Wenn die Malerei eine Narrheit ist, so muß man zugeben, dass sie eine angenehme Narrheit ist, die von den Menschen nicht gescheut, sondern gesucht werden sollte. Man müßte die Kunst lieben, welche Ruhe, innerlichen Frieden und Gesundheit schafft.

Corot, Camille

Kunsttherapie, auch Gestaltungstherapie genannt, ist eine psychotherapeutische Methode

Was ist Kunsttherapie ?

Kunsttherapie, auch Gestaltungstherapie genannt, ist eine eigenständige zur Behandlung von seelischen Störungen aller Art. Labyrinth In den gestalterischen Arbeiten der Patienten, in Bildern, Plastiken u.ä. werden in einem gemeinsamen Prozeß von Therapeut und Patient oder Patientengruppe die Symbole bewusst gemacht, die für die Blockierungen im seelischen Leben des Patienten verantwortlich sind. Das heißt, von Patienten gemalte Bilder zeigen, vergleichbar den Träumen in der Psychoanalyse, unbewusstes Material. Diese Arbeit ist besonders hilfreich in allen Fällen von Kontaktstörungen, die auf Sprechhemmungen oder Hemmungen im Ausdrücken von Gefühlen zurückzuführen sind, also auch kommunikativen Störungen in Partnerschaften.

Darüber hinaus hilft Kunst- und Gestaltungstherapie bei der Entwicklung latent gebliebenen, kreativen Potentials. Sie ist also nicht nur eine Methode im klinischen Rahmen, sondern eine allgemeine, menschliches Wachstum freisetzende Lehr- und Lernmethode.

 

Verbindung zwischen Kunst und Psychoanalyse

Der tiefenpsychologischen Kunsttherapie der APAKT liegt das psychoanalytische Konzept Freuds zugrunde: daneben werden auch Erkenntnisse Jungs (das Verständnis der Individuation, des Kollektiven Unbewußten u.a.), Maskentanz Adlers (Konzept der kompensatorischen Verarbeitung von Minderwertigkeit, der Lebensbewegung und des neurotischen Zirkels) und die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Lehre, der Narzißmusforschung, Theorie der Objektbeziehungen, Anwendung auf Gruppendynamik und pädagogische Ansätze und die internationale psychoanalyische kontemporäre Forschung, die Selbstpsychologie und der Ansatz zum systemischen Verständnis und dem des intersubjektiven Raumes (Storolow) berücksichtigt. Tatsächlich kann ein allgemein verbindliches Konzept nur einen Orientierungrahmen bilden. Das kunsttherapeutische Selbstverständnis der APAKT ist der psychoanalytischen Schulrichtung verpflichtet und wird vom individuellen Hintergrund der LehrtherapeutInnen und AusbildungsleiterInnen erweitert.

Die psychoanalytisch orientierte Kunst- und Gestaltungstherapie arbeitet wie die Psychoanalyse mit Übertragung und Widerstand und bezieht zu den sprachlichen Mitteilungen und den Träumen die Bild- und anderen Gestaltungen des Klienten mit ein. Sie geht davon aus, dass Bilder, Figurationen und deren Strukturen - ebenso wie Träume - Material des Unbewußten darstellen und damit in einem tiefenpsychologischen Sinne deutbar sind. Die Analyse der bildnerischen und sprachlichen Symbole ermöglicht eine Integration abgespaltener und unbewußt gewordener Ausdrucksformen und Motivationen. Damit kann ein wichtiger individueller Heil- und Wachstumsprozess eingeleitet und gefördert werden.


Bei Menschen, die mit der Sprache Schwierigkeiten haben, sei es, dass sie im Ausdruck gehemmt sind, psychosomatisch erkrankt sind, an einer sogenannten Frühstörung leiden, oder sich hinter Rhetorik verstecken, bietet die Gestaltungsarbeit eine einzigartige Brücke, sich in der Gruppen- oder Einzelarbeit zunehmend angstfrei mitzuteilen und zu öffnen. Auch im psychiatrischen Bereich gehört die Kunsttherapie zum Therapiekonzept.

Mit der psychoanalytischen Orientierung werden in erster Linie die in der Zeichnung und Malerei zutage tretenden Widerstände und die Übertragungsdynamik bearbeitet. Die Übertragungsanalyse reflektiert drei Beziehungsebenen: die Beziehung zum Produkt, zum Therapeuten und zu den anderen Gruppenteilnehmern. Daneben ist die Übertragungsdynamik der Gruppen analysierbar. Das kollektive Unbewußte der Gruppe konstelliert sich auf faszinierende Weise in einem gemeinsamen Thema und Symbol. Die Korrektur der Kommunikations- und Ausdrucksstörung gelingt durch die Erfahrung, im Wir einer Gruppe aufgehoben sein zu können ohne das Ich-Gefühl zu verlieren.

Durch die analytische Haltung der Leiter, die nicht direktiv und nicht bewertend ist, entsteht der schützende Raum, innerhalb dessen Umstrukturierung und neue emotionelle Erfahrungen möglich werden. Diese wiederum sind Voraussetzung für den Beginn kreativen und autonomen Handelns und wirken damit stabilisierend und Ich-stärkend.

Der Traum ist der “Königsweg” zum Unbewussten. Wenn also die Analytiker (oder vielmehr Freud und die Pioniere der Analyse) von den Künstlern und deren Werken fasziniert sind, kann man annehmen, dass für sie die Kunst einen zweiten “Königsweg” darstellt ...

Janine Chassequet-Smirgel

Die psychoanalytische Orientierung in der Kunsttherapie

Die psychoanalytische Orientierung in der Kunsttherapie besagt, daß sich der Therapeut zur psychoanalytischen Schule Freuds und dessen Nachfolger in der Ich-Psychologie und der neueren Selbst-Psychologie bekennt. Seine Vorstellungen vom Unbewußten und dessen Wirkweisen basieren auf diesen Theorien, seine Interventionen und Deutungen sind von ihnen geprägt. Der persönliche, therapeutische Stil ist etwas “abstinenter” als bei anderen Selbstverständnissen, und die Vorgaben sind weniger strukturiert. Die Deutungen zielen ab auf die Übertragungsdynamik, die einen anschaulichen Pol in der bildlichen Gestaltung hat. Das Gleiche gilt für den Widerstand und die Deutung der Abwehrmechanismen. Um Übertragung und Widerstand in der Bildnerei zu erkennen, muß er über ein umfassendes kunstpsychologisches Verständnis verfügen. Der Erwerb dieses Wissens geschieht u.a. anhand der eigenen Arbeit in der kunsttherapeutischen Lehr-Selbsterfahrung und wird erweitert durch die Erfahrungen im Kunstunterricht, in der Gruppe und der Supervision.

Besondere Themen können die Aufmerksamkeit auf die ödipale Ebene lenken, z.B. die “ Eltern als Tiere malen ” zu lassen, Kleingruppenarbeit zu dritt und das projektive Arbeiten mit unbestimmten Bildstrukturen, die Physiognomisierungsprozesse anregen. Ein reiches Deutungsangebot ergibt sich durch die Polarität von Nähe und Ferne, die analog zu Balint's Typen des Oknophilen und Philobaten sowohl in Form- als auch Farbassoziationen auftauchen. Bildgestaltung, Ornamentales und Abstraktes lassen häufig eine verborgene erotische und sexuelle Thematik assoziieren. Der Freudianer steht in seinem Selbstverständnis auf naturwissenschaftlich-aufklärerischem Boden und macht die kulturell und religiös bedingten Vermeidungen der sexuellen Thematik nicht mit. Er muß auch durch die eigene Lehrselbsterfahrung die Tiefen der eigenen Triebwelt analysiert haben, so daß er mit seinen Klienten vorurteils- und wertungsfrei Themen besprechen kann, die weitgehend noch mit einem sozialen Tabu belastet sind. Die gemeinsame Betrachtung kunsthistorischer Vorbilder der eigenen und fremden Kultur mag auf den Klienten ich-stärkend im Hinblick auf eigene, nicht zugelassene Regungen sein. Die Art, wie beim Malen mit Sexualsymbolen verfahren wird, ob stilisierend oder pornografisch im Sinne einer “repressiven Entsublimierung”, liefert dem Therapeuten Hinweise über die Art des Widerstandes.

*) aus J.C.-S., "Kunst und schöpferische Persönlichkeit. Anwendungen der Psychoanalyse auf den außertherapeutischen Bereich,   1988

Körperarbeit und Kunsttherapie

Körperarbeit

Zum Erwerb von therapeutischer Kompetenz - diese Einsicht gehört zu den neueren Gedanken über das Gebiet - gehört ein Mindestmaß an Körperbewußtsein und der Fähigkeit zu “Erden”, wie die Bioenergetiker sagen. So wie das ABC und das 1 x 1 Grundvoraussetzungen für das soziale Leben in unserer Kultur darstellen, so stellt eine gute Körpermethode eine unverzichtbare Basis für die “therapeutische Kultur” dar. Sie hilft nicht nur, das eigene Lebensgefühl zu steigern, Selbstsicherheit zu gewinnen und der Gesundheit vorzusorgen, sie ist auch ein für den Therapeuten unerläßlicher Weg, um seine Fremdwahrnehmung zu verbessern und zu vertiefen.

Der Kunsttherapeut ist durch den motorischen Ausdruck seiner Klienten in der Lage, die Person aufgrund der Bewegungselemente besser und intuitiv zu erfassen. Die Fähigkeit, den anderen zu “spüren” verbessert sich in dem Ausmaß, in dem man sich selbst spüren kann. Die Einführung in die klassischen Formen des T'ai chi ch'uan und gezielte Entspannungsübungen vermitteln eine gute Vorstellung von diesem Weg, der über Jahrzehnte gewinnbringend fortgesetzt werden kann.

Wie auch immer die Reihenfolge der Anwendung der Übungen und die Besonderheiten der Gruppengeschichte beschaffen sein mögen, eine kunsttherapeutische Gruppe vermittelt eine ganz bestimmte Erfahrung, die in einem anderen Medium nicht zu erreichen ist.

In nuce. Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen.

T.W. Adorno

Das Verhältnis von Sprache und Bild

Im Bild werden bewußte und unbewußte Vorgänge sichtbar. Diese sind nicht getrennt voneinander, sondern durch einander vermittelt. Stark vom Verstande geprägte Menschen bekommen deshalb immer erst einmal einen Schreck, wenn sie ein kunsttherapeutisches, prozeßhaftes Bild sehen. Anders als beim Kunstwerk, das formal und ästhetisch (sekundär bearbeitet) ist, vermischt sich hier auf rohe Weise Bewußtes und Unbewußtes. Dabei kann ein und dasselbe Zeichen sowohl bewußte als auch unbewußte Anteile haben. Dem Zeichen eines roten Pfeils kann beim Zeichnen der Gedanke “Ich will die Gruppe anfeuern” innegewohnt haben. Die Art aber, wie der Pfeil, in welche Richtung, in welchem Rot und ausgerechnet in die Mitte des Blattes gesetzt wurde, kehrt die beabsichtigte beabsichtigte Wirkung um. Die Gruppe ist wie gelähmt. Die vorsprachliche, unbewußte Bedeutung schält sich später in einem ganz anderen Text heraus, der mit dem Symbol Pfeil äußerlich nur noch wenig gemein hat: “Ich bin von meiner Mutter mit dem Rohrstock geschlagen worden!” Der Effekt der Lähmung der Gruppe geschieht durch das Ausmaß der Verschlüsselung, durch das Auseinanderklaffen zwischen sprachlich-bewußtem Zeichen und der Energetik des Symbols. Der Pfeil ist nur Zeichen, nicht Symbol. Symbolisch ist das Rot, die Richtung, der Stil und die räumliche Plazierung. Dies wird intuitiv von allen gespürt. Und die Lähmung dauert an, bis der unbewußte Teil formuliert worden ist. So funktionieren Bild und Wort wie Teile eines Systems, indem sie sich ergänzen. Das Bild drängt zur Formulierung und ein Text verlangt nach seiner Veranschaulichung.

seelenhaus

Ein anderer Weg kann darin bestehen, daß eine oder mehrere Farben ohne bestimmte Zeichenbildung gesetzt werden. Es ist kein bestimmter Gedanke da, es wird ein Gefühl, eine Stimmung ausgedrückt. Die ungegenständlichen Zeichen sind sprachferner. Trotzdem werden sie ebenso wie das erkennbare Natursymbol oder -zeichen bestimmte Gefühle beim Betrachter erwecken. Es geht jetzt nicht mehr darum, ungegenständlichen Formen und Farben durch die Sprache einen gegenständlich konkreten Sinn zu unterschieben. Das Bild ist jetzt etwas eigenes mit einer hilfreichen Funktion. Es kann so etwas wie ein Schoß sein, in dem Teile des eigenen Tuns aufgehoben sind und sich neu ordnen können. Da die Teilnehmer selbst diese Spuren hergestellt haben, entsteht Toleranz beim Betrachten dieser Strukturen. Die Angst, die sonst beim Anblick eines ungegenständlichen Bildes entsteht, mindert sich dadurch, daß der Herstellungsprozeß bekannt ist und nun durch einen sekundären, nonverbalen Bearbeitungsprozeß noch weiter annehmbar gemacht werden kann. Die sprachliche Bearbeitung ist keine Deutung in dem Sinne “Das Blau bedeutet dies oder das ...”, eher: “was fühlst Du beim Klang dieser beiden Farben?” Die Bearbeitung zielt also auf die Nachbarschaft zweier oder mehrerer Farben und Formen, auf ihre Gefühlsintensität, die Schwingungen und das Fließen. Ein Bild wird auf den Kopf gestellt, und plötzlich erscheint ein Gesicht. Nachtwandlerisch hingesetzte Formen fügen sich zu erkennbaren Gestalten. Die Aufforderung, das Bild durch Blinzeln zum Verschwimmen zu bringen, oder auf den Kopf zu stellen, ergibt unbekannte, größere Zusammenhänge der Formen. Dabei verdeutlicht sich die Gefühlslage. Das Abdecken bestimmter Bildteile läßt die Dynamik bestimmter Farben und Formen erkennen und gehört zu dem allgemeinen Bewußtwerdungsprozeß.

Es kann passieren, daß bei ungeklärten, gemischten Gefühlen eine Zeichnung ein inneres Vorstellungsbild deutlich werden läßt und einer Phantasie zur Geburt verhilft. Der nächste Schritt führt zur “Benennung”. Mit dieser vermindert sich die Angst, und es können weitere Bilder, Erinnerungen zugelassen werden. Einem Klienten genügten 5 Kreidestriche, um einem unklaren Bild zum Bewußtsein zu verhelfen: angedeutet war ein leicht geöffneter Sargdeckel, der erst während des Zeichnens sich selbst konstellierte. Und es entpuppt sich bei weiterem Besprechen die Angst, lebendig begraben zu werden, die vorher diffus und unformuliert geblieben war. Mit der Benennung und Konfrontation verlor die Angst von ihrem Schrecken, und der Mann konnte weiterschreiten beim Wiedererinnern früherer Episoden. Es mag hier bereits deutlich werden, wie die bildnerische Arbeit eine beschleunigende Wirkung auf das Auftauchen unbewußten Materials ausüben kann. Diese Beschleunigung wäre allein noch kein Gewinn, wenn nicht das Medium des bildlichen Symbols selbst einen Schutz gegen die Überflutung durch primärprozeßhafte, psychotische Inhalte böte und die Selbstregulierung des psychischen Apparates bei der Arbeit der Umstrukturierung gewährleiste. Manchmal wird die kreative Tätigkeit im Traum fortgesetzt, und die Traum-Wunsch-Produktion regt neue Bilder an. Umgekehrt können Träume außersprachlich in Bildern fortgesetzt werden. Und es scheint, als ob zum Traum als Königsweg zum Unbewußten noch weitere Nebenwege, Parallelstraßen hinzukommen. Diese erweisen sich dann als nützlich, wenn z.B. nicht geträumt wird oder Träume nicht erinnert werden. Persönliche Dinge sind oft auch leichter zu malen und zu zeichnen als auszusprechen. Und es kann passieren, daß mit der Gestaltung bereits die Erleichterung stattgefunden hat. Das ist es, wenn von “Kunst als Therapie” gesprochen wird: der künstlerische Vorgang selbst wirkt bereits befreiend. Sprache wird, vor allem wenn es um Störungen aus den ersten präverbalen Entwicklungsjahren geht, überflüssig, häufig sogar als störend empfunden.

Ein Fallbeispiel:

Barbara, Ende dreißig, hat eine Scheidung gerade hinter sich und leidet unter starken Depressionen und einem verminderten Selbstwertgefühl. Sie spricht flüssig und berichtet ausführlich über Ereignisse aus Gegenwart und früherer Vergangenheit. Allerdings hat sie Schwierigkeiten, über körpernahe und sexuelle Themen zu sprechen. Es ist, als sei ihr in diesem Bereich ein Sprachverbot auferlegt worden.

Mein Angebot, Unaussprechliches zu zeichnen zu versuchen, wird anfänglich mit der Begründung abgelehnt, das sei ja alles doch bloß “Geschmier” und “es sei bei ihr nichts da”. Ihr Zeichnen ist recht schnell, stenogrammartig (“wegwerfende Bewegung”) und erweckt das Gefühl, “dem eigenen Produkt gebühre keine längere Aufmerksamkeit”. Ihre Mutter hatte ihr als Vierjähriger Dauerwellen machen lassen. Ihr Gefühl dabei: “Von Natur aus bin ich nicht liebenswert.” Dieses Selbst-Gefühl ersteckt sich auf ihr Produkt (das “Kind”), das ebenfalls als nicht liebenswert erlebt wird.

Eines Tages erzählt sie einen Traum und zeichnet anschließend auf meine Aufforderung hin die Szene, die sie am meisten beeindruckt hat. Ein kleiner Junge wird von einem Mann mit einem Stock die Treppe hinaufdirigiert.Der Junge stürzt dann ab inmitten einer johlenden Menschenmenge. Das Berichten des Traumes ist von einem starken Angstgefühl begleitet. Das Thema kreist um ein häufig angedeutetes Erlebnis aus ihrer Kindheit

Nach dem Zeichnen läßt die Angst etwas nach. In der Zeichnung ergeben sich keine neuen “Erkenntnisse”, es kommt zu keinem unmittelbaren Wiedererinnern der entscheidenden Episode. Sie befürchtet, der Schmerz würde von ihr als zu vernichtend erlebt. Doch stellt zuerst das Erzählen des Traumes und die anschließende Zeichnung zwei Schritte dar, die Teil einer Trauerarbeit auf einer tiefen Ebene sind. Es entsteht der Eindruck, daß der Wechsel der Ausdrucksebenen überhaupt erst einen erkennbaren Fortschritt der Arbeit zeitigt. Das mag in diesem Fall daher rühren, daß das Sprachverbot nicht unmittelbar angegangen wird, sondern indirekt. Es wird “unterlaufen”, indem das Verdrängte im Zeichencode sein Symbol findet. Der Zeichenakt gewährt einen Schutz. Es ist ein Medium, in dem die ich-stärkende Regression sehr behutsam geschieht. Eine Zunahme der Ich-Stärke zeigt sich in einer zunehmenden Bereitschaft, sich Verdrängtem und dem damit verbundenen Schmerz zu stellen. Die Trauer drückt sich aus in der häufigen Verwendung der Farbe Schwarz.

Ein Künstler, der die Zeichnung sah, bewunderte sie und beneidete den spontanen Ausdruck. Der Urheberin war dies nicht bewußt. Jedoch entwickelte sie von sich aus im weiteren Verlauf der Arbeit ein Interesse und eine Freude am bildnerischen Gestalten. Ihr war klar geworden, daß es ihr bei ihren Problemen ganz entscheidend half. Dieser Fall ist deshalb so beachtlich, weil er zeigt, daß ein Klient, der keine Begabung oder kein Interesse am Zeichnen mitbringt, sehr wohl im Verlaufe einer Arbeit den “verborgenen Künstler” in sich entdecken und gute therapeutische Erfolge in diesem Medium machen kann.

Methodenbeispiele

Es hängt weitgehend von der Persönlichkeit des Therapeuten ab, welche bildnerischen Methoden er in seiner Arbeit einsetzt. So wie die Kunst selbst, so ist auch die Kunsttherapie ein stark individualisierter Bereich. Und wie bei jeder guten Therapie setzt der Therapeut seine Persönlichkeit ein, um mit ihr - wie der ungarische Psychoanalytiker Balint sagt - wie eine Droge zu wirken. Er muss sich dieser Wirkweise bewusst sein. Durch die Kenntnis seiner persönlichen Möglichkeiten und Grenzen kann er Mittel und Thematik gezielt einsetzen und fruchtbar machen. Fühlt er sich mit seiner Thematik und seinen Methoden innerlich einig, so wird er in seiner Arbeit Erfolg haben. Andererseits gibt es unabhängig von der Person des Therapeuten einige verallgemeinerbare Grundmethoden, die von Material und Struktur her immer eine gewisse Garantie dafür bieten, dass ein Prozess in Gang kommt. Davor zu warnen ist, dass Laien unbedacht Methoden, quasi in Rezept form, anwenden.

Wir ordnen diese Methoden nach:

  • Gruppenarbeit
  • Partnerarbeit
  • Einzelarbeit in der Gruppe
  • Einzelarbeit zu zweit

Kleine Bildershow, Beispiel einer Gruppenmalaktion

In dieser Bildershow wird ein Beispiel einer Gruppenarbeit gezeigt.

Weitere Methoden, sind:

  • die Regression steuern,
  • sie beschleunigen oder bremsen.

Technische und materielle Mittel sind:

  • Zeichnen
  • Malen
  • Arbeiten mit Ton etc.

Unter Berücksichtigung eines motorischen Gesichtspunktes, in dem das Raumerleben angesprochen wird:

  • kleines Format
  • großes Format
  • blindes Zeichnen

Nach Thematik und nach Variationen über das Körperschema, z.B.

  • Körpersilhouette
  • Landkarte des Fußes

Methodenbeispiele

Bildbeispiele, Körpersilhouette

figur figur1

»Blind« gezeichneten Körpersilhouette.
Das Bild offenbart uns das Gefühl des inneren Körperraumes, die Ungleichheit der Körperhälften. Die stilistische Stimmigkeit des Ganzen wird durch keine visuelle (kopfige) Kontrolle getrübt. Diese Übung ist kunsttherapeutisch und kunstpädagogisch in einem.

Thema, Körpersilhouette

Bildbeispiel, Zeichnung eines Fußes

Zeichnung eines Fusses

Einzelarbeit mit dem Thema »Die Linien auf der Sohle meines Fußes«


Beispiele, die aus den genannten Themenbereichen abgeleitet werden. Es wird deutlich, daß vor allem bei der Wahl der Methoden und der Thematik bewußte oder unbewußte Wünsche des Leiters auf die Gruppe übertragen werden können.

Die Thematik und die Deutung der Übertragungen in der Gruppe gehen Hand in Hand. Das Thema, das von der Gruppe im Zeichenprozeß selbst gefunden und nicht vorgegeben wurde, verdeutlicht am ehesten die unbewußten Vorgänge. Es gehört zur größten Fähigkeit des Leiters, sich in der Vorgabe zurückzuhalten und dem Gruppen- oder Einzelprozeß Autonomie zuzugestehen. Es setzt dies eine relative Angstfreiheit beim Therapeuten voraus. Dadurch wird auch die Angst des Klienten besser bearbeitbar. Bestimmte Patientengruppen erfordern jedoch statt des aufdeckenden Arbeitens ein mehr stützendes Vorgehen durch eine bestimmte Vorgabe im Material und dem Thema. Eine Übung setzt sich in der Regel aus mehreren der oben genannten Teilaspekte zusammen.

Das Gruppenbildgespräch,

kann in den verschiedensten Variationen angeboten werden. Es eignet sich auch als Medium in nicht-therapeutischem, gruppendynamischem Rahmen. Es empfiehlt sich, folgende Regeln zu setzen:

  1. jeder bestimmt sich selbst (keine besondere Reihenfolge)
  2. was jemand sprachlich ausdrücken will, wird in Form und Farbe umgesetzt (kein Sprechen während der Übung)
  3. es arbeitet immer nur einer (kein simultanes Zeichnen)
  4. ein großes Blatt Packpapier (etwa 150cm x 250cm) hängt an der Wand und wird damit vorgestellt, daß diese Fläche jetzt den Raum bietet in der sich die Gruppenmitglieder ausdrücken können.
  5. eine Auswahl farbiger Ölkreiden
  6. eine zeitliche Grenze wird festgelegt oder der Gruppe zur Selbstbestimmung offen gelassen

Anschließend wird der Bildprozeß besprochen. Der Gruppenleiter achtet besonders auf:

  1. wer beginnt und wer beendet den Prozeß?
  2. Bildmittelpunkt
  3. Teilnahme
  4. manifestes und verborgenes Thema der Guppe
  5. Stereotypie
  6. Zeichencodes
  7. in Farben ausgedrückte Gefühlslage
  8. konfrontierende und kooperative Interaktionen
  9. ubw Aspekte und Wirkungen des Symbolbildungsprozesses

Das Gruppenbildgespräch eignet sich zu jedem Zeitpunkt einer Gruppenphase. Es gibt dem Leiter Hinweise auf bestehende Konflikte, auf ein "heißes Eisen", auf Fähigkeiten und Schwierigkeiten der Gruppe. Vor allem das Thema "Abgrenzung" kann auftauchen und die Wahl der folgenden Übung bestimmen. Die Übung könnte z.B. weiterführen mit der Aufforderung, das Thema zu zweit zu entwickeln. Also:

Partnerübung mit Ton

Der Leiter läßt aufgrund der vorangegangenen Übung die Partner selbst bestimmen. Die Übung kann blind oder mit offenen Augen vorgenommen werden. Der Leiter sollte grundsätzlich jede Übung, die er vorschlägt, schon einmal in ihrer Wirkung an sich selbst ausprobiert haben und sich darüber klar sein, daß die Wirkung sich häufig durch die Gruppe verstärkt; weiterhin muß er sich klarmachen, wie stark er zur Regression anregen will.

Zum Ausklang einer Sitzung

kann z.B. als Thema “das Geschenk” (Geben/Nehmen) vorgeschlagen werden.

Die Übung ist eher meditativ, über diese und ähnliche Übungen wird erlebbar, was Yalom als “interaktives Lernen” in der Gruppe benennt.

Il faut reculer
pour mieux sauter.

Von: A. Maslow

Zur Indikation der Kunsttherapie

In der westlichen, verstandesmäßig betonten Kultur mit ihren bedrohlichen, weil einseitigen Erfolgen von Technik und Wissenschaft sind die Bereiche, in denen es um Fühlen und Empfinden geht, gering geachtet. Die psychotherapeutische Arbeit ist im wesentlichen eine “Arbeit an und mit Gefühlen” (W. Schmidbauer). C. G. Jung entwickelte seine Typenlehre unter Beachtung der Funktion des Gefühls, die die vierte (meistens unentwickelte) Funktion darstellt. “Man kommt nicht weiter, wenn man die vierte Funktion in einer konkreten inneren oder äußeren Form auslebt, sondern man muß ihr die Gelegenheit geben, sich in der Phantasie auszudrücken, sei es im Schreiben, Malen, Tanzen oder einer anderen Form der aktiven Imagination. Jung fand heraus, daß die aktive Imagination praktisch das einzige Mittel ist, um mit der vierten Funktion umzugehen. (M. L. Franz “Zur Typologie C. G. Jungs”, Fellbach 1980)

In diesem Sinne gibt es auch keine im strengen klinischen Sinne eng umrissene Indikation der Anwendung der Kunsttherapie.

Die analytische Kunsttherapie ist, wie analytische Einzel- und Gruppenpsychotherapie, vor allem als “Neurosentherapie” indiziert. Daneben bietet sich das Medium des Bildnerischen an in einem Spektrum von der stützenden Psychotherapie mit stark gestörten Patienten über eine stützend-aufdeckende Arbeit mit weniger gestörten Patienten bis zur aufdeckenden Arbeit im Sinne der Psychoanalyse. Darüber hinaus sind all jene Patientengruppen angesprochen, denen die verbale Kommunikation Schwierigkeiten bereitet oder die sie als Widerstand einsetzen.

Gerade bei einer “narzißtischen Symptomatik”, ist über das “Kunstprodukt” ebenfalls ein guter Zugang möglich. Auch lassen sich “Arbeitstörungen” weitgehend über das Malen und Gestalten bearbeiten: Angesprochen wird der Widerstand, sich überhaupt einer Gestaltungsübung auszusetzen. Es geht immer wieder darum, sich mit seinem Tun und mit seinem Produkt zu zeigen bzw. damit gesehen zu werden, den Kreislauf von Lust/Unlust - Angst vor Kritik - eigenen verdeckten Leistungsansprüchen - Lähmung durch ein strafendes Über-Ich etc. - zu verstehen und durch das Prinzip des Spielerischen eine Änderung herbeizuführen.

Im Sinne einer “Regression im Dienste des Ich” dienen alle Übungen der Findung des authentischen Selbst überall dort, wo eine defizitäre Entwicklung dies verhindert hat. Der Therapeut fungiert als stützendes Hilfs-Ich und begleitet empathisch die Stadien der Regression und des Wachstums.

Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.

Nietzsche

Die Wirksamkeit des künstlerischen Prozesses oder wie werde ich KunsttherapeutIn?

Gruppenbild Maskenball

Am Anfang steht eine eigene Erfahrung. Die, ein gutes Erlebnis mit der Kunst gehabt zu haben, vielleicht die Erinnerung an eine eindrucksvolle Ausstellung oder gar die Erfahrung eines Erfolgserlebnisses mit eigenem, bildnerischen Tun. Die Ahnung, daß die Kunst dem menschlichen Leben mehr bringen kann als nur das passive Anschauen für eine Mehrheit, daß potentiell jeder Mensch in sich eine Aktivität entfalten kann. Und diese künstlerische Aktivität, die als Keim in jedem angelegt ist, dient einer ganzen Reihe seelischer Funktionen: dem Schöpferischen, dem Selbstwertgefühl, einem eigenständigen, ganzheitlichen Reifungsprozeß und der Selbsterkenntnis. Das ästhetische Empfinden spielt eine große Rolle beim künstlerischen Tun, tritt jedoch anfänglich in der kunsttherapeutischen Tätigkeit noch nicht so stark in Erscheinung. Es ist eine Fähigkeit, die langsam reift. Die Lust am spielerischen und experimentellen Gestalten mit den bildnerischen Materialien setzt Kräfte frei, die den Kern unseres kreativen Potentials erfahrbar machen. Neben diesem grundsätzliche Interesse an der Kunst und bestimmten Erscheinungsformen von ihr (Kinderkunst, naive Kunst, Kunst der Geisteskranken, Art brut und gewisse Stilformen des Mittelalters, der Gegenwart und der Kunst der Naturvölker) tritt das starke Gefühl, anderen helfen zu wollen und die Vorstellung, dies in beruflicher Form verwirklichen zu können. Der Wunsch und die reale Fähigkeit decken sich erfahrungsgemäß nur selten. Der Ursprung der Motivation für einen Helferberuf liegt meist in der eigenen Familiengeschichte. Und es ist die Aufgabe der Lehrselbsterfahrung im Medium der psychoanalytisch orientierten Kunsttherapie, die unbewußte Bedürftigkeit des Lernenden verstehbar zu machen, so daß er lernen kann, sie befriedigen, sie annehmen und sie in sein Selbstverständnis einbeziehen zu können. Die Bearbeitung der individuellen Biografie ist deshalb Bestandteil der Weiterbildung zum Kunsttherapeuten. Einfühlsam kann er mit dem Medium erst dann umgehen, wenn er am eigenen Leib den Tiefgang vollzogen hat, den die Lehrselbsterfahrung in der Gruppe und in der Einzelarbeit vermittelt. In dieser Selbsterfahrung lernt er die Wirkungsweisen des Materials und der Themen kennen. Er bekommt eine realistische Einschätzung dessen, was dieses Medium, diese Kommunikationsstruktur vermag. Nach etwa dreijähriger Ausbildung, die das Minimum für diesen Wachstumsprozeß darstellt, beginnt er unter Supervision zu arbeiten. Er macht eine weitere Selbsterfahrung, diesmal in der Rolle des Therapeuten. Die umfangreiche Super- und Intervision in Gruppen und auch in den begleitenden lehrtherapeutischen Einzelstunden führt zur professionellen kunsttherapeutischen Kompetenz. Die Bereitschaft, sich in den Prozess einzulassen, ihn kritisch und unter Einbeziehung der relevanten Theorien und Methodendiskussion zu reflektieren, ist dafür Voraussetzung. Kunsttherapeutische Praktika unter Supervision bereiten auf den Beruf vor.

