Geschrieben von: Utta Hoffmann
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Phase II : "Containermama"
Wende zur Hinwendung - Das Mutter-Milieu
Natürlich war ich in etlichen Situationen der ersten Phase für die Mädchen auch zu einem neuen Objekt geworden, in denen es vor mütterlichen bzw. väterlichen Übertragungen nur so wimmelte. Es hatten sich Beziehungsfasern zwischen mir und den Mädchen durch verschiedene Situationen hergestellt, die einem Nährlösungsmilieu für neue Selbste glichen.
Umwelt - MutterObjekt - Mutter
Winnicott (1963) hebt diesen Aspekt besonders hervor.Er war überzeugt, dass ein bestimmtes Milieu in der therapeutischen Beziehung die "Techniken der frühen und frühesten Bemutterung" reproduziere. Dazu unterschied er später den Aspekt der Umwelt - Mutter und den Aspekt der Objekt-Mutter. Die Umwelt-Mutter stellt den zunächst primären Aspekt dar und bezieht sich auf die Fähigkeit der Mutter, verfügbar und da zu sein, sowie ausreichend einfühlsam auf die Bedürfnisse des Kindes eingestellt zu sein und antworten zu können.
Diese Beziehung ist eine grundsätzliche mütterliche Matrix, die, solange sie intakt ist, kaum registriert wird. Es ist wie mit Sauerstoff, den wir nicht bewusst wahrnehmen, solange er vorhanden ist.Für die therapeutische Situation ist der Aspekt der "Umwelt - Mutter" ganz bedeutsam: der/die TherapeutIn wird durch empathische Verfügbarkeit zur Umwelt und vermittelt dem Patienten dadurch basische Hintergrundsicherheit. Nur dadurch kann sich der Patient allmählich öffnen und sich auf neue und bisher unbewusste Bereiche in ihm selbst einlassen.
Es handelt sich um die zentrale Holding - und Containing - Funktion des Therapeuten, die mir am Herzen lag, und der ich im weiteren Verlauf des Gruppenprozesses nachspüren wollte. Ich, verknüpft mit dem Ort, dem verlässlichen Zeitrahmen, der Gruppe und dem kreativem Handeln/Malen - alles zusammen war ein komplexes Gewebe, das für Nicole und Leonie zur Umwelt-Mutter werden konnte.
Ich musste also nur loslassen und meine Aufmerksamkeit auf das richten, was von den Mädchen mitgebracht wurde und was "jetzt" im
Gebärmutterraum, dem Atelier, passierte.
Zu Beginn des Projekts war es mir nicht ausreichend genug erschienen, einfach nur da zu sein. Ich hatte mich gemüßigt gefühlt,
zu machen, zu agieren, zu konzipieren, zu kontrollieren.
In der zweiten Phase änderte sich - neben meiner inneren Haltung - auch noch einiges anderes, so z. B. dehnten sich thematische
Bildprozesse über mehrere Gruppenmale aus und vor dem Hintergrund meiner Containing - Haltung gab es keine Apriori-Trennung mehr
zwischen Randereignissen und Bildgeschehen.
Ich möchte diesen Umstand in die beschreibende Darstellung der zweiten Phase einfließen lassen, die dadurch mancherorts vielleicht
flüssiger und vermischter erscheint.
Retrospektiv gesehen konnte ich vier Bögen in dem weiteren Gruppenprozess entdecken:
- Öffnungen im Container - das Draußen kommt rein!
- Zwischen ROT und ROSA - Beziehung zu einem neuen Gefühl
- Zeige deine Maske - sie zeigt dich!
- Abschied/Abnabelung
Öffnungen im Container - das Draußen kommt rein!
Wir begannen vor Weihnachten mit einer Übung, die sich über zwei Gruppentreffen erstreckte. Sie arbeitet auf zwei verschiedenen Ebenen, zum einen stark regredierend (Farbauftrag) und zum anderen fordert sie durch das Wirken der Phantasie die ICH - Funktion heraus.
