dass geschichtlich gesehen, das Malen großer Bilder das Malen von etwas Pompösen, Grossen bedeutet. Der Grund, weshalb ich sie male, liegt darin, dass ich sehr vertraut und menschlich sein möchte. Ein kleines Bild zu malen, heißt, sich außerhalb des Erlebnisses zu stellen, auf ein Erlebnis wie durch ein Verkleinerungsglas zu schauen. Malt man aber ein größeres Bild, so ist man drin. Man kann es nicht mehr dirigieren". Doch auch ein Mark Rothko muss vor seinen großen Formaten zurücktreten. Gerade diese Mischung aus distanzierten und reflektierten Involviertsein scheint mir mit eine der wichtigsten Erfahrungen des künstlerischen Arbeitens zu sein. Von daher ist es nicht die Kunst per se, sondern die Erfahrung des künstlerischen bzw. kreativen Prozesses, die dem therapeutischen Verständnis hilft.
Der Maskenzyklus erstreckte sich über fünf Male und ich möchte einige Bilder von Nicole und Leonie herausgreifen, an denen m. E. bestimmte seelische Entwicklungen ablesbar sind.
Maskenbildübungen
Zur 1. Maskenbildübung kam Nicole wieder eine halbe Stunde zu früh. Sie erzählte mir, dass ihre Mutter mit einer Freundin zum Karneval nach Köln
gefahren sei, und sie jetzt mit den Häschen bei der Oma wohne.
Auf die Frage, ob es sie nicht traurig mache, dass ihre Mutter sie nicht mitnähme, antwortete sie gänzlich affirmativ
"Sie muss ja auch mal ihren Spaß haben! Sie arbeitet ja so viel!"
Übernommene Worte der Mutter, symptomatisch für Nicoles introjiziertes Mutterobjekt.
Nicole selbst wirkte auf mich ungewöhnlich zurückgezogen, weich und durchlässig. Sie setzte sich sogleich an den Pausentisch und begann mit
Buntstiften zu zeichnen.
Als die anderen drei kamen, begannen wir mit der Maskenübung. Vorab erzählte ich von den übergroßen Basler Fastnachtsmasken, die
Furcht erregend aussehen, weil sie den bösen Geistern Angst machen sollen.
Leonie und Marlene stürzten sich lustvoll in die Übung, während Susanne und Nicole sehr langsam und verhalten malten.
Nicole wählte wieder die Solo-Wand für das Malen. Sie wirkte abwesend wie in Trance. Minutenlang stand sie einfach im Raum, mit dem Pinsel in der Hand, schaute den anderen zu. Mir kam der Gedanke, die Gruppe könnte ihr zurzeit vielleicht zuviel sein. Die Zweierbeziehung mit Marlene während der ‚freien roten Zone' verlieh ihr mehr vertraute Sicherheit.
Nicoles Maske
Dass Nicole wieder auf das Blondschemamuttergesicht aus den Anfängen zurückgriff, irritierte mich. Damit hätte ich nach der roten Phase nicht gerechnet. Fälschlicherweise war ich davon ausgegangen, dass sie dieses Schema nicht mehr bräuchte. Andererseits schien ihr dieses Schema, hier als Maske "geoutet", eben jene Sicherheit zu geben, die sie angesichts der unsicheren, sich permanent trennenden Mutter brauchte.
Blondschema als SicherheitscodeAuffällig sind die schwarzen, schräg gestellten Augen mit den weißen Pupillen, die dem Gesicht tatsächlich neben der Hakennase etwas Furchteinflößendes verleihen. Doch beim nächsten Mal beginnt sie ihr plakatives Blondschema zu modifizieren: Das grosse Gesicht malt sie flächig mit dunkelrot aus und setzt dunkle Kringel darauf, die aussätzigen Stigmata ähneln. An dem Kopf hängt ein winziger "Körper", der eher an das Kleid einer Handpuppe erinnert. Eine Handpuppe ohne eigene Hände und Beine, ohnmächtig und bewegungslos, der PuppenspielerIn ausgeliefert. Der Kopfschmuck aus kleinen grünen Zweigen läßt Antennen, Hörner bzw. Abwehrzäunen assoziieren.