Übersicht des Textarchives

Alle auf unseren Webseiten wiedergegebenen Texte finden Sie auch in unserer Broschüre, die wir Ihnen gerne zusenden. Eine Anfrage zu weiteren Informationen, können Sie hier direkt Online vornehmen. Auf der Seite Termine finden Sie aktuelle Angebote der APAKT Hamburg.

Texte zur Kunsttherapie

Textauszüge - Rotkäppchen im Schwarzweißfilm

Allgemeines zur Methode

Aus der Einsicht, dass jede Psychotherapie, auch die der Gruppe letztlich eine idiografische Arbeit (A. Maslow) ist, habe ich auf das, was herkömmlicherweise als systematische Methodik gilt, verzichtet.

Ich tat dies leichten Herzens, da es auch eher der eigenen intuitiven und künstlerischen Natur entspricht, mich sozusagen "querfeldein" zu bewegen. Ich vertraue darauf, dass mir bei der Begegnung mit einem Menschen, und was für mich dazugehört, der Begegnung mit seiner Lebensspur im Bild etwas aufstößt, das Anlass zu einer dialogischen Reflexion sein kann, die häufig dann besonders fruchtbar ist, wenn sie nicht prämeditiert ist. Diese dialogische Reflexion vor dem Hintergrund einer bildhaften Lebensspur, eines auch ästhetisch fassbaren Prozesses, hat besondere Hilfen und Bedingungen von Material, Medium, Thematik, Übungen und Settings. Der Versuch einer systematischen Übersicht mit dem dazu gehörenden Vorbehalt kommt im letzten Abschnitt dieses Buches. Man kann ihn als der Methodik zugeordnet auffassen und stellt - dies zu verstehen ist äußerst wichtig - nur Vorschläge dar. Gertraud Butzke-Bogner hat in ihrem diesbezüglichen Band der Reihe den Text wohlweislich "Unter Vorbehalt" überschrieben, um den irrtümlichen Missbrauch im Rezeptbuchsinne zu vermeiden. Im Übrigen ist es natürlich angezeigt, auf die Selbstregulierungsmechanismen des Patienten zu vertrauen und mit der Energie mitzugehen, die von selbst auftaucht. Dabei ist mit äußerster Aufmerksamkeit und Empathie auf die feinsten Äußerungen einzugehen. Wie dieses EINGEHEN aussehen kann, ohne pädagogisch zu sein, das zu zeigen ist u. a. das Anliegen der nachfolgenden Texte.

Es handelt sich dabei um Protokolle, die ich überwiegend im Anschluss an Einzel- und Gruppensitzungen mit Studierenden der Kunsttherapieausbildung verfasst habe. Wo es im Zusammenhang mit dem Sprechen zu kunsttherapeutischen Interventionen kam, oder umgekehrt, wo es nach dem Gestaltungsprozess zum Sprechen kam. Da es sich um eine Ausbildung mit starken Anteilen an Forschung handelt, fühlte ich mich vom "Zwang zu heilen" entlastet und der Erfolg zeigte sich für mich in den gemeinsamen Erkenntnissen in der analytischen Arbeit. Es passierte auch hier - Analytiker werden nicht müde immer wieder darauf hinzuweisen - dass Heilung quasi als Nebenprodukt des Erkenntnisgewinns auftaucht.

Ich halte die Einstellung, ein Symptom nicht schnell zum Verschwinden bringen zu wollen, (analog der Geschichte vom irregeleiteten Piloten im Cockpit, der die blinkende Alarmleuchte bloß heraus schraubt, statt der Warnung nachzugehen), sondern darauf zu achten, dass nach der gründlichen Analyse sich die ganze Person verändert und verbessert, für etwas völlig anderes und etwas, das, in aller Bescheidenheit und Geduld, zu erreichen nicht nur realistischer, sondern nachhaltig wirkungsvoller ist. Für diese strukturelle Umwandlung von Grund auf bin ich bereit, sehr viel Zeit und materielle Mittel aufzuwenden. Ich habe das seinerzeit für mich getan und kann es jedermann weiter empfehlen. Möglicherweise ist der Streit der Schulen müßig. Jede "reine" Methode ist mit Misstrauen zu betrachten, weil sie versucht, den Zufall und den Umweg zu vermeiden, im Grunde steril und kontrollbesessen ist. Könnte es nicht sinnvoll sein, eine Analogie zu Adornos Satz "Aufgabe von Kunst ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen" in einem Transfer auf die therapeutischen Schulen zu wagen? Immerhin gab es früher eine ärztliche Kunst, deren unreglementierter, ja künstlerischer Charakter am ehesten noch in den Psychotherapien nachklingt. Dass also ein Chaos der Methoden Ordnung in die Seelen bringt. So etwas heißt man heute nicht chaotisch, sondern "integrativ". Die Gesellschaft hat ein hochnotpeinliches Gefühl nicht nur für Ordnung, sondern auch für Wohlanständigkeit. (Mir fällt hierzu die Arbeit einer Kollegin ein, die mit Molke versetzten Ton bei Krebskranken erfolgreich einsetzt. Natürlich ist es der fäkalische Geruch der Molke, der alte Zwänge lösen kann.) Die Berührungsängste zwischen den unterschiedlichen Schulen haben zu einer unerquicklichen Pattsituation geführt. Jede Schule beansprucht ein Monopol auf ihre "Methode" und merkt nicht, wie sie damit ihr Wirkungsspektrum einschränkt. Soweit zur Gefahr der "Methodenfixiertheit".

Ich habe mich, was das Medium anlangt, nicht auf das Gestalterische fixiert, sondern beschränkt in der Hoffnung, Typisches sichtbar machen zu können. Auf Regeln muss ich weitgehend verzichten. Es reicht, wenn die wenigen Regeln des analytischen Settings, erweitert durch Ruth Cohns hilfreiche Regeln, z. B. sich selbst zu bestimmen, in der Ich-Form zu sprechen usw., den Therapeuten bewusst, im Hinterkopf sind. Besser allemal ist die selbständige Ableitung einer Regel aus einem Gruppenprozess heraus, eine Regel nicht von außen auferlegt, sondern von den Beteiligten in ihrem Sinn erkannt und verstanden. Auf diese Weise ist auch der vorläufige und unvollständige Versuch einer Auswahl von Themen, Übungen und Settings zu verstehen. Die Rückverwandlung des Symptoms in ein Symbol.


Die Rückverwandlung des Symptoms in ein Symbol

BEITRAG ZU EINEM DISKURS ÜBER PSYCHOSOMATIK
Dafür besonders gut geeignet: die Farben Rot, Schwarz und Gelb

In der Verhaltenstherapie könnte die Durchführung eines Rituals eine analoge Funktion erfüllen. Wenn Therapeuten aller Richtungen von der Wichtigkeit des "Miteinander-Sprechens" reden, dann ist damit natürlich eine besondere Art des Sprechens gemeint. Ich sage, es ist ein symbolisches oder Symbol bildendes Sprechen. Dazu ist meistens Hilfe nötig. Wenn, wie im Falle von Katharina (Abschnitt "Kunst in der Klinik") die Mutter das Versprechen abnimmt, niemand solle über ihren Krebs sprechen, dann ist das nicht nur ein Sprachverbot, es ist das Verbot, autonom Symbole bilden zu dürfen. Es ist der Entzug der Basis für Reflexion. Dadurch, dass ein Symbol sehr viel bedeuten kann, hat es einen unersetzlichen Wert für den Prozess der Individuation. Es ist Voraussetzung dafür. Es vereint Negativität und Positivität in sich.

Das sechsjährige Mädchen, das den roten Strich als "Drachen" bezeichnet hat, kennt unbewusst die Funktion des Symbols, auch wenn es das äußere Bild des Drachen nicht wiedergeben kann. Es wird so sein, dass der Drachen als ein mythisches Wesen, dem Kind nicht begreiflich ist, aber es wird trotzdem dem Wort "Drachen" eine erhöhte Bedeutung beimessen, indem es ihm die dynamischste Farbe (Rot) zuordnet. Gleichzeitig wird dem Drachen als nicht existentem Tier in einer eher kurzen, wegwerfen- den Bewegung, die am wenigsten bewegte Geste zugeordnet. Im Bild ist von der Form her der Drache wenig existent, wie er es als reales Wesen ist. Seine symbolische Bedeutung ist aber sehr groß, deshalb der starke Gefühlsausdruck durch das Rot?

Das Symbol des Drachen ist ein überaus freies Symbol für seelisches Geschehen. Das spürt das Kind und drückt es auf diese unvorhergesehene, aber letztlich überaus plausible Weise aus. Es ist ein idiografischer Glücks- fall sondergleichen. Es geschieht nicht oft, dass ein Symbol so in einer von durch äußeren Konsens über das Aussehen eines Objektes abweichenden vereinfachten Form dargestellt wird. Die Hilfe ist die des Nicht-Wissens des Kindes. Es ist so ähnlich wie im Marionettentheater von Kleist: das Anfängerbewusstsein spiegelt das gesamte Bewusstsein der Realität, dem man sich erst zum Abschluss aller Reflexion wiederannähert.

Mit der simplen Aussage, dass der Drache ein roter Strich ist, kann niemand etwas anfangen. Hingegen zwingt uns dieses Phänomen, uns mit der Lebensgeschichte dieses noch jungen Menschen zu beschäftigen, welche Ereignisse sich mit dem Symbol Drachen verbinden lassen, welche Ereignisse ein seelisches Symptom verursachen und zur Entlastung das Symbol "Drache" benötigen. Möglicherweise sind die Erlebnisse so ungreifbar, wie das der Drache ist. Trotzdem werden sie so stark erlebt, wie das die Farbe Rot symbolisiert.

Soweit zur Spekulation über das individuelle Erleben. Was gibt es für kollektive Assoziationen zum Drachen? C.G.Jung führt aus:

"Der Drache ist als solcher ein Monstrum, das heißt ein Symbol gemischt aus dem chthonischen Prinzip der Schlange und dem Luftprinzip des Vogels Der Drache ist wohl das älteste figürliche Symbol der Alchemie...Er erscheint als Ouroboros (archaisches Motiv einer sich in den Schwanz beißenden Schlange) im Codex Marcianus, der ins 10./11. Jahrhundert gehört... Die Alchemisten wieder- holen immer wieder, dass das "opus" aus einer Sache hervorgehe und zum Einen wieder zurückführe. Also gewissermaßen ein Kreislauf sei, wie ein Drache, der sich in den Schwanz beißt ..." (C.G.Jung Grundwerk Bd. 6, S. 69 ft)

Die therapeutische Annahme ist die, dass die Rückverwandlung des Symbols in das Symptom eine der Voraussetzungen für Heilung schafft. Im Falle des Drachen schafft es das geheimnisvolle Symbol, dass der reflektierte Therapeut einen Dialog mit dem Kind beginnt. Und, nach vierzig- jährigem Sprachverbot schafft es das Gestalten von Bildsymbolen, dass sich die Zunge in einer Lähmung löst und, nach einer Heilung, Poesie möglich wird (im Bericht Katharinas über sich selbst).


Rot ist eiskalt

(Dieses Referat wurde im November 1986 anlässlich der Tagung "Kunst und Gesundheit" in Bad Münstereifel gehalten. Es wurde 1997 neu überarbeitet. Es veranschaulicht die Technik einer analytisch orientierten Deutung. Diese kann nie losgelöst vom biographischen Zusammenhang gegeben werden und bedingt deshalb die Zusammenarbeit mit dem Analysanden. Aus dem gleichen Grund sind isolierte Diagnosen, bzw. Tests abzulehnen. Unabhängig davon sind auch alle Symbole das, was vom Begriff des Symbols her (=zusammenballen) gemeint ist, mehrdeutig. Das gilt auch für die Farbsymbolik.)

Einige von Ihnen kennen vielleicht den Kalauer: ein westlicher Journalist fragt Ghandi: "Mr. Ghandi, was halten Sie von westlicher Kultur?", darauf Ghandi: "Es wäre eine gute Idee!"

Wir sind als Kunsttherapeuten in der glücklichen Lage, Pionierarbeit bei der Hilfe an der Verwirklichung dieser guten Idee leisten zu können, nämlich die Kunst ein Stück weit ihrer turbokapitalistischen Vermarktung zu entreißen und sie zusammen mit neueren pädagogischen und therapeutischen Impulsen zu einem zugleich verschütteten, nämlich im Grunde klassischen Begriff zurückzuführen, der dem neuen, erweiterten Kunstbegriff nicht widerspricht, sondern in ihm aufgehoben ist. Es ist die Wiederholung einer Tradition, die nicht im Widerspruch zu Ansätzen moderner Tradition, wie den Naturwissenschaften zu stehen braucht, wenn wir diese ihrem Wesen entsprechend korrekt differenzieren. Angesprochen wird dieses Verhältnis in einer Bemerkung von Heisenberg (Carl F. v. Weizsächer in "Über Heisenberg, Heidegger und Hölderlin"): "Es gibt Dinge, über die man sich einigen kann und die Dinge, die uns etwas bedeuten. Von den Dingen, über die man sich einigen kann, handelt die Wissenschaft; die Dinge, die etwas bedeuten, spricht die Kunst aus." Dieser Dualismus ermöglichte es ihm, sein Misstrauen gegen Ideologien und Dogmatik auszusprechen. Er habe von jeher in zwei getrennten geistigen Welten gelebt, in der Wissenschaft und in der Kunst. Es war ihm aber unentbehrlich, in beiden Welten zu leben.

Ein Aspekt dieser Differenzierung der beiden geistigen Welten beinhaltet für mich als Künstler, dass ein bestimmtes Selbstverständnis von: Wissenschaft Übereinkunft im Sinne von Eindeutigkeit anstrebt, während Kunst, und das verbindet sie mit der Psychoanalyse, sich mit der Mehrdeutigkeit im Spiel der Bildelemente und der Symbole beschäftigt. Der Unterschied besteht in der Ausschließlichkeit der einen und der Einschließlichkeit der anderen Haltung.

Ich bin mit dieser Frage nach der Bedeutung und der Deutung täglich konfrontiert, denn der Schüler will von mir wissen, wie ich sein Bild sehe. Er erwartet, dadurch aus seiner Einsamkeit herausgeholt zu werden, indem seiner Phantasiearbeit die des Therapeuten hinzugefügt wird, so dass es zu einer erweiterten Subjektivität kommt. Dies macht den Therapeuten zu seinem Hilfs-Ich und stützt und stärkt ihn auf dem Weg zum bewussteren Umgang mit unannehmbaren Seiten seiner Person.

Mir ist bei der Wahl des Titels zu meinem Referat eine bezeichnende Fehlleistung unterlaufen. "Rot ist eiskalt" gehört natürlich in Anführungsstrichen, damit es als Aussage eines Neurotikers gekennzeichnet ist. Da ich generell mit Krankheitsbegriffen und diagnostischen Etiketten auf dem Kriegsfuß stehe, habe ich dies unwillkürlich unterlassen. Die mir als Therapeuten zustehende "Restneurose" exkulpiert mich von der Fehlleistung. Andererseits führt die Fehlleistung mitten hinein in das Fachgebiet. In der Arbeit mit Übertragung und Widerstand ist die Gegenübertragung mitgedacht, d. h. ich muss mir Rechenschaft ablegen über meine Gefühle gegenüber dem Klienten. Als Kunsttherapeut auf doppelte Weise, wobei das zweite Gefühl das beinhaltet, was durch das Bild erzeugt wird. Denn bevor überhaupt eine Reflexion in Gang kommt, habe ich bereits reagiert und bewertet.

Ein schwieriger Farbklang, ein gehemmter Duktus und die Einseitigkeit einer Formgebung, aber auch eine muskuläre Verspannung im Gesicht, kann für mich ein Zeichen sein und ich bin dankbar, dass mir die Intuition dabei weiterhilft. Sie ist übrigens, was das "Lesen", bzw. Schauen der Bilder betrifft, nicht ohne eine intensivierte künstlerische Selbsterfahrung zu haben. Die Frage nach dem Nutzen einer solchen Sonderkompetenz, die intuitive Arbeit mit Bildern, ist konstitutiv für den Sinn von Kunsttherapie als eigener Disziplin überhaupt. Ich werde an anderem Ort darauf zurückkommen, ebenfalls auf die Frage des Unterschiedes zwischen künstlerisch und therapeutisch orientierten Kunsttherapeuten.


Wenn ich selbst es zugelassen habe, dass der Untertitel des Referats "Bei- Spiele aus der Arbeit mit Neurotikern" lautet, so habe ich mich einem Konsens unterworfen, dem unbewusst eine Angst vor missbräuchlichen Ausgrenzungsmechanismen vorausgegangen sein mag. Dies nur am Rande, weil es ein Teil des Hintergrundes ist, vor dem wir diskutieren.

Gehe ich von einer Solidarität aus, die sich statt auf Diagnosen auf konkrete Angst bezieht, dann ergibt sich für die Kunsttherapie ein Selbstverständnis, das über den engen Blick auf Minderheiten in der Psychiatrie hinausgeht. Dann gewinnt der Therapiebegriff etwas von seinem ursprünglichen Sinn zurück, der im Griechischen mehr meint, als nur "heilen". Er meint auch (Gott) verehren. Dieser ehrfürchtige Umgang mit der Angst im Menschen beinhaltet, im technischen Terminus der Psychoanalyse, die Arbeit mit Übertragung und Widerstand. "Gott verehren" hieße für den psychoanalytisch Orientierten einen strengen Anspruch auf Wahrhaftigkeit im Sinne dieser Solidarität.

Wenn also bei dem zur Frage stehenden Bild die bekannte Abwehr der Verkehrung ins Gegenteil, wenn Rot als eiskalt bezeichnet wird, so kündet sich eine besondere Angst an und mit ihr der tiefere Sinn dieser Abwehr. Die Angst wird fast sinnlich spürbar und erhält die spezifische Note, die das gemeinsame Betrachten des Bildes vermittelt. Karl, der zu meiner Überraschung diesen Satz aussprach, nahm ihn bei meiner Rückfrage zurück, sagte "nein, das Rot ist schon warm oder sogar heiß". Er passte sich schnell der gängigen Farbpsychologie an. Das erste, spontan geäußerte, eigene Erleben und die poetische Formulierung wurde durchs Allgemeine verdrängt.

Ich verstand diese schnelle Korrektur als Unterwerfung unter eine ästhetische Norm, die unterschwellig durch mein erstauntes Nachfragen verstärkt worden sein mag. Ich achtete nunmehr vermehrt auf diesen Widerstand, um nicht neue Normbildungen zu begünstigen. Bewusstseinsfähig erwies sich ein Zusammenhang in der Beziehung zur Mutter, die Gefühlskälte, die sie ihm gegenüber geäußert hatte und einem roten Kleid, das sie häufiger getragen hatte.

Zusammenfassend zum Problem der Deutung - ich beschränke mich auf die Farbsymbolik - möchte ich hier festhalten, dass es in der kunsttherapeutischen Annahme im Umgang mit Farbpsychologie kein" An-Sich" einer gegebenen Farbbedeutung gibt. Die spezifische Wirkung einer Farbe stellt sich her im Verhältnis zu anderen Farben, was als "Farbklang" bezeichnet wird und ihrem Zusammenhang zum lebensgeschichtlichen und soziokulturellen Hintergrund. Zum Beispiel, dass in Asien Weiß für Trauer steht. Aus diesen verschiedenen Faktoren ergibt sich ein Symbolbildungsprozess dynamischer Art, der sehr schwer in einer linear konstruierten Analyse zergliedert werden kann. Dieser Prozess entfaltet sich in seiner idiografischen Bedeutung als Relation zwischen Farbklang und verschütteter Erinnerung. Der Begriff der idiografischen, also der persönlich, lebensgeschichtlich einmaligen Arbeit stammt von Maslow.

Die verschüttete Erinnerung enthält bei Karl ein Ereignis, über das er nur andeutungsweise sprechen will. Er gerät in ein heftiges Atmen, das dann nachlässt, wenn er sich mit seiner Angst freiwillig konfrontiert. Die zeitliche Reihenfolge war die, dass die Angst zuerst unbewusst ausgedrückt wurde, in der Zeichnung vor allem mit einem exzessiven Gebrauch von Schwarz. Dann kommt das bewusste Anschauen der Angst darstellenden und erzeugenden Symbole, schließlich das der erinnerlichen bedrohlichen Situation in der Vergangenheit. Zuvor war die Rede von Mehrdeutigkeit. Natürlich bedeutet Schwarz sehr viel mehr als nur Angst. Und die jeweiligen Assoziationen, sei es nun Tiefe, Wasser, Kosmos, Gebärmutter und Tod entblößen ihren Sinn erst beim Durcharbeiten. Durch eine Farbe und/oder einen Farbklang (Akkord) vermitteln sich demnach immer mehrere Momente gleichzeitig: unbewusste und bewusste Bedeutungen des Subjekts und intersubjektive, kommunikative Momente, die Bedeutung, die bei der Gruppe in Form eines gemeinsamen Erlebens ankommt und über das ein Konsens hergestellt werden kann. Dem Urheber zunächst nicht bewusst, in der Folge aber als unbewusstes Moment angenommen werden kann, dass also unbewusstes und intersubjektives Moment identisch sein können. (Ich führe diesen Aspekt noch in dem Teil "schwarzer Stein" anschaulich aus). Dieses Annehmen einer Gruppendeutung ist nicht dasselbe wie die Unterwerfung unter einen Gruppenzwang. Die Verweigerung einer Deutung ist genauso möglich und führt in der Regel zu einer fruchtbaren Fortsetzung der Arbeit. Bei der Kunsttherapie liegt der Vorteil darin, dass Verdrängtes und Unannehmbares in der non-verbalen Form leichter ausgedrückt werden kann als in seiner sprachlichen. Analog dem Traum: statt der sexuellen Erregung wird eine Treppe geträumt. In den Bildern geschieht Vergleichbares.

Oben habe ich das Bild einer Wasseroberfläche als Modellvorstellung für ein Feld vorgeschlagen. Wenn wir die Fläche dreidimensional auf die Gesamtheit des Wassers projizieren, so erhalten wir ein Bild von der Tiefe eines Feldes, das ich hier als Bild für die tiefenpsychologische Erfahrung nehmen will. Auf dem Grund ruht der Stein. Es ist der des gesellschaftlichen Anstoßes, den nach wie vor die Sexualität bildet. Er ist auch ein Symbol für die Verhärtungen, die Anpassungsängste erzeugen. Mit diesem Thema, das auch das von Karl war, komme ich zu dem Abschnitt meiner Ausführungen, der von der Körperarbeit handelt.


Die künstlerische Tätigkeit ist weitaus weniger mechanisch als die meisten Handarbeiten, die unsere Arbeitswelt zur Verfügung stellt. Dass es sich auch um Körperarbeit handelt, wird beim feinmotorischen Hantieren aus dem Handgelenk heraus gar nicht so sehr bewusst. Erst bei großformatigen Arbeiten in Lebensgröße bewirken die ausladenden Schwünge eine Vertiefung des Atems: es wird klar, dass wir es mit einer indirekten Bewegungs- und Atemtherapie zu tun haben. Das Bild als Erweiterung der Körpersphäre. Chaim Soutine warf sich in der Ekstase des Malaktes auf die noch nassen Leinwände. Cézanne, der Berührungsängstliche, setzt seine Spannungen in eine bildnerische Revolutionierung der Sehgewohnheiten um. Mit den Beispielen könnte man lange fortfahren, Beispiele für den Zusammenhang von Bildnerei und Körper.

Ich will mich auf einen Aspekt beschränken, den ich im ersten Abschnitt angedeutet habe. Es ist die Gegenübertragung und der Widerstand. Die Formel der "agierenden" Psychotherapie enthält ein Urteil über einen Mangel. Den, dass die Aktion den Schmerz und daher heilsamen Bewusstwerdungsprozeß in der Sprache unterlaufe, der zum Gelingen der Therapie dazugehört. Es ist ein wichtiger Gedanke und trifft sicherlich jene Methoden, die es bei einer rein kathartischen oder zudeckenden Methode bewenden lassen. Wo jedoch das Gespräch und die Deutungsarbeit hinzutreten, wird die analytische Arbeit nicht, wie befürchtet, verunmöglicht, sondern analog wie bei der Arbeit mit den Träumen, um unbewusstes Material bereichert. Allerdings ist natürlich mit dem Bildmaterial anders umzugehen als mit dem Traummaterial (siehe hierzu den Abschnitt "Der Alptraum").

Die Unterschiede zum klassischen Setting der Psychoanalyse sind eher technisch-methodologischer, nicht prinzipieller Natur. Es wird natürlich nicht auf der Couch liegend gemalt. Und die dyadische Übertragungssituation ist erweitert durch das dritte Objekt, das Bild. Das Bild tritt als Spiegel und "Schoß" dazwischen. Die psychoanalytische Kunsttherapie ist ein Paradebeispiel dafür, wie in einem zum "Agieren" stimulierenden Medium erfolgreich gearbeitet werden kann. Es geht hier um zwei unterschiedliche Formen des Agierens. Das in der Psychoanalyse verpönte Agieren, das vom Patienten mit der Absicht eingesetzt wird, einen peinlichen Diskurs zu vermeiden, abzulenken usw. ist zu unterscheiden von einem in kreativer Absicht begonnenen Agieren, bei dem gerade das Gegenteil, nämlich das spontane Ausdrücken unbewusster Gefühle gefordert werden soll. Das Gestalten tritt an die Stelle des Träumens, eine wesentliche Hilfe, wenn der Analysand seine Träume nicht erinnert.

Diese Vielschichtigkeit wird sichtbar im bildnerischen Produkt einer Gruppe. Das Thema einer Sitzung hieß: "Stellt Euch selbst als Tier dar." Der Körperbezug ist hier nicht mehr indirekte Bewegungstherapie oder Regression durchs Material, sondern Umsetzung der eigenen Triebkräfte in eine animalische Repräsentanz: ein Symbolbildungsprozess, in dem auch die Frage der Nachbarschaft (Nähe) zu den anderen Gruppenteilnehmern auftaucht.

Die Regression, die therapeutisch als "im Dienste des Ich" stehend gesehen wird, kann durch das Setting (z.B. auf dem Boden, auf der Couch liegend) durchs Material oder durch das Thema, wie oben bereits dargestellt, angeregt und gesteuert werden. Hier wird sie durch Thema und den lebensgroßen Bildträger erzeugt. Die neurotische Neigung ist, frühe Situationen zwanghaft zu wiederholen, eine gegenwärtige Situation in ihren aktuellen Bezügen zu verkennen und Wahrnehmung von Realität zu verzerren. Die Therapie macht sich die Neigung zu regredieren zunutze, unter dem Terminus der "emotionell korrigierenden" Erfahrung, indem sie an diesem Nullpunkt mit ihren Interventionen ansetzt. (Wenn ein Mensch vor einem überlebensgroßen, monumentalen Format steht, fühlt er sich womöglich durch die schiere Größe in die Position eines Kindes versetzt. Wir begegnen diesem Prinzip im manipulativen Gebrauch architektonischer Gestaltung in totalitären Gesellschaften, deren Herrschaftsinteressen durch die Infantilisierung der Massen erhalten werden soll. Walter Benjamin verweist darauf, dass im Faschismus die Massen zwar zu ihrem Ausdruck (Paraden, Aufmärsche usw.) kamen, aber nicht zu ihrem Recht. Deshalb ist immer Vorsicht geboten bei der Ästhetik der Massen! Sie ist an der Stereotypie, am Kitsch und an der Postkartenfarbigkeit erkennbar. Hitler sagte, dass er kein Bild akzeptiere, auf dem nicht der Himmel blau sei. Eine problematische Reaktion auf die faschistoide Haltung mit ihrer Unterwerfung unter das Kollektiv ist die Vorstellung einer Individuation im Sinne dieses von C.G. Jung elaborierten Begriffs. Sie neigt wohl eher dazu, schizoide Pathologie im Soziokulturellen zu rechtfertigen und zu verdecken, als dass sie demokratische Kultur fordern könnte. Um in den Therapien die rechte Verantwortlichkeit zu entwickeln, müssen wir uns deshalb über den Charakter und die Folgen unserer Methoden genau im Klaren sein. Sich selbst als Kind zu spüren, bleibt oft vorbewusst. Es ist aber auch etwas anderes als blinde Anpassung ans Regressive. Erst das überwache Bewusstsein eines Picasso konnte die Erkenntnis in Worte fassen, dass er Jahrzehnte gebraucht habe, um wieder so zu werden wie ein Kind. In der Analyse bedeutet dies ein notwendiges Durchgangsstadium.

Ein anderes Beispiel war ein Gruppenbild, bei dem eine Teilnehmerin eine Zeitlang eine Lähmung der ganzen Gruppe bewirkte. Sie hatte den Bildträger, ein Packpapier zerstört, indem sie eine Schlange ausgeschnitten und an einen anderen Platz auf dem Papier versetzt hatte. Sie benutzte die Gruppe, um eine alte Geschichte zu wiederholen. Sie hat ein denkbar schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern und erlebte die Teilnehmerin, die sich als Schlange dargestellt hatte, wie ihre Mutter. Sie befürchtet die Nähe dieser Frau. Sie selbst hat sich als "Höllenratte" dargestellt. In ihr hat sie ihre abgespaltenen Teile dargestellt, die inneren Objekte der Eltern. Die Ratte sieht gleichzeitig furchterregend und bedürftig aus, ist elend und kann sich kaum bewegen. In der Höllenratte zeigt sich die höllische Symbiose, in der sie unbewusst noch mit Vater und Mutter verbunden ist. Diese ist so unerträglich, dass sie reaktiv ihre Mutter siezt und seit Jahren zu den Eltern auf äußerste Distanz gegangen ist. Dies ständige Pendeln zwischen unbewusster Symbiose und beabsichtigter Trennung wiederholt sie später mit ihrem Mann und der Tochter in einem ewig sich hinziehenden Scheidungsprozess. In den Sitzungen geht es häufig darum, diese abrupt abzubrechen, und zwar dann wenn durch eine einfühlsame Deutung des Therapeuten eine stärkere Nähe als bedrohlich erlebt wird. Ein Problem liegt darin, dass es schwierig ist, die Eltern zu differenzieren. Sie kann sich weder mit dem Vater noch mit der Mutter identifizieren und bleibt dadurch in einer Unsicherheit anderen Menschen gegenüber, die sie gegenwärtig nur mit unangemessener Aggressivität oder übertriebener Bescheidenheit beantworten kann. Dies ist ihr bewusst und sie leidet darunter.