Übung: "Ich entdecke etwas von mir...."
anwesend: Leonie, Nicole, Marlene und Susanne
Die Übung besteht aus zwei Schritten:
- Jede wählt sich zwei Farben, die auf einer eigenen Glasplatte mit Walze, Pinsel oder anderem Werkzeug aufgetragen werden. Anschließend wird die Glasplatte mit einem Papierbogen bedeckt, der ausgestrichen und abgezogen wird. Es handelt sich um das sehr primitive Abdruckverfahren der Decalcomanie -Technik.
- Nach dem Trocknungsprozess wird aus den abstrakten, zufälligen Farbkombinationen das herausgearbeitet, "was einem darin begegnet": Das eigene Bild/eine Figur/ein Objekt o. ä. Letzteres kann mit Tusche oder Jaxon - Kreiden geschehen.
Bildprozess
Der erste Schritt gestaltete sich sehr wild, schmierig und lustvoll. Juchzen, wenn die Farbe obszön aus der Farbflasche herausquoll und auf die
Glasplatte platschte.
Staunen über die entstandenen Farbmischungen oder auch darüber, sich wie der Farbauftrag durch unterschiedlichste Werkzeuge
veränderte. Alles, was in greifbarer Nähe war, wurde ausprobiert - von der Zahnbürste, Keksförmchen, Walze und Schwämme bis hin zu Fingernägeln.
Meine Rolle während des Bildprozesses war stark dienend:
Ich besorgte, was gebraucht wurde, half, wenn etwas schief zu gehen drohte etc.
Die Gruppe agierte ziemlich eigenständig, unterstützte sich, reagierte positiv und in Gegenseitigkeit auf die schnell entstandenen Produkte.
Der Atelierraum wurde zusehends eingenommen von den vielfältigen Farbabzügen, die alle zum Trocknen ausgelegt und aufgehängt werden mussten.
Diese Belagerung schien wie eine weitere Zeichensetzung dafür, dass sie sich unbewusst den Raum angeeignet.
Eine neue, alte Situation für Leonie
Der Bruder bricht ein-ein altes Muster reinszeniert sich
Inmitten dieser sprudelnden und intensiven Aktivität stand plötzlich Leonies Bruder im Raum - unangemeldet und für alle
eine spürbare Irritation. Er hatte seinen Hausschlüssel vergessen und schien irritiert darüber, seine Schwester in dieser
lebendigen Atmosphäre vorzufinden. Leonie war ihr Stolz anzumerken und sie verhielt sich wie eine Gastgeberin zu Hause.
Die Irritation hatte auch mich erfasst. Ich bemerkte bei mir Sorge, dass durch die Präsenz des Bruders Leonie eventuell wieder in
dem alten symbiotischen Muster verschwinden würde. Dass seine Anwesenheit ihr den gerade eroberten eigenen Raum nahm.
Andererseits spürte ich, dass sie ihn gerne dabei gehabt hätte, um ihm stolz ihre neue Welt zu zeigen, oder waren es doch nur ihre
alten symbiotischen Sehnsüchte, die sich da regten?
Aus irgendeinem Grund, den ich nicht hätte nennen können, erschien es mir wichtig, dass Leonie ihre Beziehung zu ihrem Bruder in
diesem Containerraum erfahren sollte. Das Atelier war auch zu ihrem Raum geworden, hier war ihre Gruppe und sie fühlte sich hier
sicher und vertraut.
Ich machte ihm das Angebot ein paar Schnupper-Decalcomanien mitzumachen. Leonie erklärte ihm alles, und ich beobachtete, wie sie allmählich durch das Kümmern nur noch mit ihm und seinen Problemen beschäftigt war und keine Zeit mehr für ihre eigenen Farbabdrucke fand.