Nicole zeigt sich in der Maske - in aller Offenheit. Mir fällt dazu auch ihr Ganzkörperkonturenbild aus der Anfangsphase ein:
Auch hier kocht der Zorn im orangeroten Kopf; auch hier gibt es Wundmale/Stigmata am Körper, die jetzt ins Gesicht hoch gewandert sind. Die Bilder wiederholen jenes Muster, was auf den frühkindlichen Konflikt mit der Mutter basiert: die Mutter, die sich entweder symbiotisch ans Kind klammert oder das Kind verlässt und damit Nicole keine Möglichkeit gibt, sich selbst zu trennen.
So wie sie gefügig auf die Mutter reagiert (s.o.), tauchte parallel in ihrer Bilderwelt das stereotype Blondschema wie eine Art Sicherheitscode auf. Und doch ließ sich in der Entwicklung eine wesentliche Differenz feststellen, die in der aufsteigenden Bewegung des Rots und anderer Formelemente (s. Stigmata) sichtbar wird Als könnte Nicole mit dem massiven Auftauchen der Farbe Rot die eigene unterdrückte Wut ihrer Mutter gegenüber jetzt zulassen, zumindest erst einmal in den Bildern. Und vielleicht spürt sie über das neue Erleben der Farbe Rot auch etwas von der eigenen Kraft, die es ermöglicht sich aus dem gefügigen Abhängigkeitsverhältnis der Mutter zu lösen. Bezeichnenderweise war Nicole in der Folgezeit - im Gegensatz zu den anderen Mädchen - ausschließlich mit diesem einen Maskenbild beschäftigt. Von Mal zu Mal modifizierte sie es durch kleine Eingriffe. Manchmal schien sie wie gelähmt festzustecken und geradezu ohnmächtig vor ihrem Bild zu stehen, um dann wieder quantensprungartig neue Formen ins Bild zu setzen wie z.B. die Zweige am Kopf oder die roten Haarspitzen. Bei der allmählichen Transformation ihres Maskenbildes, vom anfänglichen Blondschema bis zur letztlich veränderten Figuration, war zu beobachten, dass der Bildprozess die inneren Gefühlsbewegungen von Nicole direkt widerspiegelte.
Blindgesichter als GruppenbildIhr Ringen um eine integrierende Balance von alten und neuen Formen und Farben fand im und am Bild statt. Das zeigte sich auch während einer Gruppenübung, die wir während des Maskenzyklus realisierten. Bei dieser Übung übertrug jede mit geschlossenen Augen ihr Gesicht auf ein an der Wand hängendes Blatt. Dann ging jede zu dem Blatt ihrer Nachbarin und wiederholte blind den Vorgang, so dass am Ende jede auf ihrem Blatt ihre eigene Gesichtszeichnung und die der beiden anderen vorfand. In einem zweiten Schritt galt es die drei Gesichter mit Farbe zu verbinden.
Nach dem ersten Teil der Übung beginnt Nicole ihr Bild mit den drei entstandenen Blindgesichtern plötzlich sehr heftig mit Schwarz zu übermalen.
Als ich sie darauf anspreche, antwortet sie lapidar: "Hab ich wohl falsch verstanden!" Etwas trotzig Widerständisches schwingt mit, sowohl in ihrer heftig agierenden Schwarzmalerei als auch diesem Satz. In der Übertragung spüre ich ihre Hilflosigkeit. Durch ihre impulsive Übermalung ist eine Sackgassensituation entstanden. Nicole hat damit deutlich gemacht hat, dass sie die drei Blindgesichter auf ihrem Blatt vielleicht überfordern bzw. sich weigert diese malerisch zu integrieren. Vielleicht evozieren die drei deformierten Blindgesichter bei ihr auch die triadische Elternsituation. Mit dem Einverständnis der anderen beiden wird die Übung - nur für Nicole - wiederholt! Darin liegt für sie die Chance einer korrigierenden Erfahrung. Offensichtlich braucht sie diese Aufmerksamkeitsmaßnahme, denn sie wirkt gelöster und es ist spürbar, dass sie sich jetzt erst von der Gruppe gesehen fühlt.