Inzestuöse Schuldgefühle der Eltern übertragen sich auf das Kind in der Form, dass ihm ein Sprachverbot auferlegt wird, das über Jahrzehnte andauert. Bestimmte Worte mit sexuellem Inhalt können von ihr nicht ausgesprochen werden. Das Sprachverbot hatte eine merkwürdige körperliche Dimension. Die Klientin hatte mehrfach geäußert, dass sie nicht kotzen könne. Ich achtete nicht weiter darauf, da mir ein aktueller Anlass fehlte. Eines Tages kriegte sie beim Anblick einer gerade fertig gestellten Zeichnung einen Erstickungsanfall. Ich forderte sie auf, auszukotzen, was immer sie auch herunter würge. Als sie dem Impuls nachgab, also die Richtung der Bewegung umdrehte, fing sie an zu lachen und spürte eine große Erleichterung. Sie strahlte und meinte, sie spüre eine selten erlebte Freude. Es war jahrelang ihre Sorge gewesen, sich nicht richtig freuen zu können. Jetzt hatte eine als "eklig" empfundene Zeichnung als Schrittmacher für einen körperlichen Reflex gedient: sie konnte symbolisch das ihr auf- erlegte Sprachverbot durch-brechen und er-brechen.

Die eingangs von mir erwähnte Transposition einer Spannung von einem Medium ins andere hatte hier wieder eine entlastende, lockernde Wirkung gezeitigt, diesmal in Richtung auf eine, die seelische Konfliktlösung vorbereitende, körperliche Lösung. Das verdrängte Ereignis ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder erinnert worden. Das Ich noch nicht stark genug. Aber mit größerer Gelassenheit kann jetzt auf der sprachlichen Ebene weiter gearbeitet werden. Es kommen jetzt auch öfters Worte aus der Leibsphäre über die Lippen.

Für mich ist es sehr wichtig, meine eigene Angst vor dem physischen Durchbruch anzuschauen und zu lernen, sie anzunehmen. Lehrreich nicht zuletzt im Hinblick auf eine Dogmatik der Methodenreinheit. Sie ist für den Lernenden anfänglich notwendig, um die besonderen Wirkweisen seines Mediums kennenlernen zu können. Diese Methodenreinheit kann aber zum undurchschauten Widerstand werden, vor allem dann, wenn das Medium vom Therapeuten narzisstisch besetzt ist. Ein Maler kann sich so auf sein Medium versteifen, dass er die Schrittmacherfunktion desselben verkennt, auch und gerade in der eigenen Arbeit. Er lebt und verliert sich möglicher-weise im Werk und sein Leben gerät zu einem Flop, was bei vielen ganz Großen passierte, z.B. bei Van Gogh. Der Therapeut tut gut daran, durchlässig zu werden und zu lernen mit dem umzugehen, was ich die "Beziehungsenergie" nenne. (Wie die bekannte Münchener Analytikerin, die im entscheidenden Augenblick das Dogma der Abstinenz sausen ließ und die unansprechbare Patientin anfasste, die sich unter der Decke verkrochen hatte und nur noch ihre Hand heraushängen ließ.)

Mit Abgrenzung meine ich, dass es wichtig ist, sich zu jedem Zeitpunkt darüber im Klaren zu sein, auf welcher Ebene die Arbeit stattfindet und welche unbewussten Widerstände, die auch solche des Therapeuten sein können, sich einschleichen. Nur zu sprechen, kann ein Widerstand gegen das Ausdrücken von Gefühlen und eine unbewusste Verstärkung des Sprachverbots, ein Abwehrmechanismus der Intellektualisierung sein.

Als Fazit möchte ich bemerken, dass sich bei meiner Arbeit der Eindruck erhärtet hat, dass sich die Kunsttherapie als Bindeglied zwischen den beiden Formen der Arbeit, der sprachlichen und der körperlichen, erwiesen hat. Das Bild drängt zum Wort und die Sprache vermag unverständlichen Strukturen erst den Sinn zu verleihen, wobei bestimmte Gefühle erst durch die Gestaltung zu ihrem Ausdruck finden und Sprachhemmungen unterlaufen werden können. Am anderen Ende des Spektrums kann das Gestalten eine Öffnung zum Körper-Spüren bewirken und ein entspannteres Verhältnis zum Erleben des eigenen und der Nähe des Körpers des anderen anbahnen. Die Abgrenzung ergibt sich immer aus dem persönlichen Stil des Therapeuten.

Im letzten Abschnitt, der über das Verhältnis von Bild zu Wort handelt, möchte ich von der Zeichnung eines Jugendlichen sprechen. Nach einem geleiteten Tagtraum entstand ein Bild, in dem auf der linken Seite etwas steht, dass wie ein Sarg aussieht und zur Stimmung des ganzen Bildes passt. Bei der Besprechung ergab es sich, dass in seiner Familie ein Trauerfall statt gefunden hatte und er sich davon noch sehr stark betroffen fühlte. Tatsächlich hatte er nicht darüber sprechen wollen. Im Bild hatte er einen zur Inneneinrichtung gehörigen Kamin darstellen wollen. Er war ihm zur Sargform geraten. Nicht oft begegnen wir solch anschaulichen Bildern, in denen der Mechanismus der Verschiebung so anschaulich wird. Die nicht gelebte Trauer setzt sich in der Gestaltung derart durch, dass aus dem Kachelofen ein Symbol der Trauer wird, die sich stimmungsmäßig über das ganze Bild legt. Das Ausdrücken von Schmerz und Trauer ist, vor allem bei Männern, noch stärker verpönt als das von Aggressionen. "Die Unfähigkeit zu trauern", wie der berühmte Buchtitel von Alexander Mitscherlich lautet, ist nur die Spitze vom Eisberg einer generellen Unfähigkeit, alle möglichen Gefühle nicht leben zu können. Dies mit dem Ergebnis, dass immer mehr Krankheiten durch unterdrückte Gefühle entstehen. Die Ausdrucks- oder Sprachlosigkeit hat ihr Pendant in der Verdrängung der Gefühle. Aber ganz lassen sie sich nicht verdrängen und dies äußert sich dann in einer kleinen motorischen Störung, in der Unfähigkeit, genau das darzustellen, was das kontrollierende Über-Ich eigentlich wollte: die realistische Abbildung des unverfänglichen Kamins. Bei dem Satz "Rot ist eiskalt" ist die Störung direkt in die semantische Struktur als Verstoß gegen die anerkannte Farbpsychologie gerutscht. Bei der ekligen Zeichnung, die das Kotzgefühl provoziert, ist das starke Gefühl, das sich unbewusst auf die Mutter bezieht, verschoben und tritt als Ekel gegen das eigene Produkt auf. Die Verschiebungen, Verdrängungen und Projektionen, die von der Psychopathologie als "abnorme Erlebnisform" diagnostiziert werden, haben eines gemeinsam: sie drängen zum sprachlichen Ausdruck. Und die Sprache ist das einzige, das man nicht gut mit sich alleine machen kann, es bedarf des Austauschs, der Kommunikation. Ein Bild male ich zunächst für mich selbst, hingegen ist das Selbstgespräch schon eher anrüchig. Mit der Kommunikation der Rede, mit dem Diskurs setzt ein wesentliches Moment der Heilung, das Mit-teilen ein.


Welche Rolle spielt nun das Bild bei diesem Mit-teilen, teilen oder, im Englischen, beim "sharing"? Das Bild ist ja Mitteilung und Produkt in einem. Der Therapeut ist immer zuerst an den Mitteilungen interessiert, an den quasi-sprachlichen Inhalten und an dem non-verbalen Prozess, an dem teilzuhaben ihm einiges über die Klienten vermittelt, das sonst schwer, wenn überhaupt zu haben ist. Es ist ein "feeling": indem das Auge die bildnerischen Spuren abtastet, überträgt sich der Spannungszustand vom einen auf den anderen in einer spezifischen, schwer in Worten zu beschreibenden Weise. Die Kompetenz des Kunsttherapeuten besteht darin, wie ein Künstler oder Kunstkenner zwischen Stereotyp und echtem Ausdruck, zwischen Kitsch und Kunst unterscheiden zu können. In der Therapie kristallisiert sich der echte Ausdruck als Produkt, ohne jedoch bereits einen Kunstanspruch zu haben. Eine Teilnehmerin äußerte neulich, das Bild interessiere sie nicht, sie könne nichts. damit anfangen. Sie interessiere nur das Machen, das Herstellen. Andere wiederum sind sehr am Produkt interessiert, nehmen die Arbeiten mit und hängen sie zu Hause auf, wie andere das nur mit den Arbeiten von Kindern tun. Die ästhetische Qualität von Bildern, so sie überhaupt auftritt, wird häufig gar nicht erkannt. Die Arbeit des Kunsttherapeuten liegt dann darin, sich mit dem verborgenen Künstler zu verbinden, ihn freizusetzen, um über den Umweg der künstlerischen Identifikation eine Lockerung der Ich-Grenzen zu erreichen. Das heißt in anderen Worten "künstlerisch" = gesund. (Ich verweise hier auf den Text von Siegfried Neumann in Heft 11 von "Kunst & Therapie" "Ist in der komplexen Gesellschaft der Neuzeit Gesundheit möglich?") Denn üblicherweise heißt es, dass sich der Therapeut mit den gesunden Anteilen des Patienten verbündet. Von der Anti-Ästhetik her bietet die moderne Kunst wohl eine einzigartige Möglichkeit, über-ich-haften Normen im Gestaltungsprozess zu relativieren. Der seit dem Tachismus gewohnte und gelockerte Umgang mit Flecken und mit Flüssigem, hat eine logische Entsprechung in der regressiven Arbeit mit Fingerfarben und Ton. Die Reaktualisierung der analen Phase und ihrer Erlebnisweisen setzt beim Therapeuten ein eigenes Wissen und die erfolgreiche Bearbeitung an deren Themen voraus. Dann erst kann er angstfrei und einfühlsam auf die Gestaltungen eingehen, die beim Klienten zunächst die alten, verinnerlichten Pfui- Verbote wachruft. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Psychoanalyse es fertig gebracht hat, diese Phase und deren Körperschema, das Scheißen, mit den höchsten Produkten unserer Kultur in einen Zusammenhang zu bringen, dann kann ermessen werden, über welch breites Assoziationsspektrum der analytische Kunsttherapeut verfügen können muss. Denn meistens drängen sich die Zusammenhänge nicht so plakativ auf, wie im Kamin-Sarg- Beispiel.


Schauen wir uns die Mona Lisa an, dann enthüllt sich das Geheimnis des Lächelns erst beim Mitschauen des Hintergrundes, dieser unwirtlich kalten Alpenlandschaft, und einige mögen daraus die proble-matische Mutterbeziehung Lionardos ableiten. Sowohl Freud, als auch Erich Neumann haben sich an diesem "Fall" versucht und eine ganze Reihe anderer (Leuner z.B.)

Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an die sehr verbreitete Fotografie aus dem Vietnamkrieg, auf der ein Erschossener in dem Augenblick festgehalten wird, als die Kugel auftraf. Dieses seltene Bild mit außerordentlicher Signalwirkung ist exemplarisch für die Überflutung unserer Bildwelt mit der zu erwartenden Wirkung von Abstumpfung. Der zunehmenden Bilderinflation entspricht ein wachsendes Sprach- und Denkverbot allen Impulsen gegenüber, die Einhalt gebieten möchten. Der letzte Bereich, in dem noch persönliche Betroffenheit und Bewusstwerdung erhalten bleibt, ist der intime einer Psychotherapie, in der es ums Erinnern des Eigenen geht. Erst aus diesem schmerzvollen Prozess kann brennpunktartig die Nachreifung entstehen, die auch über die fragwürdige Innerlichkeit der Ein-Personen-Psychologie hinausgeht. Die Unwirtlichkeit, die Lionardos Mutterbeziehung kennzeichnet, ist vorwegnehmendes Stigma der modernen Gesellschaft und zur unbewussten Selbstverständlichkeit geworden. In ihrem äußeren Reichtum vermag sie keine Antwort mehr zu geben auf das Graffiti der Münchener Jugendlichen, die den Satz "Wo sollen wir hausen in Neuhausen?" auf eine Mauer gesprüht haben. Die Ästhetik der Punks produziert hellsichtig und einfach jene unsublimierten schroffen und stereotypen Ecken und Kanten, die da Vinci in die Klippen seiner Hintergrundlandschaft integriert hat: der Mangel tritt in den Vordergrund. Im Mittelpunkt wird er unübersehbar. Was bei Mona Lisa bedrohlich knurrt, bricht heute unüberhörbar in unsublimiertem Gebell aus, das sich in Erstarrung und Ritual gleich wieder zurücknimmt: übrig bleibt das Delikt, die Sachbeschädigung. Das ist der Rest, der in den Medien vermittelt wird.

Wenn wir in der "Tiefenperson" bei Lionardos Mona Lisa -etwa in der eher unbewussten Relation zwischen "unwirtlicher Alpenlandschaft" und dem Lächeln der Figur - also zwischen spürbarem Ausdruck des Hintergrundes und dem körpersprachlichen Signal "Lächeln", das widersprüchlich erlebt wird, die Spannung erkennen können, so gibt es in der Kunsttherapie Analogien und Methoden, um dieser "Tiefenperson" unserer Klienten zum Auftauchen zu verhelfen.

Beim blinden Zeichnen wird die visuelle Kontrolle des Zeichners ausgeschaltet. D.h. jeder, sich in der hilflosen Identifikation mit normierten Zeichenkodes manifestierende Widerstand wird durch dieses einfache Mittel umgangen und wir erhalten immer, wenn nicht gemogelt wird, echte Zeichnungen der Tiefenperson, die aus diesem Grund auch immer hochästhetisch wirken. In ihnen kommen Wahrheit und Schönheit vorübergehend zur Deckung. Natürlich erhalten wir in der Regel keinen Hintergrund, der wie im Vexierbild durch Umkippen plötzlich eine neue Bedeutung enthüllt. Dieser Grenzfall tritt nicht ein. Aber es entstehen Verhältnisse von Figur/Grund die in ihrer Wortlosigkeit wirken. Die Figur, das Gemeinte zeigt die inneren Spannungen, die als subjektives Körpergefühl den Unterschied zwischen linker und rechter, oberer und unterer Körperhälfte und den ihnen zugeordneten Lebensbereichen ausmachen. Der Platz, den die Figur einnimmt, sagt alles aus, über die Art, sich Raum zu nehmen und irgendwo, wo die Enden der Umrisslinie nicht zusammenfinden, kündet der Bruch in der Tiefenperson sich an, wird der Zusammenhang von Figur/Grund durch die Öffnung, die auch einen Mangel darstellt, sichtbar. Für den ästhetischen Laien ist es schwerer verständlich, dass und wie der Ausdruck der Flächenverhältnisse von Bild/Grund etwas über einen inneren rhythmischen Rapport aussagen kann. Er ist ähnlich zu lesen wie späte Figurationen von Henri Matisse, als dieser begann, jahrzehntelange Kontrolle loszulassen und neue Räume künstlerischer Freiheit zu erschließen.

Mit dem Sichtbarwerden der "Tiefenperson" in der Blindzeichnung ist ein erster Schritt zur visualisierten Selbsterkenntnis getan. Die Deformation zwingt den Betrachter, den Hintergrund "mitzulesen". Da dieser keine Gegenstände oder Symbole enthält, wirkt er wortlos, ähnlich wie in der Musik durch die Pause. Er ist nicht gestaltlos, da er seinerseits durch die Figur begrenzt ist. Es ist so wie bei der zenbuddhistischen Frage: "Wer bewegt wen? Der Wind die Blätter oder die Blätter den Wind?" Den Hintergrund kann ich nicht mehr deuten oder interpretieren. Es kann nur noch die Frage gestellt werden: "Was macht das mit Dir? Mit mir?" Ich kann mein Gefühl, meine Reaktion anschauen und mit denen der anderen austauschen. Und an irgendeinem Punkt, an dem des künstlerischen Ereignisses, hört dann auch die Psychologie im Sinne einer linear-logischen Vernunft auf. Die Vernunft, die dann in Kraft tritt, ist eine analoge. Sie verwickelt sich nicht in Widersprüche, da der Wider-Spruch vom Sprechen kommt.

"Der Teufel steckt im Detail", man könnte auch sagen, die "Tiefenperson wird erst an der Bruchstelle sichtbar". Das heißt, der Ort, an dem die Abgrenzung nicht aufgeht, wo die sichtbare Linie endet, steht symbolisch für den unbewussten Konflikt. Diese Tiefenperson, identisch vielleicht mit den Zügen des "Selbst", ist so sachlich wie das Wörtchen "Selbst". Dieses Neutrum, die dritte Person, zeigt sich als ebenso ungeschlechtliche Zeichnung, bei der nur noch die freudianische Gesinnung den Urheber abmahnt, das Geschlecht in einem Kringel anzudeuten. Meist unterbleibt es. Das Unbewusste hält sich für ebenso ungeschlechtlich wie unsterblich. Ein Verweis auf die transpersonale Psychologie.

Methodisch zu diskutieren wäre, inwieweit es sich bei der Blindzeichnung um eine Regression im herkömmlichen Sinne handelt. Ich versehe dies mit einem Fragezeichen. Interessant ist, dass die Lockerung, die wir anstreben, hier durch ein direktives Verfahren erleichtert wird. Das Mitfließen mit der Energie des Klienten bringt nicht automatisch unbewusstes Material hervor. Normalerweise verkommen die Gestaltungen von Neurotikern im Schrott visualisierten Widerstands. So wie der small talk die Herrschaft unbewusster kollektiver Widerstände auf der Sprachebene stabilisiert, so sichert der Kitsch der durchs Auge kontrollierten Abbildung die Herrschaft des Über-Ichs auf der Bildebene.

Cézanne hat als erster den Hintergrund auf die Höhe der bewussten Wahrnehmung gehoben, indem er ihn auf die gleiche Weise malt wie die Figur. Die stoffliche Entsprechung von Glas und Leintuch ist die gleiche. Da die Gegenstände im Malmaterial entstofflicht und allgemein geworden sind, muss der Bruch im Bild auf eine andere Ebene verschoben werden. Dies geschieht in der Darstellung des Raums. Es war unter anderem die Voraussetzung für den Kubismus. Der Künstler exerziert vor, was auf analytischer Ebene angestrebt wird. Die Verdrängung von was auch immer entspricht dem Bruch im Kunstwerk. Bei Lionardo ist dies abgespalten worden in die Dualität von Figur/Grund, unsichtbar geworden: klassische Verdrängung. Bei Cézanne, zu Beginn der Moderne, erscheint der für den Traum typische Bruch symbolisiert durch den Bruch in der Bildebene; die Tischkante ist bei einem Stillleben links und rechts nicht mehr in der gleichen Höhe. In der Analyse steht der Bruch am Punkt der Verdrängung. Bevor sich die Neurose auflösen kann, muss das Verdrängte durch sinnfälliges Erinnern bewusstseinsfähig, erinnert und mit den dazu passenden Gefühlen verbunden worden sein. In der Unvollständigkeit der blinden elbstsilhouette kann jeder unmittelbar den Bruch der eigenen Figur ablesen. Beim einen ist es am Schädel, beim anderen zwischen den Beinen.

Ich berichte von zwei blinden Körperbildern, die bei den Betroffenen starke Reaktionen auslösten. Eine sehr zwanghafte Künstlerin war völlig perplex über die Ausdrucksstärke ihrer Zeichnung. Sie hatte eine solche Zeichnung noch nie gefertigt. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, um ihr den Sinn dieser Übung zu erklären. Das Ergebnis hatte weit über ihre Erwartungen hinaus eine Perspektive für ihre künftige Arbeit erschlossen. Eine andere Teilnehmerin erhielt die Diagnose eines Brustkrebses zwei Monate nachdem sie in einem blinden Körperbild eine für sie damals unverständliche Verknotung gezeichnet hatte.

Ergänzung:
Die "Gestalt" der Mona Lisa ist in der Tat recht schwer zu verstehen. Sie ist im Sinne einer gefühlsmäßigen Relation von Figur/Grund nicht evident. Die Leute, die vorgeben, die Mona Lisa zu verstehen, reagieren nur im Vorfeld zwischen abbildendem Vorurteil und Reaktion auf den Grund. Möglicherweise ist das ganze Missverständnis der abendländischen Kunst von Renaissance bis Klassizismus auf eine derartige einseitige Sehgewohnheit zurückzuführen. Das Bild vom "blinden Seher" (auch ein Schamane), ist ein Gleichnis, das den Gegenpol dieser visuellen Blindheit kontrollierenden Sehens zeigt.

In diesem Sinne müsste der gute Kunsttherapeut auf doppelte Weise "blind" sein: einmal gegenüber ästhetischen Normen und blind gegenüber Abbildern.

Buchhinweis:

Veröffentlichung: Gerlach Bommersheim

Rotkäppchen im Schwarzweißfilm

Rotkaeppchen im Schwarzweissfilm
Claus Richter Verlag
190 Seiten
41 Abbildungen (sw/f)
Preis 29,50  €


ISBN 3-924533-55-5
In diesem Buch des Ausbildungsinstitutes der APAKT (Arbeitsgemeinschaft für psychoanalytische Kunst- und Gestaltungstherapie) wird eine Sammlung von Texten vorgestellt, die von Referaten, die auf Kongressen gehalten wurden über Protokolle der Arbeit in der eigenen Praxis bis zu freien, assoziativen Texten, sogenannten “Intermission Riffs” reichen. Gesamter Text ansehen:
Zusatzinfos:

Ankündigung: Es stehen ab jetzt Buchauszüge zur Verfügung: hier ansehen

Zu bestellen bei: Claus Richter Verlag

Abschlussarbeiten im Rahmen der kunsttherapeutischen Ausbildung

Abschlussarbeiten / Beispiele

Du glaubst zu schieben, doch du wirst geschoben Mephisto/Goethe ‚Faust'

Goethes Mephisto

Mamaundichundwelt

Selbstwerdung zwischen Containing und Loslassen
Zwei adoleszente Mädchen in einem gruppendynamischen Versuchsfeld

Abschlussarbeit im Rahmen der Ausbildung für psychoanalytisch orientierte Kunsttherapie der APAKT Hamburg. Die Arbeit wurde mit dem Einverständnis der beteiligten Mädchen realisiert und steht unter therapeutischer Schweigepflicht.
Für die Publikation wurden alle Namen geändert.
© apakt, Hamburg 2008

Du glaubst zu schieben, doch du wirst geschoben Mephisto/Goethe ‚Faust'

Goethes Mephisto

Vorweg

Das Projekt, das ich hier darstelle, hat viel Ähnlichkeit mit einem Hefezopf bzw. dem Prozess seiner Herstellung.
Der Umgang mit der Hefe kann unberechenbar sein, schließlich ist sie das Triebmittel, das Unbewusste oder die Seelenenergie, die beginnt in einer bestimmten Umgebung zu gären.
Anfangs ist der Hefeteig selbst meist nicht besonders schmackhaft, fast ungenießbar. Er ist empfindlich und eigensinnig, braucht einen ruhigen, dunklen Ort, Wärme und Zeit, will im Wechsel geknetet und wieder in Ruhe gelassen werden, um sich zu entfalten. Im Zusammenspiel dieser vielen Elemente kann jedoch ein wunderbar duftender schmackhafter Hefezopf entstehen. - In meinem Projekt spielten Ort, Wärme und Zeit eine ähnlich bedeutsame Rolle, denn auch hier ging es um Selbstwerdungsprozesse, die miteinander verflochten sind wie die Stränge des Hefezopfs.

Der eine Strang hat mit dem Selbstwerden von zwei früh-adoleszenten Mädchen zu tun, der andere mit meiner Selbstwerdung als Kunsttherapeutin und der dritte ist die Selbstwerdung i. S. des sich selbst organisierenden Gruppenprozesses. - Die Idee, ein kunsttherapeutisches Versuchsfeld mit Kindern und Jugendlichen zu initiieren, brütete ich im Sommer 2005 aus - am Ende meiner kunsttherapeutischen Ausbildung. Einerseits trieb mich meine eigene künstlerische Praxis dazu an, denn meine Kunstprojekte sind meist prozessual und kommunikativ angelegt; andererseits waren meine Erfahrungen als Kunstpädagogin ausschlaggebend.
Im Schulalltag war mir immer wieder aufgefallen, dass Kinder und Jugendliche statt ihrer Schulbrote, die ganze Palette ihrer familiären Probleme und Störungen mit in den Unterricht brachten. Scheidung, Suiziddrohungen, fehlende Väter, emotional übergriffige Mütter führten zu extremen Lernbehinderungen und Verhaltensstörungen. Unruhige Seelen, die hin- und herflatterten. Im Kunstunterricht konnte ich nur das Wenigste davon auffangen, denn als Unterrichtsfach steht die Kunst, wie alle anderen Fächer auch, unter dem Diktum von Zeitdruck und Bewertung.

Es wird gegängelt von Lehrplänen und droht allmählich zu einem Fach für kreative Techniken (Radierung, Aquarell, Siebdruck etc.) zu degenerieren. Dabei schreit gerade dieser Kontext nach einem Spielfeld, in dem sich alle Sinne öffnen können; einem Möglichkeitsraum, in dem unterschiedliche Seinsweisen des eigenen Selbst aufzuspüren und zu erproben wären. In dem kunsttherapeutischen Versuchsfeld, das mir vorschwebte, wollte ich mit einer kleinen Gruppe von Kindern/Jugendlichen aus problematischen familiären Verhältnissen arbeiten - ambulant und in gewissem Sinne prophylaktisch. Darüber hinaus schien mir dieses Projekt auch als Selbstversuch geeignet, erlernte kunsttherapeutischen Methoden anzuwenden und sie mit eigenen künstlerischen Ambitionen zu verknüpfen.

Wie dieses Projekt sich entwickelt hat und es letztlich, um im Bild des Hefeteigs zu bleiben, aufging, dazu möchte ich den Leser/die Leserin einladen. Das Lesen wird vermutlich wie das Schreiben einer mäandernden Expedition ähneln. Manchmal kam ich mir vor wie Kolumbus, der das klar kartografierte Ziel "Indien" anvisierte, aber unerwartet in Amerika landete. Am Anfang dieser Expedition jedenfalls steht viel ICH und am Ende viel WIR. Und dazwischen? Viel Selbstwerden....

Vorher aber, möchte ich mich noch bei den ‚rauen' Mädchen bedanken, die mich so viel erfahren und lernen ließen, auch bei den MitarbeiterInnen des Hamburger Sozialträgers für ihre offene Kooperation im Hinblick auf dieses Experiment; bei Gerlach Bommersheim, der mich weise gelassen hat, meinem Mann und meiner Tochter, die mich durch das netzwerkelnde Dickicht der Gefühle heldenhaft begleitet haben.

Kunsttherapeutisches Versuchsfeld

Anfang des Jahres 2005 nahm ich mit dem Sozialträger in Hamburg Kontakt auf. Dieser Sozialträger übernimmt die ambulante Betreuung von Familien, Kindern und Jugendlichen mit problematischen Hintergrund.
ADie Betreue. kümmern sich im Wesentlichen um die Aufrechterhaltung bestimmter Funktionsabläufe wie regelmäßige Mahlzeiten, Schulbesuch, Kontakt zu den Eltern und andere Maßnahmen im sozialtherapeutischen Bereich.. Für die "seelischen Allergien" und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder/Jugendlichen gibt es zwar flankierende Feuerwehrmaßnahmen und "Notfalltropfen", aber meist bleibt in dem eng geschnürten Zeitplan der Betreuer kein Spielraum z.B. für eine intensive Selbstwertstärkung der Kinder/Jugendlichen. Erst wenn eindeutig pathologische Symptome auftreten, ist eine psychotherapeutische Intervention angezeigt.

So stieß mein Angebot, ein kleines Pilotprojekt für den Zeitraum eines Jahres mit einigen betreuten Kindern/Jugendlichen zu starten auf kooperative Neugier.
Als stark problematisch hinsichtlich einer festen und andauernden Gruppe wurde seitens der Betreuer die Unpünktlichkeit bzw. mangelnde Verlässlichkeit der Kinder/Jugendlichen angeführt, zumal es sich um eine freiwillige Aktivität handele und die Jugendlichen oft durch Schule und Hort stark eingebunden seien. Ich müsste demzufolge mit unregelmäßiger Präsenz der Jugendlichen rechnen.

Meine Ich-Vorstellungen/Konzeptueller Rahmen/Setting

Das Projekt war offen angelegt und sollte einem Experimentierfeld entsprechen, auf dem ich mit egoistischen Suchbewegungen mein kunsttherapeutisches Arbeiten und meine Haltung entwickeln und beobachten wollte. Ich wollte diverse kunsttherapeutische Übungen einsetzen, um ihre Wirksamkeit und ihren aufdeckenden Charakter einschätzen zu lernen.
Darüber hinaus schien mir der anvisierte Zeitrahmen von über einem Jahr geeignet, um auch den sich selbst organisierenden Prozessen genügend Entfaltungsraum zu geben.

Spielregeln für das äußere ‚Sollte'-Setting waren folgende:

  • die Jugendlichen sollten möglichst einer Altersgruppe angehören
  • Arbeit sollte nicht in den Räumen des Sozialträgers, sondern an einem für die Jugendlichen neuen, unbelasteten Ort, stattfinden
  • die Gruppe sollte sich einmal die Woche für zwei Stunden an einem festen Termin treffen - die Betreuer sollten anfangs die Kinder/Jugendlichen zum Atelier begleiten ( 3-4 mal), um ihnen den Einstieg zu erleichtern
  • minimale Hintergrundinformationen zu den Kindern/ Jugendlichen, um selbst möglichst offen und unbelastet in den Prozess der Begegnung zu gehen (begleitet von der Frage, inwiefern meine Beobachtung des Gruppenprozesses, sowie die hergestellten Bilder genug Hinweise und Spuren aufdecken würden)
  • es sollte einen Austausch mit den jeweiligen BetreuerInnen geben.

Der Raum als Schutzraum und Möglichkeitsform

war in zweierlei Hinsicht ein tragendes Element meiner Konzeption. Ich wollte die Gruppe in einem Raum stattfinden lassen, der bereits eine sinnliche Dimension ausstrahlte Der Raum des Sozialträgers schien mir nicht geeignet. Er strahlte eine administrative, anonyme Behaglichkeit aus, implizierte geradezu ein kontrollierendes Aufpassen-müssen bezüglich Boden und Wände. Für die Jugendlichen schien mir aber genau das Gegenteil wichtig zu sein:
Ein Raum, der bei ihnen schon durch die Gerüche, Materialien, Farbspuren unbekannte, innere Spielfelder freilegen konnte und in dem sie sich anders körperlich bewegen konnten. Die Adoleszenzphase zeichnet sich ja u. a. dadurch aus, dass der Körper starken, hormonellen Wandlungsschüben ausgesetzt ist. Demzufolge spielt er für die Jugendlichen eine große Rolle. Der Raum sollte also die Möglichkeit zulassen, sich frei bewegen zu können, um großformatig und körperorientiert zu arbeiten und sich selbst im Gegenüber des Bildes zu erfahren.

Ich entschied mich, das Projekt in meinem Atelier stattfinden zu lassen; nicht ohne Bedenken, da es sich für mich um einen sehr intimen Raum handelt, der ein wenig die nötige therapeutische Abstinenz vermissen lässt.