Sie hatte ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen verloren, konnte sich nicht abgrenzen. Zudem war zu beobachten, dass je lebendiger und ausgelassener der Bruder agierte, desto emotionsloser und zurückgezogener wurde Leonie - so wie ich sie anfangs wahrgenommen hatte. Als hätte sie alle Emotionen an ihren Bruder abgegeben bzw. auf ihn projiziert. Durch den Bruder, der mir wie eine prothetische Verlängerung der Mutter erschien, hatte sich hier tatsächlich jenes alte symbiotische Muster reinszeniert. Ein Muster, was immer wieder verhindert hatte, dass Leonie sich gut und angstlos trennen konnte, um eigene ICH-Stärke aufzubauen.
Übertragung-Containing
Als der Bruder sie fragte, ob er das nächste Mal auch dabei sein könne, verwies sie ihn an mich. Ich verneinte. Den Verweis an mich empfand ich als hilflose Geste von Leonies inneren Konflikt, einerseits ihren Bruder in der Nähe zu wissen und andererseits sich von ihm trennen zu wollen, um das Eigene zu schützen. Sie übertrug es mir. Ich hatte damit bewusst den Gegenpart zur realen Mutter eingenommen, die von Leonie erwartet, dass sie sich mütterlich um ihren Bruder kümmert. In meinem NEIN lag also zweierlei: die scharfe Trennung von dem Bruder - und der Mutter - und damit gleichzeitig ein JA für Leonie. Obwohl es nicht nötig gewesen wäre, verließ der Bruder nach meinem NEIN sofort das Atelier.
Assoziationen zu Leonie
Die Tür zum eigenenRaum
Leonie hatte bezeichnenderweise aus ihrer Bilderflut von Decalcomanien eines ausgewählt, in dem sich die vorangegangene Situation zu spiegeln schien und geradezu in dem Symbol der Tür gerann. Ein zweiflügeliges Tor bzw. Tür mit rotem Rahmen und rotem Knauf hatte sie aus den Farbmixturen für sich ‚herausgesehen'. Mir fiel die Ähnlichkeit ihrer Tür zur Ateliereingangstür auf. Sie verband sich assoziativ gerade mit der vorangegangenen Szene ihres Bruders; war er doch durch diese Tür hereingekommen und fort gegangen. Die Tür war eine Trenn-Verbindung. Auch das eigene Zimmer/der eigene Raum in der familiären Wohnung war nach wie vor ein virulentes Thema für Leonie. Denn ein eigenes Zimmer für Leonie bedeutete auch das gemeinsame Zimmer mit dem Bruder verlassen - die Tür zumachen können ist immer auch eine Trennung/ Abgrenzung. Der Atelierraum war so gesehen eine Art Trainingsfeld für Leonies eigenes zukünftiges Zimmer.
Rechts am Bildrand befindet sich eine dunkelblaue Schattenfigur, die mit der Tür durch den hauchigen, orangenen Lichtschein verbunden ist, wenngleich sie draußen vor der Tür bleibt. Leonie war über sich selbst erstaunt, dass sie diese Tür in ihrer Decalcomanie gefunden hatte. Beim gemeinsamen Betrachten des Bildes sprachen wir andeutungsweise über das Gefühl, die Tür hinter sich zumachen zu können bzw. über die Erwartungen und Phantasien, die sich angesichts einer geschlossenen Tür in einem abspielen. Als ich nachfragte, wie es denn um ihr eigenes Zimmer stehe, wehrte sie ab und wollte nichts davon hören. Möglicherweise war durch die Situation mit ihrem Bruder und der Tür im Bild bereits zuviel in ihr angerührt worden.
Assoziationen zu Nicole
Es war auffällig, dass Nicole dieses Mal ausgesprochen still und konzentriert für sich arbeitete. Sie wirkte traurig und wie in abwesender Trance. Was sie aus ihrer Decalcomanie herausholte bzw. sehr entschieden hinzufügte, rührte mich stark an, denn da gab es kein Versteckspiel mehr. Sie hatte eine Figur aus ihrer Farbmixtur ans Licht befördert, die sie mit einem fast körpergroßen Riesenherz versehen hatte.