An der ‚blinden' Wiederholungszeichnung ist interessant, dass ihre eigene Blindgesichtszeichnung (= himmelblaue Augen und Mund) der ersten fast zum Verwechseln ähnlich sieht.
Blondschemalöst sich auf
Beim 2. Teil der Übung greift Nicole dann wieder auf ihr Blondschema zurück. Dieses Mal mit der Energie eines Übertragungswiderstands*, der in der malerischen Ausführung sichtbar wird: Nicole "patscht" grob schmierig und lustlos mit dem Pinsel ein Gesicht aufs Papier. Die grünen Kreisaugen scheinen die Augen eher abzudecken und sind blind. Die rote Wurmnase und wieder die roten Haarspitzen (Sie hatte ein paar Male davor von den gefärbten Haarspitzen ihrer Mutter erzählt!). Das BlondSchema zeigt sich hier vollständig deformiert bzw. in regrediertem Zustand. Nichts ist mehr von jener ambitionierten Verschönerungsmaßnahme zu sehen, die noch die ähnlich strukturierte Übung "Tastporträt" ausmachte. Fast als würde Nicole im Bild Widerstand gegen ihr eigenes gefügiges, falsches SELBST zeigen, und natürlich auch mir gegenüber als derjenigen, die ja die Aufgabe gestellt hat.
* Der Widerstand umfasst alle unbewussten seelischen Bewegungen, die dem Prozeß des Bewusstwerdens entgegenwirken. Er dient dem Aufrechterhalten des seelischen Gleichgewichts (Homöostase), das z. B. durch neurotische Konfliktverarbeitung und Symptombildung hergestellt worden ist. Er verweist auf das Wirksamwerden von ICH-Funktionen und ist möglicherweise ein positiver Indikator (Ich-Stärke).
Zeige deine Maske - sie zeigt dich!
Auch die zwei Gesichtsmuster, die sich im Bild verstecken, verweisen auf den emotionalen Zwiespalt Nicoles: Einerseits ein stereotypes Smiley - Gesicht (zwei hellblaue Punkte und ein lachender Mund), andererseits im Vordergrund das deformierte Blondschema mit den "zugedeckten" grünen Kreisaugen und der roten Wurmnase.
Zum Schluss beginnt sie eigenständig das immer noch rechts daneben hängende schwarze Bild mit Rot großflächig zu übermalen. Es kommt mir wie ein Rückgriff auf die ICH - stärkende Erfahrung ihres roten Bildes aus der "freien roten Zone" vor. Die zwei nebeneinander hängenden Bilder von Nicole legen ihre Psychodynamik offen. Sie erzählen von der Ablösung aus dem gefügigen Blondschema-Stereotyp zugunsten einer neuen Gefühlserfahrung, die sich m. E. im rechten Rotbild spiegelt. Oder anders ausgedrückt, wo formal eine Regression sichtbar wird, ist farblich eine Progression eingetreten.
Leonies Masken
Leonie war im Malprozess der Masken sehr versunken. Sie liebte dies raumgreifende, großformatige Malen und produzierte gleich mehrere Masken hintereinander. Auf den ersten Blick scheint es zwischen der 1.Maske und der 3.Maske, durch die heraushängende Zunge eine formale Ähnlichkeit zu geben. Allerdings unterscheiden sie sich beträchtlich im Ausdruck: In der ersten Maske dominieren starke Rottöne und dem Gesamteindruck haftet etwas fratzenhaft Gewaltsames an.
Fast entsteht der Eindruck, als solle der Mund von außen gewaltsam mit einem zungenähnlichen Spatel geöffnet werden. Auch die ganze untere Gesichtshälfte verzerrt sich nach rechts. Wie unter einer Fremdeinwirkung stehend, verdrehen und verdoppeln sich gar noch die Augen nach oben - eine geschundene Opferfigur, die fast an der eigenen Potenz (ROT) zu ersticken droht oder von etwas anderem gewürgt wird.
Durch die 2. Maske - in denen die anderen beiden Primärfarben die Hauptrolle spielen: gelb und blau, schimmert dahinter liegendes Rosa
geheimnisvoll durch. Die Maske selbst wirkt wie ein wilder Wundverband (s. die gebündelte Strichführung).