Die Lage des Ateliers - im Hinterhof - im 1. Stock über eine Leiter erreichbar, assoziiert die Situation, sich auf ein Schiff oder in ein Baumhaus zu begeben.
Die Fenster im Innenraum sind so hoch angebracht, dass eine Ablenkung durch eindringendes Außen relativ gering ist (Blick in den Himmel). Dadurch entsteht eine geborgene Atmosphäre, die ein ‚Bei-sich-bleiben' ermöglicht. Andererseits ist das Atelier kein vollständig leerer Raum. Es gibt außer meinen noch andere Arbeitsplätze von Künstlern.
Die sichtbaren Arbeitsmaterialien (Bilder, Gipsabdrücke, Stehengelassenes, Unfertiges etc.) erzeugen einerseits Neugier für das andere, andererseits erfordern sie auch Respekt und Achtsamkeit vor der Grenze des anderen.

Die Zeitstruktur der zwei Stunden hatte ich schematisch grob gegliedert:

Ankommen, Umziehen, den eigenen Platz finden 15-20 min
Eine Übung bis max. 20 - 30 Min., evtl. auch länger Eine Pause von 15 Min
Besprechen der Bilder 20 - 30 Min
Abschied/Aufräumen 15 - 20 Min.

Natürlich orientierte ich mich - nachahmend - an dem mir vertrauten kunsttherapeutischen Procedere meiner Ausbildung.

Die Gruppenstruktur hatte ich für das Projekt gewählt, weil für Kinder/Jugendliche die Gruppe ein besonderer Agens ist. Innerhalb des sozialen Koordinatensystems dienen Gruppen wie Familie, Klassengruppe, Peer-groups dazu, die Identitätsentwicklung voranzutreiben. Die in diesen Beziehungsfeldern wirksame Gruppendynamik kommt potentiell einer Ressourcenaktivierung entgegen, kann sie natürlich auch entsprechend verhindern (s. Schemmel 2003 s.S.120 ZRM).

Von Seiten der Betreuer des Rauhen Hauses e.V. wurden vier Kinder vorgeschlagen, die altersmäßig eine Gruppe bilden konnten: Nicole 10 Jahre, Leonie 12 Jahre, Max, der Bruder von Leonie, 8 Jahre alt und Lotta, 9 Jahre.
Lotta kam nur die ersten zwei Male und bei Max hatte ich darum gebeten, ihn nicht mit in die Mädchengruppe zu geben, da Leonie, wie sich im Vorgespräch herausstellte, hohe elterliche Verantwortlichkeiten für ihren jüngeren Bruder entwickelt hat.
Leonie erschien das erste Mal mit ihrer Freundin Marlene (13), die nicht vom Rauhen Haus e. V. betreut wurde. Weitere zwei Wochen später führte Leonie noch eine weitere Freundin ein: Susanne (12).
So entstand schließlich ohne Absicht eine integrierte Gruppe aus vier Mädchen.
Wie bereits erwähnt, lag mir viel daran, keine detailgenaue Einschätzung zu den beiden betreuten Mädchen von Seiten des Rauhen Hauses e. V. zu bekommen, da ich die Bildarbeit als diagnostisches Medium einsetzen wollte.


Nicole, 10 Jahre

Nicole lebt mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Ali seit sechs Jahren zusammen. Die Mutter ist tagsüber selten zu Hause. Sie arbeitet als Altenpflegerin. Auch der Stiefvater hält sich kaum zu Hause auf. Nicole ist viel allein zu Hause bzw. in einem Hort und wird einmal die Woche einen Nachmittag vom Rauhen Haus e.V. sozialpädagogisch betreut.
Es gibt, ihrer Betreuerin zufolge, eine nicht nachweisbare Vermutung auf sexuellen Missbrauch. Nicole ist stark übergewichtig und in der Schule wiederholt durch kleine Diebstähle bei ihren Mitschülern (Pausenbrote, Geld etc.) auffällig geworden.

Leonie, 12 Jahre

Leonie wohnt mit ihrem jüngeren Bruder Max und ihrer Mutter zusammen. Zu dem Vater gibt es keinen Kontakt mehr. Bei ihrer Mutter wurde Borderline - Symptomatik diagnostiziert, was mehrfach zu klinischen Behandlungsaufenthalten führte. Während dieser Zeiträume wurden die beiden Kinder anderweitig, meist in Pflegefamilien oder von einer Tante betreut.
Nach Angaben ihrer Betreuerin gestaltet sich der Kontakt zu Mutter und Kindern bisher sehr schwierig wegen der extrem schwankenden emotionalen Zugänglichkeit von Leonies Mutter. So verhält sie sich mal stark aggressiv - abweisend, mal offen, sensibel und kooperativ. Oft ist sie zu Hause nicht anzutreffen und auch telefonisch nicht erreichbar.
Leonie kümmert sich intensiv um ihren 3 Jahre jüngeren Bruder.

Marlene, 12 Jahre (nicht vom Rauhen Haus e.V. betreut)

Sie ist eine enge Freundin von Leonie, geht mit ihr in dieselbe Klasse. Sie wirkt auf den ersten Blick sehr extrovertiert. Sie erzählt viel von sich, von zu Hause, von ihren Schwärmereien für Musikbands oder Jungs. Seit sich ihre Eltern vor einem Jahr getrennt haben, lebt Marlene allein mit ihrer Mutter und ihrer kleineren Schwester zusammen. Leonie übernachtet häufiger bei Marlene.

Susanne, 12 Jahre (nicht vom Rauhen Haus betreut)

Wurde ebenfalls als Freundin von Leonie mit in die Gruppe gebracht. Susanne geht in dieselbe Schule wie Leonie und Marlene. Die Eltern leben getrennt. Susanne ist ein sehr stilles, introvertiertes Mädchen. Auch bei Susanne übernachtet Leonie häufiger.

Für mich kam durch diese Kleingruppenkonstellation ein merkwürdiges Phänomen zustande, dessen Tragweite sich erst im Laufe der Gruppe entfalten sollte. Mir wurde plötzlich bewusst, dass sich hier Mädchen in einer Kleingruppe zusammengefunden hatten, die in dem gleichen Alter meiner Tochter waren. Koinzidenz oder Synchronizität? *

Der ca. einjährige Erfahrungsprozess dieses Gruppenprojekts entwickelte sich rückblickend in den folgenden Phasen:

  1. Optimierungsfalle
  2. Containermama
  3. Abschied/Abnabelung

Die erste Phase ,Optimierungsfalle' nahm ca. ein halbes Jahr in Anspruch und stand im Zeichen gegenseitiger Annäherung und des vertrauensvollen Beziehungsaufbaus, sowie aufdeckender bzw. diagnostischer Bild - und Kommunikationsarbeit.
Sie zeichnet sich für mich aber besonders darin aus, dass ich durch die Arbeit zusehends mit meinem kunsttherapeutischen, ambitionierten Ehrgeiz und Konzeptdrang in eine Sackgasse geriet. Anfangs war ich noch stark darum bemüht gewesen, "es richtig und optimal zu machen", d. h. die in meiner Ausbildung erlernte bekannte dreigliedrige Methode ‚Aufgabe - Bildrealisierung - Besprechung' auch in dieser Gruppe anzuwenden. Bald schon musste ich feststellen, dass sich in meinem Wollen etwas eng Pädagogisches eingeschlichen hatte, was mir den Zugang zum Gespür für die emotionale Befindlichkeit der Mädchen blockierte.
Ich scheiterte also umso mehr, je stärker ich versuchte die Gruppensituation hinsichtlich kunsttherapeutischer Kriterien kontrollieren bzw. optimieren zu wollen.
Die Mädchengruppe reagierte z. T. mit starker Abwehr auf die Bildbesprechungen und verweigerte sie schließlich vollends, was mich erst auf meine restriktive Haltung aufmerksam machte. Sie wollten sich nicht zum formatierten Beobachtungsobjekt umfunktionalisieren lassen.

Im Folgenden werde ich diese erste Phase anhand einiger selektiver Bildübungen beschreiben. Dabei vernetze ich meine Assoziationen zu den Bildübungen mit dem situativen Verhalten und Äußerungen der Mädchen, die sich während der Gruppensitzungen ereigneten.
Der Focus liegt auf den beiden Mädchen Nicole und Leonie, die vom Sozialträger betreut werden und die sich vorher nicht kannten.
Auf die beiden Freundinnen von Leonie, Susanne und Marlene, werde ich nur insofern eingehen als beziehungsdynamische Übertragungen innerhalb der Gruppe wirksam wurden.

* Als Synchronizität bzw. synchronistisches Prinzip bezeichnet C.G. Jung relativ zeitnah aufeinander folgende Ereignisse, die nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind, vom Beobachter jedoch als sinnhaft verbunden erlebt werden.

Phase I: "Optimierungsfalle"

Erster Eindruck: Nicole

Das erste Mal erscheinen nur Nicole und Lotta zur Gruppe, begleitet von ihren jeweiligen Betreuerinnen. Leonie fehlt. Nicole wirkt anfangs sehr brav und zurückhaltend und ist auffällig schick und tadellos gekleidet. Ich bemerke, wie sie in Windeseile den Raum und die Küchennische nach für sie interessanten (oder bedrohlichen?) Dingen wie z.B. Essbares/Bekanntes "abscannt". In mir entsteht ein leicht unangenehmer Widerstand, der sich aus dem ambivalenten Auftreten Nicoles speist: dieses dicke, artig überangepasste Mädchen mit ihrer nagelneuen trendy - Kleidung strahlt etwas Übergriffig-Distanzloses aus.

Zur Einstimmung beginne ich mit einer Übung aus jeweils vier 2-Minuten-Bildern. Die Farbe wird mit großen Pinseln bzw. Schwämmen auf Zeitungsdoppelseiten aufgetragen, die an der Wand befestigt sind. Diese Übung dient dazu, mögliche Angstblockaden vor einer weissen Fläche aufzulösen. Das bereits bedruckte Zeitungspapier schmälert den Erwartungsdruck, den weißes Papier ausstrahlen kann. Darüber hinaus kommt es der Lust entgegen, eigene Markierungen zu setzen. Die Zeitung vermittelt etwas von erwachsenen, vielleicht verbotenen Terrain, auf dem jetzt lustvoll geschmiert und übermalt werden darf, ganz im Sinne einer Umkehrung des Moralsatzes: "Kinderhände beschmieren Tisch und Wände"

Die beiden Mädchen stehen nebeneinander vor der Wand, und während Nicole zögerlich abwartet und arg abgelenkt mit ihrer Aufmerksamkeit im Raum hin und her springt, schwingt Lotta den Pinsel fast peitschenmäßig auf das Papier. Sie scheint sich körperlich regelrecht auf dem Bild auszutoben. Nicole ist irritiert. Sie wirkt unsicher angesichts dieses Verhaltens, schielt aber fasziniert wiederholt zu der kleineren Lotta neben sich. Dann beginnt sie mit breitem Pinsel ordentlich nebeneinander liegende gelbe Vertikalflächen zu malen, die sie anschließend mit Rot, dann mit Blau übermalt. Alles vermischt sich zu Braun. Beim nächsten 2-Minuten-Bild beginnt sie eine Tabelle aus der Schule (E Z H - Einer, Zehner, Hunderter) mit dem Finger in die feuchte braune Farbe zu zeichnen:
Als Lotta in ihr Bild ihren eigenen Namen schreibt, ahmt Nicole dies nach und steigert es noch, indem sie auch ihre Adresse mit betont wilder Gestik hinzufügt.

Es ist unschwer zu übersehen, dass diese Übung ein starkes Regressionspotential freisetzt und Gelüste der analen Phase weckt.

Baumbild

Beim zweiten Mal malte jede ihren persönlichen Baum. Es handelt sich um eine bekannte kunsttherapeutische Übung, in der die Baumsymbolik Aufschluss über die Befindlichkeit des Ichs gibt. Die Wurzeln zeigen die Verwurzelung des Ichs im kollektiven bzw. familiären Grund an, der Stamm rekurriert auf die Belastungsfähigkeit, während die Krone die Entfaltung der Persönlichkeit anzeigt.

Das Herz des Baums, jene Stelle, wo der Stamm in die Krone übergeht und die Äste entspringen, symbolisiert die Organisationsfähigkeit des ICHs (nach G. Schmeer). Da die ICH - Entwicklung jedoch gerade bei Jugendlichen starken physischen und psychosozialen Veränderungen und Einflüssen ausgesetzt ist, verweist die Baumsymbolik in diesem Alter vermutlich lediglich auf tendenzielle Strömungen von ICH - Anteilen.

Was das Bild andeutet

Wie schon bei der ersten Übung fiel mir auch hier auf, dass Nicole große Schwierigkeiten hatte, bei sich und ihrem Bild zu bleiben. Ihr Blick wanderte stets nach rechts zu Lotta und deren Bild. Sie begann Lottas Baumform nachzuahmen, in dem sie sich auch ihrer Farben bediente: Grün und Braun.
Auffällig ist, dass der Baum in Nicoles Bild zwar sehr massiv und stabil, gleichzeitig aber relativ unlebendig und schematisch wirkt. Stamm und Baumkrone sind braun, wohingegen die daran hängenden Früchte unreif grün sind. Auch wirken sie schematisch verteilt.
Insgesamt wirkt der Baum wie das plakative Stereotyp eines Baums. Bei der Farbwahl fällt besonders die Dominanz der Farbe Braun auf.

Der Regenbogen teilt das Bild in zwei Hälften. Er übernimmt die Funktion eines Schutzschirms für den Baum, schützt vor den positiven und negativen (Wetter-)Einflüssen von außen, Sonne und Regen.
In ganz anderer Malweise, nämlich sehr zart und fein, und gar nicht schematisch, ist links neben dem Baumstamm eine hellgrüne rundliche Form mit winzigen roten Pünktchen zu erkennen. Rechts neben dem Stamm eine ähnliche amorphe hellgrüne Form : "abgefallene Blätter" ( Zit. Nicole)

Auf meine Frage, ob sie denn der Baum sei, verneint Nicole und verweist auf eben jene kleine hellgrüne, rot gepunktete Rundform links neben dem Baumstamm.
Das sei ein kleiner Brombeerbusch. Sie mag Brombeeren und erzählt, dass es in der Nähe ihrer Wohnung zwei wilde davon gebe, von denen sie sich immer die Beeren stibitzt, aber auch ihre Mutter. Es scheint ihr "diebische" orale Lust zu bereiten an den "verbotenen" Beeren zu naschen, denn in ihrem Blick flackert etwas ganz Lebendiges auf. Über den Baum im Bild will sie nicht sprechen, stattdessen drängt sie auf die Pause. Ein wenig habe ich den Eindruck, als hätte sie mit dem Bild jetzt ihre Pflichtaufgabe erledigt und würde ihre ‚rechtmäßige' Belohnung einfordern.


Diese beiden hellgrünen amorphen Formen, links und rechts vom Baumstamm, scheinen viel mit Nicoles emotionalem Seelengewebe zu tun zu haben. Nach G. Schmeer macht sich im Bild oft ein Dominoeffekt dergestalt bemerkbar, dass tiefsitzende Bilddetails (s. Brombeerbusch und abgefallene Blätter) während der behutsamen Bearbeitung in bewußtere Zonen aufsteigen. Um diesen Vorgang zu verdeutlichen, entwickelte sie folgendes Schema der ‚therapeutischen Komplex-Bearbeitung' im Bild:

Schema des Dominoeffekts nach G.Schmeer

Demnach würde ‚D' in Nicoles Bild für den kleinen Brombeerbusch linksseitig und die abgefallenen Blätter rechtsseitig vom Stamm stehen.
Beide sind dem unbewussten Bereich zugeordnet, wohingegen Sonne und Regenwolke in der eher bewussten oberen Bildhälfte für ‚A' steht.

Der kleine Brombeerbusch wird sich tatsächlich in den nächsten Monaten in Nicoles Bildräumen ausbreiten und aufsteigen - insbesondere die roten Beeren!

Es war mir wichtig diese erste Begegnung mit Nicole kurz zu skizzieren, weil in ihr schon wesentliche Züge angelegt sind, die sich später im Gruppenprozess weiter ausstülpen werden.

Erster Eindruck: Leonie

Leonie tauchte das erste Mal zur Gruppe gar nicht auf, beim zweiten Mal nicht mit Betreuerin, sondern mit ihrer Freundin Marlene. Leonie wirkt auf mich feingliedrig und introvertiert. Gleichzeitig haftet ihr etwas Sprödes, fast burschikos Abwehrendes an.
Sie trägt eine dickglasige Brille, die ein stark schielendes Auge korrigiert. Brille und Haarsträhnen scheinen ein Schutz vor dem direkten Blick zu sein, denn Leonie vermied es, mich anzusehen und war auffällig eng auf ihre Freundin Marlene bezogen, mit der sie in eloquentem Redekontakt stand.
(Erst viel später sollte sich herausstellen, dass Leonie anfangs offenbar große Widerstände gegen die Malgruppe hatte, was sicherlich auch mit dem Umstand zusammen hing, dass ich darum gebeten hatte, dass Leonie ohne ihren jüngeren Bruder erscheint. Es war also Leonies Freundin Marlene gewesen, die sie als neugierige Zugkraft mit in die Gruppe gebracht hatte.

Leider gibt es keine Abbildungen von Leonies und Marlenes Baumbilder. Sie nahmen sie mit nach Hause. Doch ich erinnere, dass mir bei Leonie die stark akkurate Malweise aufgefallen war, fast so, als würde sie mit dem Pinsel zeichnen. Ganz anders dagegen Marlene, die sehr weit und malerisch mit dem Pinsel ausholte.


1. Gruppenbild: "Hände" - 20.04.05

anwesend: Nicole, Leonie und Marlene

Übung

Jede arbeitet an einer Seite des Tischquadrats. Die eigenen Hände sollten vorher von der anderen konturiert werden (1. Kontakt). Anschließend sollte jede das eigene Händepaar und den umgebenden Raum bemalen und sich langsam zu den Seiten, zur Nachbarin und zur Mitte bewegen. Die Tischplatte symbolisierte damit ein überschaubares Gemeinschaftsfeld, das von jeder "mit beackert" wird.

Angestrebte Erfahrung

ist es, sich über ‚eigenes Handeln' (die beiden Hände als vorgegebene Form) einen Bereich auf der Papierfläche anzueignen, diesen zu bespielen bzw. damit etwas von sich zu erzählen und über die Mitte und zu den Flanken eventuell ersten Kontakt zur Anderen aufzunehmen.

Bildprozess

Ich hatte mich spontan dazu entschlossen, an diesem Gruppenbild mit teilzunehmen (die therapeutische Abstinenzregel missachtend), weil ich die Lücke an Nicoles Seite füllen und einen Ausgleich zu dem Duo Marlene-Leonie herstellen wollte.

Die Tischsituation beschwor geradezu die Assoziation einer klassisch familiären Tisch-Mahlzeit herauf, in der alle Familienmitglieder um einen Tisch versammelt sind.

Nicole beginnt mit einer großen phallisch rosafarbenen Form, die zwischen ihren Händen gen Mitte "aufsteigt". Ihre Hände malt sie in Signalorange aus, konturiert sie mit Schwarz und versieht sie mit schwarzen Schweißbändern. Inspiriert von Marlene, die ihr gegenüber sitzt und lustvoll mit dem Finger und dem Pinselende malt, legt auch Nicole den Pinsel zur Seite und malt eine zweite aufsteigende Spiralform mit den Fingern. Sie bezeichnet diese Form als "Tornado".

Ganz offensichtlich genießt sie es mit der Farbe zu matschen, setzt überall heftig emotional ihre Handabdrücke drauf und scheint für Momente den Raum um sich herum vergessen zu haben.
Anschließend löscht sie mit dickem Pinsel die Handabdrücke wieder aus und auch der "Tornado" wird mit dunkelblaugrauer Farbe zugedeckt.
Auf meine Frage, warum sie denn alles übermalt habe, schweigt sie. Für eine Schattensekunde wischt ihr etwas Trauriges übers Gesicht, was sie aber abrupt unterbricht. Sie klinkt sich aus dem Malprozess aus und flieht förmlich vom Tisch und beginnt ihre Hände noch mal auf ihrem eigenen Mal-T-Shirt abzudrücken. Zuletzt schreibt sie noch ihren Namen darunter.

Assoziationen zu Nicole

Die phallische Form, anfangs fleischfarben zwischen ihren Händen aufsteigend, setzte in mir sofort den Gedanken an die geäußerte Vermutung des sexuellen Missbrauchs frei. Wie schnell und in welch kausaler Direktheit diese Vermutung in Verbindung mit einer Bildform zu einer scheinbar eindeutigen Gewissheit gerinnen konnte, irritierte mich. Mir scheint solch eine diagnostische Festschreibung hochgefährlich zu sein, zumal sie die Macht hat, alle Eindrücke und Wahrnehmungen auf ihr Format umzuschreiben. Denn hatte ich ihr anschließendes Übermalen der "phallischen Szene" nicht gleich als einen Akt des Verschwindens, eben einer versteckenden Geste, gedeutet.

Auch Nicoles Bezeichnung, es würde sich um einen "Tornado" handeln, fütterte meine Vorurteilsphantasie eines erregten, ejakulierenden Phallus. Ob Nicole jedoch den mutmaßlichen Missbrauch in dem Malgeschehen auf - und wieder zugedeckt hatte, erscheint mir jetzt eher zweitrangig. Weitaus wichtiger sind mir ihre emotionalen Reaktionen, die auf eine Traumatisierung, welcher Art auch immer, hindeuteten.
Auf den ersten Blick haftet Nicoles signalorangenen Händen etwas Glühendes, Brennendes an, dass in mir die Struwwelpeter-Geschichte "Paulinchen war allein zu Haus..." vergegenwärtigte. Es handelt sich um jenes Mädchen, das von den Eltern zu Hause allein gelassen wird, und genau das tut, was sie ihr verboten war, nämlich mit dem Feuer zu spielen. Das Verbotene, Heimliche drückt sich darin aus, wo Angstlust die Hände führt. Am Ende der Geschichte zerstört eben diese ‚Angstlust am Verbotenen' nicht nur das Mädchen, sondern das ganze Haus. So gesehen, scheinen die orangenen Hände von Nicole selbst zum Signal geworden, die um Hilfe zu ringen, als hätten sie sich an etwas Verbotenem (?) verbrannt, vielleicht etwas Bedrohlichem, einem Konflikt. Jedenfalls scheinen die Hände einer Hilflosigkeit ausgesetzt, in der die Hände nicht selbstständig anpacken, sondern nur passiv beklagen können. Sie könnten demnach ein Warnhinweis sein. Die Passivität wird durch die schwarzen Schweißbänder unterstrichen, die schnell die Assoziation von Handschellen hervorrufen, insofern auch ein gewaltsam An-der-Hand-geführt-Werden i. S. einer Mani-pulation nahe legen.
Die Tatsache, dass Nicole ihre Hände statt des Pinsels benutzte, um lustvoll in der Farbe zu matschen, ist m. E. auch ein Hinweis auf ein regressives Sich - Selbst - Spüren - Wollens. Allerdings konnte Nicole es erst zulassen, nachdem Marlene es ihr vorgemacht hatte. Ebenso lassen sich die Handhabdrücke, die Nicole über sich selbst und ihr Malfeld "stempelte" als ein Versuch lesen, Kontakt /Berührung zu sich und zur Welt herstellen zu wollen. "Hier bin ich gewesen!" oder "Das gehört mir!" - kleine Kinder versuchen sich durch lustvolle Handhabdrücke in Welt einzuschreiben.

Bildprozess/Leonie - das Getrennte und Vermischte

Leonie sitzt mir beim dem Gruppenbildgeschehen gegenüber - sie beginnt sehr sorgfältig mit verschiedenen Farben der Mitte zuzustreben, doch alle Farben mischen sich unversehendes miteinander, so dass sich ihre Handkonturen am Ende gar nicht mehr erkennen lassen. Sie ist sehr unglücklich darüber: "Das ist alles so düste r- mir fehlen die Farben Grün und Rot!" Doch gerade diese Komplementärfarben hatte sie anfänglich benutzt, allerdings vermischten sie sich im Malprozess zu Dunkelgrau. Enttäuscht von sich, will sie den Pinsel ‚werfen' und aufgeben. Ich schlage ihr vor, ihre Hände im Bild mit einer anderen Farbe zu konturieren, um sie wieder "herauszuholen aus dem düsteren Sumpf". Sie versucht es widerwillig und ist am Ende nicht zufriedener und ignoriert ihr Gemaltes.

Assoziationen zu Leonie

Im Bild war Leonie stark darum bemüht, das vor ihr liegende Feld mit roten und grünen Farbtönen zu bemalen. Sowohl zu Marlene (rechtseitig) als auch zu Nicole (linksseitig) grenzte sie sich mit einem dicken roten Farbbalken ab. Leonies Hände wirken wie Pfoten, die versuchen etwas zu erklimmen - einen Berg? Aber sie scheint abzurutschen. Am Auffälligsten jedoch war ihr Bemühen um Farbe, die ihr "aus den Händen" glitt, weil sich die einzelnen Farben ‚wie von selbst' vermischten. Es könnte sein, dass das Sich - Trennen von etwas bzw. eigene Grenzen ziehen, ein Thema von Leonie ist.

Ein Sprechen über das, was sich im Gruppenbild ereignete, war nur bedingt möglich: Nicole hatte sich dem Malprozess entzogen, nachdem sie wesentliche Bereiche ihres Feldes übermalt bzw. wieder hat verschwinden lassen und war in eine Art Stempelfieber verfallen, nämlich der Lust, alles mit ihren Handabdrücken zu markieren.

Leonie konnte nur in einem Satz ihre Unzufriedenheit mit sich zum Ausdruck bringen und wollte möglichst nicht auf ihren "Fehler", der sich ihrer Meinung nach im Bild manifestierte, angesprochen werden.

Vexierbild - 27.04.05

anwesend: Nicole, Leonie und Susanne

Leonie brachte unangekündigt eine neue Freundin mit (Marlene ist nicht da!).
Mir kommt in den Sinn, dass sie möglicherweise Probleme hat, allein an der Gruppe teilzunehmen. Jedenfalls scheint sie freudig erleichtert, als ich zustimme, dass Susanne mit an der Gruppe teilnehmen kann. Nicole wurde von ihrer Betreuerin gebracht und präsentiert stolz einen selbst gemachten Obstsalat für die gemeinsame Pause. (Eine Alternativmaßnahme, die Nicoles Heißhunger auf Süsses umleiten soll.)

Übung

Mit geschlossenen Augen zeichnet jede mit einer dunklen Jaxon-Kreide eine ununterbrochene Linie auf das Papier. Die Vorstellung auf dem Papier Schlittschuh zu laufen hilft. In dem entstandenen Liniengewirr versucht jede ihre Figur oder das Wesen zu finden, "was ihr entgegenblickt" und mit Farben herauszuarbeiten. Die Liniengrenzen sollen dabei möglichst respektiert und nicht überschritten werden.

Angestrebte Erfahrung

Die Übung hat einen abstrakt - unbewussten (1. Teil) und einen Konkret - erkennenden Aspekt (2. Teil). Das Herauslesen von eigenen, inneren Bildfiguren aus dem Liniengewirr wirkt positiv zurückspiegelnd auf die Selbstwahrnehmung (Ich habe etwas gefunden = ich erkenne etwas!). Die vorgegebenen Linien erleichtern aber auch Grenzen einzuhalten und Farben zu trennen (s. Problem der Vermischung bei Leonie) Dadurch, dass die eigenen Figuren auch für die anderen sichtbar gemacht werden (2 .Teil der Aufgabe), wird das eigens gefundene Bild nach außen kommuniziert.

Bildprozess/Nicole

Jede malt anfangs an einer eigenen Wand im Raum. Nach dem 1. Teil der Aufgabe tut sich Nicole schwer "ihre" Figur in bzw. aus ihrem Liniengewirr zu erkennen. Ich helfe ihr. Wir legen das Bild auf den Boden, um es von allen Seiten anzuschauen:


Jetzt entdeckt sie einen Fischschwanz und einen Kopf und verbindet beides zu einer Meerjungfrau. Sie beginnt ihr Bild neben das von Susanne aufzuhängen. Eigentlich wollte sie der Meerjungfrau goldene Haare malen, "solche langen, schönen, blonden Haare wie meine Mutter" . Doch es kommt nicht dazu. Nachdem sie die Haare mit einem goldenen Stift konturiert hat, wirkt sie unschlüssig und unzufrieden. Es scheint, als stehe sie unter Druck, auch weil die anderen beiden, Leonie und Susanne, schon weit fortgeschritten sind mit ihrem Bild.

Ausweichbewegung!?

Nicole geht auf Toilette - und bleibt so lange fort, dass ich beginne mir Sorgen zu machen und ihr nachgehe. (Die Toilette befindet sich auf dem Hof!). Von der Toilette zurück, entscheidet sie sich um und schwärzt die Haare ihrer Meerjungfrau. Immer wieder wandert ihr Blick zu der langhaarig, blonden Susanne und deren Bild, das links von ihr hängt. Sie benutzt Susannes Farben: Grün und Rot, und zwar aus Susannes Farbtöpfen. Susanne scheint sich nicht an diesem übergriffigen Verhalten Nicoles zu stören - sie arbeitet hoch konzentriert an ihrem Bild weiter. Nicole ist sichtlich fasziniert von Susanne.

Assoziationen zu Nicole

Kontakt durch Imitation

Wiederholt fällt auf, dass es Nicole schwer fällt, bei sich zu bleiben. Ihre Aufmerksamkeit ist oft bei den anderen. In ihrem Bildverhalten zeigt sich dies in ihrem starken Drang, sich der anderen angleichen (s. Susanne) zu wollen, sie zu imitieren. War es anfangs noch Lotta (s. 2-Minuten-Bilder, Baumbild) und beim gemeinsamen Gruppenbild Marlene, ist es jetzt Susanne. Als wolle sie sich über diese Gesten der Imitation annähern und Kontakt suchen. In der Nachahmung könnte sich auch ein Neidfaktor verbergen, nämlich etwas von dem haben zu wollen, was die andere hat! Vielleicht ein Hinweis auf einen Mangel eigener Ich-Grenze bzw. Ich-Stabilität.

Bildprozess/Leonie

Leonie hat sehr schnell eine Schnecke in dem Liniengewirr entdeckt.

Aufgrund der vorgegebenen Linien konnte Leonie die einzelnen Flächen gut voneinander abgrenzen. In diesem Bild hat sie sich wieder für den von ihr favorisierten Komplementärkontrast ‚Rot-Grün' entschieden, der schon bei der vorherigen Übung eine Rolle spielte. Schwarz wird zum rahmenden Hintergrund für die Schneckenfigur. Allerdings drohte Leonie im Malprozess die Grenzen zu überschreiten und erzählte, dass sie das bei sich schon kennt: Immer, wenn sie mit etwas gut anfängt, "dann wird es immer blöder", und sie weiß dann nicht mehr, wann und wo sie aufhören soll. (Vielleicht kann sie das gute Gefühl nicht (aus)-halten?) Dass sie dieses Bild nicht "übermalte", sondern nur mit Schwarz die "blöden" Felder, die sich zu vermischen drohten, rettend übermalte. schützte und stützte ihre ‚hauslose' Schnecke. Leonie war sehr stolz auf ihr gelungenes Bild. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie für das Bild bewundernde Anerkennung aus der Gruppe bekam.

Assoziationen zu Leonie

Mit dem Bild ihrer Schnecke ohne Haus zeigte Leonie auch ihren eigenen Weichanteil. Die Schnecke ist ein sehr empfindliches Weichtierwesen, das in ihrem Schneckenhaus einen sicheren Rückzugsort vor äußeren Gefahren hat. Mit den lang gestreckten kontrollierenden Augenfühlern stets auf der Hut vor äußeren Gefahren.
Für ihre Schnecke wählte Leonie wieder ihren Komplementärkontrast Rot- Grün. Sie bettet das energetisch, dynamische Orangerot ihrer Schnecke in ruhig erholsames Grün. Die Schnecke ähnelt auch einem Schmetterling, vielleicht handelt es sich um zarte innere Weichteile von Leonie, die keinen eigenen sicheren Schutz ( s. fehlendes Schneckenhaus) oder das Gegenteil keinen Ausdruck finden können. Grün umgibt das innere, gefühlige Schneckenorgan von Leonie wie einen Schutzwall und wird nochmals stabilisiert oder eingeschlossen (?) durch den massiven Schwarzrahmen.

Exkurs ‚Sicherer Ort':

Hinsichtlich des ‚sicheren Orts' erinnere ich eine andere, nachfolgende Übung, bei der wir mit Ton arbeiteten. Die Aufgabe war, sich selbst einen Ort zu bauen, eine Hütte, Baumhaus zum Wohlfühlen. Leonie begann hauchdünne Stäbe zu rollen, die sie zu einem Rohrsessel flechten wollte, doch die Stäbe brachen. Dann versuchte sie winzig kleine Würfel herzustellen (Steine), mit denen sie ein Haus bauen wollte, doch das Fundament des Hauses, eine dünne Tonplatte, zerbrach ständig. Schließlich baute sie eine kleine Mauer aus den klitzekleinen Steinen. Aus dem restlichen Ton formt sie eine dicke Wurst, die sie darum legt: "meine Alarmanlage!'" Wichtig war ihr erklärtermaßen ein Haus/ein Ort, der sicher ist, d.h. klar abgegrenzt vom Draußen und in dem kein Einbruch möglich ist. Parallel zum Arbeiten entspann sich in der Gruppe ein Gespräch über Glück und Liebe, was Leonie mit einem trotzigen Ausdruck der Unzufriedenheit abwehrte, in dem sie ihre ganze Tonarbeit wieder zerstörte und lautstark erklärte, für sie sei nicht die wichtigste Frage, was einen glücklich mache, sondern woher wir kämen?! Eine Frage, die natürlich auch wieder nach dem Herkunftsort schielt, in dem man geschützt wachsen und sein Selbst entwickeln kann. Es ist die Identitätsfrage, die sich Leonie stellte.

Die 6 Spontanen - 25.05.08

Anwesend: Leonie, Marlene und Susanne

Übung

Es werden fünf Bilder à 15 Minuten gemalt, zu denen es jeweils eine Handlungsanweisung gibt:

  1. linkshändig malen
  2. mit irgendeinem (nur einem!) möglichst fremdartigen Werkzeug
  3. ein hässliches Bild
  4. zu einem Musikstück
  5. malen, wie man sich gerade jetzt fühlt!

Angestrebte Erfahrung

Durch den Wechsel von thematischen Bezügen, Materialien und dem Einsatz verschiedener Sinne soll sich das Spektrum der Selbsterfahrung im Umgang mit fremden Material (Objekten) erweitern.

Zwischenakt

Die Schnecke im Wohnzimmer

Bevor wir anfingen zu malen, hatte Leonie sehr aufgeregt und freudig überschwänglich erzählt, dass sie ihrer Mutter das Schneckenbild geschenkt hätte, die es sofort im Wohnzimmer über der Couch aufhängte. Endlich wisse die Mutter, so Leonie, in welcher Farbe sie das Wohnzimmer streichen wolle: dem Orangerot der Schnecke. Mich freuten die emotionalen Reaktionen von Leonie, denn offenbar hatte die Mutter sie mit dieser ‚guten' Geste des Bildaufhängens gesehen. Und doch unterschwellig keimte in mir Skepsis. Es fühlte sich alles zu wunschgemäß, zu perfekt an. Ich fragte nach.

Im weiteren Sprechen mit Leonie stellte sich heraus, dass sie sich mit ihrem jüngeren Bruder Max ein Zimmer teile. Sie fände dies wunderbar. Auf die Frage, ob sie nicht mal das Bedürfnis hätte, sich zurückzuziehen oder mit ihrer Freundin allein zu sein, reagierte sie vehement abwehrend und wies das Bedürfnis harsch zurück mit den Worten, dann hätte sie ja schließlich keinen mehr, mit dem sie vorm Einschlafen reden könne. Ja, ihre Mutter, die hätte ein eigenes Zimmer. Und es gäbe dieses weitere Zimmer, das Wohnzimmer, in dem aber keiner sich aufhalte. Eine Art Abstellraum, in dem neben Kartons, Wäscheständer, u. a. auch ein Sofa stehe. Über diesem Sofa im "Wohnzimmer" hatte die Mutter also das Schneckenbild gehängt. Der anfängliche Stolz der Mutter auf das Werk der Tochter war schlagartig ins Gegenteil gekippt - das Bild hing nicht, wie ich anfänglich vermutet hatte, am exponiertesten Ort, dem Sofa der Mutter, sondern war im Gegenteil mit und zu den anderen Dingen abgestellt d.h. in gewisser Weise unsichtbar gemacht worden. Durch diese Nebenbei - Erzählungen verstärkte sich die bereits erahnte symbolische Dimension des Schneckenbildes von Leonie: ihr fehlte scheinbar ein sicherer, geschützter Ort, an dem Gefühlsbewegungen genug Entfaltungsraum hatten

Bildprozess

Wir begannen mit der Übung der ‚6 Spontanen'. Leonie arbeitete an der Wand neben Susanne. Während der ersten beiden Übungen bemerkte ich, dass Leonie immer noch innerlich stark aufgewühlt war - ein kichernder Redeschwall nach dem anderen strömte aus ihr heraus - grenzenlos. Sie wirkte i.G. zu den vorherigen Malen wie verwandelt, emotional vollständig aus sich herausquellend - geradezu außer sich. Da sie trotz mehrmaliger Bitten meinerseits das Reden nicht stoppen konnte und immer wieder durch den Raum hindurch mit Marlene, die am anderen Ende des Raums arbeitete, Kontakt aufnahm, entschied ich mich spontan noch eine andere Übung dazwischen zu setzen: Schweigend sollte ein Redebild gemalt werden, in dem sich alle Gedanken und Wörter, die in den Sinn kommen ins Bild ‚eingeschrieben bzw. eingemalt' werden. Durch diese harte Grenzsetzung hatte ich - zumindest bei Leonie - etwas zerstört, was eine unerwartete Wende einleitete. Entsprachen die ersten drei Bilder von Leonie noch dem sehr expressiv - nonfiguralen Malduktus ihrer Stimmung, begann sich mit dem 3. schweigenden Redebild, sowohl Stimmung als auch Malweise bei ihr radikal zu ändern.

Die Handlungsanweisung für das 4.Bild lautete:
Ein hässliches Bild malen!

Leonie malte ein hexenartiges Profil, das sich in die schwarze Bildfläche reinschiebt. Die Nase ragt nashornartig und scharf wie eine Messerklinge ins Schwarz hinein:

Ab diesem 4. hässlichen Bild findet sie plötzlich auch bei dem 5. Bild die Musik blöd, malt abwehrend lustlos schwarze Zickzacklinien auf zwei weiße Flächen, um im 6. Bild "malen wie man sich gerade fühlt" mit einer knallroten Fläche zu antworten, in die sie ein aggressives Dreieck setzt. Gleichzeitig verkündet sie lautstark, dass sie sich jetzt auf ihre Mathehausaufgaben freue. Sie weigert sich ihr Gefühl zu malen, doch die roten Zickzacklinien sprechen für sich! Ihr Widerstand- das bewusst Vermiedene, nämlich ihr Gefühl zu malen, hat sich als Unbewusstes ins Bild geschlichen. Es gibt wohl kaum eine spannungsvollere Farbe für Gefühlsenergien wie Rot. (Nicht nur laut C.G. Jung ist Rot die Farbe affektiver Libido)


Pause

Beim anschließenden Versuch während der Teepause über die Bilder zu sprechen, erzählt sie knapp, dass sie eine Frau gemalt hätte, die so hochmütig und arrogant sei wie die Frau, die mit ihr im Chor sänge - sie mag diese Frau überhaupt nicht, müsse aber mit dieser Frau immer abends vom Chor zurück nach Hause fahren, weil es abends schon so spät sei.
Ihre Mutter hätte auch in dem Chor gesungen, aber wegen dieser Frau aufgehört und jetzt müsse sie, Leonie, immer allein mit ihr fahren.
Ich frage etwas bohrend weiter, wieso ihre Mutter sie denn zwinge mit einer Frau zu fahren, die sie selbst unsympathisch fände und die der Grund dafür sei, weshalb selbst ihre Mutter nicht mehr zum Chor ginge?
Leonie wird abwehrend und im Laufe des Dialogs immer ungehaltener: "das ist doch egal... und wieso ist das jetzt alles so wichtig?"
Sie hätte ein hässliches Bild gemalt und damit "basta!" Schlagartig beginnt sie sich zu verschließen, verschränkt ihre Arme vor den Bauch. Meine direkten, zweifelnden Fragen haben offenbar etwas in ihr geblockt. Der Dialog zwischen Leonie und mir hat etwas Kämpferisches; die anderen beiden hören schweigend zu!

Leonie geht in den Rückzug und baut eine fühlbare Distanz zu mir, dann auch zu ihren Freundinnen Susanne und Marlene auf.

Der schützende Rückzug setzt sich fort: Sie entzieht sich der gesamten Situation, in dem sie aufräumt und beginnt abzuwaschen: Pinsel, Geschirr etc. Sie verschanzt sich förmlich hinter der Spüle, bemerkt zufällig einen winzigen Farbfleck auf ihrer Hose, an dem sie akribisch, fast zwanghaft, versucht zu reiben, um ihn auszuwaschen.

der Fleck

Der Fleck scheint für Leonie zu einem kleinen Übertragungsobjekt geworden zu sein, etwas Haftend-Hässliches, eine unbewusste Selbstbeschmutzung; etwas, was sich nicht wegwaschen lässt. Der Kontakt zu Marlene und Susanne ist abgebrochen. Die beiden gehen zusammen - Leonie bleibt allein - mit ihrem Fleck und mir zurück.

Assoziationen zu Leonie

Meine Fragen haben offenkundig etwas berührt, was sie schneckenmäßig zurückziehen ließ. War es die sich selbst nicht gestattete Wut auf die Mutter, die sie jetzt auf mich transponiert? (Plötzlich komme ich mir vor wie die Frau mit der Nashornnase, die ihre Nase in alles hineinsteckt, was sie nichts angeht. Als hätte sie mich mit der hässlichen Frau gemeint - die negativen Anteile - Leonie schützt das gute Bild ihrer Mutter)

Leonies Phantasie vom "Hässlichen" ist in ihrem Bild Gestalt geworden, in jener Frau, von der sie erzählte, hat sich ihr "Hässliches" verkörpert. Dem Kopf - sie spricht von einer Hexe - hat sie allerdings keine Hakennase gemalt, sondern fast umgekehrt, besteht der Kopf formal aus einer enormen Nashornnase, mit dazugehöriger Warze. Diese Nase ist wie ein Angriffsorgan (= Nashorn). Phallische Assoziationen werden wach und Angriffslust paart sich mit Deprimiertheit/Melancholie angesichts des Gesichtsausdrucks dieser Gestalt.

" Man muss aber zuerst die Tendenz des Konkretisierens überwinden, mit anderen Worten, man darf die Phantasien, sobald man an die Frage der Deutung herantritt nicht wörtlich nehmen. Ja, solange wir im Erleben der Phantasie begriffen sind, kann man sie nicht wörtlich genug nehmen, wenn wir sie aber verstehen wollen, dann dürfen wir den Schein, eben das Phantasiebild, nicht für das dahinter liegende Wirkende halten. Der Schein ist nicht die Sache selber, sondern bloß der Ausdruck .... gesetzt für etwas Unbekanntes, aber Wirkliches!" ( C.G. Jung, Beziehungen zwischen Ich und Unbewussten)

Was aber ist das Hässliche, Unbekannte, welches Wirkliche arbeitet hinter dem Schein, zeigt sich als bloßer Ausdruck der Phantasie Leonies?

Setze ich den Focus ‚nur' auf das "hässliche" Bild als Ausdruck ihrer Phantasie und berücksichtige das von Leonie Erzählte dazu, so könnte es sich bei dem Nashornkopf um mögliche "hässliche/böse"
Selbstanteile bzw. introjizierte Objektanteile von Leonie handeln, die sie abwehrt und infolgedessen auf diese Person bzw. das Bild projiziert. Melanie Klein beschreibt diese Dialektik von Introjektion und Projektion von guten und bösen Objekten dergestalt, dass z.B. das phantasierte "böse" Objekt projiziert wird, als ob der Trieb oder Affekt sich notwendigerweise in einem Objekt verkörpern müsste, um ausgeschieden zu werden.

Nun besteht das Bild nicht nur aus dieser nashornigen Kopffigur, sondern auch aus einer schwarzen Fläche, die mehr als die Hälfte des Bildraums einnimmt und in die das Horn hineinstößt.
Was ist diese schwarze Fläche, was verbirgt sich hinter bzw. in ihr? Oder wird etwas mit dem Schwarz geschützt?
In der Un-Farbe Schwarz mischt sich symbolwertig Trauer, Angst, Depression mit dem psychischem Abwehrmechanismus des Verbergens/Versteckens - eine Schutzfunktion.

Schwarze Flächen tauchen bei Leonie auch in späteren Übungen immer wieder auf, um etwas verschwinden zu lassen, aber auch um dadurch Stabilität zu erlangen.
Sie entzieht es dem Blick, deckt Unangenehmes oder Hässliches damit zu und schützt so auch evtl. Unaushaltbares.
Das Unbewusste führt ihre Hand, wenn sie immer wieder erfahren muss, dass sich die Farben wie von selbst ins Dunkle hinein mischen

Mit einem spekulativen ‚Vielleicht' gedeutet, könnte bei Leonie eine frühe schmerzhafte Verletzung vorliegen, in deren Wunde stets herumgebohrt wurde. Ihr Bemühen diesen Schmerz/Trauer zu verbergen und sich immer wieder neu schützen zu müssen, davon erzählt vielleicht ihr Bild.
Eine andere Lesart des Bildes wäre jedoch die Nashornnase als ihren eigenen Anteil anzusehen.
Gerade für den Individuationsprozess, der sich während der Adoleszenz verdichtet, sind die schwarzen Aspekte, also die unbeleuchteten, d.h. verdrängten oder unbekannten Seelenanteile, als wesentlich zu betrachten.
Erweitere ich den Blick von diesem einen " hässlichen" Bild und setze es in den lebendigen Kontext der Gesamtsituation, fällt mir folgendes auf:
Leonies anfänglich redselige, expressive und Kontakt suchende Art drückte sich entsprechend malerisch in ihre ersten drei Bildern aus. Schlagartig änderte es sich, als ich bestimmte, alles Sprechende, alle Wörter schweigend ins Bild zu malen.
Damit hatte ich den Kontakt, den Leonie permanent zu Marlene suchte, abgeschnitten und sie auf sich selbst zurückgeworfen.

Leonie fühlte sich allein gelassen, was sich sofort in einer trotzigen Haltung niederschlug Nach dem 4. "hässlichen" Bild machten wir die Pause, in der sie von der " hässlichen" Frau erzählte. Ab diesem Zeitpunkt begann sich auch ihre Malweise drastisch zu ändern - eine Art Dominoeffekt von Abwehrreaktionen: In den nachfolgenden Bildern werden sie - nach dem figurativen Dreieck des Nashornkopfes - als geometrische abstrakte Formen sichtbar: wütende Zickzacklinien, Spitzen und Dreiecke - interessanterweise auf weißen, rosa und roten Untergründen.

Gleichzeitig verschließt sich Leonie, geht in den Rückzug und beginnt einen kleinen, kaum sichtbaren Farbfleck an ihrer Hose - fast zwanghaft - auszuwaschen.

Die anfänglich positiv-expressive Gefühlswallung schlägt um durch eine Grenzsetzung meinerseits, die Leonie auf sich selbst zurückwirft! Sie fühlt sich bedroht (= Nashornnase) und reagiert mit beleidigtem Rückzug und Wut auf mich? (s. letztes Bild/ rote Fläche!), die als Affekt aufs Bild projiziert wird.

Das Verlassensein - Gefühl, noch verstärkt dadurch, dass die beiden Freundinnen ohne sie gehen, überschwemmt Leonie.

Reflexionen zur Übertragungsdynamik

Schweigen im Redebild Reden im Schweigebild

Möglich, dass sich durch diese Übung eine Übertragungsdynamik gestrickt hat, die ich versuche jetzt im Schreiben ein wenig auf zu rebbeln. In der damaligen Situation war ich eher unbewusst Agierende. Vergegenwärtige ich mir noch einmal die Dynamik des Geschehens : Ich setze eine scharfe Grenze (Redeverbot-Schweigebild), die Leonies bemühten Redefluss um Nähe/Verbindung zu Marlene kappt/abschneidet. Ein dramatischer Akt, der an das Zerschneiden einer Nabelschnur erinnert.

Ich fühlte mich ein wenig gewalttätig in diesem strikten Unterbinden und habe dadurch vielleicht bewirkt, dass Lara mit dem 4. Bild der "bösen" Hexe ihre "bösen" Mutteranteile auf mich übertragen konnte.

Mir fallen die wiederholten Trennungen ein, die Leonie und ihr Bruder Max durch die Klinikaufenthalte ihrer Mutter verkraften musste - auf sich allein gestellt - Hänsel und Gretel! Sie werden bei "einer bösen Hexe" untergebracht. Dieses Verlassensein von der Mutter war bedrohlich und hat Angst ausgelöst, die später vielleicht zu einem Angstwutgemisch wurde. Die ohnmächtige Angst, von der Mutter verlassen zu werden und gleichzeitig die Wut auf die Mutter, dass sie dies tut und immer wieder tut. Eine Wut, die nicht zugelassen werden darf. So wird alles dafür getan, dass das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleibt. Die "bösen" Anteile müssen abgespalten und nach außen - auf ein anderes Objekt - projiziert werden, um die starke innere Spannung abzuwehren!

In dieser Beziehungslosigkeit, dem Zustand der Trennung, spürt Leonie den inneren Druck, den Schmerz und richtet ihre Wut erst auf das "hässliche" Bild, dann auf mich (Übertragung!) Als ich danach auch noch die "gute" Mutter in Frage stelle bzw. anzweifele (s. meine bohrenden Fragen), entsteht ein so starker innerer Konflikt, dass Leonie in den regressiven Rückzug flüchtet. Ich hatte durch mein Fragen und Nachhaken den Abwehrschutz des Bildes, in dem Leonie das "Hässliche" gebannt oder wie M. Klein sagt, in dem "das böse Objekt verkörpert" war, angebohrt/bedroht. Nicht gerade ein therapeutisches Verhalten meinerseits und doch klärte es viel.

Die Bindung nicht verlieren, alles dafür tun bis hin zur Verleugnung der eigenen Wut/Aggression gegen die Mutter, die abgespalten werden muss, damit das introjizierte Mutterobjekt "gut" bleiben kann.

Rückblickend kommt mir meine Deutungsakrobatik wie eine Wahrnehmungswucherung vor, die nach etwas handfestem sucht. Natürlich wurde sie nicht von Leonie bestätigt ( therapeutischer Fauxpas!). Vielleicht war dies aber gerade ein Indiz dafür, dass hier etwas von meinem Verhältnis zu meiner Mutter sich dazwischen geschoben hatte.

Doch zu jenem Zeitpunkt des Gruppengeschehens - in der 1. Phase - konnte ich meine Gegenübertragungsanteile noch nicht wahrnehmen. Trotzdem wird deutlich, dass in diesem eben beschriebenen ("kunsttherapeutischen") Prozess durch die Bildübung zwischen mir und Leonie eine trianguläre Beziehung entstanden war. Diese Präsenz ist von sinnlicher Dauer - sie ist gegenwärtig, visuell und haptisch wahrnehmbar. Nach meinem heutigen Kenntnisstand würde ich das, was im Bild als Konstruktion dieser Konstellation erscheint, eben auch als erzeugte Übertragungen und Gegenübertragungen ansehen. An einem weiteren Beispiel möchte ich das verdeutlichen.


Ganzkörperbild - 25.05.05

Anwesend: Susanne, Marlene, Nicole und Leonie
(Nicole - 15 Minuten verspätet)

Übung

Jede hilft der anderen ihren Körper am Boden auf Packpapier mit Jaxon - Kreiden zu konturieren. Die Körperkontur soll anschließend von jeder, wie ein Gefäß, mit den Gefühlsfarben/Stimmungen, die gerade präsent sind, gefüllt werden.

Angestrebte Erfahrung

Durch den bereits vorgegebenen Rahmen für den eigenen Körper bzw. der Grenze zwischen "innen" und "außen" wird das freie Malen erleichtert. Selbsterfahrung auf der Ebene der Wahrnehmung von eigenen verborgenen Gefühlen/Wünschen. Das Innen und Außen des Bildes kann in Beziehung zur eigenen Person gesetzt werden und sich im Verlauf ändern. Gruppendynamisch stellt sich durch das anfängliche paarweise Zusammenarbeiten eine körperliche Nähe/Berührung her.

Bildprozess

Leonie und Marlene arbeiten zusammen und ich konturiere Susannes Körper. Als Nicole kommt, löst mich Susanne ab. Marlene beginnt sich für das Ausmalen am Boden einzurichten. Leonie hat sich eine eigene Ecke gesucht. Nicole arbeitet wieder rechts neben Susanne an der Wand - wie das letzte Mal.

Während des Malprozesses schielt Nicole immer wieder verstohlen zu Susannes Bild. Wieder benutzt sie Susannes Farben ( Blau, Hellgelb, Rot), wodurch sich Ähnlichkeiten in beiden Bilder überkreuz herstellen:
Hände bei Susanne + Korpus bei Nicole= hellgelb Füße bei Susanne + Hände bei Nicole= schwarz beide Köpfe= zinnoberrot

Den hellgelben Körper bestempelt Nicole ebenfalls in zinnoberrot, nachdem sie es bei Marlene gesehen hat, mit einem kleinen Schwämmchen.

Assoziationen zu Nicole

Wiederholt fällt Nicoles imitatives Malverhalten auf. Als würde sie darüber eine Nähe oder Verbindung zu Susanne bzw. Marlene herstellen, in dem sie deren Farben und Formen benutzt. Möglich ist, dass der Neid bei ihr eine große Rolle spielt. Signifikant spiegelt sich das in der hellgelben* Farbe, die sie für ihren ganzen Körper im Bild benutzt hat. Durch den Kontrast vor dunkelblauen Hintergrund, springt ihr hellgelber Körper noch mehr ins Auge und läßt ihre reale Leibesfülle fast leuchten. Nicole will ganz offensichtlich gesehen werden und bekommt nicht genug. Ihren gelben Körper hat sie auch in diesem Bild "bestempelt", diesmal nicht mit den Händen wie im Gruppenbild, sondern mit einem Schwämmchen und roter Farbe. Diese Spuren auf dem Körper erinnerten mich in ihrem Musterhaften auch an Stigmata, aussätzige Wundmale.

Für ihren Kopf wählte Nicole Zinnoberrot, dieselbe Farbe, die sie schon für ihre Hände im Gruppenbild benutzt hatte. Rot - die Farbe der Gefühlsausbrüche; wenn vor Wut die Röte in den Kopf steigt, man die Kontrolle verliert, "rot sieht" oder gar sich schämt. ‚Zinnober machen' wird umgangssprachlich auch im Sinne von "viel Aufsehen erregen wegen etwas Wertlosem, Unsinnigem" verwendet.

Insgesamt machte Nicole auf mich den Eindruck, als würden sich bei ihr vielfältige Gefühle, von der Wut bis zur Scham, tatsächlich stauen. Sie wirkte auf eine Weise so emotional neutral und unauffällig, als würde sie sich permanent kontrollieren, andererseits brach immer wieder dieses grenzüberschreitende, übergriffige Verhalten bei ihr durch. Sie bediente sich dann aus den Farbtöpfen der anderen, wollte genau das haben, was andere haben, legte dreckige Pinsel und Farbtöpfe auf meinem Arbeitsplatz ab. In ihrem Bild taucht noch ein zweiter roter (Kopf-)Ball im blauen Hintergrund auf, der sich wie ein Satellit zum Kopf verhält. "Das ist eine Sonne !" (Zit. Nicole) - das einzige Statement zu ihrem Bild, zu dem sie mehr nicht sagen will! Die schwarzen Hände wirken wie eine Negation d.h. auch jene Handlung bzw. das, was die Hände tun, wird "trauernd" verdeckt. Insgesamt wirkt die Armhaltung abwehrend und hinter dem rechten Arm versteckt sich der feuerrote Kopf, der vielleicht auch von dem Arm geschützt wird. Die feurig orangene Hitze staut sich im Kopf und das Bild schlägt sofort die Brücke zu zornigen, hochroten Köpfen.

* Gelb ist eine zwiespältige Farbe: Einerseits steht sie für sonnige Lebensfreude und Optimismus, andererseits wird mit ihr Neid, Missgunst, Ärger und Verlogenheit verbunden. Zudem symbolisiert die Farbe kollektiv - unbewußt Geächtete und Ausgegrenzte. Im Mittelalter mussten Prostituierte und Mütter unehelicher Kinder gelbe Markierungen tragen - ähnlich wie Juden durch den gelben Judenstern während des Nationalsozialismus ausgegrenzt wurden.


Da Nicoles Hände in meinen Augen eine so exponierte Rolle in den bisherigen Bildprozessen spielten, möchte ich an dieser Stelle kurz auf die Bedeutung von Händen eingehen.

Exkurs ‚Hände'

Die Hand ist als Symbol aus vielfältigen kulturellen Kontexten bekannt. Wie schon Höhlenmalereien zeigen, handelt es sich um einen archaischen Drang, die eigene individuelle Präsenz zu visualisieren - etwas, was im Kollektiv - Unbewussten weiter wirkt.

Entwicklungspsychologisch betrachtet, kommt der Hand - nach dem Mund- als Tast-, Greif- und Kontaktorgan wesentliche Bedeutung zu. Mit dem Mund bzw. der Hand wird vom Säugling der erste Kontakt in der Symbiose mit der Mutter hergestellt. Im 1.Lebensjahr, dem primären Zustand entwickelt das Kind sein bindungssuchendes Verhalten. Über die Suche nach Nahrung, verknüpft mit oraler Lust entsteht Kontakt/Nähe - oder aber eben kein Kontakt. D.h. was am Anfang die Mutterbrust, sind später die Dinge der Welt, was anfangs der Mund, sind später die Hände. Mit den Händen wird Welt be-griffen und Kontakt aufgenommen (s. oral - kaptative Phase), indem alle möglichen Dinge in den Mund bzw. in die Hand genommen werden. Es ist eine Weise der Weltaneignung, in der sich gleichermaßen eine Subjekt-Objektdifferenzierung vollzieht. Erikson bringt diese Phase des 1.Lebenjahrs mit dem Motto: "ich bin, was ich bekomme" auf den Punkt.

Inwieweit sich Verbindungen zur oralen Phase bei Nicole herleiten ließen, in dem Sinne, dass sie vielleicht nicht genug guter Kontakt mit der Mutter hatte oder, ob Störungen in dieser Phase der mögliche Schlüssel zum Verständnis ihrer kleinen Diebstähle lag - diese Fragen gärten in mir weiter!


Bildprozess/ Leonie

Leonie beginnt ihre Figur flächig auszumalen, den Kopf gelb, den Oberkörper orange, den Unterkörper rot. Dabei entsteht eine scharfe Mittellinie auf Nabelhöhe, zwischen oberer und unterer Körperhälfte. Als von der oberen orangenen Fläche durch den flüssigen Farbauftrag eine Farbträne in den unteren roten Bereich rollt, versucht Leonie verzweifelt diese Farbträne aufzuhalten, doch es bleibt eine verwischte Tränenspur. Leonie wird wütend, gerät außer sich, findet ihr Bild plötzlich "hässlich" und beginnt mit dem Pinsel auf diese "hässliche" Stelle im Bild einzupeitschen. Ihre Wut steigert sich derart, dass sie die obere orangene Farbe mit beiden Händen nach unten schmiert und dabei, fast als würde sie sich selbst kasteien, skandiert "hässlich, hässlich, hässlich". Sie greift zu schwarzer Farbe und fängt an das Bild damit zu übermalen. Leonie wirkt in ihrem körperlichen Gestus ‚außer sich'. Mir verschlägt es die Sprache angesichts dieser vulkanisch geladenen Energie, die aus Leonie heraus bricht. Bislang war es immer Marlene gewesen, die sehr expressiv ihren jeweiligen Launen in der Gruppe Ausdruck gab. (Sind Susanne und Marlene etwa die beiden schwarzen Flügel? Stütze und dichotome Anteile von Leonie?)

In diesem "heißen" Moment spüre ich den Impuls, Leonie vor irgendetwas bewahren zu müssen. Vielleicht davor, dass sie ihr Bild mit dem Schwarz vollständig zudeckt? Bewahren vor der Zerstörung? Ein mütterlich sorgender Akt? Spontan trete ich hinter sie und halte sie an ihren Schultern. Durch diesen körperlichen Kontakt, diese Berührung, hole ich sie wieder ins Hier und Jetzt zurück. Ich spüre, wie die Spannung langsam aus ihrem Körper weicht und bitte sie leise, zwei oder drei Schritte von ihrem Bild zurückzutreten. Meine Hände liegen noch immer auf ihren Schultern. Wir stehen eine Weile ruhig hintereinander, der Atem wird tiefer. Ihr Bild ist das Gegenüber - die andere Leonie, ihr anderes.

Mir fällt dazu eine Familienaufstellung von mir ein, in der ich anfangs allein stand, unstabil durch eine Konfrontation - bis "meine aufgestellte Mutter" hinter mich gestellt wurde als stabilisierende Verstärkung, ein Gefühl, das ich durch meine eigene Mutter so nie erfahren hatte...

Die anderen Mädchen sind dazu gekommen und betrachten auch Leonies Bild. Offensichtlich spüren alle, dass hier etwas für Leonie sehr Wesentliches passiert ist. Die anderen finden, dass die Figur durch das Verwischen des Oranges jetzt viel wilder und lebendiger wirkt. Und was ist mit dem großen linke schwarzen Fleck? Der könnte sich ja auch zu einem Flügel auswachsen; und mit einem zweiten Flügel würde die Figur zu einem Engel werden. Ich erzähle die Geschichte Luzifers, dem Lichtbringer, der später fälschlicherweise durch den biblischen Kontext seinen Namen dem Teufel leihen muss, ein gefallener, verstoßener Engel - Leonie gefällt dies von allen zusammen gesponnene Bild. Sie wirkt jetzt, durch die Anerkennung der anderen, ganz gelöst, fühlt sich gesehen und getragen. Sie kann ihr Bild so stehen lassen wie es ist.
Nur den zweiten schwarzen Flügel möchte sie rechts noch dazu malen - wegen der Balance.