Bei mir tauchte die Frage auf, ob Leonie hier ihr Rosa, ihren zarten, verwundbaren, letztlich weiblichen Kern zudeckt? Ist es Vorsicht
oder Angst, die ihn hindert zum Vorschein zu kommen?
Sie hatte es gewagt, zu allererst mit Rosa zu beginnen, es dann aber schnell wieder mit gelb-blau übermalt!
Als sei es noch zuviel für sie gewesen, ihrem Rosa ins Auge zu schauen.
In dem Übermalakt selbst steckt bereits die Geste des Verbindens, wenn man sich die Pinselführung genauer anschaut.
Erst in der dritten Maske darf das Rosa auftauchen - als offener Hintergrund und in Kombination mit Schwarz bzw. dem schwarzen Ei. Im rosa-schwarzen Zusammenspiel liegt etwas sehr Verspielt- Gewitztes, was durch Augen, Mund und der keck ausgestreckten Zunge i. G. zum 1. Maskenbild noch unterstrichen wird. Farbpsychologisch gesehen gibt es wohl kaum einen größeren Gegensatz zwischen der ver - und bedeckenden Farbe Schwarz und der zarten, fast nackten Farbe Rosa. Ob in diesem Fall das Schwarz von Leonies unbewusstem Pinsel gewählt wurde, um es als individuelle Abgrenzung und Stabilität gegenüber dem empfindsamen Rosa einzusetzen ? Ich weiß es nicht.
Auffällig sind jedoch die Ringschichten der Maske, die einem schwarzen Ei ähnelt. In der Mitte befindet sich ein dunkelblauer Kern, um den herum erst eine dunkelgrüne, dann als letzte äußere, eine schwarze Schicht liegt, so dass der Eindruck eines geschützten Kernselbst entsteht.
Wanderschaft von
Rot zu Rosa
Wie schon bei Nicole wurde durch eines der nächsten Bilder Leonies deutlich, welche Wanderschaft das Rosa aus den tiefsten Seelenschichten Leonies bis in den Vordergrund des Bildes gemacht hatte. Eine Umkehrung: Das Rosa des Hintergrunds wanderte in das Gesicht, wohingegen das Dunkelblau des Kerns zum Hintergrund wurde.
Es war eine langsame Annäherung an eine Farbe, die bei Leonie noch Monate zuvor heftigsten Widerstand ausgelöst hatte. Rosa ist eine Farbe, die kleine Mädchen zwischen drei und fünf Jahren lieben (ödipale Phase). Eine Farbe, die auch etwas zu tun hat mit körperlichen Aspekt von Weiblichkeit, eines sich selbst Bewusstwerdens von Geschlechterdifferenz. Darüber hinaus steht Rosa für empfindsam, romantische Weichteile, die, wenn sie abgespalten werden, oft als Kitsch in Erscheinung treten.
Mir kommt wieder die Übung aus der ersten Phase in den Sinn, bei der Leonie stark das Rot abgewehrt hatte ( "Rot ist hässlich"), sodann war es ihr Rosa - Seelenanteil, den sie in Verbindung mit der Spielzeugpistole total ablehnte. Jetzt in der Maskenübung war das Rosa aus dem Bildhintergrund nach vorne gewandert war. Diese Bewegung beschreibt G. Schmeer als den Wasserrad - Effekt: "Es ist, als ob ein Wasserrad in Bewegung gesetzt worden sei. Aus der Tiefe hebt es immer neue, schier unerschöpfliche Bilder ans Licht. Das ICH assimiliert, wächst und wandelt sich."
Fazit zur Phase II : "Containermama"
Diese zweite Phase stand im Zeichen des mütterlichen Containens, und zwar wie bereits oben ausgeführt, ging es darum, eine sichere,
vertrauensvolle, fürsorgliche Beziehung zur Gruppe und insbesondere zu Nicole und Leonie aufzubauen.
Nur durch diese mütterliche Matrix können Emotionen freigesetzt und gegebenenfalls transformiert werden.
In dieser Phase gab es Ereignisse, die von Außen in den Innenraum einbrachen: die Trennung von Nicoles Eltern, der leibhaftige Bruder von
Leonie, der abwesende Geburtstag von Leonie etc.