Assoziationen zu Leonie

Als sei die gemalte Figur in Leonies Bild zum Spiegel geworden. Die Farbkomposition spiegelt das ganze, eben Erlebte, noch mal zurück: Die ganze Figur gleicht einer lodernden Flamme. die Hilfe rufend die Arme empor reißt, als würde sie verbrennen. Die von unten aufsteigende rot-orange-gelbe Farbströmung in der Figur zeichnet das feurige Wüten Leonies, ihre vitale Aggressivität aber auch eine warme bis leidenschaftliche Lebendigkeit nach. Das Schwarz als Verdränger und gleichzeitiger Ich-Stabilisator. Das Blau reflektiert das Zurücktreten vom Bild, wo aus einer relativ sicheren Distanz der Blick und die Emotionen geklärt werden konnten.

Fragen, Fragen, Fragen.....

Mich beschäftigt die Frage, was Leonie mit dem "Hässlichen" abwehrt bzw. abspaltet. Das Hässliche entspricht jenen eigenen dunklen Schattenanteilen, die mit tiefer Trauer, Schwäche, Neid (?), aber auch unkontrollierten, schamvollen Emotionsausbrüchen und der Angst in Verbindung stehen. Das Hässliche soll verdeckt werden, obwohl es gesehen werden will.

Durch das Erleben mit und in dem Bild fungierte das Bild als eine Art Katalysator. Hier wurde das "Hässliche"/Negative umgewandelt wie in einem alchimistischen Prozess (C. G. Jung). Die Wut und das Schwarz konnten zugelassen werden. Die anfängliche Zerstörung (=schwarze Übermalung) wurde umgewandelt zu etwas Neuem(= schwarze Flügel), das eher aufbauend und stabilisierend ist.
Die Destruktion ist im Bild nach wie vor sichtbar. In gewissem Sinne hatte das Bild die Wut von Leonie sich "einverleibt" und sie ihr damit abgenommen.

Aber waren diese heiß-kalten Stimmungswechsel bei Leonie eventuell auch auf das Borderline - Milieu ihrer Mutter zurückzuführen, dem sie und ihr Bruder tagtäglich ausgesetzt waren? Oder wurden gar die starken Emotionen zu Hause von der Mutter besetzt, so dass Leonie eher die Rolle der Sorge tragenden, sich kümmernden Mutter übernahm, aus Angst vor einer erneuten Trennung, eines Verlassenwerdens (erneuter Klinikaufenthalt der Mutter)?
Sollte die leidvolle Erfahrung des Verlassenwerdens, des Nichtgesehenwerdens seitens ihrer Mutter, die sie vielleicht abgespaltet hatte, traumatisierende Spuren in ihr hinterlassen haben?
Fragen, Fragen, Fragen und kreisende Spekulationen - in mir sucht es nach dem Dingfesten. Soll das etwa heißen, ich will etwas beweisen? Oder soll etwas wirklich werden, was in meinem Kopf kreist und nach Projektionsflächen im Äußeren sucht?
Vielleicht ist ja alles ganz anders.... Was projiziere ich - was sind meine Anteile an diesem ganzen Geschehen - wie finde ich das heraus?

Gegenübertragung

Es taucht noch etwas anderes auf - was mir auf identifikatorische Weise bei Leonie bekannt vorkommt:
das ‚Nicht-gut-genug-sein' und der daraus resultierende Druck der Perfektion, weil nur dadurch Legitimation vor der Mutter und der Welt zu erlangen ist...

Meine Form - 22.08.05

Anwesend: Leonie, Marlene, Nicole und Susanne

Übung

Jede soll sich eine geometrische Form wählen, mit der sie sich verbunden fühlt: Kreis, Quadrat, Dreieck, Rechteck, Oval.

Bildprozess

Leonie begann das Papierformat mit einem großen aufrechten Dreieck einzuteilen, so dass drei Dreiecke entstehen:

Das mittlere Dreieck malt sie blau aus, auch die anderen beiden. Plötzlich setzt sie Rot in die Mitte des mittleren vormals dunkelblauen Dreiecks - die Farben mischen sich zu Dunkelviolett. In der Mitte bleibt ein undeutliches rotes Dreieck stehen. Sie fängt noch einmal an - auf einem neuen Blatt. Jetzt malt sie die Ränder des Blattes rot, das innere Feld gelb und dunkelblau. Sie malt wütend mit heftiger Gestik und sehr schnell - übermalt dann den roten Rahmen mit Schwarz, weil "das Rot ist hässlich!" "Alles hässliche Rot muss verschwinden!" (Zit. Leonie)

"Rot ist hässlich!"

" Wir können aus dem Beispiel ableiten, dass Rot ein starkes Symbol für Gefühle sein kann. Stark in jeder Hinsicht, auch in der Anstrengung, es abzuwehren....wenn es Aufgabe der Psychotherapien ist, an und mit Gefühlen zu arbeiten, dann liegt das Problem auf der Hand: die Erinnerung an das Verdrängte ist nur Teil des Heilungsprozesses...." (Zit. G. Bommersheim)

Leonie ist unzufrieden mit sich und strahlt etwas rigide Unerbittliches aus. Sie kann einfach nicht begreifen, warum sie immer mit hellen leuchtenden Farben anfängt, die dann - wie von selbst - immer dunkler werden. Ich schlage ihr vor, es einfach mal in umgekehrter Reihenfolge zu versuchen. Sie probiert es im dritten Versuch: Nachdem sie die Farben Rot, Blau, Grün gemalt hat, überdeckt sie diese mit Weiß.
Es entstehen pastellene Farbtöne. Bezeichnerderweise wählte sie als ihre Form jetzt den Kreis. Ihre Stimmung ist leichter und flüssiger geworden. Vielleicht durch das Weiß, das die dunklen, kraftvollen Farben abmildert, ihnen die Schärfe und vielleicht sogar das Bedrohliche nimmt.
Vielleicht aber auch, weil während des Malprozesses am Tisch eine entspannt liebevoll witzelnde Atmosphäre zwischen den Mädchen entstanden ist.
Ich erzähle anhand von verschiedenen Beispielen, warum es nichts Hässliches in der Kunst gibt, und so wird schließlich vereinbart, dass das Wort "hässlich" zu behandeln wie manch einen Hund "Bitte draußen bleiben!"
Der Humor schafft bei Leonie eine kleine Distanz, durch die sie über sich und ihr "hässlich" selbst zu lachen beginnt.
Sie ist der rigiden Selbstabwertung offenbar nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert, denn am Ende der Übung, als jede ein Bild auswählen und aufhängen soll, wählt Leonie signifikanterweise mit einem spitzbübischen Lächeln gerade das erste Bild aus: das "hässliche Rot".

Assoziationen zu Leonie

"Hässlich" hat sie in dieser Übung an die Farbe Rot gebunden - zwischendurch betonte sie immer wieder, dass Blau ihre Lieblingsfarbe sei - der distanzierte Gegenpol?
Wovon spricht dieses Rot, was so tief in der Seele der so coolen Leonie sitzt. Mir fiel im Laufe der Zeit immer mehr auf, dass sich Leonie offenbar unbewusst auch in ihrer Freundinnen - Wahl an den Farbtemperamenten Rot und Blau orientiert hatte.
Vielleicht lebte Marlene Leonies ‚Rote Innenseiten' aus, wohingegen Susanne mit ihrem kühl distanzierten Wesen eher Leonies Blaugrünanteile übernahm? In Marlenes Wesen steckte etwas unglaublich Wild-Erotisches. Ihre Art zu malen, aber auch ihr sonstiges Verhalten war sehr direkt emotional und physisch. Manchmal rollte sie plötzlich auf dem Boden durch das Atelier, fast hysterisch schreiend oder lachend, erzählte schwärmerisch von süßen Jungs an der Bushaltestelle und ließ ihren begehrlichen Phantasien ungezügelten Lauf.
Leonie schien fast ein wenig berauscht von Marlenes Gefühlswirbeln, um sie dann gleichermaßen sehr vernünftlerisch erwachsen zu Recht zu weisen. Andererseits verhielt sich Marlene sehr kooperativ und verantwortlich warm den anderen gegenüber.


Susanne hingegen, war sehr distanziert, redete wenig und wirkte ein wenig kühl. Innerhalb der Gruppe schien sie immer ein wenig in ihrem eigenen Kokon zu bleiben, arbeitete meist still und hoch konzentriert und gab sich hinsichtlich Bildentscheidungen sehr selbstsicher und eigen. An der Seite von Leonie schien sie i. G. zur ‚roten' Marlene, den blauen Farbwert zu übernehmen.

Die Ambivalenz, die dem Rot innewohnt, nämlich einerseits eine warme, ganz dicht heranrückende Farbe zu sein, andererseits eine, die sich als ein Gefühltes von Innen nach Außen bewegt und in dieser Dynamik einen Gefühlskokon abwickelt, sei es Aggressions - oder Liebeswallung, führt möglicherweise auf die verdrängte Spur in Leonies Gefühlsbereich.

"Es geht auch darum, das Erinnerte mit dem dazugehörenden Gefühl in Verbindung zu bringen, aufzuladen. Bestimmte Farben und/oder Farbverbindungen können uns auf die Spur des verdrängten Gefühls bringen.... Nach der aktiven Verwendung einer vermiedenen Farbe, kann der Gefühlsbereich, der damit in Zusammenhang steht, erschlossen und aktiviert werden" ( Zit. G.Bommersheim)

Das Rot tauchte immer massiver in ihren Bildern auf, obwohl bzw. gerade, weil es als "hässlich" apostrophiert und weggedrängt werden sollte.

Tastporträt - 24.08.05

Anwesend: Leonie, Nicole und Marlene

Übung

1. Teil : Wahrnehmungsübung
Mit geschlossenen Augen erkunden beide Hände, allerdings nur mit den Fingerspitzen, das eigene Gesicht. Vom Haaransatz über Stirn, Augenbrauen, Augenhöhlen, Nasenwurzel etc. hin bis zum Halsansatz. Am Ende der Übung ruht der Kopf in der Schale der beiden Hände.
Ich führe und begleite diese Wahrnehmungsübung durch Sprechen.

2. Teil: tastendes Zeichnen
Anschließend wiederholt nur eine Hand die Tastreise durch das Gesicht, während die andere parallel mit Kohle die Berührungslinien auf dem Papier seismografisch "aufzeichnet"

3.Teil/ Farbakzente setzen mit offenen Augen
Das eigene Bild soll in Ruhe betrachtet werden und
bestimmte Stellen der Zeichnung können mit Farbe betont werden - ohne das Porträt zu übermalen!

Angestrebte Erfahrung

Durch das ‚Sich-selbst-Betasten' entsteht eine gefühlte Beziehung zu sich selbst - jenseits der Augenkontrolle. Das entstehende Selbstbild kann in seiner visuellen Deformation durch die eigene Tasterfahrung besser akzeptiert werden.

Bildprozess/Leonie

Die Mädchen reagierten sehr unterschiedlich auf die Übung:
Leonie, die an diesem Tag sehr offen und weich war, genoss es, sich zu betasten und bei sich zu bleiben.
Ihr Tastporträt erinnerte an einen zarten am Papierrand verwurzelten Gnom.
Nach dem Augen öffnen und Anschauen des Bildes, stellte sich bei Leonie der kurz aufflammende Reflex ein, ihr Gesicht als "hässlich" zu bezeichnen, doch er wich einer lächelnden Verblüffung als alle anderen ihn als lieben kleinen Gnom aus dem Film "Herr der Ringe" assoziierten.

Während des 3.Teils der Aufgabe bemalte Leonie ihren Gnom fast zärtlich. Sehr vorsichtig und liebevoll legte sie schraffierend grüne und hellgelbe Flächen in das Tastporträt...
Immer wieder entsponnen sich scherzende Gesprächsfäden, in denen es um die Vorstellung von Gnomen ging, die jede/r in sich trägt, frei nach dem Motto : Jedem sein Gnom!
Parallel und in der Pause fortgesetzt, erzählte Leonie von sich. Dass sie jetzt bald ein eigenes Zimmer bekäme..., zwar sei das Zimmer zurzeit noch Abstellraum, aber ihre Bilder würden dort schon hängen... und sie freue sich darauf.

Assoziationen zu Leonie

Leonies Stimmung erstaunte mich - ich hatte sie nie zuvor so durchlässig, weich und ausgeglichen erlebt.
Möglich, dass es mit der neuen Perspektive eines eigenen Zimmers zusammenhing. Interessanterweise hatte sie jetzt das Zimmer, was vor Wochen noch das idealisierte Wohnzimmer gewesen war, als das darstellen können, was es war: als Abstellraum.

Noch ein anderer Aspekt, der durch die Übung zum Vorschein gekommen war, schien mir etwas mit der Wahrnehmung zu tun zu haben. Ich selbst hatte bislang das Augenhandikap von Leonie verdrängt.
Vielleicht war es ja gerade die Fehlsichtigkeit bzw. das Sehhandikap was sie unter Druck setzte und sie zur Perfektion antrieb.

Insofern hatte die Blindzeichnung auch zu einer Druckentlastung bei ihr geführt: Sie musste nicht mehr perfekt und fehlerfrei arbeiten und ihre Sehschwäche durch einen überkontrollierenden Blick kompensieren, sondern konnte durch die Blindzeichung auch Schattenanteile, eben gnomische, zumindest zulassen, wenn vielleicht auch nicht akzeptieren.

Bildprozess/Nicole

Ganz anders als Leonie reagierte Nicole auf diese Übung. Sie tat sich schwer beim Betasten ihres Gesichts, schielte zwischen ihren Händen immer wieder zu den anderen rüber. Ab und zu erinnerte ich sie an die ‚Spielregel' der Aufgabe.
Doch ihr Blick schien sich durch die Finger fast magnetisch zu den anderen hin zu bewegen.
Als sie am Ende ihr getastetes Ergebnis auf dem Papier sah, war sie geschockt, verweigerte jedes Sprechen darüber und verlangte sehr dringlich nach den dicken Fettstiften, mit denen sie sofort die Zeichnung zu übermalen begann.

Erst nachdem Nicole ihr Blindporträt vollständig übermalt hatte, konnte sie über ihr Bild sprechen. Sie verwies auf die roten Spangen im Haar und die roten Ohrhänger, die ihre Mutter immer trage.

Assoziationen zu Nicole

Der Anblick ihres eigenen aus der Form geratenen Blindporträts war Nicole unerträglich.
Ich konnte ihre Erleichterung spüren, nachdem sie ihre Blindzeichnung sehr entschlossen mit den Fettstiften übermalt hatte. Sie liebte die Fettstifte und verlangte immer wieder nach ihnen. Sie symbolisierten ihre Sehnsucht nach ICH - Stabilität.

Blondschemagesicht und dicke rote Beeren

Durch die Übermalungen wollte sie ihr eigenes Tastporträt aufhübschen, doch tatsächlich war es nicht mehr ihres, sondern eine Mischung aus ihrem oft benutzten Blondschemagesicht, der idealisierten Mutterimago* und ihren eigenen Wutknoten. Die hübschen, roten Haarspangen entpuppten sich demnach als kleine Teufelshörnchen, die roten Ohrhänger erinnerten stark an die Schwimmblasen eines Frosches bzw. Hamsterbacken.

Die übermalenden Verschönerungsmaßnahmen zeigten ihr wütendes Teufelchen umso mehr, je mehr sie es verstecken will. Selbst die kleine rote Tulpe( links) schien eher zu eine spitze Dreizack- Waffe zu sein.

Nicole war es gelungen in der konsequenten Übermalung ihren wütenden Widerstand gegen mich und die Übung zu zeigen. Sprechen konnte und wollte sie darüber nicht.
Erst als die anderen Mädchen nach den roten Backen fragten, belehrte Nicole sie beleidigt: "Das sind rote Ohrringe!"
Mit der Übermalung hatte sie mir ein methodisches Mittel gezeigt. Übermalung als Widerstandsmittel, um im Widerstand gegen das andere, Vorgegebene die eigenen Gefühle erst einmal bildnerisch zu erleben, bevor sie wahrgenommen werden können.

*Der ‚Imago'- Begriff stammt von C.G. Jung und beschreibt ein erworbenes imaginäres Schema, das sich in den ersten intersubjektiven, realen und phantasierten Beziehungen im familiären Umfeld gebildet hat. Ein statisches Klischee, nach dem ein Subjekt den anderen erfasst: Mutter-,Vater- und Bruderimago. Die Imago lässt sich ebenso gut durch Gefühle, Verhaltensweisen und Bilder objektivieren. Es handelt sich aber nicht um eine Widerspiegelung des Realen. So kann die Imago einer schrecklichen Mutter sehr wohl mit einer real farblosen Mutter übereinstimmen und umgekehrt.


2. Gruppenbild: ‚Spiegelmandala' - 26.09.05

Anwesend: Leonie und Susanne, etwas später Marlene
Nicole, eine Stunde verspätet

Leonie und Susanne kommen freudig erregt im Atelier an, besonders Leonie.
Sie hält mir eine Grundrissskizze unter die Nase und erzählt, dass sie jetzt ihr eigenes Zimmer bekommt.
Während wir noch auf Marlene und Nicole warten, richten Leonie und Susanne auf dem Papier das Zimmer ein.
Leonie erklärt mir sehr genau, wo sie was hinstellen möchte. Ihr ‚neues' Zimmer ist das Wohnzimmer bzw. die familiäre Abstellkammer.

Übung

Als Hauptübung vor den Herbstferien hatte ich noch ein Gruppenbild vorgesehen, in dem die Gruppe sich noch einmal aufeinander beziehen sollte, um die zwei Ferienwochen zu überbrücken.

Jede sollte versuchen - spielerisch interaktiv - auf ihr Gegenüber zu achten, das Gemalte der anderen aufgreifen oder als weiterführende Inspiration für das Eigene sehen oder je nach Stimmung anders darauf reagieren - sei es durch Nachahmung, Kontrapunkt oder Negierung.

Angestrebte Erfahrung

Die Übung sensibilisiert die Wahrnehmung für den Anderen. Wie ein Austausch im Sinne eines Gruppenbildgesprächs zu zweit, allerdings mit dem Unterschied, dass jede von ihrer sicheren Malposition Zeichen ‚senden' bzw.‚empfangen' kann.

Bildprozess

Wir beziehen den Tisch mit Papier.
Leonie lehnt sich spontan mit ausgestreckten Armen über die mit Papier bezogene Tischplatte, Susanne und Marlene ebenso. Durch diese spontane Gestik, kommt mir die Idee, das Mandala wie eine Art Fortsetzung des ersten Gruppenbilds zu malen.
Jede sitzt an einer Tischseite, Hände und Arme werden umrandet. Leonie und Susanne sitzen sich gegenüber und beziehen sich aufeinander. Der Platz gegenüber von Marlene ist noch immer frei, weil Nicole noch nicht da ist.

Leonie beginnt mit der rechten orangenen Sonne und lässt aus ihren Armen und Händen Bäume wachsen - sie wirkt sehr gemittet, greift klar und selbstbewußt zu den Farben, hoch konzentriert und - sie nimmt viel Raum ein, auf dem Papier.
Marlene dagegen, ist heute fahrig und lustlos und versucht während des Malens verbal ständig Kontakt zu Leonie herzustellen, was misslingt. Offenbar ist die Verbindung zwischen Leonie und Susanne heute zu innig und dadurch abgeschottet.
Doch Marlene versucht immer wieder zu Leonie eine Brücke zu bauen, erfindet sehr phantasievoll eine Übernachtungsverabredung mit ihr. Sie hätte für Leonie schon die Luftmatratze aufgebaut, und ob Leonie denn ihre Mutter informiert habe...?
Leonie ist irritiert. Letzten Endes stellt sich heraus, dass Marlene alles erfunden hat.
Eine eifersüchtige Inszenierung, um die Traurigkeit über das Ausgeschlossensein zu befrieden.
Der Versuch an Leonie anzudocken, spiegelt sich auch im Bild wieder, denn Marlene greift die Metamorphose Hand/Arm - Baum von Leonie auf.
Als Nicole nach einer Stunde Verspätung zur Gruppe kommt, flüstert sie mir als erstes leise zu, dass ihr zwei Backenzähne gezogen wurden und sie fünf Kilo abgenommen habe. Ein Geheimnis, was nach Bestätigung verlangt!

Sie setzt sich zu den anderen an den Tisch und beginnt eine kleine Palme zu malen.
Doch - wie schon so oft - hat sie nicht richtig zugehört und ich erkläre ihr die Übung noch mal. (Erst beim Erklären merke ich wie kompliziert die Aufgabe für Nicole sein muss und frage mich, warum ich eigentlich nicht einfach ein Gruppenbildgespräch gemacht habe!?).
Sehr lustlos deformierend "übernimmt" sie den Baum von Marlene und die rote amorphe Form mit dem schwarzen Kern. Anschließend ‚ist sie am Zug'. Sie setzt einen gelben und blauen Strich, den Marlene von ihr aufgreift, aber an die falsche Stelle setzt, nämlich unter den Baum. Nicole wird darüber ungehalten und ärgerlich. Sie fühlt sich ‚nicht richtig' gesehen und will jetzt auch nicht mehr auf die anderen achten (Trotz!).
Entsprechend ihres regressiven Gefühls malt sie auf den gelben und blauen waagerechten Strich unter ihre Palme eine kleine Inselszenerie mit kleinen Figürchen.
Trotz des Rückzugs auf ihre kleine Insel, möchte sie aber Aufmerksamkeit von den anderen und macht verschiedene Versuche, diese zu erreichen. Als sie z.B. eine Farbflasche braucht, ruft sie mehrmalig laut in die Runde:
"Wer gibt mir mal das Gelb?" Keiner bewegt sich...."Hol dir doch das Gelb!" Nicole muss selbst aktiv werden und aufstehen. Oder sie kleckst mal wieder auf ihre gute Hose, als würde sie aus dem Fleck und dem daraus resultierenden Auswaschen die entsprechende Portion Aufmerksamkeit für sich ziehen.
Sie beginnt sich im Gesicht zu bemalen und lacht ein wenig verschämt.

Leonie und Susanne sind im Malprozess sehr stark aufeinander bezogen, arbeiten beide gemeinsam an ihrer Welt (= Erdball). als würden sie auf ihrer grünen Spielwiese damit fangen spielen - die anderen beiden sind außen vor.

Assoziationen zu Leonie und Nicole

Die positive Botschaft von Leonie, ein eigenes Zimmer zu bekommen, beeinflusste intensiv den Mal- und Beziehungsprozess und das Verhalten Leonies. Susanne war ihre Komplizin in diesem neuen eigenen Gefühlsraum. Leonie hatte sich selbstbewußt und raumgreifend gegeben, was sich auch im Gruppenbild niederschlug. Ihre Gestik, mit den ausgestreckten Armen die Papierfläche einzunehmen, hatte mich mit Begeisterung infiziert, so dass ich spontan die Übung im Leonies Sinne erweiterte. Wieso hatte ich mich verführen lassen von Leonies überschwänglicher Stimmung?

Übertragung- die stolze Nebenmutter

In gewisser Weise hatte ich die raumgreifende Geste von Leonie i. S. einer Übertragung aufgegriffen. Hinzu kam, dass sich bei mir so etwas wie diffuser Stolz regte, als ich von Leonies eigenem Zimmer hörte. So deutete ich diese positive Veränderung auch als ein allmähliches Wirken unseres Gruppendaseins, an dem auch ich - quasi als stolze Nebenmutter - meinen Anteil hatte.

Dies Übertragungsgefühl setzte sich fort. Meine Aufmerksamkeit war viel stärker auf Leonie gerichtet als auf Nicole oder die anderen. Im Bild selbst zeigte sich m. E. der ICH-Zuwachs bei Leonie dadurch, dass sie aus Händen und Armen Bäume wachsen ließ - wenngleich Zwillingsbäume, die unten und oben verschmolzen und in der Stammmitte gespalten waren. Als hätte Leonie ihre enge Verbindung zu Susanne in den Zwillingsbäumen spiegeln wollen. Die Zwillingsbäume riefen in mir aber auch Leonies oft schwankende Beziehungsbindung zu ihren beiden so unterschiedlichen Freundinnen Marlene und Susanne wach.

Im Zweierspiel hatten Leonie und Susanne die Welt für die Gruppe entworfen und damit die Mitte (des Bildes) eingenommen - das war unübersehbar. Die beiden beherrschten ganz zentral die "Welt der Gruppe", zu der Marlene und Nicole eindeutig nicht gehörten. Marlene war von Anfang an in einer sehr melancholischen Stimmung gewesen, die ich bei ihr so noch nicht erlebt hatte. So wie sie Leonies Nähe suchte, erinnerte es mich eher an Leonies Verhalten aus früheren Zeiten - als hätte Marlene Leonie ein Gefühl abgenommen. Leonie hingegen ignorierte sie fast, als sie müsse sie die unverhohlen zur Schau getragene Traurigkeit von Marlene abwehren. Bei Nicole fiel mir nachträglich auf, dass ich offensichtlich ihren Stolz hinsichtlich ihres Zahn - und Kiloverlustes nicht genug gewürdigt hatte. Sollte ich sie dadurch, dass ich die stolze Mutter - Übertragung nicht angenommen hatte, in die Regression getrieben haben?
War ich zu stark auf Leonie konzentriert gewesen?
Nicole reagierte jedenfalls mit Taubheit und Regression in das Bild hinein: Unten rechts malte sie ihre eigene kleine Inselwelt- Palme, Sonne, Fische und einige Wurmfiguren.

Es fällt ins Auge, dass sie ihren linken Arm in demselben Blau malte wie die zentrale Weltkugel von Leonie und Susanne. Der Arm greift nach der Welt, nach draußen, möchte eine berührende Verbindung, wird jedoch ausgebremst von der roten, amorph umrandenden Fläche.

Es wunderte mich, dass der virulente Imitationsdrang Nicoles, der sich in den vergangenen Übungen immer wieder gezeigt hatte, gerade bei dieser Übung, die ja Nachahmung offen anbot, von Nicole verweigert wurde.

Ich empfand ihr Verhalten in der Deutung als zwiespältig: Suchte sie sich nun einen eigenen Ort, weil sie sich ausgeschlossen fühlte und nicht genug Zuwendung/ Aufmerksamkeit bekam oder war sie in der Gruppe ausgeschlossen und suchte sich deshalb einen Ort außerhalb? ‚Der eigene Ort außerhalb' tauchte auch noch in späteren Übungen bei Nicole auf.

Kritische Anmerkungen zur Übung

Im Nachhinein scheint mir diese Übung zu stark affirmativ gewesen zu sein. Die Aufgabenstellung war zu zielgerichtet und zu kompliziert in der Ausführung gewesen.
Sie implizierte stets gleichzeitig bei sich bzw. dem anderen zu sein, was eigentlich einer symbiotischen Matrix entspricht. Ich war der Übertragung von Leonie ohnmächtig ausgeliefert gewesen, was mich entsprechend an der Empathie für Nicole gehindert hatte.
Zwar war das Bild ästhetisch gelungen, setzte allerdings keine Ressourcen frei hinsichtlich der Beziehungsaufnahme in der Gruppe, sondern bildete nur 1:1 die bereits vorhandene gespaltene Gruppensituation ab, die auch bereits vor dem Malprozess bestand. Susanne und Leonie als Paar, sowie Marlene und Nicole als einzelne Abdrifter.
Durch Aufgabenstellung und Sitzordnung - je zwei gegenüber- am Tisch, wurde die Situation der klar definierten Zweiheit in der Gruppe nochmals potenziert und verstärkte auf der anderen Seite auch das Ausgeschlossensein der anderen ( Nicole und Marlene)

Zumindest beim Gruppenbild - vor den Ferien - wäre ein erneuter Versuch, mit den Mädchen ins Sprechen zu kommen, vielleicht fruchtbar gewesen. Doch ich hatte den starken Widerständen seitens der Mädchen nachgegeben, ohne den Widerstand selbst noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt zu thematisieren.
Die Tatsache, dass ich auf meinem Konzept beharrt hatte, noch vor den Ferien ein Gruppenbild zu malen, anstatt ganz grundsätzlich auf die von Leonie und Susanne "mitgebrachte Situation des eigenen Zimmers" bzw. den Zahn -und Kiloverlust von Nicole mit einer vollständig anderen Übung einzugehen, zeigt wie blind man auch bei selbst angeleiteten Wahrnehmungsübungen sein kann.


Geburtstagswunschbild für Nicole - 2.11.05

Da Nicole in den Ferien Geburtstag hatte, hatten wir verabredet, dass ihr Geburtstag in der Gruppe nachgefeiert wird. Nicole war dies ganz wichtig gewesen. Sie hatte mit ihrer Betreuerin Apfelkuchen gebacken.
Ich schenkte ihr eine Kleinigkeit und schlug vor, ein gemeinsames Wunschbild für Nicole zu malen. Ich beteiligte mich an dem Bild.

Leonie und Marlene bauten Schichttorten für Nicole. Susanne und ich malten duftige Blumen und Schmetterlinge. Die Massivität der Torten schien Nicole arg zu irritieren, denn sie schaute immer wieder ungläubig zu Leonie rüber. In ihrem Blick war etwas Ängstliches unterwegs, auch schien sie der Ehrlichkeit der Torte nicht zu trauen: Was war das für ein Wunsch von Leonie für Nicole? War es die große nährende Mutterbrust oder eine Rakete mit Zündschur? Die Aggressivität der roten Kerze war kaum zu übersehen.
Nicole selbst malte sich ein Haus. Viele sich kreuzende Feuerleitertreppen verbanden ein Fenster mit dem anderen. Trotzdem haftete dem Haus etwas Auswegloses an - es war kein sicherer Ort.

Ich fragte sie, ob dieses Haus ihr Wunsch-Ort wäre. Sie verneinte - sie wüsste auch nicht, wie dieses Durcheinander zustande gekommen sei. Nein, sie würde sich darin nicht wohl fühlen.
Ich schlug ihr vor, für sich selbst noch einen eigenen, schönen Ort zu malen. Sie malte ihn als Außenstelle, aus dem Fundament des Hauses, wuchs ihr Ort wie ein schräges Schild heraus.

Ganz ähnlich wie zuvor im zweiten Gruppenbild tauchte auch hier eine ideale Phantasie auf: Ein grüner Garten mit einem Baum und kleinem Teich.
Nachdem sie ihren kleinen grünen Ort gemalt hatte, fühlte sie sich besser und begann das Haus vollständig mit dunkelblau über zu lasieren. Ihr fehlte ein sicherer geborgener Ort. - das Haus mit chaotisch verbundenen Feuerleitertreppen zeigte einerseits ihren Beziehungswunsch, andererseits schienen die Treppen im Bild das Haus geradezu durchzustreichen. ‚Das Haus, von dem man sich Geborgenheit wünscht, schmeißt einen raus.' Dieser prosaische Gedanke blieb bei mir hängen.

Hinter den Bildern - eine Episode vom Rand

Ich möchte an dieser Stelle ein Ereignis darstellen, das wesentlich in den Gruppenprozess eingriff und ein neues Schlaglicht auf meine Beziehung zu Nicole warf.

Wir hatten eine Bildübung angefangen, die Materialkosten verursachte und an der ich die Mädchen bat, sich zu beteiligen. Jede war einverstanden dafür einen kleinen Geldbetrag mitzubringen. Nicole und Marlene wollten eine Notiz für ihre Mutter "Meine Mutter glaubt mir sonst nicht"(Zit. Nicole).
Leonie hatte zufällig schon Geld dabei und gab es mir. Ich deponierte das Geld auf meinen Arbeitstisch, der erklärten Tabuzone.

Nach dem organisatorischen Procedere begannen wir mit der Übung. Nicole war sehr schweigsam. Erst später fiel mir auf, dass ich wieder einmal stark auf Leonie konzentriert gewesen war.

Kleiner Diebstahl
am Rand

Gegen Ende der Gruppe, während die anderen noch aufräumten, hatte Nicole schon ihre Jacke angezogen und war bereit zum Gehen, obwohl sie ihren Arbeitsplatz noch nicht aufgeräumt hatte. Das Geld war vom meinem Arbeitstisch verschwunden. Keine hatte es genommen. Daraufhin begann ein emsiges Suchen, an dem sich alle - ausser Nicole - beteiligten.

Ich spürte ihren Drang wegzugehen, aber die Ansprache der anderen, mitzusuchen und auch meine restriktive Ansage, dass jetzt keine den Raum verlasse bis das Geld wieder auftaucht, schien sie zu lähmen. Sie stand auffällig-passiv im Raum, als hätte sie mit all den Suchenden nichts zu tun, wodurch sie geradezu den Verdacht von allen auf sich zog. (= absolute negative Aufmerksamkeit!) Mehrmals gefragt, stritt sie immer wieder ab, das Geld genommen zu haben. Vor zwei Wochen hatte es im Rauhen Haus e.V. ebenfalls einen Diebstahl gegeben. Nicole hatte dort Geld aus der Kasse entwendet.

Als die anderen gegangen waren, sprach ich sie noch mal an. Ihr ganzer Körper glich einer uneinnehmbaren Festung. Voller Abwehr. Mir fiel wieder ihr erstes Baumbild mit diesem massiven unbeweglichen Stamm. Nicole wirkte stur, gefühllos und in sich eingeschlossen. Sie wehrte alles ab, was im Zusammenhang mit dem Diebstahl etc. stand. Als ich andeutete, dass sie ja oft allein sei, rollte Traurigkeit aus ihr heraus. Sie weinte, erzählte von ihrer Mutter, von der sie arg beschimpft und geschlagen werde. Sie dürfe aber nicht sagen, warum. Die Mutter hätte es ihr verboten. Und der Vater (= Stiefvater), der würde gar nichts mit ihr machen....

Empathie -
was ist richtig?

Zum ersten Mal nehme ich ein Gefühl von Nicole wahr und empfinde so etwas wie Empathie ihr gegenüber. Gerade deshalb beschäftigt mich die ganze Woche die Frage, wie ich die Situation in der Gruppe das nächste Mal lösen soll, ohne Nicole zu kompromittieren. Ich entscheide mich für eine kleine Inszenierung, die Nicole schützen soll. Das nächste Mal hat sich Nicole Verstärkung mitgebracht, nämlich ihre drei Jahre jüngere Freundin Sammy, die sie schon häufiger mal erwähnt hat. Sammy ist ein sehr schweigsames Mädchen. Sie wird von Nicole wie Luft behandelt.


Auch die Art, wie Nicole selbst malt gleicht eher einem einzigen Abwertungsvorgang. Am Schluss der Sitzung thematisiere ich nochmals das verschwundene Geld vom letzten Mal. Jede soll die Chance bekommen, anonym das Geld wieder zurück zu legen. Eine nach der anderen geht ins Atelier. Als Nicole dran ist und die anderen draußen warten, ist ein kurzer Aufschrei von Nicole zu hören.Sie kommt mit knallrotem, ungläubigem Gesicht raus und kann "es" nicht fassen.

Projektion oder
Verschiebung?

(Ich hatte für sie das Geld zurückgelegt, um ihr das Gefühl zu geben, sie zu schützen) Durch diesen inszenierten Akt war eine geheime Verbindung zwischen Nicole und mir entstanden. Die ganze Gruppensituation, aber auch die Beziehung zwischen Nicole und mir wurde in doppelter Weise unbewusst von Nicoles Problematik beherrscht.

Für Nicole hatte sich hier eine altbekannte Musterkonstellation in der Gruppe reinszeniert, und das sie bereits aus der Schule kannte. Sie war ja schon dort durch Diebstähle an Mitschülern auffällig geworden. Dort wie hier hatte sie eine Außenseiterposition, war nicht vollständig integriert, weil sie keine Freundin hatte wie z.B. Leonie, die gleich mit zweien aufwarten konnte. Dadurch hatte sich ein Ungleichgewicht in dem Gruppengefüge hergestellt.

Mir war die Verlagerung meiner Aufmerksamkeit während des halben Jahres von Nicole zu Leonie entgangen. Nicole hatte sich also durch den Akt des (Geld-)Wegnehmens etwas genommen, was sie brauchte: sie hatte sich ins Zentrum der Gruppe "gespielt". Dadurch war ihr Aufmerksamkeit, wenngleich negative (!) sicher.

Durch diesen Diebstahlakt war ihr unbewusst noch etwas anderes gelungen:
Nämlich eine Übertragungsverbindung zu mir herzustellen. Ich hatte mich durch meinen inszenierten heimlichen Akt (= Geld für sie hinlegen) spiegelbildlich mit ihrer Heimlichkeit (des Diebstahls) verbunden und damit ihre unbewusste Strategie übernommen. Die anderen waren ausgeschlossen. Eigentlich hätte ich offen und bewusst das Thema in der Gruppe besprechen oder eine Bildübung dazu machen müssen, aber ich hatte mich verführen lassen, zu einer Geheimnisträgerin zu werden.

Insofern hatte mein heimlich inszenierter Akt, der sie wieder in die Gruppe integrieren sollte, das genaue Gegenteil bewirkt. Andererseits verwies der Diebstahl selbst symbolisch und ganz konkret auf Nicoles Mangel und ihre Beziehungsbedürftigkeit. Die Diebstahl-Episode und meine unklare Beziehung zu Nicole beschäftigten mich. Warum hatte ich dies zwiespältige Gefühl: Ich konnte sie in ihrer Realität nicht spüren, bekam keinen Kontakt zu ihr und war ihr doch ganz vertraut?

Da diese Fragen intellektuell nicht zu klären waren, entschied ich mich, selbst ein Bild zu malen, um heraus zu bekommen welcher Art meine Beziehung zu Nicole war.

Dabei ist ein Bild entstanden, das ich als Übertragungsbild bezeichnen möchte. Während ich das Bild ‚Nicole' malte, klärten sich einige Ambivalenzen.

Übertragungsbild ‚Nicole'

Die auffälligsten Momente im Bild waren für mich damals die blonde Maske, die einen Bezug zu dem idealisierten mütterlichen Gesichtsstereotyp herstellte, der bei Nicole sowohl in der Rede von ihrer Mutter als auch in ihren Bildern immer wieder aufgetaucht war. Das dahinter verborgene, dunkelviolette Gesicht verband sich für mich mit Nicoles Heimlichkeit und Wut, ebenso das militärisch grünbraune Camouflagemuster.
Die geschlossene Faust, in der das Geklaute versteckt wurde und die gleichzeitig zum Schlag ansetzen könnte. Und dann das Rosa, was sich unersättlich ins Bild geschrieben hatte. Der kindliche Narzissmus war darin gespeichert. Und die Brüste-Landschaft aus karierten Bettbezügen, die für mich etwas zu tun hatte mit ihrer ungestillten Gier.
Besonders die Brüste-Landschaft rief assoziativ meine eigene Mutter-Beziehung hervor, in der die stillende Brust gefehlt hatte. Dieser Mangel, nie eine gut genährte emotionale Beziehung zur Mutter gehabt zu haben, hatte für den emotionalen Kontakt in späteren Beziehungen weit reichende Auswirkungen. Gab es hier eine Spiegelähnlichkeit zu der Beziehung von Nicole und ihrer Mutter? Kannte sie den Mangel eines ‚Nicht-genug-Bekommens', der sich zum essentiellen Selbstwertmangel eines ‚Nicht-genug-Seins' auswachsen kann?
War es dies, was ich als Ähnlichkeit, als etwas Vertrautes zu Nicole gespürt hatte?

Das Bild sollte mich den ganzen Gruppenprozess hindurch begleiten und legte immer wieder neue Übertragungsaspekte in der Beziehung zwischen Nicole und mir frei.

Fazit zur Phase I "Optimierungsfalle"

Nachdem die Gruppe bereits über ein halbes Jahr bestand, hatten sich für mich ansatzweise einige Erkenntnisse zum allgemeinen Prozess, meiner Rolle darin und der Psychodynamik herauskristallisiert. Während des halben Jahrs hatte sich eine relativ stabile Kleingruppe in vertrauensvoller Atmosphäre gebildet.
Die Mädchen kamen regelmäßig und ausgesprochen pünktlich. Für mich waren die Gefühlsäußerungen und Gesten, die Interaktionen der Mädchen wie in einem lebendigen Bildtableau in einer Art Zeichensprache anschaulich geworden und hatten etliche diagnostische Spuren hinterlassen.
Wie in einem Gesamtkunstwerk schien jedes Detail des psychodynamischen Prozesses wichtig zu sein, weil es sich mit anderen verknüpfte und Ahnungen über Störfelder, Problemknoten und Traumatisches aus dem biografischen Kontext von Nicole und Leonie vorantrieb..

Aus dem gefühltem Erleben, einzelnen Beobachtungen des Gesamtkontextes und den Bildarbeiten erwuchs bei mir allmählich auch ein diagnostisches Erkennen für die spezifische Problematik der beiden Mädchen, Nicole und Leonie.

Allgemeines zum Projektverlauf

Widerstand der Sprache

Mein Versuch, das in meiner Ausbildung erlernte kunsttherapeutische Procedere (Aufgabe, Realisierung, Bildbesprechung) möglichst adäquat anzuwenden, war durch einen spezifischen Widerstand der Gruppe gescheitert.
In der Literatur zur kunsttherapeutischen Psychotherapie wird immer wieder der Stellenwert der Sprache beschworen:
"der Klient berichtet auf eine ihm eigene Weise, wie er angefangen hat zu malen, was ihn dabei bewegte, woran er sich erinnert und welche Gefühle aufgetaucht sind.....die Art und Weise, wie ein Patient über sich selbst, den Malprozess und sein Bild berichtet, gibt bereits wichtige Hinweise auf die neurotische Struktur seiner Persönlichkeit...[...]....da also die Sprache selten abgelöst von einem Bild oder Bildern praktiziert wird, kommt es im Idealfall zu einem permanenten Oszillieren zwischen Bild und Sprache, wobei sich wie von selbst die Informationen des Bildes erhellen, was wiederum eine Auswirkung auf die Sprache hat. (G. Schmeer)

Doch genau der von mir angestrebte Idealfall assoziierender, zuweilen reflektierender Sprechbewegungen war mit den adoleszenten Mädchen nicht möglich gewesen. Sie weigerten sich beharrlich meinen archäologischen Suchbewegungen in ihren Bildern zu folgen, genossen andererseits aber sichtlich das intensive Ausagieren im Bild selbst.

Ich hatte die adoleszente Entwicklungssituation der Mädchen vielleicht nicht genügend berücksichtigt und war dem pädagogischen Format zu stark verhaftet gewesen. Andererseits war mir die Arbeit mit pubertierenden Jugendlichen vertraut und ich konnte auf Erfahrungen mit meiner eigenen gleichaltrigen Tochter zurückgreifen. Es gab noch etwas anderes in der Sprechverweigerung, die eine produktive Eigenbewegung der Mädchen ahnen ließ.

Sprache des Widerstands

Möglich, dass die angestrebte Verbalisierung in ihnen zu stark schulische, insbesondere das kunstpädagogische Umfeld wachrief, mit dem sich immer auch ein unangenehmer Bewertungsaspekt verbindet. In ihrer "trotzigen" Weigerung steckte auch eine Mutterübertragung, eine adoleszente Abgrenzung der Mutter gegenüber.

Mutterübertragung

Metaphorisch gesprochen, kam es mir manchmal vor, als hielten sie die Tür zu ihrem eigenen Zimmer, zu ihrem Geheimnis, vor der Mutter bzw. mir als dem anderen Mutterobjekt, bis auf einen Spalt verschlossen. Sie hatten gespürt, wie viel sie von sich mit ihren Bildern freilegten, wie viel Einblick sie in ihr Innerstes gewährten. Einerseits sehnten sie sich danach, auch darin gesehen zu werden - die anderen und ich sollten als Zuschauer daran teilnehmen, gleichzeitig merkten sie aber auch, dass das Bild sie schützen konnte. Gerade durch das Unausgesprochene.Sie konnten, wie in einem Code, in und durch die Bilder sprechen.Darüber hinaus meinte ich in ihrer Sprechverweigerung auch eine verschlungene Gegenübertragungsdynamik zu sehen.Denn genau genommen hatte ich sie für mein Projekt benutzt. Zwar meinte ich anfangs unmissverständlich die Bedingungen dieses

Aneignung
meines Orts

Gruppenprojekts transparent gemacht zu haben, doch durch ihre Weigerung hatten sie sich mein Projekt angeeignet. Sie hatten den Montagstermin zu ihrem Termin, mein Atelier zu ihrem Ort gemacht, an dem lustvolle Malreisen und wohliges Zusammensein, fast wie in einem Jugendclub, im Vordergrund standen.

So war gerade jene wohlige Ausdrucksmalgruppe entstanden, die ich um jeden Preis hatte vermeiden wollen. Andererseits hatten sie gerade dadurch meinen eigenen, inneren Wunsch realisiert, nämlich ein paar Stunden "einfach so sein" in meinem Atelier statt unentwegt in bestimmten Konzepten zu funktionieren. Hier war ich offensichtlich in die Gegenübertragung hineingerutscht.

Erst nach der Erfahrung des halben Jahres konnte ich den Widerstand auch als Zeichensprache lesen, mit der die Gruppe ihr ureigenes Bedürfnis nach Sicherheit zum Ausdruck brachte. Sie wollten und brauchten einen sicheren Entfaltungsort. Sie wollten und brauchten mich als schwingende, wohlwollende, fragende und grenzsetzende Präsenz - die andere Mutter. Sie wollten sprechen und sprachen auch, aber nicht so, wie es theoretisch dem kunsttherapeutischen Paradigma entsprach.
Ihr Sprechen ereignete sich unentwegt als ein mäanderndes Sprechen. Es schlängelte sich bezeichnenderweise geradewegs über jene Wege, gegen die ich Widerstand aufgebaut hatte:
Das Sprechen hatte sich in die Pause (Wohlfühlen/ Relaxen!) hineinverlagert, in der es sich rasend ausdehnte und wie selbstverständlich waren auch die Ränder des Malgeschehens davon miterfasst worden. (z.B. erzählte Leonie während ihres Tastporträts das erste Mal von ihrem neuen Zimmer)
Als hätten sich unbemerkt Hyperlinks im dreidimensionalen Raum gebildet, über die emotionale Botschaften in den Zwischenräumen keimten.

z.B. die Pause:

Die Pause, ursprünglich als entspannende Leerstelle von mir gedacht, verwandelte sich zu einem unerwartet zentralen Kommunikationspool, in dem die Mädchen viel von sich, ihrer familiären Situation, der Schule, ihren Sehnsüchten, Wünschen Popstars, Musik etc. en passant austauschten und preisgaben. Doch mir war nicht bewusst gewesen, wie ich selbst die Pause verführerisch als Lockmittel eingesetzt hatte.

Die abwesenden Mütter

Eigentlich sollte sie als kleine Distanzweiche nach dem Malakt dienen. Ich hatte Tee, Knabbereien, manchmal Süßkram und Obst besorgt - also durch und durch mütterlich - sorgende Gesten, durch die sich eine familiäre Tischsituation herstellte.Im Grunde kompensierte diese Pausen-Situation einen fundamental emotionalen Mangel, der bei allen vier Mädchen vorkam.Sie lebten zwar alle in getrennten Familien mit ihren Müttern zusammen, doch meist waren diese Mütter durch Berufstätigkeit (bei Nicole, Susanne, Marlene) oder Krankheit abwesend (s. Borderline-Schübe bei Leonies Mutter).

‚Die Pause und ich' verkörperten demzufolge fütternde Präsenz, eine Art "Stillzeit", in der sich mütterliche Übertragungsdynamik abspielte, die, unterschiedlich aspektiert, sowohl Nicole als auch Leonie betraf.

Zur Bildarbeit

Die Entscheidungen für die jeweiligen Bildübungen habe ich zumeist situationsbezogen intuitiv getroffen.
Im Nachhinein lassen sich die so geschehenen Bildübungen geduldig sinnvoll hin und her deuten, wie ich es ja auch versucht habe, doch letztlich verhält sich jede Bildübung wie eine neue Nervenzelle: sie bewegt sich einfach los - erst blind, nicht wissend wohin, und im Moment des Andockens an eine andere stellt sich heraus, dass der Weg vielleicht sinnvoll oder bedeutsam war. Zielgerichtet ist er jedoch nicht, obwohl ich gerade dies angestrebt hatte.
Zuweilen kam mir die Assoziation, dass es in den Bildern der Mädchen zuging wie in Petrischalen, in denen besondere Bakterienkulturen angesetzt worden waren, die vor sich hin wimmelten und seltsame Zellteilungen vornahmen.
Irgendwann ließe sich das Zellwachstum beobachten, ohne genau sagen zu können, wann und wodurch dies wohl eingetreten sein mochte.
Z.B. das Bakterium "Rot ist hässlich" bei Leonie wandelte sich durch verschiedene Bilder hindurch, mutierte noch mal zu "Rosa" und konnte an den jeweiligen Konfrontationen reifen; oder auch die winzig kleinen roten Pünktchen-Beeren aus der 1. Übung "Baumbild", die sich entsprechend des Schmeerschen Dominoeffekts zu dicken roten Backen und roten Hörnchen ( s. S. 45 Tastporträt) entwickelt hatten.

Psychodynamik in der Gruppe

Gerade durch die zuletzt beschriebene Diebstahl-Episode (s. S. 55, Hinter den Bildern) kristallisierte sich jene Gruppenstruktur heraus, deren Matrix von Anfang an vorhanden war, die ich jedoch vollständig verdrängt hatte. Gemeint ist Nicoles Stellung innerhalb der Gruppe. Durch die beiden Freundinnen von Leonie war ein Ungleichgewicht in der Gruppe entstanden, was Nicole sofort eine Sonderrolle zuwies:

  • sie war jünger als die anderen
  • sie ging in eine andere Schule als die drei anderen
  • sie kam und ging stets allein
  • sie konnte nicht mitreden, wenn die anderen über Schule oder andere Freunde in der Pause redeten....
  • sie hatte keine Freundin zu bieten außer Sammy, die sie ja nach der Diebstahl-Episode auch als Verstärkung mitgebracht hatte.

So gesehen war sie von Anfang an in einer, mit Mangel behafteten Außenseiterposition gestartet, ein für sie alt bekanntes Muster aus der Schule.
Ich als Leiterin hatte versucht dies (s. 1. Gruppenbild) auszugleichen, in dem ich den leeren Platz neben Nicole versuchte zu füllen, hatte mich dadurch jedoch in eine zwiespältige Rolle manövriert. Ich tat so, als würde ich zur Gruppe gehören, hatte Unterschiede verwischt und mich zu ihresgleichen gemacht, um ihre Position in der Gruppe zu stärken. Höhepunkt dieses Verhaltens war meine heimlich erzeugte Solidarität mit ihr in der Diebstahlepisode gewesen. Und alles, obwohl ihre fordernde, übergriffige Art in mir inneren Widerstand und z. T. Ignoranz hervorrief.
Diesen inneren Konflikt hatte ich ganz im Sinne einer Abwehr "gelöst", in dem sich meine Aufmerksamkeit langsam auf Leonie verschoben hatte.
Mein Interesse an Leonie wuchs in dem Maße, wie sie sich emotional öffnete. Ich werde auf diese Gegenübertragungsdynamik noch an späterer Stelle eingehen.

Leonie hatte sich durch ihre beiden Freundinnen Marlene und Susanne schützenden Rückhalt und größtmögliche Freiheit mitgebracht. Sie konnte je nach Belieben und innerer Befindlichkeit zwischen zwei emotionalen Mustern wählen:
Marlene, die extrovertierte und Susanne, die Introvertierte. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Beziehung von Leonie zu den beiden, auch von projektiver Identifizierung lebte, sie also emotionale Anteile, die sie selbst nicht leben konnte auf die eine bzw. andere projizierte.

Nicole hatte ein untrügliches Gespür entwickelt, sich jeweils an die von Leonie ‚übrig gelassene' Freundin - entweder Marlene oder Susanne - anzudocken. Beide, Marlene und Susanne, akzeptierten Nicole grundsätzlich, wenn sie auch in ihrem Sozialverhalten von allen gelegentlich kritisiert wurde. "Wir räumen jetzt alle auf und du gehörst auch dazu!" Trotz der Kritik wurde sie nie ausgeschlossen, sondern die anderen versuchten ihr ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.

Die Tatsache, dass Marlene und Susanne jüngere Schwestern hatten, übertrugen sie auf Nicole, für die diese Art der sorgenden Auseinandersetzung offensichtlich unbekannt war.
So erfuhr sie Korrekturen ihres Verhaltens, ohne abgelehnt bzw. immer wieder aufs Neue integriert zu werden.
Sie schien sich trotz ihrer Sonderstellung recht wohl in der kleinen Gruppe zu fühlen, was ihre regelmäßige Teilnahme trotz des extrem weiten Weges, den sie zurücklegen musste, bestätigte. Das Verhältnis Nicole - Leonie hingegen war stark abgegrenzt voneinander bis ignorant.
Vermutlich hatten sich hier Neid und Eifersüchteleien in die Übertragung eingenistet, ohne dass ich es zu jenem Zeitpunkt realisiert hatte.
Die Gruppendynamik ist therapeutisch gesehen eine Gradwanderung zwischen Risiko und Chance. Dem Risiko, unbemerkt in die Reinszenierung alter Muster zu fallen, wie bei der Diebstahlsituation geschehen, steht die Chance gegenüber, alte Muster in der Wiederholung zu erkennen und aufzubrechen.
Doch bei einer adoleszenten Gruppe steht nicht die Reflexion im Vordergrund, sondern die emotionale Interaktion und Kommunikation untereinander; das, was sich an ‚Hier und Jetzt' - Konflikten entzündet, kurz das Sich-selbst-Erleben mit anderen.

Nicoles Problematik

Durch die Bildübungen, aber auch durch bereits erwähnte Randereignisse wurde die Problematik von Nicole immer differenzierter sichtbar. Mein erster Eindruck von Nicole war ambivalent gewesen : ich empfand sie einerseits als distanzlos, übergriffig und andererseits als überangepasst und brav.

Ambivalenz

Diese Ambivalenz zeigte sich abgewandelt in verschiedenen Zusammenhängen. Einerseits war sie körperlich unübersehbar, durch ihre Leibesfülle, andererseits hatte sie z.B. in der Pause beim Knabbern eine Strategie der gierigen Unauffälligkeit entwickelt.

Beides drückte sich signifikant in ihrer Körperhaltung aus. Meist saß sie sehr still in der Pausenrunde, ein Arm vorm Bauch verschränkt. Sie tat so, als höre sie den anderen interessiert zu, doch ihr Blick und auch die andere Hand wanderten fast tagediebisch zu den Keksen. In diesem körperlichen Verhalten drückte sich ihr Zwiespalt aus: eine unersättliche Gie, die mit Schuld und Scham besetzt war.

Meinen Beobachtungen zufolge, aber auch, was mein ‚Übertragungsbild von Nicole' thematisierte, war ein unbändiger Trieb bzw. eine tief sitzende orale Bedürftigkeit bei Nicole, die aus einer sehr frühen Entwicklungsphase zu stammen schien und sich nur heimlich Befriedigung verschaffen bzw. agieren konnte ( s. heimliche Diebstahl/s. karierte Brüste und Camouflagemuster im Übertragungsbild). Eine Heimlichkeit, die durch den Klammergriff des Über-Ichs entstanden war?
In der Übertragung war dieser innere Druck bzw. der Kampf Nicoles für mich stark spürbar gewesen, aber auch die Wut dahinter, die sich nicht Bahn brechen konnte.( s. a. Übertragungsbild ‚Nicole'/ dunkelviolette Gesicht hinter der Blondmaske)
In der Gegenübertragung bemerkte ich ebenfalls ein Wut- und Ablehnungsgemisch gegenüber Nicole.
Sie verhielt sich nicht entsprechend meiner Vorstellungen, jetzt war ich schon ein Stück auf sie zugekommen, hatte - statt gesundes Obst-, reichlich Kekse und Schokolade (als Lockmittel ?) ausgelegt, und trotzdem war es noch nicht genug, sie hatte nicht funktioniert, sondern trotzdem gestohlen, obwohl sie alles bekam.

Ich spürte darin die Wut der realen Mutter Nicoles, die alles dafür tat, damit ihre Tochter funktionieren solle, doch leider ohne Erfolg (Gute Kleidung, Diätprogramme für die Tochter, Nachhilfe, Ausflüge, Sport, eine ‚richtige' Familie).
Die Tochter mühte sich zwar sisyphusartig ab, der Mutter zu gefallen, doch es war nicht genug. Ihr Hunger nach narzisstischer Befriedigung konnte nicht gestillt werden.
In mir stieg die Erinnerung an meine Kindheitswut hoch - auf meine Mutter, die mich zwar versorgt hatte, aber emotional nicht genährt hat. ( Gegenübertragung?)


Nicoles Mutter

Bei der Feedback-Besprechung mit ihrer Betzu dem neuen Stiefvater in einer Entwicklungsphase statt, in der nach Mahler Individualität konsolidiert wird und sich emotionale Objektkonstanz bildet.reuerin vom Rauhen Haus e.V. erfahre ich, dass Nicoles Mutter 18 Jahre alt war, als sie Nicole bekommen hat. Mit 14 Jahren zog sie von zu Hause aus zu ihrer Oma, weil ihr Vater sie stark misshandelte.
Nach dem Tod der Oma, weigern sich die Eltern sie wieder aufzunehmen. Sie wird in einer christlichen Pflegefamilie auf dem Land untergebracht. Bei ihrem ersten Disco-Besuch wird sie schwanger.
Das christliche Umfeld macht eine Abtreibung unmöglich. Durch das Kind kann sie ihre berufliche Ausbildung nicht fortsetzen - eine "double bind" - Situation.

Ambivalenz durch
die Mutter

In dieser Situation ist das Kind Nicole ihre einzige emotionale Bindung (Symbiose) und gleichzeitig Zerstörung ihrer perspektivischen Lebenswünsche oder doch zumindest eine Behinderung. Dieser Zwiespalt könnte zu einer inneren Ablehnung des Kindes geführt haben bei gleichzeitig stark wirksamen Schuld - und Schamgefühlen. ( s. auch christlicher Hintergrund in der Pflegefamilie). Diese Ambivalenz scheint sich transgenerational auf Nicole übertragen zu haben und weiter zu wirken.

  Mutter-Kind-Symbiose

Zu der Mutter-Kind-Symbiose, die auch als Ausgangsproblem für Adoleszenzkonflikte gesehen werden kann, schreibt Helmut Fend (2005):

" Heute ist nicht mehr die große Distanz zwischen Eltern und Kindern das Problem, sondern eher die zu große Nähe im Sinne einer Symbiose zwischen Mutter und Kind. Es erlebt andere Personen nicht primär von der eigenen getrennt, sondern verschmolzen. Das Kind wird zum zentralen Lebensmittelpunkt der Mutter, ja, es ist die wichtigste Quelle ihrer Bedürfnisbefriedigung. Gleichzeitig erwartet die Mutter aber sehr viel vom Kind.... es muss gleichzeitig Ausweis sein, dass sich die großen Investitionen ( Arbeit, Entbehrungen etc.), die man in das "Lebensprojekt Kind" getätigt hat, auch gelohnt haben, dass also das Kind ein "Erfolg" wird. Das Kind wird so Teil der narzisstischen Bedürfnisse...insbesondere der Mütter...... es erlebt sich in einer überhöht-idealisierten Wertigkeit, die es möglicherweise internalisiert." Mag sein, dass Nicole diese überhöht - idealisierte Wertigkeit ihrer Mutter internalisiert hat und diese in ihren Bildern zum Blondschema gerinnt.

Anale Phase -
keine Objektkonstanz

Als die Mutter ihren Stiefvater Ali heiratet, ist Nicole 2 bzw. 3 Jahre (anale und ödipale Phase) alt.Für Nicole findet diese neue, sehr abhängige Beziehung ihrer Mutter zu dem neuen Stiefvater in einer Entwicklungsphase statt, in der nach Mahler Individualität konsolidiert wird und sich emotionale Objektkonstanz bildet. Es handelt sich um "eine außerordentlich wichtige intrapsychische Entwicklungsphase, in deren Verlauf ein stabiles Gefühl der Einheitlichkeit (Selbstgrenzen) erworben wird. Auch die Objektkonstanz beinhaltet mehr als die Bewahrung der Repräsentanz des abwesenden Liebesobjekts Mutter; sie beinhaltet zugleich die Vereinigung von " gutem" und "bösen" Objekt zu einer Gesamtrepräsentanz." ( M. Mahler S. S. 142/143.)

Gerade in dieser Phase, in der sich eigentlich das Kind langsam von der ‚sicher präsenten' Mutter trennt, passiert das genaue Gegenteil: Die Mutter trennt sich aus der Symbiose-Beziehung mit der Tochter zugunsten des Mannes. Das Kind Nicole muss sich von Mutter verlassen fühlen.
Eine Situation, die sich seit dieser frühen Phase immer mehr manifestiert hat.

Nicole ist der Bedürfnislage ihrer Mutter vollständig angepasst. Taucht der Stiefvater mal in der Wohnung auf, muss sie auf die Strasse. Ist er weg, muss sie für ihre Mutter da sein. Fährt die Mutter mit einer Freundin weg, muss sie zur Oma. Es gibt viele Aktivitäten, aber wenig emotionale Mutterpräsenz.

Auf meine Frage, ob sie das denn nicht traurig mache, dass ihre Mutter so selten da sei, antwortet Nicole "Sie braucht das ja auch mal!". Sie echot die Worte der Mutter. Handelt es sich bei Nicoles Mutter-Idealisierung um eine Folge dieser symbiotischen Verschlingung?

Verschiedene Symptome und ihre Deutung

Schmier - und
Schmutzlust

Eine anderes durchaus ambivalentes Phänomen bei Nicole, was ebenfalls stark an die anale Phase erinnert, zeigt sich in ihrer Schmier - und Schmutzlust bzw. ihrem Umgang mit Kleidung. Bezeichnenderweise ist es die Kleidung, in der die Mutter für Nicole an - und abwesend zugleich ist.

Einerseits präsentiert sie sich sehr stolz in der neuen Kleidung, ein Geschenk ihrer Mutter oder der Freundin ihrer Mutter, andererseits beschmutzt sie sich lustvoll zerstörerisch, wohlwissend, dass die Mutter das Verhalten sanktionieren wird. Ein heimliches Ausagieren von Trotz/ Wut gegen die Mutter, in der die Kleider für Nicole fast zu Übertragungsobjekten werden?

Toilettengänge

Auch eine andere Randauffälligkeit fügt sich m. E. ebenfalls symptomatisch in diese Phase. Nicole suchte oft während einer Gruppensitzung die Toilette auf. Ich hatte beobachtet, dass ihrem Toilettengang häufig eine kleine konflikthafte Irritation mit mir oder einem anderen Mädchen voraus ging oder das Ende der Gruppensitzung stand bevor und sie mit beim Aufräumen helfen sollte. Allen Situationen war gemeinsam, dass sie auf der emotionalen Ebene etwas mit Trennung, Getrennt werden zu tun hatten.

Durch die Feedbackbesprechung mit Nicoles Betreuerin wurden die Toilettengänge jedoch in einen eindeutig organischen Kausalkontext gestellt. Nicole leidet signifkanterweise seit ihrem 2./3. Lebensjahr (anale /ödipale Phase!) unter einem Inkontinenz - Problem. Nach fachärztlicher Meinung verursacht durch ein Hormondefizit, das seit Jahren medikamentös behandelt wird. Aufgrund dieses Symptoms wurde auch auf den vermuteten sexuellen Missbrauch geschlossen.