Zum Teil spülten diese Ereignisse negative Gefühle an die Oberfläche, die die Gruppe und ich, aber auch die Malprozesse halten und wandeln mussten.
Kreative Prozesse erleichtern diese Umwandlung, denn frühe Traumen können auf das Bild verschoben werden.
Insofern übernehmen, meiner Beobachtung nach, nicht nur die Bilder, sondern manchmal noch mehr die Bildprozesse selbst Containing - Funktion.
Während der Malprozesse zeigte sich nämlich, dass sowohl Nicole als auch Leonie allmählich immer mehr ihre Emotionskapseln öffnen konnten.
In Formen und Farben wurden tiefe, frühe Verletzungen an die Oberfläche gespült und im Bildgeschehen sichtbar.
Insofern waren immer wieder Situationen entstanden, in denen tatsächlich die Regression im Dienste des Ichs arbeitete.
Bei Nicole setzte das äußere Ereignis der Trennung ihrer Eltern, sowie die darauf einsetzende emotionale Abwesenheit der Mutter zweierlei frei:
- Einerseits ihr Zufrühkommen, mit dem sie sich bei mir mütterliche Nachnährung abholte. Wie ein kleines Kind erst die Fähigkeit zum Alleinsein in der Anwesenheit der Mutter entwickeln muss, so schien sich Nicole in den halben Stunden jene emotionale Sicherheit zu holen, die es bei ihrer Mutter nicht gab.
- Andererseits brach in einer Parallelbewegung dazu ihr ROT massiv durch, womit sie den emotionalen Kontakt zu sich selbst herstellen konnte und ihre aggressiv-lustvollen Impulse im Bild ausleben konnte.
Mich freute diese emotionale Öffnung bei Nicole. War ihr Rot doch anfangs nur in den winzigen Brombeerpünktchen im Baumbild (s. S. 10 - 12) sichtbar gewesen, hatte es sich dann über die roten Backenohrringe und Hörnchen im übermalten Tastporträt (s. S. 43) vorgewagt bis es in den großformatigen Rotbildern fast zu einem hypnotischen Rausch geworden war.
Parallel zu dem durchbrechenden ROT konnte sich Nicole ganz langsam und regressiv - zerstörerisch von ihren stereotypen, mütterlich besetzten Blondschemata lösen. Symbolisch und visuell wurde diese Transformation in ihrem letzten Maskenbild sichtbar: Nur noch Relikte des Blondschemas sind sichtbar. Das Rot des Gesichts dominiert.
Bei Leonie zeigte sich die Regression anfangs inhaltlich (s. S. Kükenbild), später aber auch formal und farblich mit dem Durchbrechen der Farbe Rosa. Dieser Durchbruch ging einher mit einer Veränderung ihrer äußeren Erscheinung (= Selbstbild). So war es nicht nur die selbst erkämpfte, neue Brille gegen den Widerstand der Mutter, sondern auch weibliche Attribute wie Locken in den Haaren und ein Rock, mit dem sich Leonie plötzlich zeigte.
Aber auch auf der gruppendynamischen Ebene hatte sich ein Selbst-Bewusstsein entwickelt. Die Mädchen hatten es gewagt,
sich von mir zu trennen (s. kleine Revolte).
Dieser kleine Befreiungsakt ähnelte dem Versuch sich aus einer libidinösen Bindung zu den Elternobjekten zu lösen.
Ich selbst als ein anderes Objekt war - in der Übertragung - sozusagen damit auch zu einem Versuchsobjekt geworden.
Für mich selbst bestand die Anstrengung des "mütterlichen" Containens gerade darin in gleichbleibender Aufmerksamkeit für alles zu sein und parallel dazu ein Gespür für den Zeitpunkt zu entwickeln, der ein Eingreifen meinerseits erforderte. Entstehende Spannungen, Hilflosigkeit oder ängstliche Unsicherheit in der Übertragung nicht nur auszuhalten, sondern zu halten. Nicht übereifrig und ehrgeizig diese unangenehmen Zustände wegzuagieren, sondern ein Vertrauen zu entwickeln, dass es gerade diese Zustände sind, die den Seelenkompost enthalten, durch den sich etwas wandeln kann.