Nach meiner 1/2 jährigen Erfahrung mit Nicole und den bereits dargestellten Gesamtkontext, würde ich allerdings nicht ausschließen, dass diese körperliche Dysfunktion bei Nicole eher auf einen ursprünglich traumatischen Konflikt in der Beziehung mit der Mutter hinweist, der - umgekehrte Kausalität - möglicherweise das Hormondefizit ausgelöst hat.

Schon während der Bildübungen war ihre starke Tendenz zur Nachahmung aufgefallen, die sich gelegentlich zu Neid formierte. Auf der farbsymbolischen Bildebene zeigte sich dies in ihrem häufigen Gebrauch der Farbe "Gelb". Auf der gruppenpsychologischen Ebene, dadurch dass ihre Aufmerksamkeit stets bei den anderen (s. Susanne und Marlene) weilte.

Nachahmung - Neid

Oft versuchte sie - meist nach den Toilettengängen - Aufmerksamkeit für sich durch kleine Versteckspiele und sadistische Racheakte herzustellen z.B. indem sie anderen den Stuhl wegzog, ein Bein stellte oder sonst etwas wegnahm. Von den anderen "nahm" oder "klaute" sie sich z.B. die Farbe, den Pinsel oder den Malkittel.
Auch die kleinen Diebstähle an MitschülerInnen lassen sich als kleine sadistische Racheakte lesen, in denen der Wunsch nach Dazugehören wollen steckt.
Diese stark imitierende Focussierung auf das andere Objekt betraf in ihren Bildern immer wieder ihre Mutter, die als starkes blond-und-blauäugiges stereotypisches Schema auftauchte. Diverse Randbemerkungen von Nicole wie z. B."ich habe die Haare meiner Mutter - nur ihre sind noch viel schöne, blonder und länger..." verweisen auf eine starke Idealisierung des Mutterobjekts.
So schien Nicole in ihren Bildern ähnlich wie in ihren Kleidern quasi projektiv eine Objektanwesenheit ihrer Mutter herzustellen, die real für sie eher abwesend und unerreichbar war.

Versteck dich-
entdeck mich!

Das Gefühl des Neids bzw. der Nachahmung also, das zu haben bzw. zu tun, was andere haben bzw. tun, verbindet sich mit einem anderen Verhalten Nicoles, das ebenfalls aus der frühkindlichen analen Phase stammt: Sie versteckte sich manchmal hinter der Eingangstür, um von den anderen Mädchen oder mir entdeckt zu werden. Bei diesen Versteckspielen, aber auch Nicoles Imitationsdrang scheint es sich um einen frühen Ausdruck von sozialer Interaktion zu handeln.Entwicklungspsychologisch findet diese zumeist wie gesagt in der analen Phase statt.

"Versteckspiele und Nachahmungsspiele wurden nun zum bevorzugten Zeitvertreib. Die Wahrnehmung der Mutter als einer getrennten Person in der weiten Welt ging mit dem Gewahrwerden der getrennten Existenz anderer Kinder einher, die dem eigenen Selbst ähnlich und dennoch verschieden davon waren. Dies wurde anhand der Tatsache deutlich, dass die Kinder nun stärker den Wunsch hatten, zu haben oder zu tun, was ein anderes Kind hatte oder tat, d.h. bis zu einem gewissen Grade das andere Kind widerzuspiegeln, zu imitieren, sich mit ihm zu identifizieren.....Im Zusammenhang mit dieser wichtigen Entwicklung trat nun spezifischer, zweckbestimmter Ärger bzw. Aggression in Erscheinung, wenn das begehrte Ziel definitiv unerreichbar blieb. Natürlich verlieren wir nicht die Tatsache aus den Augen, dass diese Entwicklungen mitten in der analen Phase mit ihren charakteristischen Merkmalen der analen Habsucht, der Eifersucht und des Neides stattfinden." (s. S. 119 M. Mahler)

Die Entstehung des Neids hingegen siedelt Melanie Klein noch früher an, nämlich in den frühesten Partialobjektbeziehungen des Kindes zur mütterlichen Brust an.
Hier kommt es zu einem Wechsel von befriedigenden und versagenden Erlebnissen. Wenn dem Kind die Befriedigung durch ein gelingendes Stillen vorenthalten wird, entwickelt es die Phantasie, die mütterliche Brust enthalte alles, was es begehrt und halte dieses alles für die eigene Befriedigung zurück.
Die Brust wird so zum ersten beneideten Objekt. Kann das triebhafte Begehren nicht befriedigt werden, kommt es zu einer ernsthaften Störung der Beziehung zur Mutter, sie bzw. ihre Brust wird als quälend und enttäuschend erlebt. Sie wird zum Objekt von Hassgefühlen, die sie zerstören wollen. ( Melanie Klein 1957)

Aus meinem Übertragungsbild ‚Nicole' taucht wieder die rosafarbene Brüste-Landschaft als begehrtes Objekt auf und verbindet sich mit der frühen ambivalenten Beziehung der Mutter zu Nicole (s. oben/Ablehnung Symbiose)

Die Mutter, die sich nicht gut genug an die Bedürfnisse des Säuglings anpassen d.h. sie befriedigen kann und sich mit ihm nicht identifiziert, wird den Säugling zum Sich-Fügen verführen. (Rührt daher die Angepasstheit von Nicole?)

Falsches Selbst

Folge ist, dass der Säugling in seiner weiteren Entwicklung ein gefügiges falsches Selbst aufbauen wird, mit dem er auf die Umweltforderungen nur reagiert, statt selbst zu existieren. Das falsche Selbst hat allerdings auch eine positive und sehr wichtige Funktion: Es verbirgt das wahre Selbst, und zwar gerade dadurch, dass es sich den Umweltforderungen fügt.Sich-fügen ist also das Hauptmerkmal, mit der Nachahmung als spezieller Ausprägung. Fehlende Hingabe der Mutter kann also zum Wachstum eines falschen Selbst führen.

Hier streift mich wieder mein erster Eindruck von Nicole, des Angepaßtseins, verbunden mit ihrer übergriffigen Neu-Gier und dabei wirkte sie insgesamt so eigentümlich unlebendig. Und doch gab es einen Moment, in dem Nicole wie zum Leben erwacht schien.
Sie erzählte tief berührt von einem, wie es anfangs schien, lebensbedrohlich wichtigen Erlebnis.
Die Mutter ihrer jüngeren Freundin Sammy hatte sie nur vor hänselnden Kindern auf der Strasse verteidigt und in den Schutz genommen. Mit dieser Haltung gab Sammys Mutter ihr offensichtlich jenen sicheren Schutz, den ihre eigene Mutter vermissen ließ.
Von daher gab es durchaus diesen existentiell lebensbedrohlichen Anteil in Nicole, den ich anfangs in ihrem Erzählduktus nicht deuten konnte.

Alle Puzzleteile zusammengesetzt, ergeben die Annahme, dass es Nicole verwehrt blieb, eine gute, befriedigende und geschützte Beziehung zur Mutter aufzubauen, die es ihr ermöglichte sich selbst gut von ihrer Mutter zu trennen, um eigene ICH bzw. SELBSTgrenzen aufzubauen und damit auch ICH-Stärke.

Die Abtrennung von der Mutter führt zu starken Trennungsreaktionen des Kindes. Z.B. wenn das Kind sich seiner Getrenntheit bewusst wird, dann kommt es zu einem Stimmungsabfall: Traurigkeit! Um diese Gefühle zu bewältigen, braucht es viel ICH-Stärke, die das Kind aber oft noch nicht aufbringen kann.
Um mit der Abwesenheit der Mutter fertig zu werden, entwickeln Kinder nach M. Mahler oft hyperaktives, ruheloses Verhalten als eine frühe Abwehrform.
Ebenso dienen auch erwachsene Ersatzfiguren, symbolische Spiele oder das Erfinden von Spielarten, in denen das Verschwinden und Wiederauftauchen von Dingen für sie begreifbar wird, der Bewältigung!

Wenn es sich vielleicht auch nur um eine Randerscheinung handelt, so tut sich für mich doch ein Zusammenhang zu den frühen Abwehrformen aus. Ich beobachtete, dass Nicole bei Zuständen starker innerer Spannung (zumeist angesichts des Gruppenendes oder eigenen Ausgeschlossenseins) sich "James", unseren Rollclostuhl griff und mit ihm rasend Kreise im Atelier zog. Er war praktisch unser Butler, der alle Farbtuben, Pinsel und Lappen jederzeit bereithielt, um sie mobil an unterschiedliche Orte im Atelier zu fahren.

Leonies Problematik

Nach den Erfahrungen in den Bildprozessen und dem gruppendynamischen Kontext waren für mich bei Leonie besonders ihre starken Polarisierungs- bzw. Spaltungstendenzen in Vordergrund gerückt.Sie schlugen sich in den Begriffspaaren ‚Schön - Hässlich', Richtig - Falsch', Perfekt - Fehlerhaft' nieder. In ihrer Malweise waren diese extremen Unterschiede ebenfalls wahrzunehmen: Mal ergoss sie sich regelrecht in einer abstrakt - expressiven Farbsetzung, während sie ein anderes Mal hoch kontrolliert und akribisch an figural-konkreten Bildelementen arbeitete. Selbst in ihrer Beziehung zu den beiden Freundinnen Marlene und Susanne schien sich diese Polarisierung zu manifestieren. Als würde sie ihre expressive Emotionalität auf Marlene und ihre distanzierte, kontrollierte Art auf Susanne projizieren. Ihr inneres Dilemma bestand aus der Nähe und Distanz. Zwischen beiden schwankte sie stets hin und her, suchte mal die Nähe zur einen, während sie die andere kühl ignorierte und umgekehrt.

Polarisierung

Unüberseh- und unüberhörbar war ihr starker Widerstand gegen die Farbe ROT (= hässlich), die sich als unbewusst drängender Anteil in ihren Bildern immer wieder listig eingeschlichen hatte.
Es fühlte sich für mich an, als müsse sie durch den Widerstand den Kontakt zur eigenen Gefühlswelt abtrennen, abwerten bzw. zerstören. Wenn sich etwas Unkontrolliertes im Bildraum ereignete (s. 33/Fehlerträne im Ganzkörperbild) reagierte sie oft zornig mit

Kontrolle versus
Emotion

schwarzen Übermalungen oder unbewusst mit sich vermischenden Farbgebungen, die ja in ihren Bildern wiederholt "einfach so passieren". (Zit. Leonie) Die Kontrollbestrebungen von Leonie hatten vielleicht auch etwas mit ihren Augen zu tun. Ihre Augen - der schiefe Blick - waren ein sichtbares Handikap, das sie möglicherweise durch ein Mehr an Kontrolle und Perfektion auszugleichen suchte. Es war ein Mangel, der sie stigmatisierte, der sie beschämte und den sie nicht annehmen konnte.

Suche nach Sicherheit

Vermutlich glich die Kontrolle auch eine innere Unsicherheit und emotionale Labilität aus (s. S. 19 ff./fehlendes Schneckenhaus im Vexierbild/Übung in Ton) Im Hinblick auf den Sicherheitsaspekt war mir noch ein anderes Detail aufgefallen. Bei Leonie war nicht die alterstypische, narzisstische Verkleidungslust zu beobachten.
Leonie erschien unauffällig, meist in derselben Jeans, einem ununterscheidbaren T-Shirt. Ihrem ganzen körperlichen Habitus haftete etwas Unerotisches, Neutrales an.
Wenn es ums Umziehen ging, legte sie großen Wert auf ihren Malkittel und ihre eigene Malerjeans.
Als sie einmal später zur Gruppe kam, hatte sich Nicole bereits ihren Malerkittel gegriffen und für einen Bruchteil von Sekunden huschte ein Schatten aus Trauer und Wut über ihr Gesicht.

Doch Leonie sagte nichts. Mir kam es vor, als nehme sie sich und ihre Bedürfnis zurück. Diese kleinen Randbeobachtungen führten zu dem Eindruck, dass es einzig dieselbe, vertraute Kleidung war, die Leonie ‚heimatliche' Sicherheit bot, denn über ein eigenes Zimmer verfügte sie ja nicht.

Leonies biografischer Hintergrund

In den Bildprozessen wirken natürlich all die Symptome, die aus dem biografischen, sprich familiären Milieu hervorgehen. Bei Leonie spielten im Wesentlichen zwei Komponenten die Hauptrolle: - die an Borderline erkrankte Mutter - die langwährende Scheidung der Eltern Kinder, die in einem Borderline-Milieu aufwachsen, so wie Leonie, zeitigen oft in der Folge selbst bestimmte Borderline-Symptome wie Objektbeziehungsspaltung, Spaltung in Gut-Böse, zerstörerische Tendenzen, Angst vor Veränderungen, Trennungs-und Verlustängste.

Borderline - Symptome

Durch diverse stationäre Behandlungsaufenthalte der Mutter wurde Leonie und ihr Bruder früh in verschiedenen Pflegefamilien, bei einer Tante und ihrem Vater untergebracht, was einerseits die enge symbiotische Beziehung zu ihrem Bruder erklärt, andererseits die absolut instabile Beziehung zu ihrer Mutter. Durch den langen Trennungs-/Scheidungsprozess der Eltern verschärfte sich die Situation der Kinder in doppelter Weise, zumal beide nach Angaben der Betreuerin darin stark involviert wurden. Insgesamt müssen die Umstände sich kumulativ traumatisierend auf Leonie und ihren Bruder ausgewirkt haben. Solche traumatischen Umstände wie Trennung, Scheidung der Eltern und emotionale Vernachlässigung in einer frühkindlichen Phase u. a. werden von der psychologischen Fachliteratur u. a. als Verursacher für Borderline-Störungen angesehen. Für Leonie hat sich daraus eine doppelt traumatische Dispositon ergeben - einmal die alltägliche Interaktion mit ihrer an Borderline

Angst vor Alleinsein

erkrankten Mutter, aber auch das eigene frühkindliche Trauma ‚verlassen worden zu sein'. Von daher erklärt sich auch die ungewöhnlich symbiotische Beziehung, die Leonie zu ihrem jüngeren Bruder hat. Sie teilt sich - trotz ihres Alters - mit ihm ein Zimmer und betonte anfangs immer wieder, wie wichtig es für sie sei, mit ihm zusammen bzw. nicht allein zu sein, und dass sie so mit ihm abends noch reden könne. Rückblickend war es also ein mutiger Schritt für Leonie gewesen, dass nur sie ohne ihren Bruder an der Malgruppe teilnahm. Zuhause übernimmt Leonie die Mutterrolle für ihre kranke Mutter und ihren Bruder - sie kauft ein, kocht für den Bruder, geht mit Hund Gassi, denn die Mutter ist nur sporadisch und unberechenbar anwesend ist. Dennoch wird Leonie stark über Ver- und Gebote von der Mutter kontrolliert.

In der Gruppe übernimmt Leonie auch jenen verantwortlichen Part, den sie - laut Marlene - auch zu Hause innehat: In erwachsener Manier rief sie die anderen zur Ordnung und trieb zum Aufräumen an, wusch häufig noch einsam zurückgebliebene Pinsel aus. Andererseits entzieht sie sich diesem co-abhängigen Pflichtfeld, in dem sie wahlweise und sehr oft mehrere Male hintereinander bei ihren Freundinnen übernachtet.

das eigene Zimmer

Zweifelsohne wird durch diese Umstände die Vision eines eigenen Orts/ Zimmers immer häufiger ein Thema in der Gruppe. Hatte Leonie ihr gemeinsames Zimmer mit dem Bruder anfangs noch hartnäckig gegen alle Infragestellungen aus der Gruppe verteidigt ("Oh ,das könnte ich nicht! Wie ziehst du dich denn dann aus?"), entschlüpfte ihr immer häufiger auch ein Genervt - sein über den Bruder. Parallel dazu mehrten sich die Übernachtungen bei ihren Freundinnen. Das Abstellwohnzimmer (s. anfangs als d a s Wohnzimmer von ihr vorgestellt) rückt als mögliches ‚eigenes Zimmer' ins Zentrum ihres Denkens.

der böse Vater

ine langsame Annäherung also, die immer wieder Zeiten aufwies, in denen Leonie alles vollständig rigide ignorierte und - wie in einer zurück schwingenden Bewegung - auch wieder in ihr Polarisierungsmuster fiel. Zu ihrem Vater, ein freischaffender Künstler, hat Leonie gar keinen Kontakt mehr. Sie negierte ihren Vater anfangs vollständig, schien sich zutiefst verletzt und im Stich gelassen von ihrem Vater zu fühlen. (Dass der Vater freischaffender Künstler ist, spielte in der Übertragung eine nicht unwesentliche Rolle, die mir jedoch erst viel später bewusst wurde) Ihr Vater hat kein Interesse an ihnen, den Kindern, sagt Leonie. Infolgedessen hat Leonie ihren Vater auch aus ihrem Leben gestrichen. (Nach Angaben der Betreuerin stellte sich das reale Vater- Verhalten jedoch anders dar. Offenbar hatte er sich stark für das Sorgerecht eingesetzt. Es war die Mutter gewesen, die den Kontakt verhindert hatte)
Leonie scheint die bösen Objektanteile der Mutter auf ihren Vater abgespalten zu haben, worüber sie die Mutter für ihre Trennungen "entschuldet", um sie fortan als gutes Objekt aufrechterhalten und schützen zu können. Mit der Spaltung hat sie sich vermutlich auch vor der existentiellen Verlustangst vor gerettet.


Übertragungsdynamik

Zu Beginn der Gruppe hielt mich Leonie auf Distanz, ignorierte mich und bezog sich vollständig auf Marlene. Ich merkte, wie ich ihre Igoranz adaptierte. Wie gesagt, Leonie wollte ursprünglich nicht zu der "blöden Malgruppe", schon gar nicht ohne ihren Bruder. Selbst in diesem Widerstand schien sich Malen mit dem Vater zu konnotieren und war demzufolge wechselseitig negativ besetzt. Die bösen Objektanteile übertrug sie auf mich (s. Die 6 Spontanen) und ich reagierte auch voll in der Übertragung - allerdings vollständig unbewusst. Da mir zu jenem Zeitpunkt die therapeutische Arbeit in der Übertragung unbekannt war, konnte ich nur mit meinem Gefühl in der jeweiligen Situation arbeiten. Zum Beispiel beim Ganzkörperbild hatte ich vollkommen intuitiv reagiert, mich hinter sie gestellt und sie am Zerstören ihres "Selbst" - Bildes gehindert. Mit dieser haltenden, körperlichen Berührung konnte ich sie emotional beruhigen und stabilisieren. Durch den richtigen Nähe-Abstand zum Bild stellte sich für sie ein anderer Blick auf ihr Bild her, was letztlich dazu führte, dass sie, zwar in Maßen, aber immerhin in einem ersten Schritt auch die dunklen Anteile (s. Schwarze Flügel links und rechts) zulassen konnte.

Andererseits war mir, als würde Leonie durch und über die Malerei in der Gruppe offenbar eine unbewusste Beziehung zu ihrem Vater aufbaute, die langsam zum Vorschein kommen durfte. So nahm sie manch eine Bezugnahme von mir hinsichtlich ihres Vaters an. Zum Beispiel, dass sie den souverän, malerischen Farbumgang wohl von ihm geerbt hätte, oder ob sie sich erinnere, welche Art von Bildern ihr Vater denn male ?. Sie zeigte auf meine Pigmente im Regal. Er male auch mit, solchen Farben ganz große Bilder, wo nur Farben drauf seien. (Zit. Leonie) Durch diese kleinen Erzählsplitter und sinnlichen Eindrücke wurde der Vater von Leonie immer anwesender und sie konnte ihn immer besser präsent werden lassen.

Elemente der Gegenübertragung

Identifizierte
Gegenprojektion

Das polarisierende "einerseits - andererseits" von Leonie treibt auch in mir sein Spiel. Ich fühle mich abgelehnt durch die anfänglich kühle Distanziertheit von Leonie, baue andererseits einen leichten Widerstand auf. Je mehr ich mich abgelehnt fühle, desto mehr kapsele ich mich ab und gehe auf Distanz; andererseits spüre ich in mir ein ehrgeiziges Verlangen diese Coolness aufzubrechen, um Nähe herzustellen. Eine alte Wunschprojektion meinerseits. Sie knüpft an ein Gefühl aus meiner Kindheit an, in der meine Mutter für mich weit weg, eben emotional nicht anwesend war. Der Wunsch nach emotionaler Nähe trieb eigensinnige Blüten. Später wollte ich alles tun, um die ablehnende Ignoranz meiner Eltern zu durchbrechen, wollte mit viel Leistung, die Ablehnung in Anerkennung umwandeln. Hinzu kam die Verantwortlichkeit für meine Geschwister. Das verbindet sich für mich spiegelnd mit der mütterlichen Verantwortlichkeit, die Leonie an den Tag legt. Mir stellt sich die Frage, ob sie je die verspielte Unbedarftheit des Kindseins erfahren hat? Ich spürte den Wunsch, Leonie die emotionale mütterliche Nähe zu geben, die auch mir versagt blieb und die Voraussetzung für eine sich entfaltende kindliche Phantasie im Spiel ist - weil ja jemand anderes einem die Sicherheit dazu gibt!

Überlegungen zur SELBSTwerdung

Allen ausführlichen, differentialdiagnostischen Ansätzen zum Trotz, schälte sich für mich am Ende der ersten Phase für den weiteren kunsttherapeutischen Verlauf etwas sehr Einfaches und Klares heraus: Im Grunde ging es um das "hinreichend gute Selbst" (s. Winnicott), in dem bestenfalls wahre und falsche Selbstanteile integriert und eben nicht abgespalten sind.

Bei beiden, Nicole und Leonie, hatten vermutlich gravierende emotionale Störungen, Trennungen von der Mutter in der frühkindlichen Entwicklung teilweise zu Traumatisierungen geführt und verhindert, dass sich eben dieser integrierende Aufbau der Selbstobjekte vollziehen konnte.
Es ging also erst einmal ganz allgemein darum, bei beiden das ICH bzw. Selbst zu stärken.

Das Selbst während der Adoleszenz

Aber das Selbst ist keine Fertigprodukt, das mit der Kindheit abgeschlossen ist, sondern ein langwieriger Prozess, der gerade in der Adoleszenz durch vielfältige Umbaumaßnahmen gekennzeichnet ist.

" Dieser Übergangszustand (Adoleszenz) verlangt es, so viel Ungewissheit und Konflikthaftigkeit auszuhalten und so viel Lernfähigkeit und Anpassungsvermögen zu erbringen, wie wohl in keinem anderen Stadium der menschlichen Entwicklung. Daher ist diese Lebensphase einerseits ganz besonders für das Auftreten aller möglichen Auffälligkeiten prädestiniert, einschließlich derer, die in die Zuständigkeit der Psychiatrie fallen. Ängste, Zwänge, Essstörungen und Psychosen nehmen hier ihren Ausgang. Die Folgen kindlicher Traumata, wie sie durch Misshandlung, Vernachlässigung und Ausnutzung ausgelöst werden, werden häufig im Jugendlichenalter manifest, ebenso die Folgen unglücklicher physiologischer Ausstattungsmerkmale. Andererseits steht diese Entwicklungsphase des Übergangs wie wohl keine andere unter dem Einfluss vielfältiger Veränderungen, weiterführender Entwicklungen und anderer unvorhergesehener Entfaltungen.!" (Kurt Ludewig s.S 178)

Mit anderen Worten, da gerade in der Phase der Adoleszenz frühkindliche Konflikte, Bindungsstörungen und Traumatisierungen oft in verkleideter Form wieder auftauchen, scheinen die Chancen während dieser Phase erhöht, dass alte Erfahrungen durch neue positiv "kompostiert" werden.

das Selbst

Ich möchte hier noch mal kurz theoretisch auf den Begriff des Selbst bzw. ICH eingehen. Fasst man die letzten Erkenntnisse der Hirnforschung (A. Damasio), der Säuglingsforschung ( Daniel Stern) und moderner Identitätstheorien ( Höfer) zusammen, so modelliert sich heraus, dass der heranwachsende Mensch es mit den folgenden Elementen seiner Psyche zu tun hat:

  • mit dem Körper-Selbst bzw. dem adaptiven Unbewussten Hier wird die früheste Geschichte der Interaktionen zwischen Mutter und Kind gespeichert. Daniel Stern (1985,1992) geht davon aus, dass am Anfang kleinste Interaktionseinheiten, die episodic memories, stehen. Diese winzigen Einheiten werden im emotionalen Erfahrungsgedächtnis zu größeren Einheiten gebündelt, den sogenannten RIGs (representations of interactions generalized) Sie sind unbewusst und vorsprachlich d.h. auf der Körperebene bzw. als Emotion gespeichert. Weil das emotionale Erfahrungsgedächtnis die wichtigsten Erinnerungen mit einer Bewertung - einem sogenannten somatischen Marker - versieht, haben die RIGs später großen Einfluss auf unsere Motivlagen, Beziehungen, Entscheidungen und Handlungsweisen. Neben dem so strukturierten Körperselbst entwickelt sich parallel
  • das ICH od. Bewusstsein, in dem Informationen der Außenwelt verarbeitet und so die bewussten me's erzeugt werden. James (1892) hat sehr früh die Begrifflichkeit von ‚I and me' geprägt, um zwischen dem ICH als erkennendem Subjekt und dem Ich als erkanntem Objekt i. S. eines "I think about me" zu unterscheiden. Durch die Interaktionen mit der Außenwelt entwickelt das ICH Mini-Theorien über sich selbst, eben die me's. Höfer (2000) spricht davon, dass in jeder Situation eine Information von 5 verschiedenen Erfahrungsmodi verarbeitet wird:
  • körperlich, kognitiv, emotional, sozial, produktorientiert Aus dieser Verarbeitung entstehen dann diese kleinen situativ angelegten Gedächtniseinheiten, eben die me's bzw. Selbstrepräsentationen, wie die kognitive Psychologie sie bezeichnet. Andere Forschergruppen sprechen von Teilselbsten, Selbstkonstrukten oder einfach nur Selbsten.
I und me

Das Kind bzw. der Jugendliche macht also z. B. mit anderen Personen jeweils unterschiedliche Erfahrungen. So kann er/sie z.B. für ein und dieselbe Handlung bei der Oma als "Engelchen" und bei den Eltern als "Teufelchen" angesehen werden. Die me's können aus unterschiedlichsten Inhalten bestehen:

  • Erfahrungsbereiche/ Tätigkeiten
    (Ich als Radfahrer/in, Ich als Computerspieler/in)
  • Gruppenzugehörigkeit
    (Ich als ‚Tokyo Hotel'-Fan, ich als Hundeliebhaberin, ich als Single)
  • Soziale Beziehungen
    (Ich als Tochter, ich als Freundin meiner Mutter)
  • Persönliche Attribute
    (Ich, die Romantische, die Gutaussehende, die Übergewichtige)

Zudem werden me's auf der Zeitachse angeordnet, d. h. sie haben einen retrospektiven, aber auch prospektiven Aspekt.

So kann es sein, dass bewusst erworbene me's an bereits vorhandene, unbewusste RIGs ankoppeln oder bewusst vorhandene me's ins Unbewusste verdrängt werden.

Interessant ist, dass bereits C.G. Jungs modulare Konzeption der Psyche* vieles von dem vorwegnimmt, auf dem aktuelle Identitätstheorien aufbauen.
Jung unterteilt das psychische System in die persona und den Schatten. Die persona wird in Auseinandersetzung mit der Umwelt geformt und hat zum Ziel, den Anforderungen des Kontextes, in dem man lebt, zu entsprechen.
Zur persona gehören also die me's, die absichtsvoll in der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Jung siedelt den Beginn der persona in der Adoleszenz an. Wenn Erikson als Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz den Aufbau einer Identität nennt, so entspricht diese der Jungschen Idee vom Aufbau einer persona.

Konsequenzen für den weiteren Verlauf

Wichtig an diesem Modell zur Selbst-Entwicklung scheint mir insbesondere der Aspekt zu sein, dass sich gerade in der Adoleszenz ein Möglichkeitsfeld eröffnet, in dem neue me's erzeugt d.h. neue Selbste "kompostiert" werden, die auch frühe, unbewusste RIGs quasi überschreiben können.

* C.G. Jung hat in seiner analytischen Psychologie die Psyche modular als aus Komplexen bestehend konzipiert.Die Komplexe als Basisbausteine bestehen aus unbewussten, vorbewussten und bewussten Anteilen. Jung sieht die Pole "unbewusst" und "bewusst" nicht als binäre Kategorien, sondern als zwei Endpunkte eines Kontinuums, auf dem sich auch die einzelnen Elemente von Komplexen ansiedeln können.


Konsequenzen für den weiteren Verlauf

Um aber neue me's zu erzeugen, bedarf es Situationen und Beziehungen, die das Selbstwertgefühl stärken, brauchen Jugendliche einen Bedingungsrahmen, in dem sie ihre eigenen Ressourcen spüren und erkennen können; darüber hinaus aber auch lernen, mit dosierten Kränkungen/Verletzungen umzugehen und Defizite zu bewältigen.

Die Chance, dass diese Gruppensituation für Nicole und Leonie den Bedingungsrahmen schuf, in dem eine Art psychosoziale und emotionale Nachnährung i.S. neuer Selbste stattfinden konnte, war groß und bestand aus einem Bündel verschiedener Faktoren: Dem Ort, das Atelier, der verlässliche Zeitrahmen, die feste Gruppe sowie ich als verlässliches Objekt mit positivem Interesse an den Mädchen.

Und dennoch war meine innere Haltung dem Projekt als meinem Experimentierfeld gegenüber eine gewesen, bei der mehr das kunsttherapeutische Konzeptinteresse/Agieren auf der Bühne gestanden hatte, denn meine Empathie den Mädchen gegenüber. Bisher hatte immer wieder die Gefahr bestanden, meine Vorstellungen und Deutungslinien den Mädchen aufzuoktroyieren statt mich ihnen von innen her zu nähern, mich an ihrem Erleben zu orientieren und von hier aus die psychodynamischen Verknüpfungen zu erarbeiten.

Emotionale
Aufmerksamkeit

Ich hatte mich wie eine Mutter (Nicoles Mutter!) verhalten, die zwar für Essen und Getränke, einen Raum, Farben und Programm sorgt, aber das Wesentliche missen lässt : emotionale Aufmerksamkeit! Andererseits hatte es in der 1. Phase immer wieder unerwartete Situationen gegeben (Leonies Ganzkörperbild, Nicoles Diebstahl, Geburtstagswunschbild für Nicole etc.), die mich berührt und in denen ich spontan die Gefühlsdurchbrüche der Mädchen getragen oder gehalten hatte. Es waren Augenblicke eines intensiven Gefühls von Zusammengehörigkeit und einer gemeinsamen Bedeutung.

Beziehung

Darin war Beziehung aufgeflackert und gefühlt. Es waren genau jene lebendigen Momente gewesen, in denen - jenseits von kunsttherapeutischen Aufgabenstellungen - winzige Irritationen an etwas tief verborgen Lebendigem arbeiteten. Bion drückt dies klar aus, wenn er feststellt, dass eine emotionale Erfahrung nicht isoliert werden kann von einer Beziehung. "Umgekehrt ist eine Beziehung nicht ohne eine emotionale Erfahrung möglich." Und die erste menschliche Beziehung, in der erste emotionale Erfahrungen gemacht werden, ist die Beziehung zur Mutter.